Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■-flür ^tan&fntfex ♦ r-- ™— "> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1.02 sein» schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Lesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Ml. 2.— «-_____-» KedaKtio« und Hefchaftsstelle Zrunkfurt 2. M.. i3nnge|1:r71 Telefon 10507. -s-as-s- Herausgeber: AalZ H>eis. Jnsertionsprelse: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Rellamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, de« 13. Tewes 5671 (13. Januar 1911). Nr. 2. Inhalt üeS Hauptblattes. Artikel: Mendelt mocher sforim (S. I. Abramowitsch). — Die Selbstverwaltung in Russisch- Polen und ihre Bedeutung sür die Juden. — 3. Deleglertentag des Jüdischen Frauenbundes. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und Literatur. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Mendeli mocher sforim (S. I. Abramowitsch). (Zu seinem 75. Geburtstag.) Von Ben-Koheleth. Gr ist. der erste, wahrhaft moderne Dichter der hebräischen Literatur. Darin beruht seine Bedeutung, seine Unsterblichkeit/ Er ist der erste hebräische Dichter, der' eine harmonische Synthese geschaffen hat zwischen jüdischem und modernem Dichten. Darin liegt seine Kunst, seines Eigenart. Alles kulturelle Schaffen einer Nation ergibt sich aus originellen und entliehenen Kräften; aus ureigenen, den geheimsten Tiefen der Volksseele entsprungenen und fremden, von anderen Kulturen und Nationen entnommenen Anregungen. Wo einer dieser Faktoren fehlt, da ist wahrhaft vollkommenes Schaffen unmöglich. Ein Volk wird notwendigerweise der Assimilation und damit der Unfruchtbarkeit anheimfallen, wenn es seine eigenen, nationalen Kräfte unbenutzt läßt. Ein Volk wird aber mir eine unvollkommene, unentwickelte Kultur schaffen, wenn es auf alle Anregungen und Einflüsse von außen her verzichtet. Unsere nationale Literatur im Ghetto litt au diesem, Fehler. Ganz von der freniden Kultur abgeschlossen, nahm sie die Entwicklung einer Pflanze, der es an Licht und Lust mangelt. Unsere moderne Literatur seit der Haskalahperiode rerfiel dann in den entgegengesetzten Fehler: ihr erschien nur das Fremde nachahmenswert, alles Jüdische war ihr mit Unkultur identisch; sie suchte krampfhaft, den europäischen Literaturen vachzumachen; es ergab sich daraus jenes Unreife und Unvollendete, jenes Halbe und Unharmonische, das ihr bei aller Größe in einzelnen Schöpfungen im allgemeinen anhaftet. Die wahrhafte Verschmelzung von jü- ’ dischem und modernem Schaffen, die wahre Synthese zwischen jüdischer und europäischer Kultur konnte nur ein Mann vollbringen, der im seelischen Leben, im geistigen Bewußtsein ganz und gar Jude war und sein wollte, andererseits über im künstlerischen Empfinden Europäer war. Diese Synthese schuf der Dichter, dessen 75. Geburtstag gegenwärtig unser ganzes Volk feiert, schuf Mendeli mocher sforim. * * * Greift einen Band aus den klassischen Schöpfungen dieses Dichters heraus, schlagt ihn auf, lest nur einige Zeilen auf einer beliebigen Seite, und der jüdische Geist, der über diesen Werken ruht, wird euch entgegcnwehen. Der jüdische Geist, versteht mich wohl; es ist nicht der reine Urgeist unserer Ahnen, nicht der Prophetengeist des Ezechiel, der dichterische Geist des Jesaia, der Heldengeist des Bar-Kochbah, nicht er wird euch umwehen. Wie könnte er es auch? Wie könnten wir verunstaltete Nachkommen, wir Krüppel aus der Folterkammer des Ghetto, solche Dichtwerke schaffen? Der Geist, der euch umfangen wird, es ist der Geist der jüdischen Ghettozasse. Ihr kennt sie nicht mehr, diese jüdische Gasse des Ostens. Diese Gasse der Ghettojuden; der Ghettojuden mit den unästhetischen Manieren und den tiefen Seelen, mit dem schmutzigen Kaftan und dem reinen Gemüte, mit dem scheuen Blicke und dem gewaltigen Hoffen. Ihr kennnt sie nicht, diese schmutzige, enge, düstere, übelriechende Gasse, die geschwängret ist vom Atem ihrer jüdischen Bewohner. Ihr kennt sie nicht, sie ist euch unendlich weit, unfaßbar und undenkbar; der Geist, der über ihr ruht, ist euch so fremd, so eigenartig und einzig, daß ihr ihn gar nicht zu verstehen wähnt. Und doch! Greift nur zu einem der Bücher Mendelis, lest nur wenige Seiten, und diese Gasse wird euch erstehen» nahe nnd lebendig; lest einige Kapitel, und die Menschen, die sie bewohnen, werden euch verwandt und vertraut werden; lest einige Bücher, und