Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Frankfurter Israelitisches Fannlienblatk. Seite 3. Bild sehen wir auch in Lodz. Von den.i3,035 Wählern gehören 155 der russischen, 5824 der polnischen (in diese sind auch alle anderen Nationalitäten hineinbezogen) und' 7056 der jüdischen Kurie an. Unter den 120 Stadträten werden aber sein: 34 Russen, 74 Polen und . . .12 Juden! Ein womöglich noch größeres Unrecht >vird durch die neue Verordnung den Juden deri jenigen Städte zugesügt, die' jüdische M a- , jorität besitzen. Dort dürfen sie, wie cri wähnt/ nur ein Fünftel Stadträte aus ihrer! Mitte wählen. Und so wird es kommen, daß in i Ortschaften, wo die Juden oft die überagende Mehrheit der Bevölker- : u n g bilden, d i e g a n z e lokal e>B e r w a l -! tung in den Händen von Nicht-In -! den liegen wird. Nur in 13 von den 57? Städten mit einer Bevölkerung unter 10,000! Seelen bilden die Juden eine Minderheit. Hini gegen besteht die Bevölkerung von 8 dieser Städte! zur Hälfte aus Juden, während in den übrigen [ 36 ' die letzteren eine Zroße Majorität bilden, j Ebenfalls von den Städten mit einer Einwohner-! zahl von 10—30,000 gibt es 15 Städte, in ‘ denen die Juden in der Majorität sind, während j sie in 7 solcher Städte etwa die Hälfte der i Bevölkerung bilden; nur in 5 Städten dieser Kategorie ist die Zahl der Juden weniger als dw Hälfte, jedoch größer als diejenige der Polen. Man könnte eine ganze Reihe ähnlicher Zahlen bringen, welche das Ungeheuerliche dieser merkwürdigen Wahlgeonictrie in das grellste Licht rücken, Aber: ist es wirklich so notwendig, daß gerade die jüdischen Vertreter gewählt werden? Es, werden doch n i ch t d i e r u s s i sch e n Bureaukraten sein, in deren Hände nun die Verwaltung geraten wird, sondern die Vertreter des „freiheitsliebenden", „toleranten" Polenvolkes! Hierüber ein anderes Mal! I o s e p h K r u k. 3. Delegierten tag des Jüdischen Frauenbundes. Es war eine stattliche Anzahl jüdischer Frauen von Ost und West von Nord und Süd, die sicb in München zusaminenfandeu, um zu berichten und zu lernen, um persönliche Beziehungen anzuknüpfen, die der Vertiefung iiud dem Ausbau der Gesamt- und Svezialarbcit von Nutzen sein soll. Das gastliche München hatte trefflich vorgesorgt und der Delegierteiiversamrulung des Jüdischen Frauenbundes ein Stätte bereitet, gemütlich und wohlig; nicht prunkvolle Feste; aber liebenswürdige Gastfreundschaft und Verständnis woben schnell ein Band zwischen Wirten und Gästen, zwischen Fremden und Einheimischen. Schon der Begrüßungsabend, eine Chauukahseier, ließ rasch erkennen, daß München als Ort für die dritte Delegicrtenversammlung -gut gewählt war. Beim zwanglosen Zusammensein mit dem Münchener Ortsausschuß am Abend, in den Räumen der „München Loge," die dem Bunde bcreitlvilligst während der ganzen Tagung für die Verhandlungen zur Verfügung gestellt worden waren, wurden die Delegierten schnell mit einander bekannt und begrüßten freudig liebgewonnene Persönlichkeiten von vorherigen Tagungen. Besonders verdienen von denr Ortsausschuß Frau Rabbiner Dr. Werner und Frl. H e i n e m a n n genannt zu werden, die sich außerordentliche Verdienste n»! die Tagung erlvorben haben. Dem Delegiertentage das Gepräge des ernsten Wollens, des vertieften Strebens gab die Eröffnungsrede der 1. Vorsitzenden, Frl; Bertha P a p p e n H e i in - Frankfurt a. M. 5 Jahre im Rückblick —. so hob Bertha Pappenheim an, — bedeuten im Zusammenfasse'» der Bundesarbeit nur ■ eine kurze Spanne