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Neue jüdische Presse · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland, und Lesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— «—_____-» rKtioir «nd chekchäftsfl Srsnkfurl a. M„ Telefon 10507. svEgeker: Katiz Jnsertions preise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Dorschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. Freitag, den 20. Tewes 5671 (20. Januar 1911). Nr. 3. 9. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Lord Swaythling. — Der Friede in der Alliance. — Berliner Brief. — 3. Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und Literatur. — W o ch e n - K a l e n d e r. — Familiennachrichten. Lord Swaythling. London, 16. Januar. Tounerstag Abend ist hier Lord Swaythling gestorben. Tie traurige Nachricht vom Ableben diese» Großen in Israel traf die englische Judenheit unerwartet, obwohl Lord Swaythling bereits das 78. Jahr überschritten hatte. Bis kurz vor seinem Tode erfreute er, sich einer ausgezeichneten Gesundheit. In den letzten Parlamentswahlen erließ er noch einen Aufruf an die jüdischen Wähler. in dem er sie ausforderte, als freie Bürger für die Kandidaten ihrer politischen Anschauung zu stimmen, und durch den es ihm gelang, den Schaden gut zu machen, den Lord Rothschild durch seinen widersinnigen Ausruf an die Juden, für die konservative Kandidatenliste zu stimmen, verursachte. Vor ein paar Wochen führte er noch den Vorsitz in einer Versammlung der Federation of Synagogues, die seine Schöpfung ist, wo er seine bekannten Angriffe ans den neuen Religionsstifter Claude Montefiore wiederholte und die nötigen Vorbereitungen für das Engagement eines Oberrabbiners seiner vereinigten Gemeinden traf. Lord Swaythling gehörte zu den seltensten und ausgezeichnetsten Erscheinungen im Judentum. Er war eine zweite Ausgabe von Mayer Amschel Rothschild, dem Begründer der Rothschild-Tynastie. Aber es war keine stereotype Ausgabe, sondern eine moderne Ausgabe und, noch mehr, eine Luxus-Ausgabe. Eine Luxus-Ausgabe sowohl in Bezug auf Intellekt, Charaktergröße, Treue zum Judentunc, als auch in Bezugauf materiellen Erfolg und die Bedeutung der von ihm gegründeten Dynastie. "Er war der Sohn eines Uhrmachers und Juweliers in Liverpool, der ihm aus seinen Lebensweg sowohl in materieller als erzieherischer Hinsicht herzlich wenig mitgcgebcn hatte. Tie Familie stamnlte ursprünglich aus Äecklenburg-Strelitz; sie war aber schon seit drei Generationen englisch. Von einem Rassenstandpunkt betrachtet, war sie nicht rein jüdisch, da die Großmutter Lord Swaythliug's, die Tochter eines Farmers in Dorset, zum Judentum übcrgctrcten war. Montag« Samuel oder Samuel Montag», wie ihn sein Vater später nannte, hatte keine Neignng für das väterliche. Gewerbe- und zog es vor, als Angestellter in einer Bank zu dienen. Wieso der Bankangestellte dazu kam, nach wcuigcn Jahren selbst eine Bank zu eröffnen und wieso diese Bank sich nachher zu einer der größten Firmen in der'Londoner City entwickelte, ist dem Publikum wenig bekannt. Was jedoch wohl bekannt ist und was auch für uns viel wichtiger ist, ist der unbescholtene Ruf, in dem die Firma und ihr Begründer stets gestanden haben. Man wußte, daß Samuel Montag« ungeheuer reich war; aber man gönnte ihm seinen Reichtmn, denn ein jeder fühlte, daß er auf ehrlichen!, redlichem Wege erworben wurde und die Frucht von schwerer Arbeit, gepaart mit Finanz-Genie, ist. Ter Mann galt allgemein als zu geradlinig, geradlinig ad absurdum. Aus seinen Namen fiel kein Stäubchen, auch nicht zu einer Zeit, als die Presse und die öffentliche Meinung es gerne hatte, sich mit den jüdischen Millionären und der Herkunft ihres Reichtums zu beschäftigen. Es Ivar nach dem „siegreichen" Buren-Kricg, als das nationale Gewissen