Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692719--05930-2700887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. MmkfuMr UmMiWÄ FamiiltenblaÜ. Palästina. eigenllich das Haus? Sie haben doch ein ganz hübsches, geräumiges, eigenes Heim, wo Sie und ihr Geschäft bequem Unterkunft finden?" Der Jude sagte, er brauche das Haus nicht für sich. Die kleine Gemeinde in Sejtör besitze tzine Synagoge und da Deals Haus leer stehe, meinte sie, es würde - sich ganz gnt zu einem Bethaus eignen,- und deshalb wollten sie es abkaufen. „In diesem Falle," — sagte Deal — „ist die Sache perfekt. Sic zahlen mir einen goldenen Dukaten, und mein Elternhaus ist ihre Synagoge." Zioni. .. Pretzburg. Die orthod. „Ungcwländ. Jüd. Zt„." hat in fast jeder Nuinmer Veranlassung, über die trostlosen Zustände in der hiesigen orthoooxen Gemeinde zu berichten. Wie sie in ihrer vorwöchentlichen Nummer mitteilt, haben in den letzten vier Jahren in Angelegenheit der Gemeindefunktionare untereinander 5 Bezirksgerichtsverhandlungen, 8 Verhandlungen vor dem Untersuchungsrichter, <5 GerichtshvfverhanLlnngen, 2 Verhandlungen bei der Kurie und 1 Schwurgerichtsverhandlung stattgefunden. Es wurden —. in Gemcindeangclegenheiten! — Geldstrafen in der Höhe von Summa 2460 Kronen auferlegt. .Ferner Freiheitsstrafen von zusammen 24 Tagen! Außerdem sind Prozeßkosten im Gesamtbeträge von 3000—4000 Kronen bezahlt worden. Uever die jüngst stattgehabten Wahlen der Preßburger orthod. Gemeinde schreibt die „Ungarländ. Jüd. Ztg.": „Die verflossene Wahl liefert ein trauriges Bild der Entartung der Orthodoxie in Ungarn. Wenn die Männer, welche sich vor vier Jahrzehnten mit so viel Hingabe dem Aufbau einer besonderen orthodoxen Organisation gewidmet haben, einen Mick in die heutige Gegenwart zu tuu befähigt gewesen wären, so wäre ihnen der Mut und die Begeisterung zü dem Kampfe gegen die einheitliche Autonomie des Judentums wohl entsunken. Die orthodoxe Organisation scheint gegenwärtig die Bestimmung zu haben, alle bessere, ideale orthodoxe Bestrebungen zu fesseln, jede ehrliche Initiative lahmzulegen und die Bahn zu ebnen solchen gewissenlosen Strebern, von deren religiösem Jndifferentismus die Führer der Orthodoxie keine, fatale, weil .sachverständige und ehrliche Kritik zu befürchten haben." Rußland. Petersburg. Maßgebende jüdische Kreise wollen in Wilna ein jüdisches Polytechnikum nebst Handelshochschule gründen. Die Anstalt soll vier Abteilungen umfassen, nämlich je eine Abteilung für Handels- Wissenschaften, Architektur, Mechanik und Elektrotechnik. Das Budget der neuen Anstalt ist durch zahlreiche Zuwendungen und Jahresbeiträge bereits gesichert; auch sind die hauptsächlichen Vorarbeiten beendet, so daß das Polytechnikum, falls die Regierung die uachgesuchtc Genehmigung erteilt, bereits zu Beginn des nächsten Schuljahres, also im September 1911, eröffnet werden bürste. Türkei. Kouftautinopel. Der von der Regierung in der Kammer eingcbrachte Gesetzentwurf überden öffentlichen Unterricht enthält folgende Hauptpunkte: Der Volksschulunterricht wird allgemein und obligatorisch. Die' jüdischen Schulen sind entweder Anstalten der Gemeinden oder Privatschulen. Eine Privatschule darf ohne Autorisation nicht eröffnet werden. Das Gesuch um Autorisierung ist an die Lokalbehörde, an den