Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1soll auf die Tagesordnung einer der nächsten Sitzungen gesetzt werden. Genehmigen Sie, verehrter Herr Kollege, die Bersicherung unserer größten Hochachtung. Der Sekretär: Der Präsident: I. B i g a r t. N. L e v e n." Ein Eingehen auf diese neueste Wendung, behalten tvir uns für die nächste Nummer vor. Aus cMer Wett. Deutsches Reich. Berlin. Der Bund Jüdischer Corpora t i o n c n (B. I. K.) feierte vom 25.-29. Dezember seinen 10. Kartell tag. In. den internen Verhandlungen legten die Delegierten der 10 im B. I. K. zusammengeschlossenen »Vereine jüdischer Studenten" Arbeitsprogramm und, andere Beschlüsse fest. Die rege Beteiligung des Publikums an den öffentlichen Veranstaltungen brachte den Beweis, tvelcher Beliebtheit sich die B. I. St. erfreuen, und wie sehr sic einer der bedeutsamsten und am meisten ausschlaggebenden Faktoren' Sit der jüdischen Renaissance sind. Die Eröffnung des Kartelltages fand durch einen öffentlichen Festkonvent statt. Nachdem die 30 Chargierten tm Vollwichs und mit den Fahnen ihrer Vereine auf dem Podium hinter dem Tisch des Präsidiunis des B. I. K. in malerischer Gruppe Ausstellung genommen hatten, eröffnete Dr. E r i ch R o s e n k r a n z den Konvent, indem er die Notwendigkeit der bewußt-jüdischen Korporation für den jungen jüdischen Studenten als Organisation und ihren hohen Wert für Erziehung und Geselligkeit darlegte. — In seiner cinstündigen Rede zeigte Dr. Z l o c i st i die organische Entwicklung des heutigen Judentums, tute es durch die Emanzipation in» Laus des 19. Jahrhunderts geworden ist: verwirrt, verwildert, schlvankend und sich selbst untreu; wie dann aber yt der Mitte der neunziger Jahre in einigen jüdischen Studenten das jüdische Selbstbewußtsrin erwachte, das sie zu mehr als Abwehr des Antisemitismus aufstacheltc: zur „Selbstwehr," der Parole des ersten Ä. I. St., die noch heute im Bund Jüdischer Korporationen a/s oberstes Prinzip gilt. — Zn gedrängter, kerniger Rede riß Kurt Bln Nienfeld das Publikum alsdann zu heller -Begeisterung hin. Sein Vortrag behandelte „Tendenz und Wesen' des B. I. K.," er zeigte den Weg, wie man die jungen, indifferenten Juden durch die F o r m z u m Gei st brächte, bis sie bar aller Rücksichten gegenüber ihren Hassern endlich freie Männer würden und selbständig unajbhängig handelten, denn: des' freien Mannes Feier sei die Tat! Aui 27. 'Dezember trat der B. I. K. zum zweiten Male, . diesmal mit einem K o m m e r s vor die Oeffentlichkeit. Das Parkett war' von nahezu 1000 Herren gefüllt. Die Galerien — den ersten Rang und den sonstigen Stehplatz — hatten die Damen schon lange vor Beginn des Kommerses dicht besetzt. Auf der Bühne, im hohen Festsaale, bestrahlt vom klarsten Licht, saß das Präsidium, flankiert von etlichen Chargierten an blau-weiß-gelb drapierter Tafel. Die Farbenharmonie der Dekorationen und des Wichses der Chargierten mitsamt den im Hintergrund aufgestellten Fahnen war eine überraschend prächtige. —: Stud. ■ jur. ,F r i tz Glaser erösfuete und leitete den Kommers. Nachdem der Kaisersalamander vorüber, die Begrüßungsrede des Vorsitzenden im Präsidium Dr. R o s« n k r a n z gehalten war, hielt der aus seiner Berliner Affairc her bekannte Rabbiner Dr. Emil Cohn (Kiel) die Festrede: Der Zweck der Erziehung im V. I. St. ist nicht der aktive Bursche, sondern der „aktive alte Herr," der an dem Stufban des jüdischen Volkes, regen Anteil nimmt. — Von den vielen Reden, die ini Namen der großen jüdischen Vereinigungen und