auf einmal erwachte und über das Angerichtete erschreckend, im natürlichen Streben nach Selbstreinigung nach einem Sündenbock suchte, auf den alle Schuld äbgeladcn werden könnte, und den Sündenbock «rußten natürlich diejenigen liefern, deren geschichtliche Mission es zu sein scheint. In dieser Hetze auf die jüdischen Millionäre wagte sich mancher dreiste Skribent sogar an die Rothschilds heran; doch auf den Namen Samuel Montag« siel kein Hieb. Montagu heiratete eine Nichte Sir Moses M ontcfiore's, die ihm zehn Kinder gebar, von denen der älteste Sohn, ein Schwiegersohn des sel. Colonel Goldsmid und Tirektor der Firnia Samuel Montagu & C o., mit der Uebernahme des Titels auch die Traditionen seines großen Vaters zu übernehmen und die jüdischen Angelegenheiten in seinen! Geiste zn führen scheint. Ein anderer Sohn ist Parlamentsmitglied; der jüngste, der noch sehr jung ist, war früher Sekretär des Ministerpräsidenten A sg u i t h. und ist jetzt Vize-Minister für Indien. Eine Tochter ist die bekannte the Hon. Miß Lily H. Montagu, die die rechte Hand von Claude Montefiore ist, mit dem sie arc Jesus-Manie und Reform - Judentum leidet und zu den aktivsten Vorkämpfern für die neue Gemeinde gehört. Ein Neffe und ein Partner der Firma ist der Minister Herbert Samuel, der an der Spitze des Post- und Telegraphenwesens steht. Alle Mitglieder der Familie nehmen regen Anteil an jüdischen Angelegenheiten und gehören, mit winzigen Ausnahmen, der orthodoxen Richtung an. Lord Sivaythling spielte eine gewaltige Rolle im öffentlichen Leben Englands, insbesondere aber Londons. In allen ökonomischen und Finanz- Fragen galt er als eine Autorität, niit der man rechnen mußte. Sein Rat war auch von seinen politischen Gegnern gesucht. Auch konservative Minister hielten es nicht für unter ihrer Würde, sich von ihm in allen Fragen, in denen er als Expert bekannt Ivar, unterrichten zu lassen. In der Leitung der Angelegenheiten der City, der Hochburg des Kvnservatismus, gehörte er zu den prominentesten Figuren, auf deren Meinungen man großes Gewicht legte, wenn man sie auch bekämpfen zn müssen glaubte. Seinen politischen Anschauungen nach war er Free Trader und liberal und erfreute sich einer großen Beliebtheit bei der liberalen Partei, bei der er besonders deshalb persona grata war, weil er ihr sein ganzes Leben lang mit beispielloser Treue diente. Tie Juden, die vor 40 oder 30 Jahren sich in dcn politischen Kampf der Parteien stürzten, waren notgedrungen ausnahmslos Liberale. War ja ihre Zulassung zum politischen Leben des Landes überhaupt ein Geschenk der Liberalen, gegen die die konservative Partei, mit der selbstverständlichen Ausnahme von Lord Beaconsfield, mit der größten Erbitterung gekämpft hatte. Aber im Laufe der Zeit, durch ihr ferneres Eindringen in die englische Gesellschaft, mußten sie sich deren Ansichten, die natürlich von ihren Interessen bedingt sind, anschließen und gingen ins konservative Lager über. LordSwaythlina blieb ein begeisterter Anhänger der liberalen Politik; seit 1885 vertrat er das Judenviertel Londons im Unterhaus. Im Jahre 1900 verzichtete er auf die Kandidatur zugunsten seines Neffen S t u a r t S a m u e l, der seit damals diesen Bezirk ununterbrochen vertritt. Er erhielt im gleichen Jahre den Titel „Sir" und wurde vor zwei Jahren zum Peer erhoben, wobei er den Namen „Swaythling", der seiner» Gute bei Southampton eigen ist, wählte. Er zog sich dann von der Leitung der Firma zurück; aber er hörte nicht auf, sich für alle jüdischen und allgemeinen Interessen in gewohnter Weise zu betätigen. * Biel mehr als das englische Volk verliert das Judentum durch das Mlcüen Lord Swaythlings. In einem Geschlecht der Epigonen sind Persönlichkeiten wie Lord Swaythling sehr

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