Unterrichtsrat der Provinz und an den Walt der Provinz zu gleicher Zeit zu richten; erfolgt binnen vier Wochen keine Antwort von der Lokalbehörde, so muß der Mali entscheiden. Die Privatschulen können von der Regierung Subvention verlangen, aber ihre Lehrer haben, zuin Unterschiede von den staatlich angestclltcn, kein Pensionsrecht. Die Leiter der Privatfchulen können ihre Lehrer, ihre Lehrbücher und ihr Lehrprogramm fiel wählen, doch müssen die Programme denen der gleichstufigen Negierungsanstalten entsprechen. Als Unterrichtssprache ist jede beliebige Sprache erlaubt, doch ist in allen Fällen der Unterricht des Türkischen in das Programm aufzunehmen. Die Kinder nichtmuselmanischcn Glaubens in den staatlichen Anstalten werden an diesen einen eignen Religionsunterricht durch Geistliche ihrer Genreinschaft empfangen. Lehrer an sämtlichen, also auch an Gemeinde- und Privatfchulen, dürfen nur otto inanische Untcrtaneit sein. Jedoch können ausländische Lehrer eine spezielle Autorisation von seiten der Regierung erlangen. Es-wird den Schulen, die in irgend einer Hinsicht den Forderungen des neuen Gesetzes nicht entsprechen, ein Zeitraum von vier Jahren gelassen, um sieb ihnen anzupasseiu. , - Jaffa. Bis heute ist n u c wenig RqgeII niedcrgcgailgcn, und cs konnte daher harter Boden noch nicht gepflügt werden. Ebenso sind die Zisternen in Jerusalem noch nicht gefüllt, worunter insbesondere die arme jüdische Bevölkerung sehr zu leiden hat. Wenn cs nicht in nächster Zeit reichlich regnen wird, so wird die allgemeine Teuerung einen noch größer» Umfang annehmen. Amerika. New-Kork. In Cleveland wurde der »Wilson Avenue"-Tcmpel, eine der schönten Gebäulichkeiten der Stadt, durch Feuer zerstört. Der Tempel hatte.einen Wert von 150 000 Dollars. Rabbiner Tobias Schönfärber schreibt in der „Chicago Tribüne" über hie Geschichte der Juden Chicago's. 1837 siedelte.sich der erste Jude in Chicago an, und heute wird 'die Zahl seiner jüdischen Einwohner ans 150000 geschätzt. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Der zwanglose Diskussion s abend der Zion. Jngendgrnppe über „Zionismus und' Deutschtum" evreute sich recht guten Besuchs' und verlief sehr ingeregt. Nach begrüßenden Worten des Voritzenden L. Perlmutter ergriff Fritz S o n dheiincr das Wort zu einem dreivicrtclstündigen Vortrag über das Thema des Abends, in welche!» er an Hand der Definition der Grundlagen des Zionismus die Begriffe Deutschtum, Patriotismus, Staatsbürgertum in ihren Beziehungen zur zionistischen Idee klarlegtc und zum Schlüsse kam, daß Deutschtum und Zionismus in bester Weise sich vereinigen lassen. Der Vortrag rief eine interessante und ausgedehnte Debatte hervor, an der sich Rechtsanwalt Dr. S ch w a r z s ch i l d, Josef B a m b e r g e r, I. L. Gvitein, Fischer, L. Perlmutter, Lehrer B. Stern und Rapp beteiligte». In vorgerückter Stunde wurde die Debatte abgebrochen, nachdem der Referent die Ergebnisse der Debatte in einem mit lebhaftem Beifallc aufgenommene» Schlußworte zusammengefaßt und die Versammlung beschlossen lMtc, die verschiedenen Fragen, die im Zusammenhänge mit dem Thema gestreift wurden, an cincin zweiten Abend ausführlich zu behandeln. Berlin. Dem auf der Generalversammlung der Palestine Land Development Co. seitens Pros. WarbnrgS erstatteten Bericht