Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. dünn gesät. Es ist für mich überflüssig, dem Verblichenen das nachzusag^n, was in Nekrologen über jüdische Magnaten, die als „gute Juden" galten, allgemein gerühmt wird. Bei einer Persönlichkeit wie Lord Swaythling ist es ja, selbstverständlich, daß er ein reges Interesse an allen jüdisch-philanthropischen und sonstigen Gemeinde-Institutionen nahm und daßer sic reichlich beschenkte. Er war Präsident des Russo- Jewish Committee, des Board of Schechitah, der Initiation Society usw. usw. Mer er war viel mehr als all das. Er war ein Führer, ein Leader pur excellence, der sich nicht damit begnügen konnte, das oder jenes zu subventionieren, zu erhalten, da es einmal existiert und einem teuer geworden ist, sondern dessen Geist rastlos arbeitete, Neues zu schaffen. Lord Swaythling war eine geivaltige Persönlichkeit und ward daher zur Personifikation eines ganzen Begriffes. Er mar für das orthodoxe Judentum in England, ivas, Herzl für den Zionismus gewesen ist. Wenn die e i n g e - wunderten Juden aus Rußland und Polen in gut geordneten Gemeinden organisiert sind, die ihre Talmud-Torahs besitzen und die alte, ehrwürdige Form des jüdischen Gottesdienstes behalten haben, und wen u noch in den Adler'sch en Gemeinden alles beim alten geblieben ist, so ist cs einzig und allein das große, bleibende Verdienst Lord Swaythlings, der für das Judentum gelebt undrastlos gewirkt hat und dem cs das h ö ch st e Gut auf Erden gewesen ist. Ter Slvaythling'schcn Orthodoxie fehlte zwar das Geistige, die Philosophie, wenn man sich so ansdrückcn darf, die der modernen Orthodoxie in Deutschland eigen ist. Er war eben kein S. R. Hirsch. Er war in keinem geistigen Milieu ausgewachsen und hat wohl eine sehr knapp zugemessene jüdische Erziehung genossen. Mer er sah im elterlichen Hause die alte jüdische Lebensweise, die ihm so teuer geworden war, daß er sie nicht nur persönlich befolgte, sondern auch alles Nötige tat, mn ihre Kontinuität in diesem Jnsclreiche sicherzustellen. Der Verblichene soll ein Gegner der Immigration gewesen sein; aber er sah klar ei», daß die einwandcrnden Elemente die Zukunft und die einzige Hoffnung des englischen Judentums bilden werden. Er wußte, das; die United Synagoguc nur noch solange als zuverlässig im religiösen Sinne gelten kann, solange Tr. Adler und er noch am Leben sind. Es galt daher, einen mächtigen Tamm zu bauen, der aufhalten soll, der das Entstehen von religiösem Chaos unmöglich macht, und das Material zu diesem gewaltigen Bau fand er. in den unzähligen Chewrahs und Minjanim, die mit der Flut der Einwanderung wje Pilze auffchosscn. Entschlossen und rasch im Handeln, wie er stets war, rief Lord Swaythling die Federation of Synagogues ins Leben, und die kleinen „Schulen", die weder Mittel besaßen noch irgend welchen Einfluß hatten, wurden zu einer mächtigen Körperschaft, die Tausende von Mitgliedern zählt, die gut geleitete kleine Synagogen in allen Ecken der Stadt unterhält, die eine Jugend sin jüdischen Geiste erzieht und deren Einfluß auf die Formation des Judentums in England nicht hoch genug geschätzt werdcu kann. Diese Organisation ist das Chef d'oeuvre des Verblichenen. Es war auch seine Lieblingsorganisation, der er seine ganze Energie uird Tatkraft widmete, der er große Summen zur Verfügung stellte und die er bis zu seiner letzten Stunde verwaltete. Lord Swaythling war eine Persönlichkeit und ein 'Charakter. Er war kein Freund der Kompromisse und der diplomatischen Kniffe. Was er zu sagen hatte, sagte er frei und offen heraus, ohne sich darum zu kümmern, ob es die Gänse reizen könnte; was er einmal beschlossen hatte zu tun, setzte er um jeden Preis durch und ohne der Meinung der Oeffentlichkcit Rechnung zu tragen. Sein Gewissen und das jüdische Gesetz wären die einzige Richtschnur für alle seine