Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5, Nr. 1 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „Wirklich? Das ist mir nicht so vorgekoinmen. Verstimmt ist sie doch fast nie, aber ihre Heiterkeit ist von einer Art, daß sie einem oft das Wasser in. die Augen treibt. So resigniert, so — so — ich weiß nicht, wie ich ■ mich ausdrücken soll, so unirdisch — so —" „Tu siehst Gespenster." „Nein, ich sehe keine Gespenster. Wenn Mama vorhin etwas weniger bleich ausgesehen hat und ihr Blick vielleicht weniger matt gewesen sein mag, so .ist das nur eine Folge des Fiebers, das znr Abendzeit inimer zunimmt." Sie waren bei dieseir Worten um die letzte Straßenecke gebogen und ivaren nun gleich ini Freien. Die erfrischende Luft hatte viele Spaziergänger hinaus gelockt. Bor ihnen ging ein älterer Herr, auf dessen Arni sich eine zarte Mädchengestalt schwer stützte. Beide gingen überaus langsam. Als Egon an ihnen vorüber kam, zog er grüßend den Hut. „Wen hast Du da gegrüßt?" fragte Lili. „Doktor Blau und Tochter." „Was? Das junge Mädchen, das wie eine wandelnde Leiche aussieht, das wäre Irma Blau? Die berühmte Schönheit?" „So ist's, ich hätte sie auch kamn wieder erkannt, obgleich ihr Vater mir schon neulich gesagt hat, daß' sie sehr leidend ist. Er ist ihretwegen sehr besorgt." „Ich habe gar nicht gewußt, daß Du mit dem Doktor befreundet bist." „Wirklich befreundet bin ich mit ihm auch nicht, nur bekannt, nird auch das erst seit wenigen Monaten, seit der Abreise meines Freundes Viktor. Du weißt doch, wie Viktor zu Fräulein Bla« steht —" „Gewiß, Du hast cs mir doch erzählt. Aber — wie ist mir denn? — Seit Mama krank ist, habe ich für nichts anderes mehr Sinn. — Hast Du nicht gesagt, Dein Papa wolle seinetwegen nach Rußland schreiben?" „Das hat Papa auch getan, qh drei oder Vier- Persönlichkeiten hat Papa sich gewendet, aber alles umsonst, kein Meilsch kann etwas über ihn in Erfahrung bringen." „Der arme Mairn, er dauert mich." „Mich auch, aber das junge Mädchen dauert mich doch noch mehr, sie scheint es noch schwerer zu ertragen als er." „Mir fällt etwas ein!" „Was denn, meine süße Lili? Lass' inich Deine Weisheit hören." „Ach, sprich doch keinen Unsinn, es ist mir nur so eingefallen." „Tu weißt, ich habe mich überzeugt, keinen Unsinn zu reden, wemr ich von Deiner Weisheit spreche. Also sage mir, was ist Dir eingefallen." „Gestern besuchte ich meine Freundin Minni Weil und mit ihr eine Cousine von ihr, ein Fräulen Wigand aus Oppeln, die bei ihnen zu Besuch ist. Da kam Deine Mama, um sich nach Mama's Befinden zu erkundigen. Wie sie aber Fräulein Wigand erblickt, eilt sie mit ausgestreckter Hand auf diese zu. „Ach liebes Fräulein, das ist schön, daß man Sie auch wieder einmal sieht! Wie geht es Ihnen?" Fräulein Wigand sieht Deine Mama, befremdet an und sagt: „Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber ich erinnere nrich nicht, daß mir bereits die Ehre geworden wäre. Ihnen vorgestellt zu werden." — „Was brauchen Sie mir denn vorgestellt zu werben," rief Deine Maiila, „ich habe ein gutes Gedächtnis, wenn wir uns auch seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben!" „Als Deine Mama das gesagt hat, haben sämtliche Anwesende, Mama inbegriffen, laut anfgelacht, denn daß Fräulein Wigand noch nicht zwanzig Jahre alt ist, das kann jeder sehen. Da hat sich denn heraus gestellt, daß sie die Tochter einer guten Bekannten