Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 50 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. h-y,- ii .. sAa^ , Ms- Oscher Joel — ein genialer Finanzmann, sein Sohn Horaz — ein hervorragender Philanthrop, zu öffentlicher Betätigung glänzend befähigt, und sein Enkel David — ein Gelehrter, ein Gelehrter in des Wortes vollster und schönster Bedeutung. And zwar seiner ganzen Anlage nach, ein Gekehrter auf dem Gebiete der orientalischhebräischen Wissenschaft. Seine Anlagen . zu dieser Wissenschaft machten sich schon in seiner frühesten Jugend bemerkbar, und von früh auf hätte er sich mit großem Eifer diesen Studien Angewandt. Hervorragende Lehrer haben ihm die eisten Anweisungen gegeben, Neubauer, Schneiur Sachs, Zwi Rabbinowitz zählten zu ihnen. Und sein ganzes Leben hindurch ist er dieser Wissenschaft treu geblieben uud zählte M den hervorragendsten Gelehrten auf diesem Gebiete. Während seine europäischen „Standesgcnossen" ihr Vergnügen in Klubs, Jagden und galanten Abenteuern suchten, saß er, still und zurückgezogen, über' Folianten gübeugt und studierte die große und tränenreiche Geschichte seines Volkes. .Während jene ihr Vermögen in Spiel und Ver- Dwendung ausgaben, verwandte er es auf die Anlegung einer großartigen BMiothek, die heute zu den größten und seltensten in Europa zählt. Er war ein europäischer Baron, ein reicher Bankier, und wir feiern in ihm den jüdischen Gelehrten! Darum eben war er unser -Baron! * Bekannter jedoch als durch seine wissenschaftlichen Arbeiten, die nur Gelehrte an- - zuerkennen wußten, ward er durch seine öffentlich e Tätigkeit. Er selbst hat nie nach öffentlicher Betätigung gestrebt. Er blieb auch zurückgezogen bis in die letzten Lebensjahre seines . Vaters. Erst als dieser nicht mehr die Kraft "Lesaß, alle seine Aemter zu tragen, begann auch 7«, seinem Vater zu helfen, und als dieser vor zwei Jahren dahinging, mußte er, als der gegebene Nachfolger, an seine Stelle treten. So gab keine jüdische Gesellschaft in Rußland, an der ..cc nicht hervorragenoen Anteil genommen hätte. ' War er doch das Haupt der Familie Ginsburg, ~ der Familie, die man seit zwei Generationen Ms die natürliche Führerin der russischen Juden- ^heit betrachtete. Und wmn es ihn auch von Natur aus zu dieser Tätigkeit nicht drängte, , da er wußte, daß cs unentbehrlich sei, daß es seine Pflicht sei, mitzuschafsen, so arbeitete er gern, mit Aufbietung all seiner Kräfte, mit höchjfer Pflichterfüllung. Er war unermüdlich in der -Inangriffnahme neuer Tätigkeiten, in der Schaf- : hmg neuer Institutionen, er half immer und ~ half sicher. Er war die erste Instanz und die ,-letzte. Wenn es galt, eine neue Gesellschaft zu gründen, der erste, an den man sich wandte, war .„der Baron"; wenn bei einer Arbeit alle Mittel -versagten, wenn man schon an allem verzweifeln wollte, man wußte doch, „der Baron" wird's 'fertig bringen. Und er brachte es fertig. Nicht lange Zeit hat er sich öffentlich betätigen können, 7 MU> fast unmeßbar ist die Wirkung, ist die Zahl - der Erfolge seiner Arbeit; größer noch die Zahl feiner Wünsche, seine Pläne, seiner Absichten. Soviel er getan hat, unendlich mehr hat er tun ' wollen, und wenn man auch die Energie eines Mannes an seinen positiven Leistungen mißt, die Hoheit uno Größe seiner Seele nimmt man an feinen Wünschen und Ideen wahr. Er war ein europäischer Baron und berühmter Finanzier, und wir feiern in ihm den großen jüdsschen Bolksführer. Darum eben war - «r unser Baron! ' % Populärer und beliebter aber als David Hinsburg durch seine allgemeine Tätigkeit wurde, ward er noch durch seine private Tätigkeit ffir einzelne, ward er vor allem durch seinen Charakter. Unzähligen hat er geholfen, für jeden hatte er ein Ohr, denn in jedem sah er seinen Bruder. Man merkte ihm nie den Baron an, den Millionär, nicht einmal den höherstehenden v ^--. Gelehrten. Er war ein einfacher Charakter, von i#5 ' ...... Frankfurter ZfrMWMS Famllirnblatt. Str. 50 jener Bescheidenheft, jener umfassenden Menschenliebe, von jener Leutseligkeft und Freundlichkeit, von jener Ruhe und Geduld, wie wir sie am echt jüdischen Wessen zu bewundern pflegen. David Ginsburg war