Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Nr. 49. S o steht's um Las Jubelfest der Alliance Jsraelite Universelle. Ein Volksfest sollte es werden, ein Volksfest durfte es sein; allein statt Freude sehen wir um die Alliance Streit und Hader toben. A l s o feiern Epigonen eine lichte, große Vergangenheit in einer dunklen, kleinen Gegenwart. Brief aus Koustantinopel. Der anfänglich nur . persönlich scheinende Kampf-David Fresko's gegen den Zivil i s inus bildet sich i in in er in ehr zum P arte i k a nip f aus. Denn es haben sich Fresko in der letzten Zeit nianche in -ihren Kreiseil einflußreiche Personen wie auch Vereine von geureindepolitischer Bedeutung angeschlosscn, lun mit ihni den Bernichtlingskampf gegen die „Fremden" zu führen, die mit ihren Ideen die bisher in apatlnscher Ruhe lebenden ottomanischeN. Jildeil in den Verdacht des Antipatriotismus bringen könnten. Zuerst war cs der bekannte Saloniker Cercle des Jntinies, welcher in einem Zirkular alle Gemeiilden anfforderte, dem Großrabbiner Hai m Na hum gegen die Zionisten, von welchen ihm angeblich die Gefahr, gestürzt und von einem ' aus ihrer Mitte ersetzt zu werden, drohe, Vertrauen und Sympathie aus',»drücken. Nachdem die „A u r o r e" den Verein der Saloniker jüdischen Intelligenz eines Bessern belehrt und die Unhaltbarkeit seiner Befürchtllng ilachgewiesen hatte, trat in der Person des Redakteurs der spaniolischen „E P o k a" lind des franz. „I o u r n a l de S a l on i q u e" ein zweiter Fresko mit aber noch verschrobeneren Airsichten auf. Es ist das derselbe Redakteur, der vor zwei Jahren in einem zion. Milien über und für den Zionismus gesprochen hatte. Unsinnigerlveise erklärt er die Zionisten als die eigentlichen Assimilantcn, weil sie Aschkennsini und Sephardim zu einem Volkskörper vereinigen wollen, und bezeichnet die hebe. Sprache als tot und deren /Pflege als nutzlos. Er gehört, wie cs scheint, auch zu denjenigen, die ihre Tätigkeit stets dahin lenken, wo größerer Vorteil ihrer harret. Es ist allgemein au'g-fallen, daß man in Salonik so plötzlich die hebräische Sprache und de» Zionismus bekämpft. Nun stellte es sich heraus, daß man dies auch hier den Ränken Freskos zu verdanken' hat. Auf seine Veranlassung übernahm nämlich ein hiesiger Notabel die Reise nach Salonik, um die Gefahren, welche der ottomanischen '-Juden heit durch den Zionismus erwachsen könnten, mit den schwärzesten Farben zu schildern. Daß seine Mission leider von Erfolg gekrönt war, haben wir oben gesehen. Fresko hat dem Zionismus Tod und Untergang geschworen, und er scheut keine noch so verabscheuungswürdigen Mittel. Nach einem Artikel in dem von ihm herausaegebencn „Tiempo" will er von nun an die Fehde in türkischer und " französischer Sprache führen, zu welchem Zweck er zwei neue Zeitschriften erscheinen zu lassen verspricht. D'ainit will er seine Verleumdungen auch nichtjüdischen Kreisen zugänglich machen oder, wie er sich selber ausdrückt, die zionistische Bewegung, welche über die Jndenheit der Türkei eine große Kalamität heraufzubeschwören droht, wirksamer bekämpfen. Biele um das Wohl der ottomanischcu Juden besorgten Freunde hätten .ihm zu diesein Verfahren ihre moralische und pekuniäre Unterstützung zugesagt. Es ist möglich, daß Fresko damit nur drohen will, iin Glauben, dadurch die nsen einzuschüchtern. Ist es ihm aber ernst. 'ein Chilul-haschem unvermeidlich; denn Fresko wird sich kein Blatt vor den Mund nehmen und in diesen Zeitschriften alles hcrausschlvatzen, was ihm sein antijüdisches und verräterisches Herz diktieren wird. Das Schlimme an der Sache'ist, daß die znm größteir Teil noch naiven Türken den Verleumdungen schon deshalb Glauben schenken werde», weil sie von einem Juden ausgehen. Und einem solchen Manne, der den glorreichen jüdischen Namen täglich in den Kot zieht, ist, wie Tatsachen beweisen, das Oberhaupt der ottomanischen Juden in seine Nt Tun und Lassen n n t e r w o r f e n! K. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Anläßlich seines 10 jährigen Bestehens hält der B u u d .I ü d. Korporationen vom 25.—29. Dez. seinen Kartelltag ab. Mit einem F e st k o n v e n t am 25. Dez., mittags 12 Uhr,- im Klindworth -Scharwenka - Saal (Lützowstraße 76) beginnt die Tagung. Am 27. Dez., abends 8 Uhr,- wird im Kroll'schen Etablissement ein großer Frankfurter Israelitisches Fannlienblakt. Kommers veranstaltet. Den Abschluß der Festlichkeiten bildet ein Ball, den am 28. Dez. im Hause des Brüdervereins Kurfürstenstr. 