Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frarckfürter ZfraEKWes Familirnbtarr. Nr. 2 seine Sprache so reich, so überreich an Worten; alle Erzeugnisse der hebräischen Literatur sind seine Quellen. Mischna und Midrasch, Tauroh und Gemarah, sie sind ihm alle offen, aus allen schöpft er. Nur ein Mann» der auf der einen Seite über diese umfassende Kenntnis des gesamten hebräischen Schrifttums verfügt, auf der anderen Seite aber die eiserne Selbstzucht und weise Beschränkung eines großen Künstlers besitzt, konnte eine solche Sprache schaffen, deren wunderbare Schönheit man irur empfinden, nicht schildern kann. Dieser eben aus der Synthese von jüdischem und uwdernem Schaffen hervorgegangencn Sprache gleicht auch die derselben Synthese entsprungene Darstellungs kraft- Mendelis mocher sforim. Er schildert Menschen nicht durch lange philosophffche Erklärungen — wie die Haskalahdichtcr vor ihm —, sondern durch scharfe realistische und psychologische Beobachtung. Seine durchdringende psychologische - und realistische Tarstellungssähigkeit ist in oer hebräischen Literatur noch heute fast ohnegleichen. Eine Gebärde — und du hast den Menschen; ein Wort — und seine innerste Seele ist dir ausgedeckt; ein Witz, — und sein ganzer eigenartiger Charakter steht dir vor Augen. Die Menschen, die er schlldert, sind unendlich mannigfaltig. Aber ein jeder, den er darstellt, wird" unter seiner Feder zum Typus. Ties ist das Wunderbare an seiner Kunst, an jeder großen Kunst. Sie schildert stets Typen. Es gibt keinen Typus im Ghettolcbcn der russischen Judenheit, der in seinen Werken nicht geschildert wäre. Tiefe musterhafte Darstellung von Menschen und Charakteren wird harmonisch ergänzt durch die bis auf seine Zeit ungekarmte wunderbare Naturschil derung. Gerade diese Seite der Literatur war dem russischen Juden so schwer, schier unmöglich. Seine Dichter sehnten sich nach der Natur, vermochten sie jedoch nicht darznstellen. In den Werken Mendelis mocher sforim werden zimr ersten Male Naturschlldcrungen entworfen, die einer jeden europäischen Literatur würdig sind. So zeigt sich gerade in der Darskellungsfähigkeit Mendelis mocher sforim, in der Form seines dichterffchen Schaffens, die harmonische Doppetseitigkeit seines Genies, die einheitliche Synthese seiner Kunst. Und >ver so mit Herz und Seele den Juden des Ghetto liebte, wer so mit seiner ganzen schöpferischen Kraft in biefeht jüdischen Volke wurzelte, aber auch nur wer so über starkes künstlerisches Fühlen und moderne Form verfügte, konnte diese in unserer Litcratnr einzig dastehende, hoch emporragende Gesamtschöpfung hcrvorbringen. ' - * * * Alles Irdische — es ist eine alte, bittere Wahrheit — ist der Zeitlichkeit, dem Wechsel, dem Untergänge unterworfen. Große Kulturen waren und sind nicht mehr, gewaltige Nationen lebten und sind verschwunden. Verschwunden, aber nicht vergessen. Tie Grausamkeit des Fatums ist nicht so groß, daß sic über uns alle auch ewiges Vergessen verhängt hätte. Ein gütiges Geschick hat uns noch eine Möglichkeit gegeben, wenigstens unser Andenken und unseren Namen in denr Lauf der Zeiten zu verewigen, indem cs uns die - Fähigkeit dichterischer Schöpfung verlieh. In seinen Dichtungen lebt ein Volk, eine Kultur, ein Mensch nur fort. Was wüßten wir von den alten Griechen zu Trojas Zeiten, . ivrnn nicht Homer seine ewigen Werke gedichtet hätte? Wer wäre darum größer als der Dichter, der durch seine unsterblichen Werke sein Volk verewigt? Auch das jüdische Ghetto wird schwinden müssen. Das Goluth wird sein Ende nehmet,. und vorher noch wird' das Ghetto fallen. Und schön können wir die Zeit erahnen, da die letzte Ghetto mauev zu Schutt werden wird. Eigentlich ist das Ghetto schon heute dahin. In