entnehmen wir u. a. folgendes: Die Farm K i n c r e t h hat in der kurzen Zeit ihres Bestehens ein gutes Stück Arbeit geleistet; sie hat durch eine intensive- Ameliorationsarbeit den Boden außerordentlich verbessert und wird sowohl hierdurch, wie auch durch ihre günstige Lage anr See und in der Nähe der Eisenbahnstation sicherlich bald angemessene Erträge ablverfen. Die Arbeitergenossenschaft Umdjuni, der die P. L. D. C. von ihrem Land ca. 1000 Dunam zur Bewirtschaftung mit dem Inventar der P. L. D. C. überlassen hatte, hat sehr. gut gearbeitet und nach der provisorischen Gewinn- und Vcrlustrechnung einen Gewinn von 4437.80 Frs. erzielt, wovon der P. L. D. C. vertragsmäßig die Hälfte zufällt. Dieses günstige Resultat hat die P.- L. D. C. veranlaßt, die Genossenschaft in diesem Jahre zu vergrößern und ihr 1500 Dunam Land zu überlassen. Durch einen vom Jüd. Nationalfonds gewährten Kredit war es der P. L. D. C. möglich, ein Terrain, das sich für alle Kulturen, insbesondere für Ackerbau eignet, in Galiläa zu erwerben. Da sich aber die endgültige Erledigung der Kaufformalitätcn sehr lange hinzog, konnte noch nicht an die P a r z e l l i e r u n g des Terrains herangetretcn werden, obwohl sehr viele Nachfragen nach kleineren und größeren Landstückcn cinliefen. Außer der Pflanzung, die die P. L. D. C. für Rechnung der Israelitischen Knltusgemeinde in Dessau vertragsmäßig übernommen hat, hat sie auch mit kapitalkräftigen Gruppen in verschiedenen Ländern -wegen der A n l a g e g r ö ß c r e r Pflanzungen verhandelt, und cs' besteht die berechtigt? Hoffnung, daß sic in naher Zukunft in der Lage sein wird, eine großzügige Pflanzungstätigkcit in verschiedenen Gebieten Palästinas zu entfalten. Der der P. L. D. C. durch die Pflanzungs'anlagen zufallendc Gewinn, der angesichts der großeil Objekte eine beträchtliche Höhe erreichen dürfte, kann aus tcchnischeir Gründen erst nach vollständiger Fertigstellung der Pflanzungen zur Verrechnung gelangen. Die P. L. D. C. hat sich auch dem Landv c r in i t t l u n g s g c s ch ä f t zngcivandt und dadurch kurz vor Schluß des Geschäftsjahres einen namhaften Betrag an Provision verdient, der allerdings gleichfalls aus technischen Gründen erst im neuen Jahr zur Verrechnung gelangen kann. Nr. S. Mainz. Der Zion. Grupvenverband für Hessen und Hessen-Nassau (Sitz Frankfurt a.'M.) veranstaltete Sonntag im großen Saale des Mainzer Hofs einen wirkungsvollen I u n g j ü d i s ch e n A b e n d, der sich, großer Beteiligung erfreute. Nach begrüßenden Worten des Vorsitzenden der Mainzer Ortsgruppe, B. Bloch, führte Dr. jur. I. Gottlieb -Frankfurt a. M. in die jungjüdische Literatur ein, deren beste Proben er nach einem einheitlichen Programm ausgcirählter Dichtungen vortragen ließ, wobei Dr. G. den verbindenden Text sprach. In die Rezitation teilten sich Frl. Lilly Rapp-Frankfurt und Sally Rosen hei m er - Frankfurt und entledigten sich, in gradezu glänzender Forni ihrer Aufgabe. Kantor- Max London- Mainz, ein vorzüglicher Bariton, fang einige gefühlvolle Jargonlicder, von Fräulein S o ch a t und Frau Leo Frank trefflich am Kla. vier begleitet, und Dr. Gott lieb las markante Stellen aus Buber's „Der Meister des Gebets" vor. In zündender Rede forderte schließlich L. Perlmutter-Frankfurt a. M. zum Anschlüsse an die zionistische Bewegung auf. Ein geselliges Beisammensein mit zwanglosen Vorträgen beschloß den schönen Abend. G lenillefon. 