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Neue jüdische Presse · 1910-12-23 · Heft 49 (23.12.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 49 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ties, der einzigen repräsentativen Körperschaft der Juden des britischen Reiches. Türket. Üonstautinopel. Im Parlament kam gelegentlich der Debatte über die Bewilligung eines Staatskredits für die Ansiedlung der bosnischen Mohadschirs in Mazedonien die Frage der Einwanderung zur Erörterung. Die bulgarischen Abgeordneten bekämpften die Rcgicrungstaktik, welche darauf hinausläuft, das islamische Element in dieser Provinz auf Kosten der Griechen und Bulgaren zu verstärken, lind wiesen darauf hin, das; die ganze Aktion, weil sie eine künstliche sei, nur sehr geringe Erfolge aufzuweisen habe. Im ganzen seien innerhalb der letzten drei Jahre nur 8000 Personen angesiedelt worden. Der Grieche Boscho Essend; niejntc, die Immigration als solche sei dem Lande sehr nötig und gleich vorteilhaft, ob nun die Einwanderer Türken, Christen oder I,wen seien; nur müssen llngcrechtigkeiten vermieden werden, welche Erbitterung Hervorrufen könnten. Zum Schlüsse der interessanten Debatte wurde der verlangte Kredit bewilligt, unter der ausdrücklichen Bedingung, das; noch vor Dotierung des Budgets die Regierung das langerlvartete allgemeine Einwanderungsgcsctz der Kammer vorzulcge» habe.' So wird denn also noch in diesem Winter, ^vielleicht sogar in einigen Wochen schon, eine der wichtigsten Fragen der jüdischen Gegenwart in der türkischen Volksvertretung zur Besprechung und zu einer ersten Lösung kommen. Koustantinopel. Zum Unglück der hiesigen jüdischen - Bevölkerung scheint . gerade der Vorort B a l a t zum Hanptheroe der Cholera geworden zu sein. — Die überwiegend jüdische Bevölkerung von Balat ist von Furcht und Aufregung ergriffen. Vor acht Tagen fanden große Meetings statt, Samstags bei den Inden und Sonntags "bei .den Griechen, die gegen die sträfliche Vernachläßigung der Straßcnhygiene in ihrem Stadtteile heftig protestierten und von der Regierung augenblickliche Abhilfe verlangten. Die Aufregung und Verzweiflung erreichte ihren höchsten Grad bei Gelegenheit der Beerdigung eines beliebten, an Cholera verstorbenen Juden. Biele Tausende von Balater Juden folgten dem Sarge. Die Polizei, die den Zug als eine Demonstratio» ansehen mochte, forderte zum Auseinandergehen auf und suchte dje ungeheure Menge zu feilen und znrückzuhalten. Einige Jitdividucn, die betrunken gewesen sein sollen, leisteten tätlichen Widerstand, und es entstand ein allgemeines Handgemenge zwischen den Juden und der bewaffncten Macht, wobei einige Personen verwundet und Verhaftungen vorgenommen wurden. Amerika. St. Louis. Für die h'csige Aktiengescllschaft „Hoachooza", die den Zweck hat, Boden in Palästina zu erwerben uird einzelne Mitglieder der Gesellschaft auf diesem Boden als Landwirte anzusiedeln, weilte jüugst Herr Simon Goldman aus St. Louis im Aufträge der Gesellschaft in Palästina und kaufte für deren Rechnung ein Grundstück wo» 4000 Dnn a ni. - Rew-Pork. Vom 28. bis 30. November fand hier die Jahresversammlung des Bundes jüdischer I a r m e r statt. 