Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 Nr. 3. frankfurter JsraelrtiWes Familienblatt. „Da freut es mich doppelt, daß Sie cs gefunden haben; „erstens um Ihretwillen und zweitens nur meinetwillen, denn ihre Stimme erinnert mich an eine andere Stimme, die ich schon seit vielen Jahren nicht gehört habe. — Was das aber für ein Wetter ist, man kann seine eigene Hand kaum sehen?" In diesem'Augenblick fuhr ein Blitzstrahl hernieder, der das ganze Zimmer in Flamme» zu setzen schien, laut rollender Donner folgte mit unheimlichem Krachen. Frau Mairowitsch hatte einen gellenden Schrei ausgestoßen und war einige Schrittr rückwärts getaumelt, Jakobson war ans sie zngeeilt, sie zu stützen. „Um Gotteswillen! was ist Ihnen?" . „Nichts," stammelte sie, „gar nichts." „Es ist eiir überaus starkes Gewitter. Der grelle Blitz, der furchtbar laute Donner scheinen Sie erschreckt zu haben." »Ich — ich — ich weiß nicht. — Mir war int Augenblick, als ob mein Mann vor mir stünde," flüsterte sie iil sich erschauernd. »Ihr Herr Gemahl ist nicht hier?" „Ach du lieber Gott! — Ich bin ja Witwe schon seit einundzwanzig Jahren, seit mein Mann vor meinen Augen erschlagen worden ist. — Und nun — ich hätte darauf schwören mögen, daß er vor mir steht. — Was einem nicht alles Vorkommen kann! — Entschuldigen Sie, lieber Herr, ich muß doch nachschauen, wo der Samowar bleibt. Sie werden doch etwas Warmes nehmen wollen." Er wollte sie znrückhalten, bat, sie möge sich seinetwegen nicht bemühen, doch sie war schon hinausgeeilt und kam nach einigen Minuten mit Jankel, der die Branntweinflasche trttg, und dem Mädchen mit dem Samowar wieder zurück. Das Mädchen reichte jedcnl der Männer ein Glas Tee und die Verwalterin ersuchte sie, sich mit Zucker und Kognak oder Wotka selbst zu bedienen. Jakobson nahm dankend das warme Getränk, doch das scharfe, alkoholreiche wies er zurück, er triilke derartiges nie. „Nicht? Da sieht man, daß Sie kein Russe sind, sonst würden Sie das gebrannte Wasser nicht verschmähen." Er erwiderte einige scherzende Worte, sie neigte sich über den Tisch zu ihm hinüber. „Möchte wissen, woher Sic diese Stimme haben, — als hätte sich das Grab anfgctan." „Reden Sie nicht von so 'was," bat Jankel. „Sie sehen heute überall Schedim. Das macht, weil es heut' überall finster ist. Meine gottselige Mutter hat immer gesagt, im Zweidunkel rühren sich die Schedim. Lasseit Sie lieber die Lampe anzündcn, man weiß schier nicht, was man in dett Mund nimmt." „Das Gewitter läßt nach," sagte Jakobson, „mir scheint, es wird Heller; ich glaube, wir werden bald weiter fahren können." „Mir scheint and), - es klärt sich auf," stimmte Frau Mairowitsch zu, „aber mir wäre lieber, es gewitterte noch lange, daß Sie noch bleiben müßten, und ich Sie noch länger reden hören könnte. — Sie glauben nicht, tvie angenehm es mir ist. Sie reden zu hören. — Aber bevor Sie weiter fahren, müssen Sic mir wenigstens Ihren werten Namen sagen." „Mein- Name ist Jakobson." „Jakobson? — Da sind Sie entiveder ein Deutscher oder ein Schwede." Er schüttelte, verneinend den Kopf. „Ich bin ein Russe." „Ein Russe sind Sie? Nach dem Namen sollte man das nicht glauben." „Der Name kommt dabei nicht in Betracht, den Namen haben fremde Leute inir gegeben, — wie meine Eltern hießen, weiß ich nicht." „Herr Gott! — Sie