Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seitet. Frankfurter FsraÄktischLZ FcmtilienblaÜ. SK. 2 . der dem Manne erlaubt sei, was gefällt, dem Weibe, was sich ziemt, müsse fallen. Mich der Mann lerne Beherrschung, und die Juden mögen wieder wegbahnend vorausgehen und eingedenk sein, Latz sie ein Volk der Priester sind. Den Menschen zur größten Vielheit und' zur größten Einheit zu bringen, sei das Endziel aller Erziehung. -(Schluß folgt.). Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Generalve'sammlunaen der Israelit. Reli gi o ns g esellsch aft zeugen stets davon, daß in keiner' zweiten jüd. Grotzgemeinde Deutschlands auch nur annähernd so großes jüdisches Interesse wach ist wie hier. .Aber .diesmal wurde der stets gewohnte zahlreiche Besuch '/Bei weitem übertroffen; tit der großen Turnhalle . her Jsr. Realschule war kein Plätzchen und kein Eckchen ' mehr frei geblieben; es schien, als ob kein Mitglied der Gemeinde es hätte versäumen wollen, seine Stimme in die Wagschale zu legen. Und doch, — wer diese Menschen liebt, liebt, weil er in ihnen unendlich vielen guten Willen kür die Erhaltung des Judentums sieht, mußte von einem Gefühle der Wehmut beschlichen werden, der Wehmut darüber. Laß dieser gute Wille in seiner Betätigung nicht beeinflußt wird. Denn man spürt in der Masse der Religionsgesellschaft dieses Ärachliegen. Nur so ist der Ruf nach einer Aenderung der Gemeindeversassung zu verstehen, mit der man sicherlich auch weiterhin zufrieden gewesen wäre, wenn sie nicht eben den Blitzableiter für die, instinktiv vorhandene, Unbesriedigung abgeben müßte. Besserung verspricht jedenfalls eine erhebliche Vermehrung der Verwaltung, denn die jetzige geringe .Zahl der leitenden Männer bedingt eine gewisse Einseitigkeit. Dr. Roos, der Vorsitzende, eröffnete die Gene r a l v e r s a m m l u n g und verlas den Bericht. Der Bericht gedenkt des Vorstandsmitgliedes Wilhelm Hackenbroch und der ferner verstorbenen verdienten Mitglieder Hermann Lehmann, Adolf Rothschild, Moses Schwab, Scligmann Mosbacher, Moritz Lewin und Gottschalck Engelbert. Der Bericht geht sodann auf den Statutenänderungsentwurf ein. Die Kommission habe die Bedenken der Verwaltung gegen die Aenderung anerkannt und die Zurückziehung des Entwurfs beschlossen. Der-'Bericht konstatiert ferner: Der vorjährige Appell an die Mitglieder, ihre Beiträge zu erhöben, ist auf fruchtbaren Boden gefallen, denn um 14 000 Mark sind die Beiträge erhöht worden. Die Gemeinde erhielt u. a. folgende größere Zuwendungen für sich bezw. für ihr unterstehende Institutionen: Hermann Cramcr, Leo Wreschner, Lazarus Klan, Wilhelm Hackenbroch und Dina Rosenberger Wwe., Max Joseph, M G. S. je 1000 jt, Adolf Stern, "Louis Feist ie 2000 JL, Adolf Rothschild 2500 JL, Seligmann Mosbacher-Stiftung, Jakob u. Henriette Besthoff-Stiftung je 3000 JL, David Goldschmidt Seferthora mit. Garnitur usw. ,usw. Die Rechnung schließt ohne Defizit ab, da die 24000 JL Mehraufwendungen nach der neuen Lehrerbesoldungsskala erst mit dem 1, April begannen. Aus der Rechnung seien hervorgehoben: 62 000 JL Einnahmen für Sesselmiete und 14 000 JL Zuschuß für. die Realschule bei einem Etat von 170 000 JL Kommerzienrat Louis Feist nimmt nunmehr das Wort, um-als Vorsitzender der Statutenberatungskommission über deren, bereits durch den Bericht bekannte Entschließung des nähern zu berichten. ' Es entspinnt sich nun eine sehr lange Diskussion, die sich über die Frage der Statutenänderung verbreitet. Wir berichten nur das Wesentlichste. Moritz A. Locb bemängelt, daß die vor 5 Jahren eingesetzte Kommission, nachdem