die alten, schmutzigen Judengassen der russischen Städtchen ist ein neuer Geist gezogen. An Stelle des Kaftans ist der Gehrock, an Stelle der „Peah" der Schei- .tel getreten. Die Stmßen werden weiter, das Licht wird Heller; die Luft reiner und der Geist moderner. Vor der Notwendigkeit der Zeit mußte das Ghetto fallen und trotz seiner vielen inneren Vorzüge, wir wollen es nicht bedauern. Mer vor seinem endgültigen Falle noch Hai ich dieses Ghetto zu einer letzten Schöpfung emwrgeschwungen. Es durste nicht dem Vergessen aichemifallcn, diese Verkörperung unserer 2000jährigen Leidensgeschichte. Noch einmal hat es sich erhoben und hat in Mendcli mocher sforim das dichterische Werk hervorgebracht, das ihn vor dem Vergessen bewahren wird. Durch Mendcli mocher sforim hat das Ghetto Einzug in oie Weltliteratur gehalten. Und wenn' einst die Ghcttomauern ganz in Staub und Schutt liegen werden, wenn einst nur Trümmer von diesem furchtbaren Kapitel, unserer Geschichte zeugen werden, dann wird aus diesen Trümmern in erhabener Gestalt, der Unsterblichkeit verliehen ist, der.dichterische. Genius Mendelis nwchcr stzorim cmporragen. Die Selbstverwaltung i« Russisch- Polen und ihre Bedeutung für die Juden. In Russisch-Polen, wo über li/» Millionen Juden wohnen (14<>/o der Gesamtbevölkerung), soll die städtische Selbstverwaltung eingeführt werden. Ta der diesbezügliche Gesetzentwurf von der Regierung selbst ausgearbeitet wurde, so ist wohl kamn daran zu zweifeln, daß er von der Duma im großen und ganzen sanktioniert tvird. Mit dieser Tatsache müssen die Juden sehr rechnen. Tie soziale Lage der polnischen Judenschaft ist momentan eine derartige, daß jede mehr oder weniger "wichtige Erscheinung im öffentlichen Leben von größter Bedeutung für ihre Zukunft lverden kann. Urber Nacht entstehen neue christliche Konsumgenossenschaften, welche den jüdischen Kausleuten ihre Kunden zu Hunderten abtrünnig machen, sodäß man jeden Tag Zeuge sein kann, wie immer weitere jüdische Geschäfte liquidiert "lverden, wie immer weitere Existenzen zur Emigration, ja nicht selten auch zum Bettelstab georängt werden. Sogar die polnische Intelligenz ist in letzter Zeit von einem wahren antisemitischen Paroxisnms befallen ivortu’ii. Fügt man noch hinzu die politische und bürgerliche Rechtlosigkeit der Juden überhaupt und dann noch die unsinnigen adiniiristrativcn Verfolgungen, denen sic unterworfen sind, so kann man sich leicht vorstellcn, das; ein so epochales Ereignis wie die Einfilhrnng einer Selbstverwaltung das größte Interesse beanspruchen darf. Es ist vorderhand noch nicht sicher, ob diese Selbstverwaltung nach „deutschem" oder nach „cnglischein" Muster ausfallcn ivird. Höchstwahrscheinlich wird ein gemischter Typus entstehen. Als charakteristischer Zug der deutschen Sebbstverwaltungsform kann wohl angesehen Iverden, daß die Organe der kommunalen Verwaltung die Geschästc nicht nur der konununalcn (wirtschaftlichen), sondern auch in gewissem Umfange die der allgemeinen Landcsverwaltung zu besorgen haben. Mit anderen Worten: der Staat gibt gewisse Machtmittel -freiwillig ans der Hand. Da nun die russischen Juden nicht nur politische - und rechtliche Unterdrückungen zu gegenwärtigen, sondern in der Hauptsache auch unter der administrativen Willkür stark zu leiden haben, so ist cs offenbar für -die Juden Russisch-Polens nicht gleichgültig, in wessen .Hände die erwähnten Hoheitsrechtc gelangen. Was den „englische n" T y p n s anbelangt, so besteht das System dieser Selfgovcrnmeitts in einer Kommunalvcrwaltung für das Armen-, Kommunikations-, Gesundheits- und Schulwesen, deren Organe durch Wahlen seitens der kommunalen Verbände bestellt werden. Es ist selbstverständlich, daß die jüdische