der Geist, der sie beherrscht, wird euch klar und bekannt sein. Denn dies ist die geheimnisvolle Macht aller wahren Kunst, daß sie uns, und mag sie uns noch so fremd sein, wie mit einem Zauber umfängt und uns Hauch von ihrem Hauche, Geist von ihrem Geiste einflößt. Geist und nicht auch Gefühl, Verständnis und nicht auch Liebe? Auch dies! Lest nur diese wenigen Seiten eines Werkes von Mendeli, und nicht nur werdet ihr den Geist, der sie belebt und sie geboren, verstehen. ihr werdet ihn auch lieben. Dieser Jude, der euch vorher, da ihr nur sein Aeußeres kanntet, so abstoßend und. unschön erschien, er wird sich euch in diesen Werken osfenbaren, seine reiche Seele wird er euch öffnen, und ihr werdet all das unendliche Leid, das sie erfüllt, all den jahrhundertelangen Schmerz, der sie durchzuckt, all die unmenschliche Qual, dies^e umkrampft, ihr werdet es erschauen, verstehen, empfinden und — lieben. Und Mitleid wird euch erfassen, Mitleid und Liebe zn diesen Menschen, die doch eure Brüder sind, die doch Fleisch von eurem Fleische, Blut von eurem Blute sind, und euer Herz wird reicher und umfassender werden; ihr werdet sie miteinschließen in eure Seele; der Bruder wird den Bruder finden, und ihr werdet euch mit euren lang entfremdeten, viel verkannten, sehr verachteten Brüdern in gemeinsamem Leide einen. Und der Dichter, der dieses fertigt bringt, der entfremdete Brüder wieder zu einigen vermag, der euch, diesen fremden Geist verstehen und lieben lernt, muß es nicht einer jener gottbegnadeten, unvergleichlichen Künstler sein, wie sie die Natur nur in wenigen gezählten Auserlesenen entstehen läßt? Es ist nicht viel gesagt, wenn ich Mendeli mocher sforim zu diesen Auserlesenen zähle. * * * Und auf der anderen Seite, neben diesem urjüdischen Geist, der die Grundlage des Schaffens Mendelis mocher sforim bildet, die eigenartige, moderne Kunst seiner Schöpfungen. Ist der Inhalt seiner Werke ganz und gar jüdisch, so ist die Form in ihrer unerreichten Vollkommenheft modern. Modern und doch nicht ganz modern. Nicht ganz modern insofern, als Mendeli mocher sforim nicht etwa die Technik und Form der europäischen Literaturen ohne weiteres auf seine jüdischen Schöpfungen übertragen hat — was zu einer Unharmonie, zn einer Stilwidrigkeit geführt hätte —, sondern sie dem Inhalt seiner Schöpfungen angepaßt hat. So hat er einerseits die künstlerische Technik und Form der modernen Literaturen judaisiert, dadurch aber andererseits die hebräische Literatur modernisiert und sie so einer ungekannten künstlerischen Höhe zugeführt. Vor allem durch die S p r a ch e. Wenn heute Mendeli mocher sforim in der hebräischen Literatur unbestritten als der „sowo", der Großvater, als der „aw safruseinu", der Vater unserer Literatur gilt, so verdankt er dies in erster Linie seiner unvergleichlichen Sprache. Er ist der eigenttiche Reformator der hebräischen Sprache geworden und hat so eigentlich erst die Schaffung einer künstlerisch vollkommenen Literatur ermöglicht. In allem Literaturen erstehen am Beginne ihrer Renaissance solche Sprachreformatoren; und die. Bedeutung Klopstocks und Wielands für die deutsche Literatur beruht viel mehr auf ihren Verdiensten um die Schaffung einer für die große Dichtung geeigneten deutschen Sprache, als in chren dichterischen Werken selbst. Mendeli mocher sforim hat erst die hebräische Sprache geschaffen, in der man große Werke dichten konnte. Und wenn wir uns heute eines so gewalttgen Poeten wie Bialik, eines so eigenartigen und glänzenden Erzähler wie S ch o - laum-Aleichem rühmen können, so gebührt der Tank hierfür in erster Linie Mendeli mocher sforim, der ihr unmfttelbarer Lehrmeister gewesen ist... Mit ihm ist die Herrschaft jenes schwülstigen und langwelligen, jenes gekünstelten und unverständlichen Stlls, den wir als die „M elizoh" bezeichnen, gebrochen worden. An Stelle des Schulstigen tritt das Einfache, an Stelle des Gekünstelten das Natürliche, an Stelle des Langweiligen das Belebende und an Stelle des Unverständlichen das Präzise. Nicht mehr werden Worthaufen in ungeordnetem Schwalle ergossen, sondern jedes Wort ist gestählt, steht an der Stelle, wo es stehen muß; jedes Wort und jcker Satz ist ein Ziegel, ohne den das Ganze nicht bestehen kann. Tie freiwillige Beschränkung, das Merkmal aller wahren Kunst, hat Mendeli mocher sforim die hebräischen Schriftsteller in unvergleichlicher Weise gelehrt. Dabei ist