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Neue jüdische Presse · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IgitftflB M ilt. S des Itanfcfnufec Ijmetitifdien FamikmölkM. Chaim Bialik und die hebräische Poesie. Von M. W. Jabot ins ky. Deutsch oon Cl. A. Mayer- Frankfurt. (Schluß,. Tie letzten Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren für das russische Ghetto eine Periode großer moralischer Krisen. Damals begann die seit 1880 erwachte nationale Idee die intellektuelle Jugend und die Masse des Volkes zu durchdringen. Es ist die Periode, in der Lic ersten zionistischen Kongresse unter ihnen allgenlcinen Enthusiasmus hcrvorriesen, in der anderseits ein Teil der jüdischen Arbeiter sich unter der Fahne des „Bund" zusammeuschlossen, der großen sozial-nationalen Vereinigung, die in den Ereignissen der russischen Revolution eine bedeutende Rolle gespielt hat. Tic neue Generation zieht sich ganz neue Richtungslinien, mit Verachtung weist sie die Politik der Fügsamkeit und Unterwürfigkeit, die bisher von den russischen Juden geübt wurde, zurück. Sie will — nach dem Ausspruch Nordaus — sich selbst ihre Geschichte schaffen mrd ihrem Geschick den nationalen Stempel aufprägen. In diesem Kampfe gegen das alte System ist cs die Stiinme Bialiks, die vor allen und über alle hinäusklingt. „Achen chazir ha'am — Mein Volk ist geworden wie das Gras in der Wüste," klagt er im Jahre 1897, „wie das dürre Gras, wie der gestorbene Baunr. Wenn Gottes Stiinme mit ihrem Donner den Weltraum erfüllt, wird sich dies Volk nicht rühren. Es erhebt sich nicht mehr gleich dem Löwen, es fliegr nicht mehr gleich einem Adler. Es vermag keinen Menschen mehr hervorzubringen, dessen Seele, im Feuer des Ideals brennend, seiner Nation den Weg erhellt, einen Mann, der sein Volk liebt und das Leben der Verachtung und Sklaverei haßt. 20 Jahrhunderte eines Lebens ohne Obdach und ohne, Ziele haben das Herz dieses Volkes entmannt; unter Peitschenhieben erwachsen, lvie sollte es fühlend sein gegen ein anderes Weh als das physische?" Und er ivill freie Entfaltung der geistigen Kräfte für die Jugend. Wer denkt nicht unwillkürlich an Spinoza beim Lesen der folgenden, im hebräischen -Original wundervoll poetischen Worte: „Wenn ihr einen jungen Adler unter .euent Kindern findet, einen Adler, der seine Schwingen entfaltet, werdet ihr ihn für immer aus dem Nest stoßen. Und lvenn er sich, gierig nach Sonne und Schönheit, zum Himmel erhebt, um sichdurch Wolken den Weg zu bahnen zu den Strahlen des göttlichen Lichts, dann wird nicht auf euch dieser Strahl fallen. Weit, weit von euch, auf den Bergen andrer wird der Hymnus eures Adlers erklingen, und kaum das..Echo seiner Stimme >vird bis zu euch hindringen. So werden eure Besten von euch gehen, und ihr werdet allein bleiben, ohne Kinder in dem düstern Hause." Aber der Poet will nicht nur schelten. In einem .Gedicht voll majestätischer Schönheit, vielleicht seinem besten von künstlerischem Standpunkt aus, sagt er seinem Volk, wie es leben müsse, um der Väter würdig zu sein. Das Gedicht heißt: „Die Toten der Wüste" und ist hergeleitet von einer talmudischen Sage. Fern im glühenden Sande der Wüste schlafen die Rebellen, die sich vor Tausenden von .Jahren auflehnten gegen..Gott, der die ganze aus Aegypten ausgczogene Nation verdammt hatte, vor dem Eintritt ins gelobte Land zu sterben; sie aber wollten sich allen Mächten zum Trotz den Weg erzwingen und fielen von der Hand des kananitischen Feindes. Um diesen Aufbau hat Bialik einen grandiosen, blendenden Traum gesponnen. Dies Gedicht, das die Tugenden der Vorfahren anruft, uni die Epigonen erröten zu lassen, erschien im Jahre 1902. Ein Jahr später brach der schreckliche Pogrom von Kischineff aus. Dies Datum wurde für die Geschichte des Judentums eine Scheidegrenze, die zwei Geistesrichtungen trennte. Tic Belvegung der Regeneration hat zwar schon oor Kischineff begonnen; aber es