sie nach 1i/sjähriger Tätigkeit den Entwurf fertiggestellt hatte, 2 Jahre lang ohne Antwort seitens der Verwaltung gelassen wurde und beweist dann, daß von einer Mehrheit in der Kommission für den Beschluß nicht gesprochen werden kann. Er sucht, an mehreren Bei spielen die Notwendigkeit der Statutenänderung dar zutun. So würde die Sorge um das Defizit schwin den, wenn die. freiwillige Einschätzung aufgehoben würde. Auch sei es nicht mehr zeitgemäß, daß Beamte keine Ehrenämter in der Gemeinde einnehmen dürfen. Auch sei an Stelle der Generalversammlung ein ständiges größeres Gremium, das zwischen Ver waltung und Gemeinde steht, heute notwendig. Kommerrzienrat Louis Feist weist u. a. nach, daß der endgültige Beschluß der Kommission mit Majorität gefaßt wurde. Jakob Wolfs: Wie in der Gemeinde, seien in der Verwaltung zwei Strömungen. Friede werde ' erst mit der Abänderung der Statuten geschaffen. Max Joseph: Die Verwaltung, die allein 20 Kommissionen vorzustehen hat, sei heute überlastet und deshalb Statutenänderung notwendig. „ Aron Moses Schwarzschild spricht gegen die Aenderung, Rechtsanwalt Dr, Schwarzschild dafür. Nachdem Moritz A. Loeb noch einmal ^gesprochen hat, erhält Jak ob Rosen heim als. letzter Redner das Wort. Ueber den AntragLoeb sei eine Abstimmung unmöglich/ da-er nicht statutengemäß ei «gebracht worden sei. Heute sei noch nicht die Zeit der Kämpfe, demi noch sind ringsuin Feinde, die jede Gelegenheit benutzen, die friedliche Entwicklung der Religionsgesellschaft zu verhindern. Es gelangt nunmehr die Interpellation Martin Levigard, „was der Vorstand gegen die ständige, aller religionsgesetzli chen Begründung entbehrenden Bekämpfung des Zionismus seitens des Rabbiners von der Kanzel herab 'zu tun gedenke" zur Verlesung. Der Interpellant konnte nicht zu Wort kommen, da er, ohne daß der Vorsitzende ihm Ruhe verschaffte, niedergeschrien wurde. - Seitens des Vorstandes erwiderte Dr. R o o s, die Anfrage beruhe auf einer Verkennung der statutarisch bestimmten Kompetenzen der Gemeindeverwaltung und des Rabbiners und könne daher eine meritorische Beantwortung nicht finden. Nach 8 32 der Satzungen sei dem Rabbiner die Fürsorge für die Erkenntnis des Religionsgesetzes anvertraut und er sei für die auf der Kanzel von ihm nach bestem Wissen als Lehre des Judentums verkündeten Ansichten lediglich seinem eigenen Gewissen, nicht aber dem Vorstande verantwortlich. Der Vorstand habe daher keine Veranlassung und kein Recht, zu diesen Anschauungen vor dem Forum der Generalversammlung irgendwie sachlich Stellung zu nehmen. Es wurde nunmehr.zur Wahl geschritten. Von den anwesenden 410 Mitgliedern hatte wegen der vorgerückten Zeit bereits ejne Anzahl den Saal ver lassen, sodaß nur 330 Mitglieder abstimmten. Es wurden in den Vorstand gewählt: Sanitätsrat Dr. Rosen bäum (270 Stimmen), Jak. Rosenheim (308 Stimmen)'und in den Ausschuß: Michael Schwarz schild (318 Stimmen) und ^arcus Hirsch (242 Stimmen). Frankfurt a. M. Bekanntlich sind die Anstellungsmöglichkeiten für Juden bei unserer freisinnigen Stadtverwaltung nichj leichter als svie bei irgend einer konservativen Stadtverwaltung Norddeutschlands. Und das, trotzdem grade die Stadt Frankfurt dem Gemeinsinn ihrer jüdischen Bürger unendlich viel zu verdanken hat. Es war deshalb eine verdienstvolle Tat des Stadtverordneten Goll, in : der letzten Stadtverordnetensitzung diesen wunden Punkt herzhaft angefaßt zu haben. Er sagte näinlich in seiner Rede:. Jnbezug auf die Schulen seien "ihm verschiedene Klagen zugegangen, daß der Magistrat es an der nötigen Parität fehlen lasse. So sollen