Frankfurter Israelisches Familirnblatt. Handlungen. Er kümmerte sich wenig uni die Proteste des offiziellen Judentums, als er zur Gründung der Federation of Synagogues schritt, und fühlte sich ebensowenig geschmeichelt, als nachher sein Werk anerkannt wurde. So intim er mit Tr. Adler und Claude Montcfiorc befreundet war, trat er mit der ganzen Wucht seiner mächtigen Persönlichkeit gegen den letzteren auf, als seine ketzerischen Ansichten bekannt wurden, und verlangte, daß Montefiore sein Anit als Präsident des Religious Education Board niederlegc, ivas ihm nach einem harten Kampf auch gelungen ist. Den Chief Rabbi, der in dieser Angelegenheit einen ausweichenden Bescheid gab, bestrafte er dadurch, daß er beschloß, an die Spitze der Federation einen Oberrabbiner zu stellen. Er fügte zu seinem großen Fonds, aus dessen Mitteln die Synagogen der Federation errichtet werden, fernere 50,000 Pfund zur Sicherstellung des Gehalts für den anzustellenden Oberrabbiner hinzu, der, wie es sich herausstellt, nicht leicht zu finden ist. In Lord Swaythling bewahrheitete sich der Wunsch: Lleus saus in corpore sano. In dem Hünenkörper wohnte eine Energie und eine Willenskraft, die alles zn überwinden imstande zu sein schien, ein Herz, das voll Liebe und Begeisterung für das Judentum war, und ein Geist, dessen Flug der des Adlers war. Und nun ruht diese Kampfesnatur inr Schoße der Ewigkeit! Ehre seinem Andenken, das unsterblich bleiben wird! Tr. I. M. Salkind. Der Friede in der Alliance. Paris hat nachgegeben und der Friede in der Alliance ist hergestellt. Der Friede in der Alliance hergestellt? Wirklich, hergestellt? Wir wollen nicht auf die Gründe der plötzlichen Nachgiebigkeit Paris' eingehen; schon deshalb nicht, weil es nicht unsere Art ist, Zwietracht zu säen, auch nicht gegen Männer anderer Richtung. Wir haben gegen die Alliance als solche nicht gekämpft; stehen und standen wir doch von jeher unerschütterlich fest auf dem Boden der Einheit Israels, und ist uns doch somit der einheitliche Gedanke der A. I. U. unendlich teuer. Unser Kampf galt einem Manne wie Solomon Reinach, der keine Richtung im Judentmn vertritt, sondern es lediglich auf dessen Zerstörung abgesehen hat, und dessen Einfluß aus die A. I. U. verderblich ist und zur Vernichtung des Alliancegedänkens führen muß. Unser Kampf galt auch all denen, die aus einer jüdischen Alliance ein Institut für das Franzosentum machen wollen. Was wir wollen, muß einem jeden, der sehen will, klar und daher verständlich sein: wir wollen, daß die jüdische Alliance gut jüdisch n-ach' rcin jüdischen Prinzipien und rein jüdischen Interessen arbeiten und wirken soll. Ties verlangen wir von einer jeden jüdischen Institution und erfüllen damit nur die Aufgabe einer jüdischen Presse, die diesen Namen verdient. Und nun ist der Streit der Pariser Zentrale mit der D. C. G. beigelegt, Paris >vird Berlin soviel und soviel Prozente von den Mitgliedsbeiträgen der deutschen Juden zur Verwendung für Wohltätigkeitszwccke nach eigenem Ermessen überlassen. Soll dies aber alles sein? Soll damit der endgiltige Friede in der Alliance wirklich schon hergestellt sein? Sind denn wirklich mit den paar Groschen alle Mängel der Alliance aus der Welt geschafft? Bloß des bischen Geldes wegen für Unterstützung russisch-jüdischer Auswanderer haben die Männer von der D. C. G? den Streit mit der Pariser Zentrale nicht geführt; verleugnet doch selbst der notleidende, unterstützungsbedürftige russische Juden seine jüdischen Grundsätze des Geldes wegen nicht. Wohl wird der eine oder andere sich nicht recht klar bewußt gewesen sein, um w a s sich eigentlich der Streit dreht. „Vielleicht die gekränkte Ehre", „vielleicht gar das bedrohte - Rr. 3 Deutschtum" . . . ..' Allein wir glauben annehmen zu dürfen, daß es den meisten Männern der D. C. G. in erster Linie um die von