Zeit; aber die Tatsache ist feststehend, daß die idealen Ziele des Bundes in der Arbeit sich nicht verflüchtigt haben. .Man hat Vertrauen zu und Achtung vor dem jüdischen Frauenbund. In sachlicher Weise vertrat er die differenzierten Franeninteressen. Die Richtlinien liegen in dem Gedanken. daß Vereinigung zur Einigung führt, daß Einigung stärkt, zur Disziplin und Organisation leitet. In Sonderbestrcbungen werde zu viel Kraft vergeudet; wir Juden 'brauchen vor allem Konzentration. So lange die Thora kritiklos anerkannt war, bildete sie den Mittelpunkt, heute bedingt die derschiedenc Auffassung die Zerrjssen- ,heit. Die Taufseuche habe zugenommen, und eine Versammlung ernster Frauen muß auch dazu Stellung nehmen. Die Frauen demütigen sich selbst und lassen sich demütigen, um nicht als jüdisch zu gelten. Die Schuld der Charakterlosigkeit und Treulosigkeit treffe nicht nur die Frauen. Die jüdischen Gemeinden, haben sich der intelligenten Truppe der jüdischen Frauen — die großen Erfolge in der deutschen Frauenbewegung sind auf sie zurückzuführen — - nicht versichert. Im jüdischen Vereins- und Gemeindcleben verlange man ihre Dienste nicht. Nicht länger sollten die Frauen es sich gefallen lassen, als „Ehrendamen" zu signieren und in Vergnügungsausschüsse gewählt zu werden. Als Arbeitsgebiet solle den Frauen die Fürsorge für das uneheliche Kind überwiesen werden. Jede Frau sollte ein soziales Konto haben, über das sie unabhängig vom Manne verfügen könne. Alle Frauen sollen und können dazu beitragen, daß der jüdische Frauenbund ein wichtiger Faktor' im jüdischen Gemeindeleben Deutschlands und vorbildlich über die Landesgrenze hinaus werde. Mit gewohnter Meisterschaft begrüßte der Ortsrabbiner Dr. Werner die Delegierten. Wenn jiidische Frauen — so sprach er — sich bemühen, an großen sozialen Aufgaben mitzuwirken, so ist das zunr Segen des Judentums. Wenn jüdische Frauen sich bemühen, der Frau der ihr gebührende Stellung in der Gemeinde zu erringen so ist das im Geiste des Judentums. Die heilige Schrift läßt Frau und Mann aus der Hand des Schöpfers Hervorgeyen, beide im gleichwertigen Ebenbilde Gottes; die heilige Schrift schmückt die Frau mit der Königsmit der Prophetenwürde. Das hohe Lied, es singt in erhabeneren Weisen das -Lob der jüdischen Frau als Schiller in dem Gedichte: „Ehret die Frauen." Vom selben Geiste erfüllt sagen unsere Weisen: „Das Haus ist die Frau" und: „Liebe die Frau wie dich selbst, ehre sie mehr als dich selbst." Die Chanukahwoche, in deren Zeichen wir stehen, feiert Chanukah, die opferfreudige Mutter, die Juda Makkabi ebenbürtig zur Seite steht. Ohne die jüdische Frau, die Behüterin des reinen Familienlebens,' wäre Israel in den Zeiten des Unglücks zur Verzweiflung gelangt. Ergriffen und erhoben haben uns alle die Worte der verehrten Vorsitzenden, die das Programm des jüdischen Frauenbundes enthalten haben. Aus dieser Rede leuchtete der Geist einer seiner Würde. sich bewußten Persönlichkeit. Voll Dmrkbarkeit ist die Bewegung in einer Zeit zu' begrüßen, in der die. verschiedenen Strömungen eine Zerrissenheit im Judentum hervorbrinecn. Wir begrüßen de» Jüdischen Frauenbund als einen Bund tüchtiger, nach Edlem strebenden Frauenseelcn. In , ihrer Mitte leuchtet die Liebe zum Judentum. Mit Recht hat die Vorsitzende darauf hingeiviescn, daß jüdisch- Frauen mehr Schuld haben, wen» Abfall und Gleichgiltigkeit iw miscrn Reihen znnehmen als der Mann. Jüdische Frauen sollen sich nicht geehrt fühlen, wenn Andersgläubige sie