waren immer nur einzelne, die im Namen des Zionismus oder des Sozialismus kämpften; die große Masse verharrte in der Geistcsträgheit und Ergebung, die sich vor jeder Erniedrigung duckt. Und in dieser großen Prüfung, die die Geschichte über die Söhne des wiedergcborenen Ghetto verhängte, zeigten sie sich unfähig zum männlichen Widerstand; sie hatten weder deir Mut, sich zu verteidigen, noch die Würde, mit gekreuzten Armen auf der Schwelle ihrer Hütte den Tod zu erwarten. Sic flohen, sie versteckten sich, und neben der Unzahl hingcmordcrter Juden erwähnt die Statistik nicht einen Verwundeten auf Seiten der Russen. Eilt seltsames, unerklärliches, eigenartig vcrlvirrendes Gefühl bemächtigte sich bei der Nachricht dieses Ereignisses aller jüdischen Herzen im Ungeheuern Rußland. Es lvar nicht das Gefühl eines einfächelt Schmerzes; cs war da in der Tiefe etwas anderes, das brannte und wühlte, das sogar den Schmerz vergessen ließ und das nlan mcht definieren konnte. Da schleuderte Bialik seinen vernichteten Brüdern das Gedicht: ,„Tie Mörderstadt" ins Gesicht und lehrte sie, was das andere Gefühl sei, für das sie keinen Namen fanden: es lvar die Scham. Mehr als ein Tag der Trauer war es ein Tag der Schande; das ist die Grundidee dieses Peitschenschlags in hebräischen Versen. „Steig' hinab in die dunklen Keller," — sagt der Herr, den er in diesem Gedicht sprechen läßt, „steig' hinab zu den Orten, lvo die reinen A/ädchen deines Volkes geschändet werden, die Tochter vor den Augen der Mutter, ehe man sie mordet. Und siehe, sieh': Tort in der Dunkelheit dieses Winkels, in jener großen Kiste, hinter diesem Fasse verbergen sich ihre Gatten, ihre Verlobten, ihre Brüder und sehen durch einen Spalt die reinen Körper sich winden in den Armen dieser nninenschlichen Bestien. Und sie verharren in ihrer Schande, sie sehen und rühren sich nicht, sie stechen sich nicht die Augen aus und werden nicht wahnsinnig; und vielleicht flehen sic noch in ihrem Herzen: „Herr, tu ein Wunder, errette mich!" Es ist Gott .selbst, den der Dichter sprechen läßt, der große Gott des auserwähttcn Volkes, aber nun entehrt, gedemütigt, verraten durch die Schmach seiner Kinder. Er fühlt sich ebenso arm und ohnmächtig wie sie selbst. „Sagt, wie kann ich euer Martyrium lohnen? Vergebt niir, ihr Traurigen, euer Gott ist arm wie ihr. Und wenn ihr zu mir kommt,- euern Sohn zu fordern, dann tretet ein, sehet her — ich habe meine Macht verloren, ich bin im Elend." Und was tut der einstige Gott der Vergeltung nun? Ta er nichts hat, um die . zu belohnen, die für ihn starben, — wird er nicht gegen ihre Henker wüten? „Er verhüllt sein Haupt in den Wolken und schlvcigt in Schmerz und Scham. Ich aber steige iin Dunkel der Nächte zu den Gräbern hinab, ich betrachte die Opfer und leide im geheimen alle ihre Schmach. Aber ich schwöre, daß niemals eine Träne aus meinem Auge fallen wird. Tenn groß ist der Schmerz, groß ist die Schmach, und welches von beiden ist größer? Sage es mir, o Sohn des Menschen. Oder besser noch — schweige, sprich kein Wort — —" Aber Gott ruft seinen Dichter und vertraut ihm als die edelste Perle seines Schatz^ eine schwere, nie versiegende Träne der Bitterkeit an. „Hüte sie lvohl," spricht er zu ihm, „baue um sie in deinem Herzen eine Mauer höllischen Zornes, daß sie darin wachsen möge wie die Schlange in ihrem Nest. Dort soll sie wachsen, vor Durst verschmachtend, dort soll ihr grausiges Gift reifen und stark werden, und am Tage des Zornes sollst du sie mitten unter Dein Volk schlendern, das du liebst und verachtest zu gleicher Zeit." Dies — in einer gleich fernem Echo schwachen und ungenauen Wiedergabe ist es, das die Söhne des Ghetto in der „Mörderstadt" lasen. Und die feurigen Worte wurden von ihnen verstanden. Selten hat eia literarisches Werk auf seine Zeitgenossen eine ähnliche Wirkung ausgeübt, selten ist ein Dichter so der Lehrmeister seines Volkes geworden. Bialik fand das