30 Vereine aus den Staaten Newyork, Connecticut, Massachusetts, New Jersey und Nord- Dakota waren auf der Tagung vertreten, Zahlreiche sachwissenschaftliche Referate wurden erstattet, denen eine rege Debatte folgte. Große Aufmerksamkeit wurde dem Plan der Begründung kooperativer Krcditgeiwsseuschaften nach dem Raiffeiscnschen L-Ystem zugewendet. Mit Hilfe der „Jewish Agricnltura land Industrial Aid Society" wird demnächst eine größere Anzahl derartiger Darlehens? genossenschaftcn in verschiedenen Ortsgruppen des Farmcrbundes - ins Leben gerufen werden. 0 fßiuffetoa. 0 Aus der Zukunft. Don Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Nach allem, was ich über jene grauenvolle Zeit gehört und gelesen habe, hatte man damals übergenug zu leisten, um alle vorhandenen Waisenkinder zu besorge», als daß man sich über die nicht vorhandende» hätte erkundigen können." „Mag dem sein, ivie dem wolle, — jedenfalls wirst Tu morgen Deinem Chef kündigen müssen." Jakobson schüttelte den Kopf. „Aiorgen keinesfalls, ich werde die Antwort aus Bjelostvck abwarten." Frankfurter Israelitisches Familienblatt ,MaS kannst Du nicht; vielleicht ist der Geschäftsfreund des Doktors nicht zu Hause oder zu schreiben verhindert, oder er will, bevor er antwortet, noch von irgend woher eine.Auskunft einholen. Die Antwort kann sich um ' mehrere Wochen verzögern, und Du mußt doch Deinem'Chef Zeit lassen, sich nach Ersatz für Dich umzusehen." »Ich glaube, ich werde ihm die Mühe ersparen." „Sei nicht so eigensinnig, Viktor, Du bist doch sonst nicht so .schwer zu überzeugen, daß das Richtige richtig ist. —i Durch Deine Schwarzseherei könntest Du gar leicht ein halbes Jahr verlieren." Jakobson atmete schwer auf. „Möglich wär's. — Nun meinethalben, also ich werde morgen meinem Chef kündigen." Als Jakobson nach einigen Tagen zur Mittagszeit nach Hause kam, fand er einen Brief auf seinem Tische. „Bon Herrn Doktor Blau" sagte seine Wirt;». Ihm war's, als stocke sein Herzschlag. Sollte schon Antwort ans Bjelostok eingetrofen sein? — Nein, das war unmöglich. —. Aber seine Hand zitterte, als er den Brief an sich nahm und die Hülle auseinander .riß. Dann entfaltete. er das Blatt und las: „Lieber Freund! Drei Tage sind bereits vergangen, ohne daß wir Sie bei uns gesehen haben, und grübeln wir Tag uund Nacht, die Ursache Ihres Nichtkommens zu ergründen. Ich allerdings, der ich Sie bereits als Schwarzseher kenne» gelernt habe, kann das ztvar begreifen, doch nicht verzeihen. Ml ich durch Herrn Doktor Adam erfahren habe, daß Sie ihm .gekündigt, demnach meinen Vorschlag angenommen haben, habe ich die Verinutung ausgesprochen, daß Sie Ihre Abende gegenwärtig zur Vorbereitung für die Universität verwenden müssen. Es wäre mir lieb, wenn Sie diese meine Vermutung bestätigen und mrs heute Abend und morgen Mittag, wie seither gewöhnlich, das Vergnügen machen wollten, Sie als Gast an unserin Tische zu sehen. Aber vergessen Sie nicht, daß man am Sabbath Lein griesgrämiges Gesicht zur Schau tragen darf. ' Mit freundlichem Gruß Ihr Blau." Jakobson atinete tief auf, während, ihm selber unbewußt,' ein leises Lächeln seine Lippen umspielte. Sollte er sie doch Wiedersehen! — sie, an die er unablässig denken mußte, und von der er sich doch drei volle Tage fern gehalten hatte. Warum er nicht hingegangen war in das trauliche Heim, in das es ihn zog, wie mit tausend unsichtbaren Banden? — Jetzt -wußte er's sich selbst nicht zu erklären; — und doch, wenn er daran dachte, baß er sie heute Abend sehen werde, dann .pochte nicht nur sein Herz überlaut, sondern es Hämmerte auch in seinen Schläfen, so daß er keines' klaren Gedankens fähig war. Doch er brauchte auch jetzt nichts zu denken, er mußte nur rasch essen, .seine Toilette