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Neue jüdische Presse · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Sette 10. Wenn Sie, geehrter Herr Redakteur, nun von mir glauben, daß ich, ein alter Arzt, mich „nicht nur gut auf dje Diagnose, sondern auch auf das Heilmittel verstände," so kann ich Ihnen meine Medizin, die Sie im „offenen Nationalismus" erblicken, auch gleich hier nennen: nicht Trennung von Nationalismus und Religion oder Tradition, sondern die Verschmelzung beider. Je inniger, desto besser für beide, desto zukunftssicherer für die Judenheit und den Zionismus.*) Charlotte »bürg im Januar 1911. *_ Dr. Arthur Kah n. *) Wir .konstatieren gern, daß Herr Dr. Kahn nicht, wie unser Berichterstatter aus seinen Worten, zu entnehmen glaubte, Antizionist ist. Nach seinen vorstehenden Ausführungen hielten wir es Lber für Herrn Dr. Kahn's Pflicht, sich der zion. Bewegung anzuschließen, denn die Verschmelzung von Nationalismus und Religion erstrebt mit uns eine stattliche Anzahl Zionisten, denen der Anschluß einer Persönlichkeit wie der Dr. Kahn's nur förderlich sein kann. D. Redakt. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie, daß ich ein paar Bemerkungen mache zum Briefe des Herrn Justizrat Max Fuchs und Ihrer Erwiderung auf denselben in der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift. Der Herr Justizrat hat vollkommen recht mit seiner Bemerkung bezüglich der Entstehungsgeschichte der Anglo - Jewish Association. Diese ist wirklich während des preußisch-französischen Kriegs entstanden, um das Werk der Alliance Jsraölite Universelle aufrecht zu erhalten. Die Herrlichkeit Frankreichs war verschwunden, Deutschland war nicht das Land, das den Willen gehabt hätte, sich der unterdrückten Juden in Asien und sin Afrika anzunehmen, wie es Frankreich unzählige Male auf Veranlassung der A. I. U. getan hatte. Die englischen Juden sahen sich daher damals genötigt, eine ähnliche Körperschaft ins Leben zu rufen, die das politische Werk der Alliance ütt Dften verrichten soll, falls.oder solange es der Alliance in Paris unmöglich fein sollte. Einen andren Beweggrund für die Gründung einer neuen Organisation konnte es hamals, zu einer Zeit Äs die Alliance noch gut jüdisch und die Organisationskonkurrenz noch .unbekannt war, nicht gegeben haben. Sofern hat der Herr Justizrat recht. Es bürftc aber den Herrn Justizrat vielleicht interessieren, zu erfaßen, wie mau jetzt in den Kreisen der Anglo - Jewish Association iibcr die erzieherische und jüdische Tätigkeit der Alliance deickt. Gestatten Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, daß ich zu diesem Zwecke einige Sätze aus einer uÄängst gehaltenen Rede zitiere: „I ckeplore tlie lack of English teachers in Eastern Schools from a special reason. I believe that such teachers, if they were, as I venture to hope that many of our English teachers are, truly religious men and women, and endowed with an adequate knowledge of rdigion and Hebrew, would gradually exercise an influence in the Schools outside the province of English. The Alliance still, i believe — they will correct me if I am wrong — ding to the System by which the teachers whom they train in Paris usually devote themselves to secular subjects, while the teaching of religion and Hebrew is usually left in the hands of persons who have not gone through any training in pedagogv, and who receive smaller salaries than their colleagues. I cannot think that this. System can conduce to the religious advantage of the scholars. Will the subject which is not taught by trained teachers be so interesting to, and honoured by, the pupils as those which are? I fear not. But the religious teaching of the Jews in the East is no less important, and perhaps can no more properly be left to take ot itself etc.