das Muster eines jüdischen „Talmud-chochom", wie wir sie in früheren Jahrhunderten so zahlreich hatten, heilte jedoch nur in wenigen Auserlesenen besitzen; eines jüdischen „Talmud-chochom" im vollen Umfange dieses spezifisch jüdischen Begriffes, eines echt jüdischen „Talmud-chochom" auch insofern besonders, als er zeitlebens am ganzen Judentum festgehalten hat, nichts von ihm seiner Zeit und Stellung zuliebe aufgegeben hat, sondern ein wahrhaft ftommer Jude geblieben ist, in dem der orthodoxest Jude Rußlands einen Bruder, einen seinesgleichen sehen konnte und auch stets gesehen hat. So gibt es keine höhere und würdigere Ehrung für David Ginsburg, als. indem wir ihn als Vorbild eines „Talmud-chochom" bezeichnen. Tenn, diese Eigenschaft faßt alle anderen in sich> ist der Inbegriff all seiner Tugenden. Er war ein europäischer Baron und berühmter Finanzier, und wir feiern in ihm den großen, jüdischen „Talmud-chochom"! Darum eben war er unser Baron! * * * So ist er nun dahin, er, unser Baron! Als solcher war er nicht etwa ein neuer Typus in unserem Leben, war er vielmehr der Forssetzer einer uralten Kette von den größten seiner Ahnen. In allen Zeiten unserer großen Geschichte, auch in den Tagen größter Not und unsäglichster Qual hatten wir diese Barone unter uns, Männer, die nach außen unsere anerkannten Repräsentanten, nach innen unsere unbestrittenen Führer waren. Erst mit dem Schwinden unserer geschlossenen nationalen Einheit, mit dem Schwinden -unseres jüd. Lebens begann auch dieser Typus immer seltener und seltener zu iverden. Wir wurden immer reicher an Baronen, immer ärmer an jüdischen Baronen. David Ginsburg war heute der einzige Vertteter dieser historischen Reihe, war der einzige jüdische Baron unserer Tage. Der einzige — und vielleicht der letzte? Ter letzte — und der Schmerz wird furchtbarer, die Zukunft trauriger und das Leben einsamer. Verwaist steht Israel an der Bahre Baron David Ginsburgs. Verwaist steht Israel und weint, weint um seinen — vielleicht letzten — jüdischen Baron. Brief aus Rumänien. Der Urteftsspruch des Kassattonshofes im Sinne der Abschaffung der barbarischen Schwursfvrmel „More Judaico" hat, obwohl er vorläufig nur als theoretischer Sieg angesehenwerden darf, auf die niedergeschlagenen Gemüter der Juden einen wohltuenden Einfluß ausgeübt. Dieses Ergebnis sah man sogleich auch in der Handlungsweise der Rabbinen und Gemeinden: Bei einem kurz nach dein Urteilsjpruch der ' Kassation vorgekommenen Fall von „More Judaico" lehnte der dazu geladene Rabbiner einfach ab, — und der Richter ließ es' gut sein. Während die antisemitische Presse über den Erfolg in Sachen „More Judaico" schweigt —; selbst sie empfindet anscheinend das Unmenschliche dieses Eides —, richtet sie ihre Wut darauf, daß das Parlmnent ein Dutzend Naturalisationen von Juden, die ihre Gesuche bereits seit Jahren cingereicht und keinen Bescheid bekommen hatten, genehmigte. Ihr Geschrei drang sogar bis in den Senat und gab dort zu heftigen Auseinandersetzungen Anlaß. Infolge der antisemitischen Angriffe .sind . die Naturalisierungen vorläufig eingestellt worden. Bor einigen Wochen ivurde von mehreren jüdischen Zeitungen jm Auslande die Nachricht von einem kleinen Pogrom verbreitet, den man in einer rumänischen Stadt gegen Juden angcstiftet hätte. Diese Nachricht komnit daher, daß in der walachischen Hafenstadt T ur nu-L, cv e rin eine Kundgebung gegen die jüdischen Bewohner stattfand, die mft dem Einschlagen der Fenster, Steinwürfcn und Drohungen endete. Diese von Gymnasialhuliganen und anderen christlichen jungen Leuten inszenierten Krawalle hatten natürlich die Juden in Schrecken gesetzt, zumal da die Polizei erst spät einschritt. Inzwischen hat der Bildungsminister Maßregeln getroffen, um der JndiSziPlin und Anarchie, die durch die antisemitischen Zeitungen geschaffen wurde, wenigstens auf den Gymnasien ein Ende zu machen. Ob diese Maßregeln großen Erfolg haben werden, bleibt fraglich; denn Hand in Hand mit den griechischen und armenischen Antisemiten, die das Land überfluten, gehen auch eine Anzahl Universitätsprosessoren. Jassy, die Hauptstadt der Moldau, ist besonders ein Herd von