vervollständigen und wieder fort eilen, weil er am Freitagwegen des Sabbats das Atelier früher verließ. Voll Ungeduld sah Irma dem Abend entgegen, der ihr, wie sie hoffte, den Freund wieder bringen würde, denn sie zweifelten nicht an der Richtigkeit der Vermutmrg ihres' Vaters, daß er jetzt seine Abende mit vorbereitenden Studien verbringen müsse. Lächelnd beobachtete ihr Vater ihr -erregtes Treiben, lächelnd und doch nicht ohne geheime Sorge, denn wie sich die Sache gestalten würde, -das ließ sich nicht voraussehen. Ihm war es daher im Grunde angenehni gewesen, daß der junge Mann in diesen Tagen sein Haus gemieden und sich sogar schejnbar eines gesellschaftlichen Verstoßes schuldig .gemacht hatte. Doch wenn er jetzt gar nicht mehr gekonimen wäre, das hätte Irma stutzig gemacht, hätte sie möglicherweise veranlaßt, ihn zur Rede zu stellen, und was dabei herausgckommen wäre, das ließ sich nicht berechnen. Denn so hoch Doktor Blau den Charakter des jungen Mannes schätzte, so wenig Selbstbeherrschung traute er ihm zu, er behauptete, .man könnte alle seine Gefühle aus seinem Gesicht herauslcsen Für den Fall, daß aus Bjelostok nicht die gewünschte Anskunst einlangen sollte, hielt er es daher für bas Beste, Jakobson noch einige Mal am Freitagabend und am Sabbath Mittag zu Tische einzuladen, ohne die jungen Leute jedoch allein zu lassen. Dann würde er jn spätestens drei Wochen abreisen, ohne daß es ' zu einer intimer» Aussprache zwischen ihnen gekommen und bann würde die Geschichte, wie er hoffte, von selbst einschlafen. Jn den; sabbathlich geschmückten Speisezimmer des Doktors sah es heute noch traulicher, noch freundlicher ans als gewöhnlich. Schneeglöckchen und Vergißmeinnicht standen in kleinen zierlichen Vasen auf dem Tische, während in dem einzigen breiten Fenster farbige Hyazinten in Blumentöpfen ihren süßen Dust hauchten. Das waren - des Doktors Lieblingsblumcn, sie niußten ihm, wie seine Tochter - behauptete, am Sabbath die Havanna ersetzen. Jetzt klopfte es an die Wohnungstür, das'war ihr Vater, sie kannte sein Klopfen, und jetzt ward Nr- 49 ohne anzuklopfen di» Ziinmertür geöffnet, und Doktor Blau und sein Gast traten ein. Irma war aufgesprungen und' den Eintretenden mit herzlichem guten Sabbatwunsch entgegengeeilt; dann neigte sie ihr Haupt vor ihrem Vater, und dieser legte segnend darauf seine Hände, die sie dann an ihre Lippen zog. Dann wandte sie sich an den jungen Mann: „Wie geht es Ihnen, Herr Jakobson? Sie sehen angegriffen aus, strengen sich vermutlich bei Ihren Studien allzusehr an, das sollten Sie nicht." Gezwungen lächelnd erwiderte er einige, ihre Verinutung ablehnende Worte, doch sie beharrte bei ihrer Behauptung. „Findest Du nicht auch, Papa, daß Herr Jakobson nicht gut anssieht und daß es unrecht von ihm ist, sich so sehr anzustrengen?" ^Nein, Du kleine Wichtigtuerin, das finde ich durchaus nicht, Herr Jakobson ist doch kein zimperliches Frauenzimmer, daß er jede Anstrengung meiden müßte. Fahren Sie nur rüstig fort mit Ihren Studien, Herr Jakobson, es wird Ihnen nicht schaden." „Davon bin ich überzeugt," erwiderte der junge Mann lächelnd und doch ärgerlich, denn er hatte das Gefühl, als wolle .der alte Herr sich über ihn lustig machen. „Es ist mit den Studien überhaupt nicht gar so weit her." „Na, na, das möchte ich doch nicht gelten lassen. Ich kan» Ihnen nur empfehlen, so fortzufahren, wie Sic angefangen haben, daß Sie nämlich auch in den nächsten zivei Wochen die Abende regelmäßig