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Neue jüdische Presse · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Seite 3. düng der Juden von ihrer deutschen Heimat und Kultur bedeute. Stürmische Gegenäusserungen aus der Versammlung rief der nächste Redner, Philipsborn, hervor, als er den Zionseid pathetisch variierte: „Es verdorre meine Rechte, wenn ich nicht Dein vergesse, Jerusalem!" — Im Sinne der Liberalen sprach noch Rechtsanwalt Abraham, während Dr. Wittkowskh und Lazarus Barth das Wesen des Zionismus beleuchteten, der keine „Gefahr" bedeute, >vas schon daraus hervorgehe, da die europäische öffentliche Meinung sich ihm gegenüber günstig verhalte. Ans jüngeren Kreisen zusammengesetzt, ist auch die neubegründete zionistische Gruppe „K a d i m ci h," die ihre Tätigkeit mit einer „M e n d e l e - I e i e r" aus Anlaß des 7ö jährigen Jubiläums von- S. I. Abramowitz begann. Josef Lin schilderte den Jubilar als Künstler und Sprachbildner, worauf Gordon einiges aus Mendrle's Werken vertrug und L e i s e r o w i tz speziell dessen Darstellung vom Gegensatz zwischen den „Vätern und den Söhnen" würdigte. Es wurden dann noch verschiedene Toaste aus den Jubilar ausgebracht und hebräische und jüdische Lieder gesungen. Zu Ehren Abramowitz veranstaltete auch die „Natio nalkulturelle Vereinigung jüdischer Akademiker" eine schöne Feier mit einem reichhaltigen literarisch-musikalischen Programm. Den Festvortrag hielt Dr. Theodor Zlvcisti, der die bahnbrechende Bedeutung von Mendele Mocher Seforim für die ostjüdischc Literatur treffend beleuchtete. 3. Delegiertentag des Indischen Frauenbundes. (Schluß.) Am 'zweiten Tage unter dem Borsitz von F-rl. Werner hielt Frau Dr. Frankl-Berlin, ein sehr interessantes ausführliches Referat über die I ü d i s ch c Kranke n s ch >v e st e r. Sie gab eine» Ueberblick über die historische Entwickelung der jiidischen Krankenpflegcvereine, deren Gründung nötig war, Iveil Jüdinnen in den bestehenden konfessionellen Vereinen keine Aufnahme fanden. Sie berichtete ferner über den Zusammenschluß der 13 bestehenden Vereine zu dem „Deutschen Verband jüdischer Krankcnpflegerinnenvereine," über die Ausbildung und materielle Lage der Schwestern, über ihre speziellen Arbeitsgebiete, sowie über die Kreise, aus denen die Schwestern hcrvorgehcn. Sie schloß mit einem warmen Apell, möglichst gebildete Mädchen Don guter Erziehung diesem Beruse zuzuführen. Eine sich anschließende Diskussion ergab eine Resolution, dem „Deutschen Verbände jüdischer Krankcnpflegerinnenvereine" den Wunsch zu unterbreiten, die m a t e r i e l l e L a g e d c r S ch w c st e r n günstiger zu gestalten. Hierauf gab Frau Rabbiner Dr. Werner- München ein ausgezeichnetes Referat über soziale Ar bcit in d e r M ünch e u e r j ü d. G e m e i n d e. Hier ist in verhältnismäßig kurzer Zeit Hervorragendes geleistet worden: Waisenstiftung, Miitterab.nde, Holzvcrcinc, Pfründnerheim, Mädchcnklnb, Spciseverein (39000 Portionen Essen pro Jahr) und Toynbcc-Halle seien herausgegrifscn aus der große» Zahl von Wohlfahrtseinrichtungen, die fast durchweg von Frau Dr. Werner mitgeleitct ivcrden. Bon der hohen Blüte der Toynbee-Halle konnte man sich abends durch Augenschein überzeugen. Etwa 600 Leute aus dem Volke folgten in atemloser Spannung den vorzüglichen 'Vorträgen, bei deren Schluß ein Beifall losbrach, als seien ebensoviele Tausende anwesend. Frl. Ncumüllcr, die Leiterin deS Frankfurter Mädchenklubs, sprach nachmittags in anschaulichster Weife über Weibliche Jugend- Vereine