Korporationen — humanitären, allgemeinere», politischen und studentischen — gehalten wurden, sei nur die Dr. P a u l N a t h a n's — als Vertreter des Hilfsvcreins der deutschen Juden — erwähnt, der' die unverwüstliche Macht des Judentunis pries als das Moment, das das jüdische Volk bei aller Unzulänglichkeit seiner politischen Läge erhalten habe und auch ferner erhalten werde; daß das letzte der Fall sei, dafür leiste ihm die Begeisterung der V. I. St. eine erfreuliche Garantie. Das innige Verhältnis der Jungen zu den Alten im B. I. K. und ihre gleiche Liebe zum Judentum zeigte sich in der Rede des Fuchsen G o l d st e i n und des A. H. Dr. I. Zwirn. — Eine großangelegte Biermimik : die nerven- und zwerchfellerschütternde Tragödie: „Salome" leitetedie Fidelität ein. Man erzählt, daß ein großer Teil der Gäste erst beim Morgengrauen den Saal verließ. Den Abschluß der Festlichkeiten bildete am nächsten Tage der F e st b a l l. Sln 000 Personen füllten die prunkreicheu: Räume des Brüdervereins. Eine kleine Oper, von einigen jungen B. I. St. gedichtet und komponiert, eröffnete Frankfurter Israelitisches Familienblatt. den Ball, und der häufige spontane Beifall im Stück und die vielen Hervorrufe zum Schluß lohnten und ehrten die Beteiligten. Eine sinnige Damenspende — eilte Mappe mit drei Gravuren nach Werken des bekannten Malers und Radierers Hermann Struck, eines A. H. honoris causa des B. I. St. .München — wurde von den Gästen mit großem Enthusiasmus ausgenommen. In diesen- Tagen des Feierns und auch der Arbeit hat sich wohl in eklatanter Weise gezeigt, daß der B. I. K. und mit ihm die junge jüdische Bewegung dabei sind, sich in der deutschen Jndenheit den Platz zu erobern, der ihnen gebührt. Berlin. Ja dir Grneialversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums erstattete der Vorsitzende, Prof. Dr. M. Philipps o ii den Jahresbericht. Wir heben aus demselben folgendes hervor: Die Zahl der Mitglieder hat eine weitere erfreuliche Vermehrung erfahren. Der Stand der Kasse ist gleichfalls günstig zu nennen, besonders nachdem Marie Errera-Brüssel, Generalkonsul Franz Philippson-Brüssel und Baron Edmund v. Rothschild der Gesellschaft insgesamt 14 000 Jfe für besondere wissenschaftliche Aufgaben zur Verfügung gestellt haben. Es erschienen im Berichtsjahre der l. Band der talmudischen Archeologie von S. Krauß, die Gesammelten A n s s ä tz e H. S t c i n t h a l s über Inden und Judentum in II. Auflage, die Studie I. Rösels über die Reichs steuern der deutschen I u b e n g e m e i u d e n, sowie eine Reihe weiterer von der Gesellschaft subventionierter Schriften. Im nächsten Jahr hofft der Vorstand mit den ersten Veröffentlichungen des Corpus T a n n a i t i c u m , dem I. Baude der German in - Ju d ä i c.'a und dem II. Bande des M a i m o n i d e s w e r k s an die Oessentlichkeit zu treten. Aus Anlaß der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages Ludwig Philippsons wird eine von seinen Söhnen veranstaltete Ausgabe ausgewählter Schriften Philippsons erscheinen, welche die Mitglieder der Gesellschaft kostenlos erhalten. Eine Reihe weiterer Schriften stellt der Jahresbericht den Mitgliedern zu ermäßigten Preisen zur Verfügung. Nach Entgegennahme des Berichtes wählte die Versammlung durch Zuruf den bisherigen Ausschuß wieder, worauf Dozent Dr. Horovitz- Breslan seinen Vortrag über die St el l u n g des Aristoteles bei den Juden des Mittelalters hielt. Ter Redner führte aus: Kein Denker des Altertums hat aus die Juden des Mittelalters einen so