“ Also sprach Claude S. Montefiore, der Präsident der Anglo-Jewish Affociation, aus der Jahresversammlung derselben, die am Sonntag, den 11. Dezember 1910, abgehalten wurde. Dr. I. M. Salkind, London. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Der in London verstorbene L o r d S wä i t h lin g gehörte dem Verwaltungsrate des hier seinen Sitz habenden „Vereins Lemaan Zion" seit dessen Gründung an. Frankfurt a. SB. Jacob S. Posen ist in das Kuratorium des Rabbiner-Seminarsin Berlin gewählt worden. Frankfurt a. M. tim I. Dwes verschied hier ein hochachtbarer Mann, der „nehene mijgia kappow" in wahrem Sinn des Wortü war: Herr Adolf Jmmergut. — Derselbe — obgleich selbst nicht mit. Glücksgütern gesegnet — unterstützte auch andere nach besten Kräften und erzog ferne Kinder — 4 Töchter und 3 Söhne — nach seinen strengen Grundsätzen. — Möge der Allzeitige dessen Witwe ßikankftu^ ArüÄktiMs Famllienk>laÜ. und Kinder trösten und uns fernerhin vor Verlusten bewahren.. P. Berlin. Louis Sachs, Vorsitzender der Repräsentanten der jüd. Gemeinde, und Justizrat Dr. F r i e d e m a n n begingen ihr 25 jähriges Inbilänm als Stadtverordnete. Berlin. D>. Paul Wilh. Magnus, außerordentlicher Professor der.Botanik, erhielt den Charakter als Geh. Regierungsrat. — Im Hose des Hauses Spandanerstr. 68 befindet sich eine große Steinplatte mit der Inschrift: „In diesem Hause lebte und ivirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn, geb. in Dessau 1729, gest. in Berlin 1780". Die Stadt will jetzt eine kleinere Tafel mit der gleichen Inschrift am Vorderhause aubringen lassen. Berlin. Aus der Adolf Ginsburg - Stiftung ist an den Studierenden der hiesigen Hochschule für die bildende Künste. Maler Hans Bruch aus Breslau, ein Stipendium von 2100 JL verliehen worden. Berlin Die b’efer Tage zur Versteigerung gelangende Bibliothek Josef Kainz' s zeugt für die Stellung des großen Tragöden zur jüdischen Literatur. Die Bibliothek enthält u. a. die große Ausgabe der Geschichte der Juden von Grätz, die Geschichte der jüdischen Literatur von Karpeles, die Uebersctzung des babylonischen Talmuds von L. Goldschmidi. Die Bücher sind nicht etwa Widmungsexemplare, Kainz hat sic vielmehr gekauft und — eifrig studiert. Berlin. Aus einer amtlichen Liste der in Brrlin aus dem Judentum Ausgetretenen ist ersichtlich, daß im Dezember nicht weniger als 20 Personen aus der jüdischen Religionsgemeinschaft und zwei aus der Gemeinde ansgetreten sind. Fulda. Stadtverordneter Nathan Eschwege und Frau Fanny geb. Werthcim' feiern am 23. Januar die goldene Hochzeit. Hamburg. Das iftaer Alten haus, iu dem über 40 alte Leute wohnen, feierte dieser Tage sein 25 jähriges Bestehen. AuS dem Rodgau. Im Rodgau selbst haben niemals viele Juden gewohnt, doch sind ihre Ansiedelungen von altrrsher schon nachgewiescn. Die Juden treiben noch recht fleißig Ackerbau und Viehzucht, ernähren sich and) vielfach von Viehhandel und Hausierhandel und sonstigen Wirtschaftsgewcrben. Friedlich leben die versckiicdencn Konfessionen nebeneinander. Vom Antisemitismus