Deiner Mama ist, die nicht aufhören konnte, sich über die frappierende Aehnlichkeit der Tochter mit der Mutter zu wundern." „Das ist allerdings interessant, aber ich begreife nicht, in welcher Beziehung das zit meinem Freunde steht?" „Die Sache an tind für sich nicht, aber die Tatsache, daß Kinder zuweilen ihren Eltern so ähnlich sehen, daß sie an der Aehnlichkeit mit denselben erkannt werden. Ich glaube z. B-, wenn Emmi ein Mann wäre, so würde sie genau so aussehen wie der Papa." „Das ist möglich, aber ich weiß noch immer nicht —" „Ja, ich weiß auch nichts, aber die Möglichkeit ist doch vorhanden, daß Dein Freund auch seinem Vater so ähnlich sieht, daß Leute, die mit demselben bekannt sind voer waren, den Sohn an dieser Aehnlichkeit erkennen würden." „Diese Möglichkeit läßt sich allerdings nicht bestreiten. Aber wo soll mau diese Leute finden?" „Hier schwerlich, dazu müßte Dein Freund nach Rußland reisen, in jene Gegend, in der man ihn gefunden hat. Er müßte in alle Gemeinden ringsum gehen, in alle Synagogen, vielleicht auch in die Kaffeehäuser, wen» es dort welche gibt, kurz, überall hin, wo er von Menschen gesehen werden kann." „Lili, das ist eine ausgezeichnete Idee, da siehst Du doch, daß ich recht hatte, als ich von Deiner Weisheit sprach. Noch heute werde, ich Viktor diese Idee initteilen, und ich bin überzeugt, er wird sie sehr bald zur Ausführung bringen, denn im nächsten Monat beginnen seine Ferien. Aber ich werde ihn auch aufmerksam machen, daß er sich's nicht merken lassen soll, daß er seinen Vater sucht, denn er ist ein stattlicher junger Mann, den sich wohl mancher als Sohn wünschen würde — wenn auch nur, um sich von ihm ernähren zu lassen —, und da könnten sich vielleicht verschiedene Väter für ihn finden." „Nun ja, vorsichtig muß er sein." „Da fällt mir noch etwas ein. Als ich damals seinetwegen bei dein Vorstand des hiesigen Waisenhauses war, sagte mir derselbe, als vor so und so vielen Jahren der kleine Findling ihm übergeben worden wäre, habe er großes Mitleidcn mit ihm gehabt, und in der Hoffnung, daß sich dereinst doch vielleicht die Eltern melden würden, habe er das Kind photographieren lassen, um die Wiedererkenltiutg möglichst zu erleichtern. Es wäre auch ein gelungenes Bild geworden, denn der Kleine hatte ausdrucksvolle Züge. Aber der Waisenvater hatte die Photographie verlegt, konnte sie, trotz alles Suchens, nicht finden. Ich habe Viktor damals nichts davon geschrieben, er hätte sich darüber nur geärgert, aber morgen gehe ich nochmals hinaus in das Waisenhaus, vielleicht hat sich das Bild inzwischen gefunden." Auch Doktor Hossmann, der sich für den Freund seines Sohnes lebhaft interessierte, fand Lili's Idee vortrefflich. Egon, in seiner raschen Weise, setzte sofort seinen Freund von derselben in Kenntnis, denn es erfüllte ihn mit Stolz, daß Lili, seine Lili, diesen Plan ersonnen hatte, und wenn derselbe gelingen würde, dann würde fein Freund und dessen Geliebte ihr Glück in erster Linie seiner Lili verdanken. Seiner Lili! — Als Jakobson den Brief seines Freundes erhielt, erriet er sofort, daß derselbe eine ganz besondere Mitteilung enthalten müsse, den» er hatte erst gestern Nachricht von Egon empfangen. Doch als er dann die Hülle auseinanderriß und das Bild eines kleinen Kindes herausfiel, schüttelte er staunend den Kopf, und staunend hastete sein Blick an dem kleinen Knaben, der ihm so bekannt vorkam, und