entscheidenden Einfluß ausgeübt wie Aristoteles, keiner stand in so hohem Ansehen wie er, sowohl bei den eigentlichen Gelehrten und Gebildeten, wie auch bei der großen Menge. Ein Beweis für die Popularität des Aristoteles ist u. a. die jüdische Sage, die sich sehr angelegentlich mit der Persönlichkeit des Philosophen beschäftigt und ihm allerlei Beziehungen zum Judentum andichtet. Und wenn wir an der Hand der Geschichte den Einfluß des Aristoteles zu beleuchten versuchen, so ist zunächst auf den regen Eifer hinzuweisen, mit welchem die aristotelischen Schriften in jüdischen Kreisen studiert wurden, die Tätigkeit der jüdischen Uebersetzer und Kommentatoren hat uns nranche auf Aristoteles bezügliche Schriften ausbewahrt, die sich im Original nicht erhalten haben. Aristoteles war der Mittelpunkt der wissenschaftlichen' und philosophischen Bestrebungen, und in dieser dominierenden Stellung'behauptete er sich bei den Juden weit länger als bei den Arabern und Christen. Es war eine gewisse Verwandtschaft der aristotelischen und jüdischen Weltanschauung, die eine solche Anziehungskraft ausübte und dem Aristoteles ein solches Uebergewicht verschaffte. Mit Maimuni gelangt Aristoteles zur ausschließlichen Geltung, und von der jüdischen Rcligionsphilosophie aus, gleichsam dem Zentrum seiner Herrschaft erweiterte Aristoteles peripherisch seinen Einfluß nach allen Richtungen, in die entlegensten Literatnrgebiete und in die weitesten Kreise des Volkes. Namentlich durch tzie philosophische Predigt, welche eine Zeit lang die Kanzel beherrschte, fanden aristotelische Ansichten weite Verbreitung. Nur weil man die Weisheit auch nichtjüdischer Denker schätzte, konnte der Name des Aristoteles bei den Juden so populär werden. Karlsruhe. Dieses Jahr wird wieder eine israelitische Synode tagen, nachdem diese im abgclaufenen Jahre wegen der Aendernng in der Steuerveranlagung nicht stattfand. Die. Wahlen werden bereits in Mrze vorgenommen. - Zur Verhandlung auf der Synode dürfte namentlich.die Petition der Religionslehrer um Gehaltserhöhung kommen. — Der Ban des F r i e 8 r i ch - L v u i s e n - H o s p i t a l s (K i n d e r h e i l st ä t t e) in B ad -D ü rr h e im wird anfangs dieses Jahres in Angriff genommen werden. Der Bauplatz ist bereits angekauft. Oesterreich-Ungarn. Wien. Zu der Nachricht, haß Kultusvorsteher Ritter von Guttmann und Baron Rothschild Seite 3. als Besitzer der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft 2000 Kronen für da» Lueger-Denkmal spendeten, schreibt die „Jüd. Ztg.": „Bekanntlich sind die Spenden für das Lueger- Denkmal sehr langsam und spärlich eingegangen, und. zwar insolange, als nur Christen die Geber waren. Es stand zu befürchten, daß das Denkmal für den großen Bürgermeister sehr klein ausfallen würde. Erst als die Juden sich der Sache angenommen haben, und „ohne Unterschied der Konfession" gesammelt wurde, begannen die Geldquellen rasch und reichlich zu fließen. Die Ausrufe in den antisemitischen Zeitungen wirkten wenig. Erst als die von Juden geschriebenen und bezahlten liberalen Zeitungen bewegliche Worte an die lässige Bevölkerung richteten, erst als die Inden von der Notwendigkeit überzeugt wurden, daß dem tückischen Verleumder ihres Volkes eine grandiose Denksäule gebühre, schwoll der Denkinalsfonds mächtig an. Anfangs schüchtern und verstohlen-schleppten ehrvergessene Juden nunmehr immer offener und unverschämter Bausteine für das Denkmal jenes Mannes herbei, der unser Volk beschuldigte, die Pest nach Wien gebracht zu haben und