rechte Wort, und das Wort tat Wunder. Das historische Datum von Kischineff hat eine zweifache Bedeutung: zu gleicher Zeit der Ausdruck und die Verkörperung alles dessen, was iiu einstigen Geistesleben des Ghetto duldend und unterwürfig lvar, und der Ausgangspunkt einer neuen Zeit. 1901 und 1905 brachen iin heiligen Rußland die Metzeleien in zehnfacher, hundertfacher Verstärkung los. Damals zeigte sich die Wirkung der Tichterworte. Die Juden starben wie Helden, ihre erbärmlichen Waffen in der Hand, einer gegen fünfzig, zehn gegen tausend. Tie zweite Priifung, grausamer und. schrecklicher noch als die erste, hat gezeigt, daß die jüdische Seele ihre Reife erlangt hatte. Gewiß ist dies nicht allein das Verdienst eines einzigen Mannes; aber die Weltgeschichte bringt zuweilen Menschen hervor, deren Händen sie ihren Sanien anvertraut. Bialik ist einer von ihnen. Geschätzter Herr Redakteur! Sie stellten in Ihrem Bericht über meinen Vortrag die Behauptung auf, ich sei Antizionist. Diese Fassung ist falsch, völlig falsch. Denn, indem ich mich dem Zionismus nicht mit Haut und Haare verschreibe, bin ich doch noch lange kein Antizionist. Wenngleich dies im zionistschen Lager, soweit man von meiner bescheidenen Person dort überhaupt Notiz nimmt, längst bekannt ist, möchte ich dies dennoch hier nochmals betonen. Ich gehöre überhaupt keiner Partei im Judentum, keiner Strömung und Richtung allein und offiziell an, sondern dem ganzen Judentum, wo immer ich ihm dienen kann. Allerdings bin ich für mich persönlich positiver Jude, der voll und ganz das traditionelle Judentum vertritt und in diesem allein die Fortdauer des ganzen Judentums. überhaupt erblickt. Mögen Sie nun dieses positive Judentum „konservativ" oder „orthodox" bezeichnen (zwei Begriffe, die heute gar nicht mehr auf die Situation passen), ich bin eben positiver Jude, kann daher auch nicht wohl Antizionist sein. Auch schon deshalb nicht, weil ich nur zu gut weiß, was die Gesamtjudenheit deni Ziouismirs zu verdanken hat; weil ich als junger Mann, in der Hochflut der Antisemitenzeit mit Schmerz, Scham und Ingrimm die ganze Nichtswürdigkeit des gleichaltrigen Renegatentums kennen gelernt, das uns verließ und beschimpfte, weil noch kein Herzl erstanden war, der diese irregesührte, unwissende und feige Jugend um sich gesammelt hätte. Und trotzdem, wenigstens die deutschen Zionisten sehr wohl wissen, daß m e i n Zionismus auf die Thora fußt, und ich mich hierüber denn doch schon „erklärt habe". — um Ihre eigenen Worte zu gebrauchen — obwohl ich nicht einmal dem Misrachi angehöre, haben mich die Zionisten schon vielfach mit ihrem Vertrauen.beehrt. Und obgleich ich ihren prononzierten Rassenstandpnnkt immer in offener Aussprache abgelehnt habe, und den „offenen Nationalismus" (wieder Ihre eigenen Worte), besonders, weil er das religiöse Moment zu umgehen sucht, als Fiktion betrachte, habe ich allen sonstigen Bestrebungen des Zionismus die mir sympathisch waren und echt jüdisch erschienen gern bisher gedient. Und, obgleich den führenden Geistern im Zionisimrs dies alles wohl bekannt ist, und ich bisher keiner Ortsgruppe, k.ein e m zionistischen Verein rc. angehört habe,' hat man mir dennoch ehrenvolle Aemter, z. B. in der weltumspannenden jüdischen Turnerschaft, im Präsidium von Turnvereinen rc. übertragen, und Ich versuchte, ihrer guten Sache zu dienen. Wo bleibt da mein Antizionismus? Und wo und wann war ich dem Zionismus feindselig? Habe ich mich denn nicht noch vor wenigen Wochen, gelegentlich der Berliner Wahlversammlungen, coram xubllco, d. h. vor ca. 1000 Personen, mit dem „Ziorristenführer" Klee, .osfen und bündig auseinandergesetzt und ihm erklärt, daß mich und den Zionismus, vom religiösen Standpunkt.aus, eine vorderhand noch sehr tiefe Kluft trennt? Trotzdem Dr. Klee hieraus erwiderte: „Wir werden noch zusammenkommen und unser sind Sie doch."

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