der Pariser Verwaltungspraxis bedrohten jüdischen Interessen zu tun war. Und gerade die Uneigennützigkeit und das Hochhalten der Fahne des Judentums sind es vor allein, die die moralische Ueberlegenheit der D. C. G. über die Pariser Zmtrale vor aller Welt gezeigt und den Machthabern an der Seine den Weg zum Einlenken gewiesen haben. So, nur so sind die widerspenstigen Geister in Paris zu besiegen! Paris weiß, um was es sich handelt. Paris weiß . . . Sollte es aber noch immer eine klare Vorstellung von seinen Pflichten gegenüber dein Judentum nicht haben, so müssen diese ihm klar gemacht werden. Sogar ein extrem liberaler Mann wie Claude Montefiore führt Klage über die unzulängliche Religiosität und das unzulängliche Hebräisch in den Allianceschulen. Paris muß auch mehr Respekt für die öffentliche jüdische Meinung beigcbracht werden. Paris muß seine verderblich e Politik geg enü b e r der I u d c » h e i t und dem Judentum endlich aufgeben, eine Welt-Organisation, eine Alliance Jsraelite darf sich nicht in den Dienst einerklein e n und immer kleiner werdenden A s s i in i l a n t e n k l i q u e, die bewußt das Verschwinden Israels betreibt, stellen. Paris muß . . . allein, solange Männer ä la Saloinon Reinach an der Spitze der A. I. U. stehen, ist nichts zu wollen. Daher m u ß in erster Linie darauf geachtet werden, daß in die Leitung Männer von echt jüdischem Gefühl n II d j ü d i s ch c Nl Wissen kommen. Ist dies zu erwarten? Vielleicht beginnt durch diesen Streit Paris' Genesung . . . Vielleicht betritt die A. I. U. nun den Weg der Rückkehr zum Judentum . . Jedenfalls kommt es dabei viel auf den guten Willen und die Festigkeit der D. C. G. an, gar viel, sehr viel! Berliner Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Die jüdische Jugend tritt hjer immer mehr in den Vordergrund des Interesses. Wobei sie nicht bloß Objekt bleibt, sondern selbst ihren Weg sucht und die sie beherrschenden Stiinniungcn kundgibt. Diese Emotionen sind naturgemäß verschiedenartiger Richtung. Die großen gegensätzlichen Strömungen, die das Judentum der Gegenwart durchfluten, erfassen auch die jugendliche Generation und ziehen in ihrer Mitte sich durchkreuzende Kreise. In erster Linie wirken dabei die nationaljüdische Anschauung und deren Gegnerschaft. Im hiesigen Verein der von den Bnei Brith- Logen aus'gegangenen „Jüdischen Jugendbundes" führte dieser tiefe Gegensatz zu einer Spaltung. Die Antizionisten traten aus und begründeten einen neuen, liberal-jüdischen I u g e n d v e r e i«, der den Zionismus als eine „Gefahr für die jüdische Jugend" mit aller Kraft bekämpfen will. Um diesen Angriff abzuwehren, veranstalteten die verschiedenen national-jüdischen Inge ndvercine diesen Montag eine grüße öffentliche Versammlung im „Ticrgartenhof," die einen sehr stürmischen Verlauf nahm. Der große Saal und die Galerie waren überfüllt; die Zahl der Teilnehmer wird auf etwa 1800 geschätzt, die während der ganzen, bis spät nach Mitternacht dauernden Versammlung von laut bekundeter Erregung ergriffen war. Richard Licht he im betonte als erster Redner die erzieherische Wirkung des Zionismus, der in der jüdischen Jugend Selbstbewußtsein und Stolz auf das Judentum wecke. Die jüdische Jugend entferne sich immer mehr den bisherige» im Judentunk herrschenden Richtungen und finde Zuflucht im Zionismus, der sie mit dem jüdischen Volke verknüpfe. Theobald Schalem, vom Turnverein ,Mar - Kochba," hob dann die Bedeutung der physischen Regeneration der jüdischen Jugend hervor. Ms dritter Redner sprach Hans Goslar, der die Tätigkeit der liberalen Juden kritisierte und das Echt-jüdische allein im Nationaljndentum erblickte. . In der anschließenden Diskussion legte zunächst Rechtsanwalt Wert he im ausführlich den antizionistischen Standpunkt dar, wonach der praktische und theoretische Zionismus eine Entfrem-