Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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€*ite 4. . KaMrrker FsLLdNiWes FauülMblatk.; Nr. 1. Äohn unternommenen Schritte, brückt' ihm sein volles Vertrauen und seinen Dank aus und wünscht die Arbeit im Aufträge des Komitees fortzusetzen und zu finalisieren." Es wird demgemäß die Fortsetzung der Arbeiten und die Einberufung des Komitees in einigen Wochen zur weiteren Besprechung beschlossen. Rußland. Petersburg. Der Gesetzentwurf bezüglich der Abschaffung des jüdischen Ansied» lungsravons hat, wie es heißt, im Ministerium des Innern ein lebhaftes Interesse hervorgerufen. Dort werden unter Leitung des berüchtigten Erzreaktionärs Gurliand Materialien zur Judenfrage gesammelt und gesittet. Wiederum weiß die Regierung keinen besseren W:g. a» den schon in den achtziger Jahren des vorigen Säkulums erprobten, über dieses Problem von den Gouvernementschefs Gutachten einzufordern: als ob es nicht bekannt wäre, daß diese Obrigkeitsvertreter . in der Hauptsache nach den von oben oder von erpresserischen „monarchistischen" Oraanisationen ausgehenden Weisungen sich richten. Wodurch wäre sonst der große Unterschied in ihrem Verhalten zwischen den Jahren 1906 und 1909 zu erklären? Der Zweck dieser Enquete ist gar zu durchsichtig: nötigenfalls kann sich die Regierung auf die Urteile der „kompetenten Kenner" der realen Verhältnisse berufen. Mit welchem Rechte sie allerdings diesen Verwaltungschefs ein tieferes Verständnis für die Judenfrage und die damit zusammenhängenden nationalen und wirtschaftlichen Probleme zuschreibt, weiß wirklich der Himmel. Auf Grund einer Reihe solch „autoritativer" Ausführungen und ähnlicher Materialien ' soll für Stolypin bereits ein eingehender Rapport über die politische, ökonomische und rechtliche Lage der Juden seit der Herrschaft Peters des Großen aüsgearbeitet worden sein. Man ist auf diesen Bericht hier nicht allzu sehr gespannt, da man die Quellen, aus denen die Regierung ihre Weisheit schöpft, jeden Tag von neuem kennen zu lernen Gelegenheit hat. Hören doch die Verfolgungen der Juden seitens der im judenfeindlichen Sinne instruierten Gouverneure immer noch nicht auf. Ueber neue Judendranasalierungen kommen erst in den letzten Taaen aus Buchara, ans Kiew und Moskau die gleichen Nachrichten. Was Mosk'u speziell betrifft, so weiß die jüdische Tageszeitung „Der Fraiud" die unheimliche Bo'schM zu verkünden, daß die dortige Administration eine Liste von 1400 Kindern aufgestellt hat, die als nicht wohnberechtigt aus der Stadt ausgewiesen werden sollen. Wenn sich di-se Nachricht bewahrheiten sollte, so wäre damit eine kaum abzuschätzende neue Misere im Leben der russischen Juden hervorgerufen. So absurd es Mich klingt, daß Kinder, deren Eltern lbe-w. Mütter oder Väter) das Wohnrecht in Moskau haben, oder gar Waisen als nicht wohnberechtigt gestempelt werden, so kann leider, wie die Erfahrung der letzten Jahre gelehrt hat, auch diese Absurbität real werden. "Darum wende man nicht ein, diese Nachricht sei unglaublich. „Nuss. Korresp." Petersburg. Ein Telegramm aus T-kchkent meldet: Aus der Stadt Merw sind 100 bucha- - risch-jüdische Familien und aus der Stadt Taschkent 17 jüdische Familien als Ausländer auSgewiesen worden. Unter den Ausgewiesenen befindet sich auch der Gemeinderabbiner Taschir von Taschkent. Nach dem russischen Gesetz haben in Turkestan nur diejenigen Juden das Wohnrecht, die sich dort nachweislich vor dem