pestverbreitenden Agitationen. Der Jassyer Antisemitenfuhrer Cuza beschränkt sich, nicht etwa auf rachsüchtige, seine'Unwissenheit in jüdischen Dingen ans Licht bringende Hetzartikel gegen den Talmud usw.; nach seiner funkelnagelneuen Erfindung soll cs den Juden vom Talmud vorgeschrieben sein, christliche Gebärerinnen zu töten, — und alsbald wollte der berühmte Professor seine Erfindung auch in Anwendung bringen: Er griff einen jüdischen Arzt auf Grund seiner Erfindung au und, schrieb ihm den Tod einer niedergekomnienen Frau zu. Der Arzt hat sich zwar nicht gescheut, den Hetzichostel wegen schmählicher Verleumdung vor Gericht zu rufen, aber es ist in Rumänien bereits seit Jahren bekannt^ daß Professor Cuza nie besttaft wird. Einer von Cuza's Jünger», der" Leiter des staatlichen Untersuchungslaboratorium in Jassy ist, hat sich zur Aufgabe gemacht, die jüdischen' Kausteute regelmäßig zu schädigen, indem er die ihm von ihnen zur chemischen Analyse dargebrachten Waren für gesundheitsschädigend erklärt, während dieselben Waren im Laboratorium in Bukarest für gut anerkannt werden. Und es ist vielleicht nicht bloßer Zufall, daß in letzter Zeit eine Anzahl großer jüdischer Warenhäuser in Jassy dem Ruin verfallen sind: denn die erwähnten Hetzereien haben, fast den Charakter eines Boykotts gegen Juden, und das schon mehrmals erwähnte Sonntagsruhegesetz tut. das seinige dazu, . die Lage der jüdischen Kausteute noch - prekärer zu machen. Eine Abwehr oder auch nur geringe Besserung der Not ist fast undenkbar. Die Juden sind so mutlos, daß .sie den geringsten Kampf scheuen. Und was die Regierung änbetrifft, so ist von ihr nichts zu erwarten: von den Angriffen der Opposition erschüttert, durch innere Uneinigkeiten geschwächt, steht sie augenblicklich vor dem vom Lande längst ersehnten Fall. Doch mögen bei uns. in Rumänien auch die Regierungen wechseln, - diW Stellung jedweder Regierung -zu den Juden istA stets die gleiche. ~ Mb. -j' Brief aus Ungarn. Der neologe Whrer Max Szabolzy, der bis jetzt in salbungsvoll apologetischen. Artikeln unentwegt die Einheitlichkeit des'ungarischen Judentums predigte, hat seit zwei Monaten den . Kurs geändert. In einer ganzere Serie 'von Artikeln iwerschi'rttet er die glaubenstreue Judenheit des Landes mit Jnvektiven und versteigt sich sogar so weü, die Intervention, der politischen Kreise gegen die „Invasion der „Polyaken," die den ungarischen Staat, die ungarische Kultur, nicht nur das ungarische Judentum gefährden," anzurufen. Ihm ist das bisherige SchiSina unserer Konfession noch zu wenig; er hetzt mit beißender Ironie zu einer neuerlichen Spaltung: aber innerhalb der Orthodoxie. ,Aie intelligenten Elemente innerhalb der orthodoxen Gemeinden müssen sich zusammentnn. um das überhandnehmende Polyakentu m, das, statt sich zu assimilieren, assimiliert, mit Gewalt und —, wen» es sein muß — mit Hilfe der politische» Behörde zu verdrängen." „Die Neugründung der „Magyar Orthodoxie" als einziges Mittel der Rettung gegen die arrogchfte Kaftanei," ist die Schlußfolgerung all seinerfHdtzarttkel. j V; i Und er macht Schule. Im ungarische» Parlament herrscht ein reaktionärer To. wie er im rumänischen Volkshaus kaum radikaler zu hören ist. Man begnügt sich nicht mehr migj& beißenden Tiraden, unsere .Gefühle zu verletzeiiW" sondern geht weiter, einfach zu verlangen, i,chaß? man gegen die orthodoxen Kazaren" ~ ein^ Terminus, den man eigens zu diesem Zweck,ge»^ prägt hat — „Ausnahmegesetze statuiere," ,)öenVr sie verpesten die Luft, vergiften daS Land;-' be-, rauben das Volk und richten durch ihren Wuchers den ganzen Bauernstand des nordwestlichen-!'.^ bietes ^u Grunde." k? Beschämend war es, daß die jüdischen,'. Gesetzgeber -des Parlaments alle diese -- --- --- schreieilden Verleumdungen.„genial" überhört hähent< mit Ausnahme des Budapestcr Paul. S.anK»-tz.^ der sich auch nur erhob, um mft tiefer 'Mft-.- rüstung den Verdacht znrückzuwessen, „als mit diesen Elementen, die er als Schande«. LÄtz. Judentums Lrandmartte, identisch wäre." » Di« Grenzpolizei waltet, wie bereit^' ' richtet, ihres Wirtes mit kalter Erbärmung keft. Es zittert wie verhaltnes Seufzen dirrc ^. _.. 2W