in Frankfurt a. M. Frau D r. S t r a u ß - München berichtete über die Vereinigung jüdischer Frauen f ü r K nlturarbcit in P alästina, ihre Ziele und Erfolge. Dieses interessante Referat fand eine nicht »linder fesselnde Ergänzung in Frl. P a p p e n h e i m s Bericht über Kulturarbeit i n G a l i z i e n. Sie zog naheliegende Parallele zwischen den galizischen und palästinensischen Inden und ihren sozialen Nöten. Ein Antrag auf Zentralisation der Arbeitsnachweise wurde vorläufig abgelehnt. Ferner wurden die verschiedensten Vorschläge gemacht, um dem H e i m des Jüdischen Frauenbundes in Neu- Isenburg, das dringend neuer Mittel bedarf, Geldquellen zu erschließen. Definitives Ivlirde auch hier nicht angenommen. Am Schluß der Tagung wurden die neuen Satzungen beraten*) und angenommen und die Vorstandswahl vorgenommcu. Es wurden gewählt: tfrf. Bertha P a p p e n h e i m - Frankfurt a. M. (1. Vors.), Frl. Sidonie Werner-Hamburg (2. Vors.), Frau Henriette M a y -Berlin (Schriftführerin), Frau Justizrat Meyer- Stargard (stellvertr. Schriftführerin), Frau Dr. Frankl-Berlin *) Der Jüdische Frauenbund ist jekt „eingetragener - Verein" geworden. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. (Schatzmeistcrin) und die Damen Lea Calvary- Posen, Senator Fischer - Hannover, K r a e m e r - München, Magistratsrat H a in - Nürnberg, Levy- Leipzig, Justizrat Ollendorf - Breslau, Schlesinger- Frankfurt a: M. und Rabbiner Dr. B o g e l st e i n - Stettin als Beisitzerinnen. Der letzte Abend tvar der Gründung eine r Jugend gruppe und einer Ortsgruppe München gewidmet. Das Referat dazu hatte Frl. P a p p e il h e i m. Die Münchener Gemeinde hatte den Delegierten in den Räumen der München-Loge ein glänzendes Frühstück gegeben, bei dem ernste und heitere Reden das Mahl auf's trefflichste würzten. Der Widerhall, den die Tagung in der Münchener Zuhörerschaft gefunden, war ein ganz gewaltiger. Worte staunender Bewunderung wurden laut über die glänzende Art der Führung, über die straffe Schulung, die famose Diszipliniertheit der Frauen; und in der Tat, es war eine Freude, den Verhandlungen heizmvohnen. Mit heiligem Eifer ivurde der edlen Aufgabe gedient. Nichts störte den ernsten Gang der Verhandlungen. Wohl selten begegnet man so vielen scharfsichtigen, geistvollen Frauen, deren Worte beredtes Zeugnis oblegen von ihrem Wollen und teilweise auch von ihrem Können und die alle jüdisch gesinnt und sozial tätig sind. Es sollte eigentlich keinen jüdischen Franenverein in Deutschland geben, der dem jüdischen Frauenbuud nicht angeglicdert ist. Aus aller Wsü. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Im Reichstag ^wuide bei der zweiten Lesung der Novelle zum Strafgesetzbuch bezügl. der S ch ä ch t f r a g e folgender Paragraph mit g r o ß e r M e h r h e i t angenommen : „Laudesrcchtliche Bestimmungen, welche in die rituellen Vorschriften einer Religionsgcsellschaft über das Schlachten von Tieren eingreife», sind unzulässig." Staatssekretär Lisco hatte in der Debatte über diesen Paragraphen als Vertreter der Regierung kolgende Erklärung abgegeben: Bereits in der Kommission habe ich davor gewarnt, die Frage des Schächtcns im weitere» Umfange in die Erörterung zu ziehen, als es durch die Vorlage geboten ist. Es ist zweifellos, daß das Schächten als solches nicht unter die Strafvorschriften füllt, denn cs kann unmöglich als roh bezeichnet Iverden, wen» durch das Schächten eine Befolgung von Religionsvorschriftcn erfolgt. Die verbündeten Regierungen werden nicht bereit