Jahre 1864 niedergelassen haben. Alle andern Juden werden als Ausländer behandelt. Die Lage .der Ausgewiesenen ist eine verzweifelte; sie müssen ihre ganze Habe zu Schleuderpreisen verkaufen und Me ihre Geschäfte liquidieren. Petersburg. Die Reichsduma hat mit 136 gegen 84 Stimmen bezügl. des Sonntagsruhegesetzes beschlossen: „Die Arbeit in sämtlichen kaufmännischen und gewerblichen Betrieben, die in § 1 genannt sind, muß während des ganzen Sonntags, am 2. Weihnachts- und Ostertage, am Ncujahrstage und am Gedenktage der Bauernbefreiung (19. Februar) vollständig ruhen." Diese Bestimmung bedeutet wieder einen Ruin vieler tausender jüdischer Existenzen, da die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden gezwungen sein werden, zwei Tage in der.Woche zu feiern. Während der letzten Tage laufen beim Handelsminister zahlreiche Gesuche jüdischer Handelsangestellter und Rabbiner ein, die auf die enormen - Schwierigkeiten Hinweisen, welche durch das neue Gesetz für den jüdischen Handelsstand entstehen. Bekanntlich hat die Dunm den Antrag der jüdischen Abgeordneten, daß es den die Sabbatruhe beobachtenden Juden gestattet sein sollte, am Sonntag zu arbeiten, abgelehnt. Schweiz. Basel. Die allgemeine Emigration über Basel betrug im Jahre 1910 38 917 Emigranten, wovon 6107 Juden. Beim Auskunftsbüro des Hilfskomitees für jüdische Auswanderer sprachen in diesem Zeiträume 957 Auswanderer vor, denen Rat, Hilfe und Unterstützung zu Teil wurde. Das Reiseziel war bei 529 Argentinien, bei 92 Kanada, bei 336 die Vereinigten Staaten und bei je 3 Chile und Brasilien. DaS Bureau erledigte 981 Korrespondenzen, wovon 543 ausgehende. Schi'fskarten zu ermäßigten Preisen besorgte das Bureau im Betrage von über 75 000 Fr. Ein Hauptaugenmerk des Büros war und ist noch beständig die Bekämpfung des Aqentenschwindels in Rußland und an der russisch-österreichischen Grenze, und es hat in dieser Hinsicht auch etwelche Erfolge zu verzeichnen. Doch solange die jüdische Bevölkerung in den kleinen russischen Städten und Dörfern nicht durch geeignete Wanderredner (Magidim) direkt vor dem unheilvollen Treiben der Agenten gewarnt wird, kann eine dauernde Besserung nicht ertvartet werden. Für ante getragene Kleider, Schuhe und Wäsche hat das Hilfskomitee stets sehr gute Verwendung; dieselben werden vom Auskunftsbüro für jüdische Auswanderer, Hochstraße 34 mit herzlichem Dank entgegengenommen. Türkei. Konktantinopel. En drroffpnft'M'M- Zug der jüb. Gemeinden der Türkei ist ihre Spaltung in Aschkenasim und Sephardim. In Palästina, wo Aschkenasim und Sephardim .in gleicher Zahl vertreten sind, findet man allerseits ihre Trennung ganz natürlich. In der übrigen Türkei aber beanspruchen die die Mehrzahl bildenden Spaniolen, die sich dazu durch ihren längeren Aufenthalt im Lande als die eigentlichen Einheimischen fühlen, die Bildung- und Verwaltung der Gemeinde für sich allein und suchen die Aschkenasim an ihrer selbständigen kommunalen Betätigung zu hindern. In Konstantinopel sträubten sich die Spaniolen lange Zeit, die Aschkenasimgemeinde als solche anznerkenneu, bis sie durch einen 1890 zwischen dem Großrabbinat und den Aschkenasim geschlossenen Vertrag dazu gezwungen waren. In dem diese Woche der Eeneralver'ammlung vorgelegten Memorandum, schildert der Vorstand der Aschkenasimgemeinde die Schwierigkeiten, welche das Großrabbinat im Laufe der 20 Jahre der Gemeinde bereitet hatte. Die innerhalb der Gemeinde herrschenden Zwistigkeiten' hinderten