Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 50 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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£ette t. fgEaitffötiet AatMienöüE. Nr. 80. müs, Wien 1899, S. 452. Und daran wird'wohl joH' weder die ablehnende Haltung der österreichischen Regierung, noch jenes Erkenntnis des Reichs- «erichtes etwas ändern." Lemberg. Ein Geistlicher erstattete bei der Polizei Anzeige, daß «ine jüngst im Jrvenhause verstorbene Frau ihm vor ihrem Tode Michtcte, ihr Mann, der bei dem vor mehreren Monaten plötzlich auf der Straße verstorbenen zionistischen Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel an- :gefteiit war, . habe diesen vergiftet. Der Maim leugnet mit Hinweis, auf die Unzurechnungsfähigkeit seiner Frau. Die Untersuchung wird fortgesetzt. Palästina. ' Jerusalem. Ueber die Leistungen des Vereins Lewa an Zion «N 3. Quartal 1910 ist folgendes zu berichten: Es wurden in den beiden Polikliniken 6956 diverse "Kranke, 11114 Augenkranke behandelt, sowie 1701 Impfungen ausgejührt. Außerdem wurden in der Spezial-Augenklinik des Vereins, die Herrn Dr. Wlanger unterstellt war, 16 300 BehandluMkn vor- -genommen, sowie 62 große und 53 kleine Operattonen. 7,Die ApothÄe verfertigte 4695 Rezepte, die teils gratis, teils zu Minimalpreisen abgegeben wurden. Aerztliche Gratishilfe, sowie Ueberlassung von '.Arankenutcnsilien wurden an 1271 Personen gewährt, 35: russische Emigranten wurden zur Begründung jhrm Existenz, mit dem Nötigsten versehen. Äußerndem wurden 24 Personen durch entsprechende Beiträge Existenz begründet und für 11 Lehrlinge das Lehrgeld bezahlt. Amerika. NewPorl. Präsident Taft sagt in seiner schast an den Kongreß über die T‘' Einwan dernngs frage: ' ,/Die Einwanderung wächst jährlich. Ein großer yffieü kommt durch die Einnumderungsstation von 'Eklis Island in die Stadt Newhork. Eine Prüfung .'der'Station und ihrer Methodmr überzeugte mich, 'daß dort eine schwierige Aufgabe durch den 7 M^tmissionär und seine Beamten mit gesundem - Menschenverstand, strengster Redlichkeit und dem «smstenWnnsch, das Gesetz gerecht und barmherzig 'M vollstrecken, ausgefuhrt wird. Es ist vorge- >jchjlagen worden, die Abteilungen so zu vergrößern, wf noch mehr Einwanderer "durch den Hafen klommen könnten. Ich halte es nicht für richtig. -d«K' zu tun. Ich habe nichts einzuwenden, im »Gegenteil, ich empfehle den Bau neuer Gebäude «u -diesem Zwecke, um eine genauere und sorgsamere Prüfung jedes Einwanderes zu erleichtern; jabtx ich heiße nicht gut - die. Vermehrung der Gebäude und der Beamten zu dem Zwecke, die -PiAfung von einer größeren Zahl von Einwanderern, als jetzt täglich vorgenommen werden, M 'erlauben. Wenn darunter verstanden wird, chäß Einwanderer in Newhork nicht mehr aufgeiwmmen werden als jetzt , und die Dampfschiff- Gesellschaften sich also veranlaßt sehen, die Einwmiderer nach anderen Häfen zu befördern, können wir. versichert sein, daß eine Anhäufung in Newport vermieden wird, was' nicht, die Lage des Mmvanderers verbessert oder seine Nützlichkeit als zeip neues Glied der Gesellschaft vermehrt. Jede Mmgierung der Einwanderung nach dem Westen oder Süden dagegen hilft dem Lande." MewAork. In P h i l a d e l p h i a hat sich ein v".," Verband galizischer Juden «bildet. Der hiesige, vor einigen Jahren von APseffer, dem Herausgeber des Jiddischen Wochcn- Llchts, gegründete Verband umfaßt bereits