ist man nur wenig berührt. In Weiskirchcn ist am 1. Januar Karl Meyer II. in den Gemeinderat eingetreten. Die allgemeine Beliebtheit dieses jungen Mannes ließ cs zu, daß sogar Zentrumsleute ihm die Stimme gaben. Die altrenommierte jüdische Wirtsckiast zum „Darmst. Hof" ist zugleick) Sitz mehrerer Ortsvercine. Königsberg 1. Pr. Hier starb im Alter von fast 71 Jahren Dr. phil. Ignaz H e r c z. Mit ihm ist einer der immer seltener werdende» Vertreter jenes interessanten Typus von gelehrten jüdisd)cn Kauflcuten aus dem Leben geschieden. Einbeck. Am 9. Janim' verschied in Göttingen Otto Jordan, der langjährige Vorsteher unserer Gemeinde. Breslau Geh. Justizrat Dr Wilhelm Freund, Vorsitzender'der Anwaltskammcr, wurde zum 25. Male zum Stadtverordneten Vorsteher gewählt. Stutigart. In L a u p h c i m wurde Direktor Julius Hirsch iu den B ü r g e r a u s s ch n ß, dem er schon bisher als Obmann.angchörtc, wicdcrgewählt und in Tübingen Rechtsanwalt Dr. Hayn m zuni Obmann des Bürgerauss ch u s s e s gewählt. (L.) Posen. Justizrat Placzek wurde wiederum zum Stadtverordneten vor st eher gewählt. Die Wahl des Stadtrats E l k e l e s wurde von der Regierung bestätigt. Im 60. Lebensjahre verschied das verdiente Mitglied der hiesigen jüd. Gemeinde Benno Brandt. — Das jüd. Waisenhaus in H o h e n s a l z a erhielt aus dem Nachlaß des Kaufmanns Nathan Gold st ein - Breslau 2500 JL Basel. Nach der jüngsten Volkszählung wohnen in Basel 2397 Juden gegen 1906 Juden vor zehn Jahren. — In Zürich hat sich, die Zahl der Juden während dieses Zeitraumes von 2753 auf.5191 vermehrt. Der Gedanken einer Vereinigung der jüdischen Studenten der Schweiz, der von der jüd. Verbindung Cheruth - Genf, deren Ehrenpräsident Dr. Pasmanik - Genf ist, angeregt wurde, scheint der Verwirklick)ung nahe. Dresden. 1909 traten in Sachsen 24 Juden zur e v a n g. - l u t h. Landeskirche über. Budapests Frau Prot. Jovanna Friedmann geb. Goldmark, die Schwester des berühmten Komponisten Karl Goldmark, ist — 85 Jahre alt — g e st o r b e n. Ihr Mann hat die ungarjüd. Liturgie geschaffen. Z i o n i. Przemysl (Galizien). Ein Alter von l(-9 Jahren hat die dieser Tage verstorbene Frau Rebccka Felsen erreicht. Nr. 3. Aus der Lehrerwett. Berlin. In Schöneberg wurde Rabbiner Arthnr Levy in sein Amt eingeführt. Berlin. Zum Ravb.ner der Prrvatgemeinde gemeinde A h a w a s A d) i m wurde Rabbiner Jakob Sänger, bisher Religionslehrer der hiesigen jüdisd)cn Gemeinde, gewählt. Nürnberg. Hier land die Generalversammlung der Pcnsions- und Rcliktcnkassc b a y c r i s ch e r Rabbiner statt. Dieser von> Staate subventionierte Verein hat in den 13 Jahren seines Bestehens 35 000 JL ait Pensionen verausgabt. Bafel. Der „Verein zur Förderung des geietzcs-. treuen Judentums in der Schweiz" beabsichtigt, wenn er genügende Unterstützung in den beteiligten Kreisen findet, einen Wanderlehrer anzustellen, der in denjenigen Orten, in denen nur vereinzelte Juden wohnen, Religionsunterricht erteilen soll. Köln a. Rh. Unter zahlreichen Ehrungen feierte Hauptlehrer a. D. Abraham Her in a n n s seinen 90. Geburtstag. Budapest. Uetnr den Umfang des Unterricht s w c s c n s der hiesigen i s r a c l. Kultusgemeindc geben folgende Zahlen Aufschluß: .174 Lehrkräfte unterrichten 13 985 Elementar-, 5576 Bürgersd)ul-, 4896 Mittelschul- und 1740 Handelsschulzöglinge in jüd. Religion. Rechnet man noch die Hochschule» rc. hinzu, so erreicht die Gesamtzahl der Unterrichteten 28 246.. Zioni. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der erste Teil der am Mittwoch, den 4. Januar, stattgefundencn Versammlung der „I w r i a If galt dem Andenken' S. P. Rabbinowitz. Saly Geis sprad; über die „Wirkung und Bedeutung S. P. Rabbinowitz." Er schilderte den Entwicklungsgang des großen Gelehrten, seine Wirkung als Chvwcw-Zion und Vorkämpfer des nationalen Gedankens und seine Bedeutung, die er durch die Weckung des historischen Sinnes hei der russischen Judenheit gewonnen habe. S. H. Gold in a n n behandelte hebräisck) „S. P. Rabbinowitz als Mcnsckien und Gelehrten." Er gab ein knappes, aber anschauliches Bild seiner Persönlichkeit und kennzeichnete sodann treffend seine Eigenart als Gelehrter (mehr Fremdes aüsbauend als Originelles sd)affend) und Volksführcr (mehr für die Gesamtheit als für Einzelne wirkend). Hierauf hielt Nahum Gold mann einen gedankenreichen Vortrag über den „Mangel eines Dramas in der hebräischen Literatur". Er wies vorerst aus der Geschichte der Entstehung des Dramas als Mittel zur Versinnbildlichung der religiös - abstrakten Ideen und ans der hohen Fähigkeit des jüdisd)en Volkes zum abstrakten Denken nad), daß die Juden kein Bedürfnis nach einem Drama gehabt haben. Sodann behandelte er eingehend die rassenpsychvlogischen und geistigen Eigenschaften der Juden, die sie von her Schaffung eines Dramas abgehalten hätten: ihren subjektiven Charakter, der eher zur Lyrik als zum objektiven Drama hinneigt; ihren steten Sinn für die G e s a m t h e i t, der ihnen den Blick für die Darstellung der Leiden des Einzelnen — eben .durch das Drama — Nimmt; ihre Anschauung von der Natur als etwas Unvollkommenem und Unheiligem und stetes Trachten nach dem Idealen, dem Seinfollenden, wodurck) die Schaffung eines Dramas der Leidenschaften verhindert ivurde; er beleuchtete sodann ihre Auffassung von der Einheit der Zeit, und der Einheit alles Geschehens, die dem Tun und Leiden des Einzelnen während einer kurzen Zeitspanne alle selbständige Bedeutung und allen absoluten Wert nahm, und behandelte endlich die gesamte Auffassung des Judentums von der Welt als der denkbar besten, von der göttlichen Weltlenkung als einer absolut gered)ten, eine Weltanschauung, die die selbständige Mad)t des Schicksals, der griechischen Moira, nicht kennt und darum die Vorstellung vom ungeredzten Leiden der Menschen — die Grundvorstellung aller dramatischen Schöpfung — verwirft und so eben sd)on allein die Schaffung eines Dramas verhindert hätte. Die Diskussion über den Vortrag fand in der eine Woche später stattgefundenen Versammlung statt. Fritz Weinberg brachte mehrere theoretische Einwände vor, Fritz Selka sprad) über das jüdische Drama der Zukunft, und Saly Geis führte aus, daß der Mangel eines'Dramas in der hebräischen Literatur durd)aus keinen Mangel der gesamten jüdischen. Kultur .als solcher darstellt. N. Goldman» widerlegte die vorgebrad>ten Einwände und schloß daran anläßlich des Jubiläums Möndeles mocher sforim ein Referat über diesen genialen Schriftsteller Er schilderte seine in dxr jüdischen Goluthgeschichte so seltene Erscheinung als K ü n st l e r und zeigte seine Eigenart und Bedeutung für die moderne. hebräische Literatur. .... ' ' Frankfurt a. M Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgten die Zuhörer dem Vortrage über „Die modernen jüd. Bestrebungen zur

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