sie nicht nur daran, denr Großrabbinate gebührend entgeaen'.utretcn, sondern bildet auch die alleinige Ursache ihres noch bis heute primitiven Zustandes. Tatsächlich verfügt die Gemeinde, von den Bethäu'ern abgesehen, über keinerlei gemeinnützige Institution. Die Schule der Aschkenasimgemeinde vegetierte lange als Talinud-Tora mit all den Unvollkommenheiten des Cheder, bis der Hilfsvcrein der Deutschen Juden sich ihrer annahm und sie in eine moderne Anstalt umwandelte. Das Großrabbinat hat unter dem alten Regime wie auch unter dem neuen, nicht nur nichts getan, um diesen Zuständen' abzuhelfen, sondern förderte noch durch Parteilichkeit die Uneinigkeit, um so ein ihm gefährlich scheinendes Gedeihen der Aschkenasimgemeinde zu verhindern. Glücklicherweise ist in der genannten Generalversammlung ein seiner Aufgabe sich bewußter Vorstand gewählt worden, der wohl auch Mittel und Wege finde» wird, wie den 'Aschkenasim zu ihrem Rechte zu verhelfen sei. Js. Kanel. leuiffßfon. 0 Aus der Zukunft. Von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Und so lag sie Tag für Tag, ohne ernstlich zu 'leiden, mti eine Schwere in allen Gliedern, eine übergroße Mattigkeit war über sie Lekommen. Anfangs beruhigte der Arzt ihre Angehörigen über ihren Zustand, es Iväre die natürliche Reaktion der allzugroßen Anspannung, bei geeigneter Pflege werde sie sich sehr bald erholen.. Aber die Pflege hätte unmöglich besser sein können, trotzdem, wollten die Kräfte nicht wiedcrkchrcn. Doch war sie deshalb nicht verstimmt, ein heiteres Lächeln nuispieltc fast beständig ihre Lippen und .sie unterhielt sich, gern mit ihren Angehörigen und auch mit Bekannten, die sie besuchten. Am liebsten aber unterhielt sie sich mit dem Brautpaar oder lauschte seiner Unterhaltung, noch mehr aber freute es sie, beide zusammen ^spielen zu hören, Lili Klavier und Egon Violine. „Dann sicht man so recht, daß sie für einander geschaffen sind," sagte sie oft zu ihrem Manne, „diese gleiche Auffassung, diese vollständige Harmonie —" „Die zeigt sich überhaupt in ihrem ganzen Wesen", stimmte Herr Meier bei, „sie sind doch immer und in jeder Beziehung derselben Ansicht." Siewiegte lächelnd das müde Haupt. „Ob sie immer der gleichen Ansicht sind, das kann man nicht wissen; man kann nur wissen, daß Eqpn immer dieselbe Ansicht aussvricht, die Lili geäußert hat, er ordnet sich ihr vollständig unter." ,Ich glaube mit Recht, sie ist mehr als er." „Nun ja, Du hast sie immer mehr wie einen Sohn erzogen als wie eine Tochter, und da Du mehr bist als .der Doktor Hoffmann, so ist Lili mehr als Egon." „Ich weiß in der Tat nicht, ob ich sie erzogen habe oder sie nicht vielmehr mich," versetzte Herr Meier lächelnd. ,Ich habe mich immer irur bemüht, ihre brennende Wißbegierde zu befriedigen und dadurch war ich gezwungen, mich mit manchem zu beschäftigen, womit ich mich sonst nicht beschäftigt hätte. Sie macht es doch mit Egon ebenso, er ist' auch durch sie ein anderer geworden. Aber ich glaube nicht, daß sie sich bewußt ist, welch fördernden Einfluß sie auf mich geübt hat und auf ihn übt. Gott segne sie!" „Gott segne jie beide!" stimmte sie glücklich lächelnd zu. „Wenn nur auch Du erst wieder frischer wärest! —" „Darüber mache Dir keine Sorge, das kommt schon wieder. Ich bin doch nicht krank, wenn ich mich nicht so seltsam schwer fühlen würde, würde ich ganz gesund sein. Und Du wirst sehen, wenn Emmi nich. Viktor in Per nächsten Woche kommen werden, dann werde ich