Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 50 (30.12.1910)
- Date
- 1910-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i-- I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— M- . > I - HledaKti.on und Hx-lchaftsstel Frankfurt a. m.. 42ntt3c)1rit|c 7 lelefon 10507. —-S-ä§~2-- Herausgeber: Aalg Heis. Insertionspreise: Die Hiergespaltene Petitzeile. , . . . 25 Psg. Die Reklamezeile . . . . ~. . . . . 100 Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 8. Jahrgang. Freitag, de« 29. Kislew 5671 (30. Dezember 1910). Nr. 50;; Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Jüdische Auswanderer. — David Giusburg, der jüdisch- Baron. — Brief aus Rumänien. — Brief aus Ungarn. — Berliner Brief. — V. Verbandstag der Jüdischen Lehrerveteine im Deutschen Reich. — A us alt er Welt. — Feuilleton: Ans der Zukunft. — Wochen-Kalender. — Familiennachricht en. Indische Auswanderer. VI: (Schluß.) Wenn man die Fragen der jüdischen Auswanderung behandelt, kann man an der unerfreulichsten Begleiterscheinung nicht vorübergehen, die das Eleitd der Emigranten in noch potenzierterer Form darstellt, an der Rückwanderung. Wie viele haben die ungastliche Heimat verlassen, um ihre physisch und psychisch ungebrochenen Kräfte unter dem Sternenbanner oder auf dem Boden Argentiniens und Kanadas frei entfalten zu können. Den meisten glückt der Versuch, und wenn ihr Erwerb auch kümmerlich ist, so arbeiten sie doch als freie Menschen und sind mit ihrem Los zufrieden. Aber viele können sich den neuen, ungewohnten Verhältnissen nicht akklimatisieren, finden keine Arbeit und vermehren jenseits des großen Teiches nur das Proletariat, das hungert und arbeitslos sein Dasein fristet. Mit dem letzten. Rest der „Ersparnisse" erstehen sie sich eine Schiffskarte, um wieder die alte Heimat, das Land ihrer Sklaverei aufzusuchen. Es ist immer bei allen vom Mißgeschick betroffenen Menschen noch erfreulich, wenn sie ein Schimmer von Hoffnung aufrecht hält, wie bei den Emigranten. Doch diese Rückwanderer haben alle Hoffnung fahren lassengebrochen und um ihre Illusionen betrogen, kehren sie wieder heimwärts .zur .Scholle des Landes zurück, da ihnen kein .Freiheitsstrahl leuchtet; nur eins wollen sie, das Leben, das so oft zerstört wurde, wieder aufs neue beginnen. An diesen gescheiterten Existenzen nimmt keine. Organisation ein positives Interesse; Rück- Hyam^rer werden möglichst schnell zurückbefördert unb wandern von Ort zu Ort, da sie keine Mittel ^besitzen, um die große Rückreise auf einmal -machen zu können. Durch die in jüngster Zeit ^.LegÄndete Zentrale der Wanderarmen- MFS,its o r g e ist auch endlich diesen Armen ein ^chenig geholfen worden, da sie nunmehr in Etappen den Rückweg bis zur Grenz- Mht antreten. Hier ist jedoch den Flüchtigen Meder Halt geboten, da ihr liebevolles Heimatland ^dte-'^aßlosen Heimatsuchcr nicht ausnimmt, und so^setzt der gefährliche Schmuggel wieder ein, der ckl^mnnieu an Kapital verschlingt. traurigsten Bilder von Verzweiflung zei- .HWksjene Rückwanderer, die man wegen einer -iL^^kheit oder einer Schwäche nicht in 'Amerika 'HuKMgelasseu hat. Obgleich die Auswanderer in HMNontrollstation und an den Hafenplätzen ärzt- Äuntersucht werden, gibt es doch zahlreiche Unten, die von den amerikanischen Aerztcn zurückgewiesen werden und das Land ihrer "MAN : -SSkp'; aÄiw».,-' Sehnsucht nicht betreten dürfen. Auf der Newyork vorgelagerten Insel werden sie ausgeschisft, und dort erfolgt die strengste ärztliche Untersuchung, und alt die Armen, die an Trachom leiden oder auch nur ein wenig schwach gebaut sind, werden ohne Erbarmen zurückgeschickt. Hierdurch erwachsen den Schiffahrtsgesellschaften nicht geringe Unkosten, da sie verpflichtet sind, diese Zurückgewiesencn bis in die erste Grenzstadt ihres Heimatlandes ohne Entgelt zurückzubefördern. Unsere deutschen Organisationen — mit Ausnahme der neu begründeten „Wanderarmen-Zentrale" —, wie auch die „Jca" in Rußland lehnen es ausdrücklich ab, für diese Rückwanderer Mittel bereitzustellen. Ta stehen diese Unglücklichen an der russischen Grenze, haben alle ihre Mittel aufgczehrt und sind nicht einmal in die „neue Heimat" hineingelassen worden. Noch schlimmer dran sind jene, die drüben krank oder arbeitsunfähig geworden sind, denn in den ersten Jahren ist es drüben den Emigranten „gesetzlich verboten", krank zu werden, da sie dann wieder in das russische Ghetto zurückwandern müssen. Ich erinnere mich eines besonders traurigen