über 80'OOO galizische Judeil. — _ . Vor die hiesige „Jüd. Einwanderer-Hilfsgesellschaft" kam dieser Tage ein skandalöser Fall. Dip. 18 jährige Frieda Hochrath, die vor fünf Monaten einwanderte, bekam durch langes Stehen Arbeiterin einer Gürtelfabrik Schmerzen in Hm Füßen und hatte Krankenhausbehandlung nötig. wenigen Tagen wurde sie im städtischen Hospital grhbilt; — jetzt aber trat die Einwanderungsbehörde - in Funküou und verurteilte sie, da sie öffentlich zur Last gefallen sei, zur Deportation. Die „Jüd. Einwanderer-Hilfsgesellschaft" hat beschlossen, die nöttgen Schritte zu unternehmen. Aus der Zukunft. Bon Friedrich Rott. (Fortsetzung.) i-KS warin den Vormittagsstunden des folgenden ges. Irma hatte heute besondere Sorgfalt auf Hw einfache Toilette verwendet, erwartete sie doch denHceund, den sie dann lange Zeit nicht mehr sehen flcklte. Wer sie war deshlab nicht trübe gestimmt, wußte sie Loch, daß er heute vor - seiner Abreise Dp. jagen mußte, was sie zwar längst wußte, was er ihr aber dennoch sagen mußte, um sie zü srägen, ob er bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten dürfe. Und was sie antworten würde, das wußte sie auch, und was ihr Vater antworten würde, das wußte sie gleichfalls. — Wie das Herz ihr pochte, so überlaut. — Wann er wohl kommen würde?.— Vermutlich gegen Mittag. Da ertönte die Glocke au der Wohnungstür. Sie fuhr zusaminen und wurde dunkelrot, und dann lachte sie über sich selbst, wie war sie so unvernünfttg! Das konnte er doch unmöglich sein, es war doch kaum zehn Uhr, das war vermutlich der Postbote gewesen, sie mußte scheu,, ob er nichts für sie gebracht hatte. Sie begab sich hinüber zu ihrem Vater, doch nicht ohne im Vorübergehen einen Blick in den Spiegel geivorfen und ihrem Spiegelbild zugenickt zu haben. Die hohe Röte, die die Erregung auf ihre sonst blassen Wangen gezaubert hatte, kleidete sie vortrefflich, heute Mußte sie ihm noch mehr gefallen als sonst, — wenn er nur erst da wäre!" „Ist die Post schon gekommen, Papa? — nichts für mich?" „Doch, ein Brief und eine Karte aus London, vermutlich von Deinen Cousinen. Und außerdem habe ich Dir einen achtungsvollen Gruß von Herrn Jakobson zu übermitteln. Durch einen unvorhergesehenen Umstand war er gezwungen, statt abends mit dem letzten Zug heute morgen mit dem Frühzug abzureisen, und konnte daher nicht — aber was ist Dir, Kind, was. hast Du?" „Nichts! — nichts ist mir," stammelte sic, während sie, einer Ohnmacht nahe/ eine Sessellehne umklammert hielt; aber ihr war, als stocke ihr Herzschlag. Hätte ihr Vater sie nicht gestützt, sie wäre zu Boden gestürzt. Sorgsam trug er sie zu der Chaiselongue, legte sie darauf nieder und befeuchtete ihre Stirn mit Acther. „Tanke," flüsterte sie, mit Gewalt den Anfall bezwingend, „mir ist schon besser — schon ganz gut." „Aber was war Dir denn, Kind?" ,^ch weiß es selbst nicht — es hat sich alles um mich gedreht." ,^ch will Dir selbstverständlich keinen Vorwurf machen, aber ich hatte den Eindruck, als hättest Du Dich über die Mitteilung, daß Herr Jakobson ohne Abschied avgereist ist, sehr geärgert, und als hätte dieser Aerger Dein Unwohlsein verschuldet." „Ich weiß es nicht, Papa," flüsterte sie, indem sie sich aufrichtete und ihr Gesicht gegen seine Schulter lehnte, „vielleicht hast Du recht, — aber gewiß weiß ich es nicht." „Es wäre mir leid, wenn ich recht hätte. Wer wird sich so ärgern? — und über was?" „Wer