dulden, sisollen sich niemals scheuen, für ihr Bekenntnis einzutreten. Es ist einem Siege gleich zu stellen - daß jüdische Frauen zusammengetreten sind, um das jüdische Bewußtsein zu stärken. — Von ganzem Herzen können wir den 3 Progranrinpunkten, die die Vorsitzende ausgeführt hat, zustimmen. Es ist betrübend undungerecht, uneheliche Kinder hon der Wohltat der Waisenpflege auSzuschließeu. Der jüdische Frauenbund muß auch iu seinen! Bestreben Unterstützung finden, der jüdischen Frau die Aufnahme in der Gemeindeverwaltung zu sichern. Sind die Frauen doch berufen, Humanität, soziale Fürsorge, Fortbildung in alle Gebiete zu tragen, wo tiefes Leid zu mildern, Kraft zu erhöhen ist, wo Unsittlichkeit zu bekäinpfen ist. Nach dieser Rede begrüßte der Vorsteher der Kultusgeineinde München in herzlichen Worten den jüdischen Frauenbund namens' der Gemeindk München. Hierauf erstattete Frau Dr. Frankl-Berlin den Kassenbericht. Barvermögen besitzt der Bund nicht. Einnahmen und Ausgaben balanzieren. Die Schatznieisterin spricht ihr Bedauern aus. daß so wenige Vereine ihre Beiträge rechtzeitig zählen und durch Mahnen überflikssige, Unkosten und Arbeit verursacht werden. Den Geschäftsbericht über die letzten 3 Vereinsjahre gab die Schriftführerin des Bundes Frau -'Henriette May- Berlin in umfassender, klarer Form. .Der Bund habe sich dem deutschen Nationalkomitec zur Bekämpfung des Mädchenhandels und .dem jüdischen Zweigkomitee desselben angeschlossen. Frl. Pappenheim wurde von der Königin von Rumänien in Audienz empfangen; die hohe Frau sollte veranlaßt werden, auf die Verbesserung ' der Stellung jüdischer Mädchen und Frauen in ihrem Lande einzuwirken. In den Borstandssitzungen wurden die Fragen der Stellenvermittlung, Mädchenschulreform, Mädchenhandel, Lehrerinnenfrage eingehend erörtert. Es wurden in Breslau und Berlin jüdische Lehrerinnengruppen gebildet. Zum Londoner internationalen jüdischen Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels wurden die Danien Pappenheim und Werner delegiert. Der Verband der deutschen Juden nahm in den geschäftsführenden Ausschuß ein Vorstandsmitglied des Bundes stimmberechtigt auf. Dem Bunde sind gegenwärtig 132 Vereine angeschlossen mit einer Mitgliederzahl von 32000. Ein ausführliches, vorzügliches, mit großem.Beifall aufgenommenes Referat, „Das Arbeitssystem -der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes" hielt Frau Justizrat Ollendorff -Breslau. - Daß Fr. Rabbiner Dr. Vogel st ein - Stettin mit der sozialen Allheit fest verwachsen ist, bewies ihr Referat: '.^Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege." Referentin gibt einen' geschichtlichen Ueberblick, wie von alterSher das Verantwortlichkeitsgefühl für den Nächsten Gebot und Pflicht'war ^ind die Basis ideeller Geistesrichtung fortwirkend jich als fester Besitz bei den Juden einbürgerte. Großzügige Fürsorge führte zur Wohlfahrtsarbeit, Zufluchts- und Altersheime, Waisenhäuser, Darlehenskassen, Lehrhäufer, Krankenhäuser wurden errichtet. Die neuen Konflikte und Komplikationen in den Familienverhältnissen mußten für Frauen und Mädchen neue Erwerbsverhältnisse schaffen. Rechtzeitig für unsere jüdische Frauengemcinschaft riefen die konfessionellen Führerinnen der Frauenbewegung zur Mitarbeit auf. Wir brauchten nur an Lite Traditionen anzuknüpfen, um den Zeitforderungen gerecht zu werden. Hiernach referierte Frau Justizrat Meyer- Stargard in vorzüglicher Weise über Stellenvermittlung und korreferierte Frau R o s enbla t t - Frankfurt über den „Unentgeltlichen Stellennachweis der weiblichen Fürsorge für israel. Frauen und Mädchen zu Fran-kf urt a. M." Frau Rosenblatt gelangt zu folgenden für die Stellenvermittlung wichtigen Grundsätzen: 1. Jede sich meldende Bewerberin ist, soweit es angängig, unter Heranziehung persönlichen Interesses zu behandeln! Es ist den Arbeitsuchenden freundlich und liebevoll zn begegnen, damit sie auch Vertrauen zn uns.haben. 