Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5 Nr. 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Von einigeil Reichsratsabgeordneten ist auch der Plärr ansgegangen, daß eine Massendeputation von Schänkern beim Monarchen in Audienz-erscheinen solle, In Schänkerkreisen wird hierfür sehr lebhaft agitiert. Lemberg. Der „Gazeta wieczorna" zufolge soll die wiederholt verschobene Enquete in Angelegenheit dx.rgalizisch e nJJud e n n o t endlich für den 23. Januar einbernfen werde». Rußland. Petersburg. Die Dumakom Mission hat dieser Tage die Vorberatungen über die Vorlage betreffs. Einführung k o in in unaler -Selbstvcrw a l t u n g i n P o l e n zu Ende geführt. Vor der endgültigen Abstiminnng über die gesainte Vorlage verlangten Friedman und Petrowsky eine iwchinalige Lesung und Durchberatung derjenigen Bestimmungen, die eine Rechtseinschränknng der Inden enthalte». Abgeordneter Maslenni ko w trat mit großer Wärme für diesen Antrag ei». In seiner Rede unterzog er die betreffenden Bestimmungen einer scharfe» Kritik und protestierte ganz entschieden Legen den geplanten Rechtsranb an den Inden. Der Antrag Friedmann-Petrowsky wurde zur Abstimmung gestellt und mit allen gegen 5 Stimmen ab ge lehnt. Diesmal waren die polnischen Abgeordneten mutiger und stimmten offen gegen den Antrag. Sonst hätten die Herren sehr leicht die Partie verlieren können: wurde doch die .Rechtseinschränkung der Juden seinerzeit mit. einer Mehrheit von nur einer Stimme angenommen. Türket. Konftantiuopel. Am 3l. Dez. feierte der jüdischnationale T n r n v e r c i n „M akkabi" das Andenken der Makkabäer mit. der Veranstaltung eines großen Turnfestes. Der Zudrang war ein ungeheurer. Die Feier begann mit der Absingung der osmanischen Nationalhymne, der die „Hatikwah", die zionistische Hymne, folgte. Nach einigen Ansprachen in türkischer, hebräischer und französischer Sprache, ergriff der Protektor des Festes, der Gouverneur von.Peru, Muhieddin Bei, das Wort; er erklärte, daß die Zwecke des Turnvereins der Regierung volles Vertrauen cinflößten und schloß mit einem Hoch auf die Konstitution, die Freiheit, den Sultan und das jüdische Volk. Die Turnübungen, die man sodann voriiahm, fanden den lebhaften Beifall der anwesenden Offiziere. — Der Verein wird demnächst unter dem Patronat des Staatsrats R e s ch i d B e j ein Fest 'zugunsten des Flottenfonds veranstalten. Persoualieu«. Kleine Mitteilungen — Petersburg. Im Abgeordneten Karaulow, der dieser Tage einer Lungenentzündung erlegen ist, hat das jüdische Volk einen seiner besten und aufrichtigsten Freunde verloren. Seit Wladimir Solowicw kannte Rußland keinen zweiten Mann, der wie Karaulow niit so inniger Verehrung an Juden..und Judentum gehangen hat. Karaulow war der erste, der die Gefetzesvorlage wegen Abschaffung des Ansiedluugsrayons unterschrieben hat, und hätte demgemäß bei der Beratung der Vorlage als erster das Wort hierzu ergreifen sollen. Für diese Aufgabe bereitete er sich sehr gründlich vor. Seit Monaten bc schästigte er, sich säst ausschließlich mit dem Stu dium der Judenfrage. Die russische Jndenheit hatte mit großer Spannnng die Rede des wegen seiner Per sönlichen Eigenschaften auch von den politische» Geg nern ungemein geachteten Volksvertreters erwartet. Odessa. Der wahrend der Ausschreitungen der antisemitischen Studentenschaft von einem