sein, der vorgeschlagcncn Bestimmung ihre Zustimmung zu erteilen. Die Dinge, um die cs sich hier handelt, unterliegen der L a n d e s g c s e tz g e b u n g. Berlin. Seitens hiesiger Exvorteure empfingen die Nettesten der Kaufmannschaft Klagen über schikanöse B e h a n d l u n g jüdischer G c -- s ch ü f t s r e i s e n d c r i ix R u ß l a u d. Die Maßnahmen würden sich besonders gegen die deutschen jüd. Reisenden richten, da die Pässe anderer Staaten nicht den Vermerk der Religionszugehörigkeit aufweisen. — Des Aeltestcn-Kvllegium beschloß, bei der Rcichsregicrung vorstellig zu werden. Berlin. In der Sitzung des geschäftsf ü h r c » d c n A u s s ch u s s e s des H i t f s v c r c i n s der Deutschen Juden wurden Subventionen für die vom Hilfsverein neubegrüudete Schule in Haifa, die dem bereits im Bau begriffenen jüdischen Institut für technische Erziehung in Palästina daselbst als Unterbau dienen soll, sowie für Talmnd-Thoraschnlen und Rabbinerkurse in Jerusalem festgesetzt. Ferner wurden Mittel zur Einführung des Handfertigkeitsuntcrrichts im Orient zur Verfügung gestellt und die Grnndzüge für die Organisation desselben festgclcgt. Das Lehrerseminar und die Handelsrealschule erfuhren eine durch die Verhältnisse gebotene organisatorische Ausgestaltung. Das Lehrerseminar umfaßt nunmehr 5 feste Klassen statt einer Präparandcnklasse und 4 Seminarklassen und die Handclsrcalschule 4 statt 3 Klassen. Die Erweiterung des Rahmens dieser Anstalten hat sich als notwendig erwiesen, da der Lehrstoff im Orient insbesondere durch die Belastung mit Sprachen — cs iverden 4 Sprachen, Deutsch, Hebräisch, Türkisch und Arabisch, gelehrt — außerordentlich umfangreich ist. Die Schulkommission des Hilfsvereins ivurde durch die Znwahl der Herren Siegmund Berget, Professor Mittwoch, Rabbiner Professor Maybaum und Professor Sobernhcim verstärkt. Durch Einführung des Handfertigkeitsunterrichts am Lehrerseminar des Hilfsvereins, wie an den palästinensischen Schulen, wozu die Alexander und Fanny Simon - Stiftung in Hannover ihre Unterstützung leiht, wird dieser insbesondere auch für eine Vorbereitung für das Erwerbsleben wichtige Unterrichtszweig in entsprechender Weise gepflegt werden. - Es wird eine' eigene Lehrkraft. für diese Zwecke eingestellt. Die Bewilligungen für die Falaschas, die in Jerusalem zu Lehrern ausgebildet werden und gute Fortschritte machen, wurden erneuert. Für das russische Hilfswerk und die Auswandererfürsorge wurden gleichfalls die nötigen: Mittel bereit gestellt. S«uttgart. Den Ständen ist der Entwurf eines Gesetzes, das das Judengesetz von 1828 umgestaltet, zugegange«. Danach wird die Regelung der Kirchenverfassung der Israeliten der neu zu konstituierenden 'Oberkirchenbehörde — königliche Bestätigung vorausgesetzt — überlassen. Der Entwurf dieser Kirchenverfassung ist gleichfalls bereits fertiggestellt. Er hält — entgegen einer neuerlichen richterlichen Entscheidung, wonach ein Austritt aus der Kirchengemeinde ohne einen Austritt aus der Religionsgemeinschaft möglich ist — an der älteren Fassung fest, daß der Austritt aus der Religionsgemeinschaft die Zugehörigkeit zur offiziellen Kirchengemeinde aufhebt. Für dissentierende Minderheiten innerhalb der Kirchengemeinde, also sowohl für die orthodoxe Kirchengemeinschaft, wie auch für etwa liberale Minoritäten ist nicht etwa die Möglichkeit gegeben, sich zu offiziell anerkannten Separatistengemeinden auszugestalten, wohl aber muß ihnen bei Bedarf ein Beitrag aus der Kasse der Kirchengemeinde bewilligt werden, der