2. Geldunterstützungen sollen nicht gegeben werden. Zeigt sich jemand als unterstütznngsbedürftig, so wird er der Arbeitskommission für weibliche Fürsorge übergeben. 3. Stellungen nach dem Auslande werden nur nach eingehenden Erkundigungen in den in Frage kommenden Orten empfohlen. 4. Zugereisten und Stellensosen ist nur ein gutes d. h. recherchiertes Logic anzuweisen. 5. Arbeitsuchenden, die nicht polizeilich gemeldet sind, wird von uns keine Stelle nachgewiesen. 6. Zeugnisse und Briefe sollen nie in Original weitergegeben werden. 7. Der Stellennachweis ist für beide Teile unentgeltlich. Rednerin befürwortet ferner Zentralisation aller Stellennachweise, Neugründung weiterer Arbeitsnachweise und empfiehlt, besondere Aufmerksamkeit der Beschaffung von Heimarbeit, sowie jenen Mädchen, die den Sabbat beobachten, zuzuwenden. Sehr viel Zeit absorbierten die Beratungen über eingegangene Anträge. ' In eine größere Propaganda für das Heim des Jüd. Frauenbundes in Isenburg solle eingctreten, ein Alm an ach heransgegeben tverden. Einen öffentlichen Bortrag, der von ca. 700 Personen besucht war, hielt Frl. Sidonie Werner- Hamburg über „Erziehungsfrage n". Rednerin führte aus: Die Bererbungstheorie lasse sich schlagen nnt der Erziehungstbeorie, wenn die Selbsterziehnng den wichtigsten Grundsatz bilde. Sich selbst soll der Mensch zu einem wahrem aufrechten Menschen erziehen, den Tanz um den Götzen der Konvenienz nicht mitmachen, verletzenden Spott unterdrücken. Ein wohlwollender Beurteiler solle man sein, sich nicht zum Richter aufwerfen. Heiliges achten. Altehrwürdiges pflegen. Fleißig sollen wir mit unfern Kindern umgehen, ie lehren, mich des Lebens Mühsate zn tragen. Unsere Feiertage seien stille Stunden der Einkehr, des Umganges mit unfern Kindern; wir brauchen keine fremden Feste zn feiern, keine Weihnachtsbäuine zu schmücken, ein Freitag Abend sei schon allein von zauberhafter Poesie umwoben. Durch das Anwerfen an die, die uns nicht wollen, tragen wir den Zwiespalt in die Herzen unserer Kinder. Front machen sollen wir gegen den Antisemitismus, sorgen, daß der Abfall, die Taufe, aufhöre. Wir selbst müssen jüdisch sein, weirn wir unsere Kinder zu Juden erziehen wollen. Das beste Mittel zur Selbstzucht sei die Arbeit für unsere Glaubensgenossen; auch die Jugend solle man dahin führen, daß sie von deiw Jchleben abstrahieren lerne, und sich andern, denen - der Lebenstisch karg besetzt ist, zuwende. Mit Gewalt könne und solle man den Eigenwillen, der Jugend nicht brechen, besonders 'bei der Berufswahl die Individualität berücksichtigen. Rednerin verbreitete sich dann eingehend über die Berufswahl der Töchter: vor dem Beruf ein Jahr liauswirtschaftliche Ausbildung ist ihre unbedingt- Forderung. Die Frau habe in dem Menschheits- Verbände einen .festen Platz fortan; denn jeder dritte Posten in.Deutschland sei von einem weiblichen Wesen besetzt; ein Fortschritt in der Kultur kann nur durch die doppelte Möglichkeit des Berufes und der Ehe erreicht werden. Auch der Erziehnngskontrast in der doppelten Auffassung der Moral,