jüdische Schülerinnen, nur sehr schwer Eintritt in das städtische Lehrerinnenseminar erhalten können: Ich unterlasse cs dabei — fuhr der Redner fort — darauf hinzuweiseu, daß zweifelsohne nicht unwesentliche Summen bei der Begründung .und Erhaltung vieler gemeinnütziger und wohltätiger Anstalten seitens unserer Mitbürger israelitischer Konfession beigetragen worden sind und werden. Ich erkläre es für ein Unrecht, denn die Studienanstalt und das Lehrerinnenseminar werden von der gesamten Bürgerschaft erhalten und dazu gehören auch ohne Zweifel doch unsere israelitischen Mitbürger. Diese Zurücksetzung ist aber um so ungerechter, als die beiden israelitischen Realschulen von den jüdischen Gemeinden erhalten, und in dieser Weise der Stadt große Summen von Ausgaben erspart werden. Ausfallend ist es ferner, daß in den hiesigen Höheren Schulen nur ganz wenige Lehrer -jüdischer Konfession — int ganzen nur 2 oder 3 — angestellt sind — an unseren Realschulen und Ober-Realschulen ist überhaupt kein Lehrer israelitischen Glaubens angestellt. — In Berlin sind dagegen an den städtischen Schulen 65 Lehrkräfte israelitischer Konfession angestellt. Ich will durchaus keine Anklage Vorbringen, ich wünsche nur zunächst, daß. der Magistrat .Aufklärung darüber gibt, ob hier keine Bewerbungen von Lehrern oder Lehrerinnen jüdischen Glaubens Vorgelegen haben. Berlin. In der Borftandssttzung des Verbandes der jüd. Jugendvercine Deutschlands wurden u. a. folgende Beschlüsse gefaßt:^ „Die Verbandsvereine werden aufgefordert, im März 1911 in geeigneter Weise des JahrhundertstageS der Judenemanzipation in Deutschland zu gedenken." „Jeder Verbandsverein hat die Pflicht, die Namen. derjenigen Mitglieder, die aus dem Orte seines Vereinssitzes weg ziehen, der Geschäftsstelle des Verbandes unter gleichzeitiger Angabe des neuen Wohnortes und der neuen Wohnug des Wcgziehenden mitzuteilen. Der Verbandsverein des neuen Wohnsitzes hat die Pflicht, den neu Hinzugezogcnen zum Eintritt zn bewegen und etwaige finanzielle Vorausleistungen in den Vereinen, des früheren Wohnsitzes 'jn angemessener Weise in Anrechnung zu bringen." Würzburg. Aus allen Teilen unseres deutschen Vaterlandes waren zum Bundestag des B. I. A. die Bündesbrüder herbeigeeilt, um in gemeinsamer Beratung die Mittel und Wege ausfindig zu machen, die dem inneren Ausbau sowie der Propagierung seiner Idee, der Festigung der Gesetzestreue in den jüdisch-studentischen Kreisen Deutschlands, dienlich sein sollten. Mehr als 50 Bundesbrüder, Studenten und „alte Herren," nahmen an beit Verhandlungen Anteil; viele, die fortbleiben mußten, gaben brieflich und telegraphisch ihren Wünschen für den Verlauf der Verhandlungen herzlichen Ausdruck. Stürmischer Beifall erhob sich,, als der Vorsitzende die telegraphisch übermittelten Grüße der neugegründeten B. I. A. Baltimore zur Verlesung brachte. Jn den zwei Jahren seit dem letzten Bundestag, so konnte ,der Bundesvorsitzende iit seinem Bericht konstatieren, hat sich die Mitgliederzahl der V. I. A. etwa von 150 auf 225 vermehrt. Bei diesem Anwachsen hält naturgemäß die« Zahl der Studenten mit der der „alten Herren" nicht gleichen Schritt, da Semester für Semester eine nicht geringe Anzahl, von studentischen Mitgliedern ihr Studium beendet. Um auch diese Kräfte der „alten Herren," die sonst der Arbeit in den einzelnen Bereinigungen fast vollständig verloren gingen,'wieder dem Bunde nutzbar zu machen, sind in letzter Zeit besonders an. den größeren Zentren Deutschlands „Stammtische" (bisher in Frankfurt, Hamburg-Altona, Cöln, Nürnberg-Fürth) ins Leben gerufen worden. Aus den dem Berichte folgenden Verhandlungen sei nur das die Oeffentlichkeit Interessierende erwähnt: Es wurde die Anregung gegeben, eine Enquete über die einzelnen akademischen Berufe in ihrem Verhältnis zum gesetzestreuen Judentum zu veranstalten. Ferner wurde darauf hingewiesen, daß die geselligen Veranstaltungen noch zu wenig einen spezifischen B. I. A.