Bevölkerung an einer progressiven Richtung aller dieser Verwaltungsorgane interessiert ist, denn die Tendenz der Munizipalisation gewisser ftir die Gesamtheit wichtiger Industriezweige kommt immer mehr zur Geltung. In Polen müßte' diese Tatsache noch von viel größerer Tragweite, werden. Denn außer den oben angeführten Verwaltungsressorts wird zweifelsohne auch ein so bedeutungsvolles Arbeitsgebiet wie die Jnformarionstätigkeit in die Hände der Selbslvermaltungsorgane gelegt werden. Denn die Auswanderung polnischer Arbeiter — wenn cs auch nur hauptsächlich eine Saison-. Auswanderung ist — erreicht bedeutende Dimensionen und spielt eine nicht geringe Rolle ind öffentlichen Leben des polnischen Volkes. Nun ift aber alles, was mit . der Emigration, mit deren Regulierung, mit der Erleichterung des schweren Loses der? .Hunderttausende jüdischer Emigranten in Zusammenhang steht —, das alles ist ftir uns; von eminenter Wichtigkeit, und cs kann uns deshalb nicht gleich sein, wer in dieser Angelegenheit ein Wort mitzurcden haben wird. Um einen anderen Punkt herauszugreifen: Die Schutsrage, oder — genauer gesagt -- die Frage des N »t e r r i ch t e s, wenigstens in den Primarschulen, in jüdis ch er S prach e bildet eine der Lebensfragen für . die Juden der West- , Provinzen. Auch die Subsidiernng solcher Schulen seitens der Munizipalität u il d d i e Lös nn g anderer damit in Zusammen ha n g st ehenden Probleme wir natürlich vor allem von der Art der Zusammensetz-, nng der künftigen. S elb st Verwaltung skö.rperschasten abh äugen. Auch das Sonntagsruhegesetz, welches den Lebensnerv Hunderltausender von jüdischen Existcnzen so nahe berührt, wird ganz im Sinne der Majorität der Selbstverwaltung geregelt werden. Es taucht deshalb die Frage Won selbst auf, welche Rolle die Juden in dieser künftigen Selbstverwaltung spielen, und., inwiefern sic nicht nur das Objekt; solidem auch, das Subjekt dieser neuen Einrichtung sein werden. Einige statistische Daten werden uns vielleicht auf dem nächsten Wege zur Beantwortung dieser Fragen .führen. Nach den Angaben des Warschauer statistischen Komitees sind, von je 10,000 Einwohnern in Städten mit über 100,000 Einwohnern '. 2060 Juden in Städten von 30—100,000 Einwohnern in Städten von 10—50,000 Ein¬ '1052 " wohnern 1791 „ in Städten unter 10,000 Einwohnern 1734 „ in kleinen Städtchen 2738 „ Außerhalb der Städte 1295 „ Hättc nun oas Gesetz ein allgemeines und gleiches Wahlrecht vorgesehen, so könnten die Juden hier und da an der lokalen Verwaltung einen gewissen bestimmenden Anteit nehmen und jedenfalls eine Minderheit darstcllen, mit der zu rechnen wäre. Nachdem Gcsetzesprojekt werden aber die Stimmberechtigten in drei Wahlkurien geteilt: eine russische, eine polnische (resp. „allgemeine) und eine jüdische. Und da ist eben der Hund begraben. Tenn während die Rechte der beiden ersten Kurien von keinen besonderen Bestimmun-- gen -beengt werden, hat die jüdische Kurie nach einem ganz speziellen Verfahren zu wählen. Das Gesetz unterscheidet nämlich zwei Fälle: 1. Städte, wo die Juden die Majorität bilden, und 2. wo sie die Minorität bilden. Im ersten Falle, d. h. wenn sie die Majorität bilden, -können sie höchstens ein Fünftel der Gesamtzahl der Vertreter in die Selbstverwaltung entsenden. Im zweiten Falte nur ein Zehntel. Tie ungeheuerliche Ungerechtigkeit dieser Bestimmung läßt-sich am besten durch ein Beispiel demonstrieren. In Warschau gibt es 22,127 Stimniberechtigtc. Davon sind 1435 Russen, 13,668 Polen und 7021 Juden. Nun werden von den 160 Stadttäten 8 Russen, 136 Polen und ... 16 Juden sein, während die. letz? teren ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölke» rung der Stadt ausmachen! Das gleiche unsinnige