er hätte doch darauf schwören mögen, daß er ihn noch nie gesehen. Endlich griff er »ach dem Briefe, er nnißte doch wissen, was sein Freund ihnr geschrieben. Seltsam ergriff ihn der Gedanke, daß er Hinreisen sollte in sein Vaterland, ^in das Land seiner Geburt, über das er so viele Schrecknisse erfahren hatte. In seinen Kinderjahren hatte er sich nie dafür interessiert, erst seit er mit Egon verkehrte, hatte er die Geschichte desselben kennen und hassen gelernt. Und nun forderte Egon ihn auf, hinzureisen, ccm — plötzlich begann sein Herz zu pochen und alle seine Pulse slogen, weiuc er der Möglichkeit gedachte, daß der Plan gelingen könne. Er sprang aus und rannte wie sinnlos im Zimmer hin und her. Er sann und sann, und je länger er sann, desto unbegreiflicher erschien cs ihm, daß er nicht längst auf den Gedanken gekommen tvar, sein Heil auf diesem Wege zu suchen. Mitternacht tvar längst vorüber, bevor er daran dachte, sein Lager aufzusuchen. Wie hätte er auch schlafen können, so lange ein solches Chaos von Gedanken in ihm wogte? Die kurze Sommernacht war bereits vorüber, schon graute der Morgen, als er doch endlich das Bedürfnis empfand, einige Stunden zu ruhen. Z>oar glaubte er, er werde unmöglich schlafe» können, er wolle nur ans ein Weilchen sich niederlegen, doch kaum hatte er sich ans's Bett geworfen, als die Augen ihm zufielen und er nicht mehr wußte, wo er sich befand. _(Fortsetzung folgt.)_ „Zu Geschenken eignen sich meine Overngläser, Feldstecher Lorgnons, Barometer. Thermometer. Brillen, P'ncenez; Spezialweikstätte kür Optik, Mechanik, Elektrotechnik Physikalische 8 hrmittel" „I. 38. Albert, Inh. Paul Wandrrey, Haus Neptun, Ecke Neue Mainzerstr. und Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt I." , Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikatiön, Bett-W äsche. Georg Amemlt. Nacht . Bleidenstrasse 10. - Kauft und Literatur. Der G e l d h a » d e l der deutschen I n d e u w ä h r e n d de s iPi ittela! ters Dis z n »i Jahre 1350. Ein Beitrag znr deutschen Wirtschaftsgeschichte im Mittelalter von Rabbiner Moses Hofsmann, 236 Seiten. 1910. Leipzig, Duncker u. Hnmblot. Dieses als Band 152 der von Gustav Schmoller u. Max Gering herausgegebenen „Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen" erschienenes Buch ist eine, fleißige und gründliche Arbeit, die auch in Laienkreisen gern und 'mit Nutzen gelesen werden wird. Der Verfasser kommt zu folgendem Schlüsse: „Die Behauptung von einer besonderen nationalen oder Rasseueigentümlichkeit der Jude,,, welche sie zum Handel, insbesondere zum Geldhandel, hinneigen läßt, ist nicht zu begründen . . . Die Juden waren in Deutschland Grundbesitzer, Kaufleute und Goldhändler. Sie haben sich an den Hauptberufen beteiligt, denen sich auch die übrige städtische Bevölkerung widmete. Sie haben in früheren Zeiten besonders den Orienthandel gepflegt, sich aber auch init anderen Handelszweigen abgegeben. Neben dem Warenhandel haben sie von 'Anfang an auch den Geldhandcl betrieben. Sie waren aber nicht die einzigen Geldhündlcr, wie sie auch nicht allein den Geldhandcl zum Wucher und zur Ausbeutung anderer Voltsllassen ausarten ließen. Geistliche, Ritter und Bürger haben ihnen in den Zeiten, wo sie über freie Kapitalien zn verfügen hatten, dafür ein Beispiel gegeben. Die italienischen Groß- und Kleinbankiers ivaren ihnen auch im professionellen Geldgeschäst mindestens