es ist mindestens sehr ungezogen, abzureisen, ohne sich zu verabschieden." „Das kann man nicht behaupten, Du hörst doch, — wenn Du willst, kannst Du es selbst lesen, daß ihn ein unvorhergesehener Umstand zur früheren Wreise gezwungen hat." Sie blickte in den entfalteten Brief. „Das ist gestern Abend geschrieben und vermutlich vor zehn Uhr in den Briefkasten geworfen worden. Da hätte er noch Herkommen können." „Er hat doch nichr wissen können, ob uns sein Besuch zu so später Stunde noch willkommen gewesen wäre." „Das hätte er sehr wohl wissen können, wie oft ist er nicht bis elf Uhr da gewesen, — aber nein — nein — ich weiß schon — ich verstehe schon —" Ihre Stimme war plötzlich rauh und heiser geworden, mit unheimlicher Raschheit stieg-und schwand die Farbe in ihrem Angesicht. Besorgt blickte der Vater auf sie, die sich jetzt vollständig aufgerichtet hatte. Aber sie. stand nicht sicher, sie schwankte. „Du solltest noch ein Weilchen ruhen, Kind. — Was weißt Du denn eigentlich? oder was glaubst Du zu verstehen?" „Ich verstehe es sicherlich — ich weiß genau — wie es ist." „Wer was weißt Du? — was?" ,Mun, Du hast ihm doch angeboten, ihn: die Mittel zu seinen Studien v'ürzustrecken, er hat es aber entschieden zurückgewiesen —. Du hast Dich auch darüber . geärgert." „Geärgert? — Nun allerdings insofern, als ich mich ihm verpslichtet fühle und ihm gern eine Gefälligkeit erwiesen hätte. Wer ich kann es doch nur. als ehrenwert anerkennen, daß er ohne zwingende Notwendigkeit keine Unterstützung annehmen will, er ist ein stolzer junger Mann." Sie zuckte die Achseln.' ,F)b er stolz ist, weiß ich nicht, aber daß er kein Darlehen von Dir annehmen will, das hat einen andern Grund." Sie hustete leicht, wie um sich. zu räuspern, aber ihre Stimme war noch mehr belegt als vorhin, und wiederholt stockend fuhr sie fort: „Weißt Dü — ich glaube, es kommt öfter vor —, wenn man einen; jungen Mann die Mittel zu seinen Studien vorstreckt, daß man dann erwartet, daß er die Tochter heiratet. — Wer Herr Jakobson ist ein ehrenwerter Mann, er will keine Erwartung wecken, der er nicht entsprechen will. — Darum will er kein Darlehen von Dir, und darum ist er ohne Abschied abgereist." Sie schlug beide'Hände' vor da§ zücksndc Angesicht/ und sank ächzend auf einen Sessel.' ' ,-Kind! Kind! wer wird so unvernünftig sein! — Von allem, was Du da gesagt hast, ist nichts weiter wahr, als daß unser Freund ein ehrenwerter Mann ist." ,Das. bestreitet Niemand. —. Man kann sehr ehrenwert sein, — ohne — ohne — ohne die Neigung eines Mädchens zu erwidern." „Aber man ist ein Schurke, wenn man mit Absicht die Neigung eines Mädchens weckt, ohne dieselbe zw -erwidern." .. . ' ' . ' ■ c-/ „Das hat er nicht getan," stammelte sic, indem sie die gerungenen Hände in den „Schoß sinken ließ, „das habe ich mir nur eingercdet." „Im Einreden bist Du allerdings groß; aber ich glaube doch nicht, daß Du Dir dieses eingeredet hast." Sic erwiderte nichts, aber aus ihren weitgeöffneten Augen - stahlen sich-langsam zwei -große Tränen über' ihre bleichen Wangen. Nicht ohne Anstrengung erhob sie sich , und schwankte dem Ausgang zu. „Du solltest. noch ein 'Weilchen ruhen." „Später, jetzt muß ich in die Kiiche." Doktor Blau sah -ihr seufzend nach, es schmerzte ihn, sie leidend zu sehen, aber er konnte ihr nicht helfen. —i Daß das Hindernis, das ihrer Verbindung mit dem Geliebten entgegenstand, sich beseitigen lassen