- Charakter trügen, und die Schaffung eines eignen Liederbuchs in Angriff genommen. Jn angenehmer Weise waren' die geschäftlichen Verhandlungen durch die .Veranstaltungen unterbrochen, die die Würzburger V. I. A. dem Bundestage bot. Am Abend des ersten Verhandlungstages fand unter zahlreicher Beteiligung der Würzburger jüdischen Bevölkerung das 3. Stiftungsfest der Würzburger Bündesvereinigung statt. Im akademischen Teile dieser eindrucksvollen Feier hielt .der .Bundesvorsitzende, -Oberlehrer Dr. Joseph Carlebach-Berlin, eine von Begeisterung getragene und Begeisterung weckende Festrede, Nachdem sodann Distriktsrabbiner Bamberg er, sowie Dr. Braünschwciger und Dr. Tnchauer teils tu ernsten, teils in humorvollen Morten sich den Dank der Zuhörer erworben hatten, kam die Fidelitas zur vollen Geltung. Studentenlieder erklangen, Bierreden hielten Jung und Alt in Stimmung, - bis endlich in früher Morgenstunde die „Philister" daS Zeichen zum Aufbruch gaben. Eine humorvolle Bierzeitung bildet eine angenehme, dauernde Erinnerung an den gemütlichen Abend. Last not least sei noch die F ü h rung durch die 'Stadt Mirzburg, sowie .besonders die eingehende Besichtigung der Königlichen Residenz erwähnt, die Bbr. Freiherr von Man stein in liebenswürdiger Weise übernommen chatte. Ein Blick auf die Tagung mit all ihren Anregungen zeigt dem Beschauer, welch reges Leben in den gesetzestreuen -Kreisen der jüdisch-akademi-- schen Jugend pulsiert. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Die Sensation des diesjährigen Neujahrs-Büchermarktes ist das neueste Werk des größten ungarischen Balladcndichters, Josef Kiß: Legenden meines Großvaters. Jn der Vorrede erzählt er mit, Behagen, daß sein Ahn der wandernde Chasan Reb Mer Litwak aus Rußland war. Kiß, ein 75jähriger Greis, war in seiner Jugend Lehrer. Seine ersten Sujets waren aus dem jüdischeit Leben gegriffen. Er war aber so weil abgerückt vom Judentum, daß keiner mehr an seine Jüdischkeit glaubte. Daß nun gar der Ahnenbaum des genialsten Meisters der ungarischen Sprache im russischen Ghetto wurzelte, hätte der kühnste Phantast nicht zu glauben gewagt. , . Um eine' Zeit, da man die Grenzgendarmen gegen die russige Einwanderung bewaffnet, ist ein solches Moment» höchst wirkungsvoll. Hätte die Polizei vor 70 Jahren so gründlich gearbeitet, wäre unsere Literatur blutarm. Zioni. . Lemberg. Die unglücklichen jüdischen Schänker, die infolge der Aufhebung des Propinationsrechtes ihre armselige Existenz verloren haben, scheinen sich mit ihrem traurigen Los.nicht abfinden zu können. Aus vielen Ortschaften wird gemeldet, daß viele Schänker nach wie vor ihr Schankgewerbe betreiben, trotzdem sie eine diesbezügliche Konzession nicht besitzen. Wie verlautet, sollen die Bezirkshauptmannschaften eine Weisung erhalten haben, mit den Schänkern, die keine Konzession erhielten, zumindest im Monate Januar Nachsicht zu üben. Ferner wird von gut unterrichteter Seite mitgeteilt, daß die Statthalterei die Absicht hegt, in diesem Monat auf Grund eines neuen Konkurses weitere hundert Schankkonzessionen zu verteilen. Wie die Statthalterei versichert, sollen in diesem Falle zunächst die-annen Schänker, die dieses Gewerbe seit längerer Zeit ausüben, berücksichtigt werden,