wären —" „Ein Findling, ein gefundenes Kind —" „Großer Gott! — wo hat man Sie gefunden? — Wann hat man Sie gefitnden? — Reden Sic! — reden Sie!" — »In der hiesigen Gegend, es dürsten einundzwanzig Jahre sein —" Ein schriller Laut entrang sich den Lippen der stattlichen Frau, sie bebte wie Espenlaub und rang vergebens nach Worten, endlich stammelte sie: „Mein Gott! — mein Gott! — sei mir gnädig! — Ich habe doch vor einundzwanzig Jahren mein Kind verloren — mein einziges Kind — mein Herzensbübchen — hier in der Nähe — ganz nahe bei N. — am Sabbatnachmittag war's — int Juni — reden Sie! — Reden Sie! — Und woher haben Sie Ihre Stimme? — Ich meine, seine Stimme? — Reden Sie! — Reden Sie! — Wo hat man Sie gefunden! — Gott im Himmel! — Meine Sinne verwirren sich — ich werde wahnsinnig! — Sv reden Sie doch! Wo hat inan Sic gefunden?" Mit heiserer, bebender Stimme beantwortete er -ihre.Fragen, teilte ihr alles mit, was er über sich wußte. Mit angchaltenem Atem lauschte sie seinen Worten, während der Himmel sich vollständig aufgeklärt hatte; Sonnenstrahlen durchfluteten das Zimmer, das nach Südwesten lag. Er war bisher mit dem Rücken, dcnt Fenster zu gesessen, sich selbst im Licht. Jetzt trat sie zw ihm wankenden Schrittes, die noch immer schöne hvchgewachsene Frau. Ihr sonst stets frisch gefärbtes Angesicht war zwar lilienbleich, aber in ihren großen dunkeln Augen leuchtete es. Bebend trat sie dicht an ihn hinan, und mit ihren beiden Händen nahm sie seinen Kopf und wandte ihn langsam dem Lichte zu. Und. wie die Sonnenstrahlen auf sein Antlitz fielen, da war jeder Zweifel in ihr geschwunden, laut jubelnd schlang sie ihre Arme um ihn. „Mein Kind! mein Sohn! mein lang beweinter Sohn!" Laut schluchzend hielten sich Mutter und Sohn umschlüngen, und der weichherzige Rosstlenkcr stand daneben und fuhr sich mit seinenr dunkelblauen Taschcntnche iviederholt über die feuchten Angen und sagte kopfschüttelnd einmal über das andere: „Chiduschpele! chiduschpele! — ,wer sich das hält' gedenkt! — Ra ja, wie oft im Tag sagt man nicht: Umasli laaßaus — der alte Gott lebt noch." _(Fortsetzung folgt.)_ „Zu Geschenken eignen sich meine Operngläser, Feldstecher.Lorgnons, Barometer. Thermometer. Brillen, P'ncenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel" „I. W. Albert, Inh. Paul Wandrrcy, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzerstr. und Wcißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt I." Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikatiön, Bett-Wäsche. Bleidenstrasse 10 Kunst uud Literatur. lieber Jagd, Fischfang und Bienenzucht bei d c n I u d c n i n d e r t a n n ä ische n Zeit von Dr. Moritz Mainzer, Frankfurt a. M. Kaufmann, 1910. Dissertationen haben kurzes Leben. Sie werden geschrieben, weil man sie fordert; gewidmet, weil man so den Tribut der Liebe am billigsten abträgt; gedruckt, iveil es das akademische Gesetz vorschreibt und zmneist verschenkt, iveil man sie am liebsten — los hat. Sie Verschivinden auch wirklich ganz klanglos von dem Büchermarkt. Unser Werkchen bildet, das will ich vorwegnehmen — eine glänzende Ausnahme. ES verdient volle Würdigung, nicht nur wegen des immensen Fleißes, den sein Verfasser für es verwendet hat. Es füllt eine Lücke in der Literatur ans und wirft einen grellen Lichtstreif ans das