werde, glaubte er nicht mehr, er hoffte nur, daß die alles sänstigende Zeit ihren Einfluß geltend machen werde, und daß inzwischen wechselnde Zerstreuungen, an denen es ihr nicht fehlen sollte, .den großen Schmerz vermeintlich getäuschter Liebe zurückdrängen werde. Ms sie beim Mittagessen wieder zusammen trafen, fand er sie ruhiger, als er erwartet hatte. Zwar ihre leicht geröteten Augenränder zeugten von vergossenen Tränen, aber ihre Stimme war ruhig und klar, nicht mehr belegt wie. vorhin, und willig antwortete sie eingehend 'auf jede Frage, die er an sie richtete, zwang sich auch, einiges zu genießen und ließ sich sogar ein Gläschen Sherry aufnötigen, der ihr das Blut wieder in die blassen Wangen trieb. Der Vater nickte ihr liebevoll zu. „Schön, schön, das ist brav. Und weil Dü so hrav bist, werde ich meine Siesta heute abkürzen und wir machen einen Ausflug in die Berge. Einverstanden?" „Gern, lieber Papa, das Wetter ist heute wunderschön, aber Deine Siesta solltest Du deshalb doch nicht kürzen." „Das kommt darauf an, wie die Züge gehen. Mache Dich nur fertig, daß wir bald fort kommen. Sonntagnachmittag und solches Prachtwetter, da will alle Welt' hinaus." Irma hatte sich während des ganzen Tages bezwungen, die Bekannte;;, die sie auf ihrem Ausfluge getroffen, hatten keine Verstimmung an ihr beinerkt, und auch mit ihrem Vater allein schien sie heiter. Doch nun war es' Nacht. Sie lag auf ihrem Bette und starrte.mit weit geöffneten Augen zum Fenster hin, hinaus aus den nächtlich klaren Himmel, an dem funkelnde Sterne ihr entgegenflimmerten. — Ihr wnr so weh, so unaussprechlich wehe. Warum hatte er sich nicht von ihr verabschiedet? — Sie hatte mit solcher Bestimmtheit darauf gerechnet, mtt solcher Bestimmtheit er-' wartet, daß er .ihr bei dieser Gelegenheit mit Worten sagen werde, was seine Blicke und sein ganzes Wesen ihr längst verraten haben. — Uitb er war nicht gekommen! Wer ihr Vater hatte recht, er war ein ehrenwerter Charakter Hurch und durch. Grade weil sie nicht nur erwartet hatte, daß er sich von ihr verabschieden werde, sondern weil sie auch erwartet hatte, daß er sich bei dieser Gelegenheit erklären werde, grade deshalb war er nicht gekommen. — Sie war vermutlich so unvorsichtig gewesen, ihr die Gefühle, die sie für ihn hegte, erraten zulassen, und weil er dieselben nicht erwidern kannte,. darum war er nicht mehr gekommen, hatte nicht mehr kommen dürfen. — O, wie das schmerzte! —> Wie das schmerzte! — Wie war sie so blind gewesen! - :- Regungslos lag sie da und starrte in die Nacht hinaus, bis heiße Tränen ihre Augen füllten und über ihre Wangen hernieder:. glitten, Doktor. Blau war. entsetzt, als. 'sie. qm. Morgen in das Frühstückszimmer' trat. Ihre Wangen wären farblos, nur um den Augen herum lagerte;; dunkele Schatten : und in den' Augen flackerte:/ es seltsam. Aber sie lachte über die Besorgnis ihres Vaters, sie fühle sich vollkommen wöhs. , Im Hause des Bankier Meier herrschte reges Leben, bis tief in die Nacht Hinein, ' es tvar der Hochzeitstag seiner ältesten Tochteran dem gleichzeitig die Verlobung der Jünger;; gefeiert/ wurde, Das Fest war in schönster Weise vorüber gegangen: Emmi in ihrer Brauttoilette,, in Kranz und. .Schleier, war berückend schön gewesen, doch es gab viele, die ihre jüngere Schwester für noch schöneb klärten, u;ch wie die Brillanten funkelten, wenn; sie -das liebliche Köpfchen hierhin oder dorthin wandte.