immatrikulierten Mordbuben meuchlings verwundete jüdische Stu-dent Jglitzkh ist nach vierzehntätigen schweren Leiden verschieden. Jglitzky war erst 18 Jahre alt. Dieses Jahr hatte er das Gymnasium „mit goldener Medaille" absolviert und konnte so trotz der „Prözentnorm" sofort guf die Universität aufgenomrnen werden. Mit der'Politik hatte er absolut nichts zu tun. Er kannte nur zwei Leidenschaften: die Wissen schaft und die Musik. Paris. Freitag ist hier Baronesse Eleonora de Rothschild, die Gattin des Barons Alphons de Rothschild, gestorben. Sie war 74 Jahre alt. Die Verstorbene, eine in den aristokratischen Kreiseit Frankreichs sehr bekannte Persönlichkeit, die insbesondere zur Zeit des letzten Kaiserreichs eine große Rolle gespielt hat, war eine Schwester des Lord Rothschild Mathaniel Mayer) in London. Sie hinterläßt drei Kinder: Baron Eduard, Baronesse Albert (die Gattin des Barons Albert Rothschild 'in Wien) und Madame Maurice Ephrussi. — Ain gleichen Tage ist. ihr -Enkelkind, Alphons de Rothschilds, Sohn des. Barons Eduard, vier Jahre alt in Paris an Blinddarmentzündung gestorben.. London. Major a. D. A. Levy Lever, ParlainenlSinitglied Charles .S. H e n r y und Parlamentsmitglied Herbert H. Raphael wurden in den B a r o n e t st a n d und Joseph Lyons in den R i t t e r st a n d. erhoben. G leniffefon. Aus der Zukunft. Don Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Ihm war, als befinde er sich auf offener See in einem Schifflein, klein wie ein sogenannter Seelentränker. Er war ganz allein, und die schäunieiiden Wellen gingen hoch, und immer, wenn sein Schifflein hoch oben mi? einer Woge sich befand, dann konnte er weit hi» schauen, weit, weit, in ein fernes Land, wo breite Ströme grüne Fluren durchzogen. — Aber die Ströme waren rot, blutigrot, waren schäumendes Menschenblut, das selbst das Meer blutig färbte, in das sich die Ströme ergossen. — Und die grünen Auen waren bedeckt mit Teilen von zerschmetterten Menschen, Arme, Beine, Schüdelknochen bedeckten meterhoch die Fluren, und das Heulen und Zühneklappern gemarterter Menschen übertönte noch das donnernde Brausen des Meeres. Namenloses Entsetze» erfüllte seine Brust, wimmernd streckte er die Arme aus, aber — Gott im Himmel! ivarrn denn das seine Hände? seine Manneshände, die er ausstreckte? — Das waren bic' Hände eines kaum zweijährigen Kindes, dessen Bild'ihm Egon geschickt hatte — Gott im Himmel! -- Und was war denn jenes dort, das sich hernnterwälzte von jenem hohen Felsen, der sich unmittelbar vor dem Meere erhob? — Lawinenartig wälzte cs sich-herunter, wachsend, nnanfhörlich wachsend! — Gott im.Himmel! Das war keine Schncelawjne, das war eine Lawine von zerschmetterten Menschenreste»! — Arme, Beine, Schädelknochen rollten ins Meer, in das unermeßliche Weltmeer, das voll von diesen grauenvollen Meiischentrüniiiiern ward, so voll, daß das Schisjlein, in dem der kleine Knabe sich befand, von der im Meere lvogenden schaucrovllen Masse erdrückt ward und hinunter sank in die Tiefe. Mami! Alaun! hörte er noch ein seines Stimmchen wimmern, dann war alles vorüber. In kaltem Schweiß gebadet, schlug er die Augen ans, ohne im ersten Augenblick sich klar zu sein, wo er fich befand, das Entsetzen des grauenvollen Traumes zitterte in ihm nach. Doch die Sonnenstrahlen durchfluteten bereits sein Stübchen und mahnte» ihn, daß es an