Ihren Studien widmen. Aber am Sabbat müssen Sic uns dafür entschädigen, darauf rechnen wir." „Gewiß, darauf rechnen wir," wiederholte Irma, indem sie dem jungen Manne einen Blick zuwarf, der ihm bis in das Innerste des Herzens drang. Auch an den folgenden Sabbaten war Jakobson des Doktors Gast. . Am dritten Sabbat, dem Tag vor seiner Abreise, benützte Doktor Blau einige Minuten, während seine Tochter nicht im Zimmer war. Er-nahm die Hand des neben ihm Sitzenden und streichelte dieselbe leise. „Mein lieber Herr- Jakobson, mein lieber junger Freund — ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie sehr ich Sie schätze und wie sehr ich mich freuen würde. Sie Sohn nennen zu können. Mer aus Bjelostok ist noch keine Antwort gekommen, obgleich ich bereits zweimal dorthin geschrieben habe. Trotzdem hoffe ich noch immer auf eine uns befriedigende Auskunft. 'Sollte dieselbe, jedoch nicht zwischen heute und morgen eintreffen, dann, lieber Freund, dann möchte ich Sie sehr bitten, auf das persönliche Mschiednehmen verzichten zu wollen. Schreiben Sie uns morgen unmittelbar vor Ihrer Wreise einige Zeilen, Sie hätten sich persönlich von uns verabschieden wollen, wären jedoch zu Ihrem Bedauern daran verhindert worden, usw." Jakobson erblaßte. „Sie trauen mir nicht," flüsterte er. „Unsinn, weshalb sollte ich Ihnen nicht trauen? Aber ich bin auch einmal jung gewesen, habe auch mit meiner Frau einen Art Roman durchgemacht. Und daher weiß ich's, daß man im Moment der Trennung nicht inuner Herr seiner selbst ist, daß da gar leicht das Herz mit dem Kopfe durchgehen könnte. — Doch ich gebe Ihnen mein Wort, sobald die ersehnte Nachricht eintrifft, aus der hervorgeht, daß Ihrer Verbindung mit meiner Tochter kein Hindernis entgegensteht, so teile ich es Ihnen sofort telegraphisch mit und Sie kommen mit dem nächsten Zuge herüber, und wir feiern Ihre Bei-, lobung. — Einverstanden?" Jakobson ward bald blaß, bald rot, er ergriff die Hand des andern und drückte sie mit aller Kraft. „Ich danke Ihnen, danke Ihnen aus vollem Herzen, wenn ich auch fürchte —" „St, st! was man fürchtet, malt man sich am Sabbat nicht aus, heute wollen wir nur hoffen."' Jakobson war heute länger als sonst geblieben, doch nicht einen Moment allein mit der Geliebten. Mends hätte er den Doktor in die Synagoge be-, gleitet und ihm nach Schluß derselben zum Abschied die Hand. gereicht. „Leben Sie wohl, mein lieber junger Freund, leben Sie recht, recht wohl und vergessen Sie nur morgen nicht, uns Ritten schriftlichen Abschiedsgruß zu senden. Auf stohes Wiedersehn!" „Auf stohes Wiedersehn!" wiederholte Jakobson mit leiser, bebender Stimme, indem er den Heimweg antrat, „auf frohes Wiedersehn!" wiederholte erim Gehen nochmals, während ein schwerer Seufzer sich seiner Brust entrang. — Ach, er glaubte nicht an ein frohes Wiedersehen, trübe lag die Zukunft vor seinen umschleierten Blicken. Dennoch eilte.er raschen Schrittes heimwärts, denn sein Lreund Egon hatte ihm versprochen, den letzten Abend seines Hierseins bei ihm zu verbringen. Schon aus der. Ferne sah er Licht in seinem Zimmer und wußte daher, daß fein Freund ihn bereits .erwartete. Mit herzlichem Gruß reichte er ihm die Hand. „Habe Dank, daß Ou Wort gehalten hast. Aber was beginnen wir nun? Bleiben wir hier in meiner -Behausung imb lassen uns-van meiner Wirtin Bier und Butterbrod besorgen, oder möchtest Du lieber in ein Restaurant?"

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