dunkle Urkulturleben unserer Ahnen. Daß der Verfasser in Vogclstein, Rieger und Krengcl Vorläufer hatte, macht uns seine Arbeit nur teurer. Da ivir jetzt ein Ganzes besitzen, das wir nicht gern missen wollten. Auch ist sein Buch das Resultat tiefgründiger Qncllstndien; da sich der Verfasser nicht begnügte, das im Titel augcdentcte Gebiet der einschlägigen Literatur, wie da sind: Mischna, Tosefta, Midrasch, Talmud baivli und Jeruschalmi alleiir zu erforschen; er hat mit Bienenfleiß alles zusammengetragen, auch aus der griechischen, römischen und assyrischen Literatur neuester Forschung, was er in den Dienst seines Buches stellen konnte. Um eine Zeit, da die Tierschntzphrasc gegen das jüdische Gesetz ausgespielt wird, haben Sätze, wie wir sie beim Verfasser als Resultat wissenschaftlicher Ergebnisse finden, weitgehende Bedeutung: „Die vom Gesetz geforderte Menschenfreundlichkeit gegen die Tiere, die sich in verschiedenen Vorschriften ansspricht, hat es nicht zngelassen, daß man das wehrlose Tier so lange mit Roß und Mente Hetze, bis es halbtot ans der Strecke liegen blieb". Daß Rabbi Ezechiel Landau, im Noda be jehuda, Jore Dea 10 ausführlich das Thema der Jagd bei Juden behandelt, wird Verfasser auch wissen und nur als nicht eng prit seiner Aufgabe Verknüpftem außer Acht gelassen haben. Sein Werk ist gut; es verdient volle Beachtung aller Kreise, die ein Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung des alten -Jndenlebens nehmen. l>r. II. -V. A r i st o p h a n e s ' Werk e. Ucbersetzt von Ludwig Seegcr. Nene Auflage heransgegeben von H. Fischer n. W. Schund. Stuttgart und Berlin. I. G. Cotta'sche Buchhandlung, Nachfolger. 3 Bände zu je 1 ,!(■. Diese AristophaneS-Uebersetznng ist anläßlich des 100. Geburtstages des Ucbersetzers, des bekannten Dichters und Politikers Ludwig Seeger, neu heransgegeben worden. Die hervorragenden Vorzüge dieser Aristophauesübersetzung, der Meister- Übersetzung Seegcrs, sind zu oft gewürdigt worden und sind zu bekannt, als daß wir sie hier nochmals hervorzuheben brauchten, lind wer die überaus großen Schwierigkeiten, die gerade Aristophanes den Ucbersetzern bietet, kennt, wird die Kunst, die in dieser Seegcr'schen Uebersctzung liegt, voll würdigen können. Daß heute jeder Gebildete Aristophanes gelesen haben muß, erkennt man mehr und mehr. So wird diese überaus preiswerte Neuansgabe der Seeger'schen Uebersehnug viel zur Verbreitung des. großen Komödiendichters beitragen, ein Verdienst, das der berühmte Verlag sich wohl anrechnen darf. Spinoza: Ethik, llebersetzt und nrit Einleitung und Register versehen von Otto Baensch. Siebente Auflage. Philosophische Bibliothek. Band 52. Leipzig. Dürr'sche Buchhandlung. 1910. Spinoza übersetzen ist nicht leicht. Die mathematische Form seiner Beweissührung, seine reiche und bedeutende Terminologie erschweren die Uebersetznng sehr, ja sie machen sie fast unmöglich, wenn man genaueste wörtliche Ilebersetzung mit Eleganz und Leichtigkeit iir der Sprache verbinden will. In der vorliegenden, vortrefflichen Ilebersetzung von Baensch hat der Ilebersetzer oft ans die Eleganz zugruisten der genauen wörtlicheil Ilebersetzung verzichtet. Ilnd mit Recht. „Denn bei Spinoza," bemerkt er treffend inr Vorwort, „haben die Worte fast den Charakter mathematischer Zeichen". Nichtsdestoiveuiger ist die Ilebersetzung stets klar und fließend. Borangestellt hat der Ilebersetzer eine wertvolle Einleitung, die eine Ilebcrstcht gibt über den Plan der „Ethik" und hat die Ilebersetzung außerdem mit einem ausführlichen, ivertvollen Namen- und Sachregister versehen. So kann die Uebersctznng nur warm empfohlen werden. vr. N. I. CH. Rawnitzkv, Odessa (Rußland), Molv-Arnantskaja A.