der Zeit war, sein Tagewerk zu beginnen. Als die Vorrlesungen an der Universität vorüber waren, machte er sich an die Beantwortung des gestern erhaltenen Briefes und schrieb an Egons Vater. Schon nach wenigen Tagen erhielt er Antwort. Egons Vater sandte ihm Empsehlungcii an mehrere seiner Bekannten und auch Verhaltungsregeln, damit ec mit den russischen Behörden nicht in Konflikt gerate. Er warnte ihn auch, sich allzu große Hoffnung zu »lachen auf das Getingen seines Planes,' selbst wenn er vielleicht von Leuten für den Sohn eines Bekannten gehalten werden sollte, da zuweilen anch zwischen einander ganz Fremden auffallende Aehnlichkeii Vorkommen könne. Hoffend und zagend trat Jakobson zu Beginn der Ferien seine Reise an. Er wollte, dem Rate Doktor HoffmannS entsprechend, sich zuerst „ach Bjelostok wenden, da in der Großstadt ein größerer Zusammenfluß von Menschen mehr Aussicht biete, von einem derselben erkannt zu werden. Als er die rassische Grenze überschritten und zu,n ersten Mal jene seltsam dumpfen slavischcn Laute vernahm, fiel es ihm seltsam schwer auf's Herz, irnd er mußte beständig an seinen Traum denken und blickte unwillkürlich 'hinunter auf das Wasser, an denk die Bahn sich vorüberschlängelte, auf dem die Soiiiienstrahlen glitzernd fich brachen. — Nein, es war iricht blutig gefärbt, vielleicht war es doch besser geworden — vielleicht, aber das Atmen ward ihm schlver, seit er die schwarzwcißen Pfähle hinter sich hatte. * Vier Woche» ivaren bereits verstriche». Die Hälfte der Zeit hatte er in Bjelostok verbracht, die andere Hälfte in den jüdischen Gcineinden ringsum. Tag für Tag hatte ec die verschiedenen Synagogen besucht, hatte sich in den meist von Juden bewohnten Gasse» lind Plätzen quasi zur Schau gestellt, immer in der Hoffnung, es werde jemand auf ihn zukoiilmen »nd ihn srageir: „Heißen Sie nicht so und so?" oder „Sind Sie nicht der Sohn von dem »nd dem?" Doch vergebens, nieinaiid hatte sich nach seinem Namen erkundigt oder ähnliches Interesse für ihn gezeigt. Die Einpsehlnngsschrciben des Doktor Hofsinanii hatte er abgegeben, war von den Betreffenden frenndlich empfangen, war auch wohl zu Tisch geladen worden, im übrigen wußte ec selbst nicht, was er noch von ihnen hätte erwarten sollen. Bon Tag zu Tag sank seine Hofsnnng mehr und mehr, jeder Brief an seinen Freund Egon lautete trostloser, denn er erkannte mehr und mehr,' daß er jeder Hossnung, die Geliebte zu erringen, entsagen iiiußte. Gegen Ende der fünften. Woche entschloß er sich endlich zur Abreise, sein Bleiben hatte keinen Zweck mehr. Er.befand sich in N., dem Ort, an dem im\u ihm, wie ihm gesagt worden war, gefuiiden hatte. Er war uugesähr drei Stunden von der nächsten Eiselibahiistatioii entfernt und hatte einen leichte» Wagen geiiominen, der ihn zur Station bringen sollte. Der Tag war ungewöhnlich schwül, Jakobsons Wirtin hatte schon bei seiner Abreise die Lefiirchtnng ausgesprochen, er könne durch ein Unwetter unterwegs überraschk werden, denn, wenn die Sonne schon am Morgen so steche, dann gebe es gewöhnlich etwas. Dem hatte der Kutscher entschieden widersprochen, er werde den Herr» noch trocken zur Station Doch kaum waren jic eine halbe «tiliide gefahren, als der Himmel sich mit dunkeln Wetterwolken überzog. Der jüdische Rosselcnter machte seine Benierkniigcii darüber, sein Fahrgast beachtete dieselben