wieder ganz frisch sein.! I Er schüttelte zweifelnd den Kopf und dennoch hatte sie recht. Als in der nächsten Woche ihre Kinder kamen und sie die glückstrahlende junge Frau sah, an der Seite ihres gleichfalls glückstrahlenden jugendlichen Gatten, da war die drückende Schwere in ihren Gliedern urplötzlich geschwunden und die freudige Erregung hatte ihre blassen Wangen mit einein rosigen Hauch überzogen. Emmi war entzückt, so frisch hatte sie sich ihre Mutter nicht vorgestellt. Und diese scheinbare Genesung hielt an, solange die Neuvermählten blieben. Ursprünglich hatten sie ihre Abreise auf Sonntag Morgen bestimmt, auf Zureden der Eltern le"en sie sich jedoch bereit finden, dieselbe auf Montag zu verschiebe». Sonntag Abend zogen sie sich jedoch zeitlicher als gewöhnlich zurück, angeblich, um Vorbereitungen zur Reise zu treffen, in Wirklichkeit jedoch, um dieselbe sofort anzutreten. Als Frau Meier am folgenden Morgen etwas zeitiger als sonst das Bett verlassen wollte, wußte Lili sie unter verschiedenen Vorwänden zurückzuhalten, und als sie endlich ihr Lager verlassen und ihre einfache Toilette vollendet hatte, ward ihr ein eben eingetroffenes Telegramm überreicht, das die glückliche Ankunst des jungen Paares in Emmis neuer Heimat meldete und die Eltern um Entschuldigung bat, daß sie ohne Abschied abreisten, sie hätten sich die schmerzliche Erregung ersparen wollen. Frau Meier war wie niedergeschmettert, wohl erkannte sie auch hierin die liebevolle Fürsorge ihrer Angehörigen, aber sie konnte-es ihnen nicht so bald verzeihen. Dieser Unmut wich jedoch, ihre gewöhnliche freundliche Stimmung kehrte wieder, doch gleichzeitig nrit vcrielben die Schwere in den Gliedern, die übergroße Mattigkeit, wozu sich noch ein schleichendes Fieber gesellte, das nicht weichen wollte. Eine anstrengendere Pflege war jetzt vonnöten, die. Lili freudig leistete, denn sie wußte, daß ihre Mutter sich am liebsten von ihr bedienen ließ; aber die Kranke fürchtete, daß es deni zarten junge» Mädchen zu viel werden könnte, deshalb erklärte sie, daß die Leistungen einer geschulten Pflegerin ihr doch vielleicht mehr Behagen bringen könnten, als die Bemühungen der Tochter. Die Zeit schritt vor, der Frühling war bereits in den Sommer übergegangen. Die Kranke verbrachte, wo möglich, den größten Teil des Tages im Freien, entweder lag sie auf der Veranda auf deni Ruhebette oder sie ließ sich auf dem Rollsessel hinunterschieben in den Garten, >vo sie auch die Besuche von Freunden und Bekannten empfing. Lili war säst immer au ihrer Seite, wußte sie zu. unterhalten durch ihr anmutiges Plaudern oder durch leichte heitere Lektüre und behauptete, daß der beständige Aufenthalt im Garten ihrem Bedürfnis nach frischer Lust vollauf genüge. Dem widersprachen jedoch sowohl ihre Eltern, als auch ihr Verlobter und bestanden daraus, daß sie abends, wenn Ego» aus dem Bürean kam, mit ihin hinaus vor die Stadt ins Grüne gehen müsse. Sie fügte sich um so leichter, als um diese Zeit auch ihr Vater zu Hause war. und der Kranken gern Gesellschaft leistete. Es war ein schöner Sonunerabend, der Tag war drückend schwül gewesen, erst als er zur Neige ging, hatte sich ein erfrischender Luftzug erhoben, der den harzige» Dust des nahegelegenen Tanncngehölzes zur Stadt hin trieb. Arm in Arm schritt das Brautpaar dahin in traulicher Unterhaltung. „Weißt Du, Lili, daß ich mich heute über Deine Mama sehr gefreut habe, ich fand sie heiterer und besser anssehend als sonst,"