gewachsen. Von der Mitte des 12. Jahrhunderts an wurde der Geldhandel infolge der Zurückdrängnng vom Grundbesitz und Warenhandel einerseits und der strengen Durchführung des kanonischen Zinsvcrbotes andererseits ihr Hauptberuf, der von der Gesetzgebung zugelasseu und konzessiouiert wurde . . . Sie haben das wirtschaftliche Leben des. Staates und des Einzelnen befruchtet und vor Verknöcherung bewahrt. Sie haben mitgeholfen, die Zeit der reinen Geldwirtschaft vorznbereiten. . . . Kurz, sie füllten eine Lücke in der Volkswirtschaft aus und leisteten, was ohne sie von anderen hätte geleistet werden müssen." A u s Israels Lehrhalle n. Zum ersten Male ins Deutsche übersetzt von Aug. Wünsche. 1910. Leipzig, Eduard Pfeiffer. V. Band (l. Hälfte), 170 Seiten: Der Midrasch samnel. V. Band (2. Halste), 142 Seiten: Kleine Midraschim : Neue Pesikta und Midrasch Tadsche. Sich über die Anschauungen unserer Waisen über alle Fragen des Daseins und des jüdischen Lebens insbesondere, wie sie in den Midraschim zum Ausdruck kommen, zu verbreiten, ist überflüssig: die Midraschim enthalten eine Fülle von Perlen, und als Ganzes zeugen sie davon, daß das jüdische - Volk das Volk des religiösen Denkens ist. Indem Wünsche mit seiner Uebersctzung der gebildeten Laienwelt einen Blick in die jüdische Volksseele gab, hat er sich ein hervorragendes Verdienst erworben. Hingewiesen sci auf die große Ausbeute für Predigten, die in diese» Weishcitsbüchern des jüdischen Volkes geboten werden. Mitteilungen znr I ü d. Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald» Rabbiner der isr. Kultusgeineinde in Wien. 14. Jahrgang, 1. Heft. Wie». Inhalt: Jüd. Volkslieder aus Galizien (M. Grunwald), Zur jüd. Namenkunde (M. Grunwald), Jüd. Namen aus Schwaben (O. Heilig), Die Namen der persischen Inden (Ai. Abeshus), Die Hotzenplotzer Judengemeinde (E. Richter, A. Schmidt), Zeena ureena (s. Gvldjchmidt, A. Marmorstein), Bücherschan. Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Dr. Doetor. 228 und 61 Seiten. Leipzig, Gustav Engel. Im Verein mit Professor Dr. Biach-Brüx hat Dr. Doctor die Hecht-Kaiserling'sche Geschichte einer Neubearbeitung unterzogen, und diese Neubearbeitung bedeutet eine Verbesserung. Trotzdem sind einige Fehler darin. So lesen wir Seite 5 mit Erstaunen, daß die große Versammlung nie existiert hat. Eine sorgfältige Prüfung wird für die nächste Auslage manch' eine Aenderung erfordern. Die neu. angefügten Literaturproben bedeuten eine gute Auswahl und da die Geschichte sich durch eine frische Sprachweise auszeichnet, so ist das Buch nicht nur als Schulbuch, sondern auch als Hausbuch zu empfehlen. i&aiser Friedricci Quelle - Uffenbacn a. A. > - Gegen Gicht und RheumatismnB bewährt» Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt ». M.. Stallhnrgatr. 8. T«l 458 n. 714. J. EMMEL & SOHN Scbillerstra9!>e 28. Spezial-Geschäft lOr Haio Zeleben-Btenslllen. Boizbrand-.Krrbsehnllt'.Tarso-ii. Batik-Artikel. Wocheu-KaleuÄer. lZeitangaben nach dem Lnach ) Samstag, den 7. Januar 1=7. Tewes): Zabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 35 Min., in Berlin 5 llbr — Min. Wochenabschnitt: W a j i g a s ch. — Inda bietet sich für Binjamin als Sklave an, wie cs seine Bürgschaft beim Vater ihm znr Pflicht gemacht. Run kann Josef sich nicht mehr enthalten, er gibt sich zu erkennen. Bestürzung, Weinen, Umarmung und Küssen bringt die aufregende Szene mit sich. Auch