jedoch nicht, düster sinnend blickte er vor sich nieder, was kümmerte ihn ein drohendes Ungewitter? und wenn es ihn zerschmettert hätte, er hätte wenig dagegen cinziuveiide» gehabt: — lag doch seine Zukunft so schal, so trübe vor ihm, daß es ihm. wie er wähnte, vollständig gleichgiltig war, was mit ihm geschah? Jetzt hatte sich ein Wirbelsturm erhoben und trieb den Staub der Heerstraße in tollem Wirbel vor sich her. Der Kutscher schob seine zottige Mütze allf dem Kopfe hin lind her und brückte sie fester an,, daß der Sturm sie ihm nicht entführe. „Das Weiberl daheim war doch gerecht gewesen," sagte er, „es klaubt sich was zusammen." Jakobson erwiderte nichts, hatte die Bemerkung vermutlich nicht einmal gehört. Doch plötzlich erscholl ein laut krachender, lang anhaltender Donner, als ob die Erde in ihren Grundvesten erbebte. — Jetzt endlich fuhr anch der Grübler in die Höhe »nd blickte, wie verwirrt um sich. Der Rosselenkcr saß, sich schaukelnd, ans seinem Bock und sprach laut de» beim Donner üblichen Segenspruch. Flüsternd sprach auch Jakobson denselben. „Sind wir bald bei der Station?" wandte er sich fragend an de» Kutscher. „Was fällt Ihnen ein? Viele Stunden haben wir noch bei so 'nem Wetter, — das Roß kann doch nicht weiter!" Helleuchtende Blitze suhren im Zickzack hernieder und dazwischen der laut rollende Donner, es war ein grauenvolles Unwetter aus der verödeten Heerstraße. „Sch'ma Jisroel!" schrie der Kutscher und. bemühte sich vergebens, das sich auf die Hinterbeine stellende Pferd zit »icistern. „Ist kein Wirtshaus in der Nähe, wo wir einkehren könnten? fragte Jakobson. „Nein, Wirtshaus gibt'» hier keins," stammelte der Rosselenkcr, zitternd vor Anstrengung, „aber so gehts iiiiiliner — drüben ist das Anwesen des Herrn Aronowitsch — dort müsscii wir einstellen. — Steigen Sie ab, Herr — das Roß will nicht herum." Jakobson befolgte den Rat, er sprang hinunter, der Kutscher tat desgleichen, und nun gelang es ihm rasch, das vor Schrecken zitternde' Pferd zu beruhigen und zum Umweiiden zu bewegen. In kaum zwei Minuten hatten sie das erwähnte Anwesen erreicht, aber der Regen floß bereits in Strömen. Der Kutscher schien hier bekannt: ohne weiteres stieß er die Einfahrt auf. „Gehen Sie nur in's Haus, Herr, hier nimmt nian einen jeden ans, und nun gar bei solch eiilem Wetter." (Fortsetzung folgt.) „Zu Geschenken eignen sich meine OvernglLser, Feldstecher.Lorgnons.Barometer. Thermometer. Brillen, PIncenez; Spezialwerkstätte kür Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Pbhfikalische Lehrmittel" „I. W. Albert. Inh. Paul Waudrreyi, Haus Neptun, Ecke Reue Mainzerstr. und Weißfrauenstr. H. Tel. 7254, Amt I." f. C. jStrubberg & Co. 25 Neue Mainzerstrasse 25. Spezial-Geschäft!Qr elegante Damen- Wäsche- ■■■ ' Kunst und Literatur. „Libanon, exegetisch h-omilekischer Kommentar zu den Psal men" von Robb. Josef Nobel in .Halberstadt. I. Teil. (Ps. 1—73. öHO S., gr. so.) ' Ein Buch, das Lehrern und Predigern ungeiuein nützlich sein kann, und das in Inhalt und Fori» dazu angetan ist, jüdisches Volksbuch zu werden. Jedes Kapitel ist zuerst in seiner allgemeinen Tendenz bezeichnet und sodann Vers für Vers eiiizel» durchgeiiommen, sodaß die Einzclverse sich dem Gesamtinhalt möglichst ungezwungen eingliedern, - und über diesem Gliedcrban schivebt der Geist des königlicheil Länger». Mit dem