Falles, eines Mädchens, das sich drüben als Schneiderin einige Jahre gut ernährte, dann lungenkrank wurde und obgleich sie fast drei Jahre sich dort gut eingclebt hatte, wieder nach Rußland zurückgeschickt wurde. Die „Jca" in Rußland gibt diesen ins düstere Elend Zurückgestoßenen auch nicht eine Kopeke. Es werden daher die Rückwanderer von den örtlichen Wohltätigkeitsvereinen, die sehr schlecht organisiert sind, von Ort zu Ort geschickt, bis sie endlich, da der schöne, hoffnungsvolle Traum der Auswanderung sie so grausam enttäuscht hat, an ihrem Ausgangspunkt wieder anlangen und mit Noomi sagen können „Nennt mich nicht Noomi (die Liebliche), sondern Mara", die so viel Bitteres erfahren. Das Informationsbüro für Emigranten gibt eine Jargonzeitung heraus, die zweimal monatlich erscheint „Der jüdische Emigrant". Die Artikel dieses Blattes handeln von dem traurigsten Kapitel der jüdischen Gegenwartsgeschichte. Es sind bittere Anklagen gegen den lieblosen Geist der modernen Zeit, die für alle Volksstämme, die unterdrückt und verfolgt werden, internationale Abhilfe fordert und diese nur dann nicht kennt, wenn es sich um die verelendeten jüdischen Massen in Rußland und Rumänien handelt. Mer neben diesen traurigen Bildern jüdischen Auswanderer- und Rückwanderer-Elends erzählt uns „Ter jüdische Emigrant" von dem hoffnungsvollen Aufblühen der Emigrantenkolonien in der Fremde, die diesen vom Glück Verstoßenen zur neuen Heimat geworden sind. Hoffen wir, daß dieses Neuland bewahrt bleibt vor dem zersetzenden Geist des Judenhasses und daß es den Vertriebenen das Gefühl der Liebe zur Menschheit wieder zurückgibt und das gut jüdische Empfinden ihnen in dem Lande der Freiheit erhält. Dr. W. David Giusburg, der jüdische Baron. ' Von Bcn-Koheleth. Wir Juden, das uralte, eingefleischte, un» ' verbesserliche Demokratenvolk Pflegen vor Baron«» keinen sonderlichen Respekt zu haben. Uns ist: y' der hohe Titel — zumal bei einem Sohne unseres Volkes — eher ein Grund zu instinktiver. Abneigung denn zu kritikloser Bewunderung. ES gibt aber keinen Juden — welcher Richtung (- er auch angehöre —, der nicht zu Satan David Ginsburg mit Blicken tiefster Ber<- chrung und innigster Liebe empörgeschaut hätte.-- ”• Diese Tatsache ist eigentlich der beste, eindrinHl lichste Zeuge der Größe dieses Mannes. Er wche.-- in Wahrheit ein Baron, geadelt nicht durch dew(..'0 Titel des hessischen Herzogs, sondern durch fcf* * tene Seelenreinheit und jüdische CharaktergrößeL. v;' So kam es, daß er nicht nur den kriechenden An-' betern klingender Titel — an denen wir Heu- J tigen Juden so reich sind — der geadelte Baro» war, er galt uns allen als solcher, er war der gesamten russischen Judenheit „der Barons und nun, da er so früh gestorben, weint Jsraek ’ - an seiner Bahre um „seinen" Baron. 4- * * - '; Tie heiße Liebe zum jüdischen Volke wmk bei David Ginsburg eine ererbte Eigenschaft, war' die heiligste Tradition seiner Familie. Sowohl'.,;: sein genialer Großvater, Oscher Joel Ginsburx. ' der den Grund zum Reichtum der Familie geleA - hat, als auch sein uns allen noch unvergeßlicher» ' vor zwei Jahren verschiedener Vater Horaz Gins- ' ~ bürg hatten bei allem gesellschaftlichem Glanzt:. und materiellem Reichtum die Arbeit und Sorg«? ' ) für ihr Volk als die heiligste und vornehmst« Aufgabe ihres Lübens betrachtet. Diese edle Familientraditivn verlieh der Persönlichkeit Davift Ginsburgs von vornherein etwas Festes uns» •. Bodenständiges; die Grundlage seines Wesens roaj ihm schon damit vorgezeichnet; so entsprang seine jüdische Tätigkeit nicht einer außergewöhnliche»,' ‘ Anwandlung von Mitleid und Liebe zu seine» Brüdern, wie etwa bei Baron Hirsch, sonder» war die natürliche, selbstverständliche Basis seines - Lebens und Wirkens. Dies aber brachte ihn unK grade so nahe; wir sahen in chm unwillkürlich den Bruder und Freund, wir betrachteten ihn bei aller Verehrung als einen uns Gleichen undi schauten nicht zu ihm auf wie etwa zum großen^ mächtigen, europäischen und darum fremden Finanzier Baron Hirsch. Diese Liebe zum eigenen Volke >var der . einzige von seinen Ahnen ererbte Zug seines Wesens; sonst war er völlig anders geartet. Es gibt eine bekannte naturwissenschaftliche Thco-l rte, wonach eine in hohem Maße befähigte Familie auf den verschiedensten Gebieten hervov» ragende Männer Hervorbringen könne. Die Familie Ginsburg ist ein lebendiger Beweis dieser Lehre. Der Begründer chrer hohen Stellung^ . ... .. ■_. -‘uäs