-G. und A. G. Drujanow, Wilna (Rußland), Soldatskaeja Nr. 3/1 l. beabsichtigen, zwei S a m m e l b ü ch e r (hebräisch und jüdisch) j ü d i s ch e n Witzes heranszrrgeben und bitten daher um Einsendung von Material. M i t t e i l n n g e n vom D e u t s ch - I s r a e l i t i - scheu G e in c i n d e b rr n d e. Herausgegeben vom Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Nr. 76. Inhalt: Einladung zum 1. Deutsch-Israelitischen Verbandstage. — Die Gemeindeverbände in den Jahren 1909 und 1910. — Nekrologe Lebrecht und Silberstein. — 70. Geburtstag Benjamin Hirsch. — Erster Bericht der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmcn-Fürsorge. — Die Dr. Michael Silberstein-Stiftnng. — Austritt ans der jüdischen Gemeinde. — Das Gesamtarchiv der Deutschen Juden. — Preisausschreiben. — Kleine Mitteilungen. T o r a t h h a - R a g i n a h , die Grnndlehren des europäischen und orientalischen Gesanges mit elf Tafeln. Verfaßt von A. Z. Jdclsohn, Jerusalem, 1910. Der sowohl als Mnsikkenner, wie als tüchtiger hebräischer Schriftsteller rühmlichst bekannte Verfasser macht uns in vorstehender Schrift, die in 2-1 Kapitel zerfällt, der weitere Teile bald folgen tverden, mit de» Grundgesetzen der Musiklchre im allgemeinen bekannt. Das Werkchen, 51° stark, steht bis heute einzig in seiner Art da, einzig vornehmlich auch schon deshalb, weil es in einem sehr guten hebräischen Stil geschrieben ist. Eines fachmännischen Urteils muß ich mich enthalten; das überlasse ich andern, die dazu berufen sind. Der Zweck dieser Zeilen sei bloß der, daß ein größerer Leserkreis auf die Schrift aufmerksam gemacht werde. Unerwähnt kann ich es aber nicht lassen, daß Tesillah auch schon im Tempel war. Die Opfer allein haben also durchaus nicht den ganzen Gottesdienst ausgemacht. (S. 1 rrntcn.) Druck rrnd Arisstattnng lassen nichts zrr wünschen übrig. I e r n s a l e »t._Haamitti- Üaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallburgstr. 9. Tel. 259 n. 714. Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermitßin flll YT telungen, Recherchen n. Auskünfte MwlvUUI v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Aus- 90 Institut führung u. strengste Diskretion als FrawHf“5tia*mehrjähriger Polizeiu. Kriminal- _Tel. 11391._ beamte gesichert: J. EIHMEL & SOHN Schillerstrasse 26. Spezial-Gesehlft für Mal-n Zeichen-Utensilien. Holzbrand-, KerbsehnilKTarso-n. Batik-Artikel. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 21. Januar (=21. TewesU Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 35 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 55 Min., in Berlin 5 Uhr 22 Min. Wochcnabschnitt: Schein ans. — Zum ersten Male hören wir von dem „Volke" Israel. Jakobs Rachtvinmen hatten sich in Egnpten stark, vermehrt, sic - waren ein Volk geworden. Ein neuer Pharao lKönig) suchte sie zu knechten und will sie vermindern; sie vermehren sich aber dennoch stark. Da