0 Aus der Zukunft. Don Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Der bereits vollständig durchnäßte Passagier eilte über den Hof, dann die wenigen Stufen aufwärts, die in das Innere des. Hauses führten, und trat ein. Ein dralles Bauernmädchen kam ihm entgegen. „Der Herr ist gewiß unterwegs von dem Wetter überrascht worden." Er bejahte und fügte hinzu, wenn die Herrschaft es gestatte, möchte er gern das Unwetter hier abwarten. „Aber gewiß, Herr, die Herrschaft hat es gern, wenn Fremde sich hier ausruhen. Sie sind zwar jetzt perreist, aber die Frau Mairowitsch ist da, die wird gleich kommen." „Was?" rief der Kutscher, nun auch herantretend. „Der Herr Aronowitsch ist nicht daheim? und die Gnädige auch nicht? — Ach, wie schade!" „Grüß' Gott Jankel!" sagte das Mädchen, ihm vertraulich zunickend. „Der gnädige Herr und die gnädige Frau sind beide in Deutschland in der Kur, aber," fügte sie lächelnd hinzu, „um einen Trank brauch Euch nicht bange zu sein, den wird Frau Mairowitsch Euch auch einfchenken." „Ich weiß," versetzte Jankel, indem er seinen langen nassen Rock schüttelte, „deswegen ist mir nicht bange; aber ich yätt' gern geredet mit dem Herrn Aronowitsch." „Da werdet Ihr noch lange warten müssen, vor den Feiertagen kommen sie nicht heim. Aber redet mit Frau Mairowitsch, das ist so gut wie mit beni gnädigen Herrn. Doch, will der Herr nicht den, nassen Mantel oblegen und sich, drinnen in das Zimmer setzen?" Jakobson folgte der freundlichen Aufforderung und trat in das Zimmer, dessen Tür das Mädchen geöffnet hatte. Jankel folgte. Das Unwetter hielt noch, immer mit unverniinderter Stärke an. Es war kaum zwei Uhr nachmittags, aber so finster, als würde die Nacht gleich hercinbrechen, nur hin und wieder erhellten leuchtende Blitze die scheinbare Dänimerung, während der.Regen mit einer Wucht gegen die Fenster geschleudert wurde, daß es oft schien, als würde er die Scheiben zertrümmern. „Das ist ein Wetter! Das ist ein Wetter!" sagte Jankel, indem er' nnt seinen nassen Stiefeln in dem säubern Raume hin und her stampfte, „noch gut haben wir's getroffen, daß wir so nahe bei hier waren, ansonsten — ich. weiß nicht, wie's gegangen wäre..— Wo nur die Verwalterin bleibt! — Das andere Volk hat keine Einsicht, daß man ber so einem Wetter Brauner haben muß, wenn man nicht umkommen soll. — Wo nur Frau Mairowitsch —" „Was soll Frau Mairowitsch?" ftagte diese, die foeben in das Zimmer getreten war. „Nuscha hat mir gesagt, daß Jankel mit einem Fahrgast Unterschlupf bei uns gesucht hat. Seien Sie willkommen, lieber Herr, und Ihr auch Jankel! Seid so gut und saget draußen, daß sie den Samowar hereinbringen, und selbstverständlich den Branntwein nicht zu vergesfen." „Ah, Frau Mairowitsch, bas ist das gescheibteste Wort, das ich heute gehört habe!" und der Durchnäßte eilte hinaus, den ihm willkommenen Auftrag zu vollziehen. Die Verwalterin sah ihm lachend nach. „Armer Kerl, ihm scheint eine Herzstärkung das Dringendste." „Er hat sich sehr aiistrengen müssen," entschuldigte ihn Jakobson, „unser Pferd hat sich vor den Blitzen gefürchtet, ich weiß nicht, was aus uns geworden wäre, wenn wir dieses schützende Obdach nicht gefunden hätten."