Inden- Hetzen ankündigte, der ein Apostel der Ritualmordlüge war. Wenn je, so hat die Bezeichnung:entartete Inden, in Anwendung ans diese Leute volle Berechtigung. Dank der jüdischen Mithilfe wird das Monument weniger ein Andenken an Lueger bedeuten, als vielmehr eine Schandsäule für das j tt d i s ch e B o l k sein, die Verewigung j üd i s ch e r S ch m a ch und jüdischen K n echtst n n e s! Wahrlich, in uuferer Zeit treibt das Judentum ganz eigenartige Blüten: Einen Tnussig, der den Russen die Mittel für Judenhetzen vorschießt, einen Rothschild, einen Guttmann, der dem Lueger Ehrenprunksänlen baut, einen Wiener Kultnsrat, der seinen Tod als schmerzlichsten Verlust tief beklagt, und was das traurigste ist, ein jüdisches Volk, das all diese Dinge ruhig mitansieht. Als Herren von Witkowitz fühlen sich Rothschild und Guttmann verpflichtet, dem Antisemitismns Tribut zu zollen. Sie tun dies vielfältig und wirksam. In ihren Witkowitzer Werken, die tausende Beamte und Arbeiter beschäftigen, stellen sie keine Juden an, weil' die der überwiegenden Mehrzahl nach radikal-antisemitischen Angestellten hiedurch in ihren „Gefühlen" gekränkt würden! Und um den Ruf als jüdisch^antisemitische Firma auch nach außen hin zu betonen, spende» sic namens' der Firma für den Lueger- Fonds." Wien. Am 17. v. M. k''»d hier eine Sitzung des zur Vorbereitung des Emigrationskongresses bestehenden Komitees unter dem Vorsitze des Obmannes Dr. Gustav Ko'hn, Vizepräsident der Kultnsgemeinde, statt. Dr. K o h n konnte mit Befriedigung darauf Hinweisen, daß die Idee der Llbhaltung eines Emigrasionskongresses die Zustimmung der weitesten Kreise in allen in Betracht kommenden Ländern gefunden hat. Er bemerkte, daß die zahlreichen Sympathiekundgebungen und wertvollen Anregungen, die von vielen in den Emigrationssragen kompetenten Persönlichkeiten und Organisationen ihm znqekommen sind, gewiß zur Aufmunterung dienen müssen, die in so viele» Belangen schwierigen Borbereitungsarbeiten fortzusetzen. Hierauf erstattete der Schriftführer M. Schmidt das 'Referat über den Stand der A k t i o n , indem er .zuvor die zahlreichen Korrespondenzen und.Zuschriften verlas. Von besonderer Wichtigkeit waren die Zuschriften russischer und englischer Finanzfachleute und Bansinstitute, die sich mit der Notwendigkeit der Schaffung'eines Finanzinstitutes in Form einer Einigrationsbank befassen und die Förderung eines solchen Unternehmens zusichern. Rach eingehender Debatte, an welcher sich Kultusvorsteher Dr. S a m u e l y, Vizepräsident dieses Vorbereitungskomitees, und Dr. H a l v c r n , welch letzterer die Frage besonders vom'Standpunkte der galizischen Juden beleuchtete, ferner ' Dr. Knöpfmacher, Dawidowitsch, Dr. Bloch und Jakob Krauß beteiligten, wurde folgender Antrag einhellig angenommen und zwar: „Nach Anhörung der Ausführungen des^Präsidenten Dr. Gustav Kohn und des vom Schriftführer At. Schmidt erstatteten Berichtes über die Vorbereitungen zu dem in Wien einzuberusenden Emigrasionskongresses besttmmt das .Komitee, bezug nehmend auf den im «eptember gefaßten Beschluß, den Kongreß in der erste» Hälfte des Jahres 19t l einzubernfen, die Vorarbeiten zu demselben fortzusetzen und seine besondere Aufmerksamkeit der Schaffung 'neuer Emigratioiismöglichkeite» für die jüdischen Auswanderer, der detailierten Ausarbeitung des Emigrations - Bankprojektes und der Verhandlungen mit den in Betracht kommenden FinanZkreisen zuziiweiiden. Das Komitee billigt die in den Kongreß-' ' angelegen heiten vom Präsidenten Dr. Gustav