nicht nur für rein gottesdienstliche Aufwendungen bestimmt sein muß. Oestcrreich-llugarm. Wien. In der „Arbeiier-Zlg." lesen wir über ein jüdisches Opfer der Christlichsozialen folgendes: „Jur gestrigen Mittagsblatt hat die „Arbeiter- Zeitung"' von dem Selbstmord des Motorführers Moritz Augenstern berichtet. Samstag abeirds ist, meldete die Korrespondenz Wilhelnr, ein Mann, der die Kleidung eines Bediensteten der städtischen Straßenbahnen trug, von der Kronprinz Rudolfs-Brücke in den Donaust r o m gesprungen wird sofort in den Wellen verschwunden. Ans der Brücke hat der Selbstmörder einen Uniformmantel eines Straßenbahners und eine Kappe, sowie eine Karte mit der Wresse: „Moritz Angenstein, Wagenführer, XVI. Maroltingergassc 57" zuriickgelasfen. Der Selbstnrörder ist nun tatsächlich mit deni Wagenführer Augenstein der städtischen Straßenbahnen identisch und was ihn in den Tod getrieben hat, teilt er selbst der „Arbeiter-Zeitung" in einem Schreiben mit, das uns mittags erreichte. Dieser Brief bedeutet eine Pauschalanklage gegen die schuftige Denunziantenwirtschaft bei den städtischen Straßenbahnen. Mer noch mehr, dieser Brief stellt die Tat Augensteins, durch die seine Familie in größtes Leid und in große Not versetzt wurde, als .den Verzweiflungsakt eines Menschen dar, der keinen anderen Ausweg mehr weiß. Der Abschiedsbrief Augensteins lautet wörtlich: Löbliche Redaktion der „Arbeiter-Zeitung!" Bitte gütigst nachstehende Zeilen zu veröffentlichen: Ich gehe in die Donau! Nicht daß ich feige bin, daß ich vor der schuftigen christlich s o z i a l e n Bande auskneifc, indem mich der Kondukteur Stockhammer Nr. 3205 in der Wagenhalle ohrfeigte und würgte, bis ich sinnlos wurde und ich ihn jm Gesicht verletzte. Ich habe mir im Dienste mehrere chronische Leiden zugezogen und bin durch diesen Ueberfall körperlich und seelisch gebrochen und 'möchte meiner armen Familie zur Last fallen, indem mich die ch r i st l i ch s o z i a l e n Schufte so weit gebracht haben, daß ich gänzlich arbeitsuntauglich bin und diese christlichsoziale Verlogenheit und Schufterei nicht mit ansehen will, ziehe ich lieber den Tod vor. Bestens dankend Moritz Mgenstein, Wagenführer der städtischen Straßenbahn' in Wien, XVI., Ottakring, Maroltingergasse Str. 57, 3. St., Tür?tr. 38." Budapest. Zi lsicber gebt die Leitung des Machsike Hadas zum Ausbau ihres großen Werkes. Nachdem das Netz der Filialen durch das ganze Land gespannt ist, wird jetzt die Budapester Zentrale ausgebaut. Es ist zu wünschen, daß diese freie Bereinigung zur Hebung und Wahrung gesetzestreuer Interessen bei ihrem ernsten Kampf , zur Aufhebung der Sonntagsruhe, der Stellenvermittlung für sabbatfeiernde Jünglinge und in ihrer Aktion für die Hebung und Reorganisierung der Jeschiwos vom gewünschten Erfolg gekrönt wird. Zioni- Budapest. Franz Deals Haus als S h iVa g o g e. — Als vor Jahren der „Weise der Nation" — wie Franz Josef den Begründer des modernen ungarischen Staates, Franz Deak, zu nennen pflegte — nach Kchida übersiedelte, ist das Haus, in dem er geboren und seine Eltern gestorben waren, unvermietet geblieben. Eines Tages erschien ein Jude bei Deak mit dem Antrag, daß er sein Elternhaus verkaufen möge. Deak verneinte dies, da er das Haus, in dem seine Mutter ihren letzten Seufzer ausgehaucht, nicht durch fremde Menschen entweihen wolle. Der Jude erhöhte fein Angebot, doch Deak blieb fest und meinte entschieden: „Um keinen Lßreis! — Doch wozu brauchen Sie

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