116 die Berliner Vereine Jüdischer Studenten den ihnen gesellschaftlich nahestehenden Kreisen geben. Bresla«. Noch halbläbrlicber Pause fand eine Sitzung der Repräsentanten statt. Aus dieser Sitzung verdient die Debatte über die Beschlüssedes Vorstandes, welche eine abkürzung des Gottesdienstes in der neuen'Synagoge bezwecken, Erwähnung. Der Vorstand hatte die Kommissionsbeschlüsse bis auf drei Punkte angenommen. Er hatte abgelehnt, daß der Rabbiner nach Schluß des Olenn-Gebets einen deutschen Hinweis auf das folgende Kaddisch gebe, und daß „am Freitag Abend nach Mismor Schir die Leidtragenden in feierlicher Weise unter Orgelbegleitung vom Rabbiner in eine der vorderen Bänke geleitet werden." In diesen beiden Punkten stellten sich die Repräsentanten ans Seiten des Vorstandes, dagegen billigten sie den Koniinissivns'beschluß, daß der Solo-Gesang von Haschkiwenu am Passah- und Wochenfeste unterbleibe. In die „Abkürzungs"- Debatte spielte auch ein Vorstoß des Repr. Dr. Alexander, welcher den Antrag gestellt hatte: „Repr.-Vers. tvolle beschließen, im Anschluß an ihre Beratungen über die Verkürzung des Gottesdienstes dem Rabbiner den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, daß er auch seinerseits zur Verkürzung der Predigt beitrage." Der Widerspruch, welchen dieser'Angriff bei den Repräsentanten und beim Vorstande erfuhr, veranlaßte zwar den Antragsteller, seinen Antrag zurückzuziehen, jedoch mit der Begründung, daß dieser doch zur Kenntnis des Rabbiners Dr. Guttmann gelangen würde. Duisburg. Die Ende vorigen Jahres vorgenommenen Repräsentantenlvahleil standen unter dem Zeichen der von dem hiesigen Rabbiner geplanten Reform des G o t t e s d i c n st e s. Die reform-gegnerische Liste errang eine große Mehrheit, und die Zionisten waren cs, die den Kampf führten. Die Reformer hatten vor der Entscheidung unter Hinweis auf ihre Steuerkraft öffentlich gedroht, sie würden aus der Gemeinde anstretcn, falls man ihnen nicht den Willen täte, und hatten Austrittslisten in Umlauf gesetzt. Obwohl diese Drohung ihre Wirkung nicht verfehlte, und trotz anderer bedenklicher Kampfmittel, .war der Sieg glänzend. Die Reformer suchten den Erfolg dadurch zu verkleinern, daß sie die Entscheidung unbegründeter Weise einigen wenigen ausländischen Steuerzahlern zuschrieben, die sich an der Wahl beteiligt hatten, ohne aber den Ausschlag gegeben zu haben. Diese Repräsentantenwabl fand ihren deutlichen Nachhall in einer am 14. Dezbr. d. I. vom Verein der j ü d i s ch e n I u g e n d veranlaßten, sehr besuchten Versammlung, in der Rabbiner Dr. Norden- Elberfeld über die Ge betbuch frage sprach. Der Redner führte ans. die Verfasser unseres Gebetbuches seien bei Abfassung der Gebete von ihrem Gemüt, nicht von ihrem Verstände geleitet worden. Deshalb habe auch jedermann aus dem Gebetbuch beten können. Vor hundert Jahren hätten sich nun die Pforten der modernen Wissenschaft geöffnet, die Kritik habe eingesetzt. Der eine Angriff habe der hebräischen Sprache gegolten, "bie die Andacht beeinträchtige, die man hier nicht verstehe. Redner befürwortet bie Erlernung der hebräischen Sprache soweit, daß man die Hauptgebete verstehen könne. Mehr sei nicht nötig, rmd unsere Kinder brauchten die unregelmäßigen Zeitwörter nicht zu erlerneu. Den zweiten Angriff habe man gegen den Inhalt der Gebete gerichtet. Die überwältigende Mehrbeit der Juden stelle sich dem Streben nach nationaler Wiederherstellung entgegen und erstrebe nichts anderes als die Zeit des Völkerfriedens, in der die soziale Not ein Ende habe. Eine Veränderung uttb Üinmodelnng nach den modernen Anschauungen tue not. Der Orthodoxe rüttle nicht am Alten und suche durch symbolische Deutung des ihm unverständlichen den Forderungen des Zeitgeistes zu entgehen. Nicht mit einem Male könne man das Ziel erreichen, und es müsse ein beträchtlicher Teil der Geineinde der Reforin zugetan sein, ehe man sie ins Werk sehe, Aufgabe des liberalen Lehrers sei cs, auf den Widerspruch ztvischen hem Inhalt der Gebete und den Forderungen unseres heutigen Lebens hinzuweisen. Während einige Herren diesen Ausführunaen beitraten, wiesen besonders zionistische Redner voller Nachdruck die Bestrebungen des Redners zurück. Rechtsanwalt Dr. Epstein tvies nach, daß der Zionist jedweder Richtung sich der Reforin widersetzc, weil er Judentum und Jndenheit erhalten wolle, tveil die hebräische Sprache und das überlieferte Gebet ein mächtiges' Bindemittel für die zerstreuten Glieder unseres Volkes seien. R.-A. Dr. Königsberger-Mülheim machte die Reform für das Proselytentnm veranwortlich. Frau Bertha Epstein sprach unserer bedrängten Zeit den Beruf ab, über Gebetbuchreformpläne nachzusinnen. Wenn das Dach in Flammen stehe, sei es Wahnsinn, sich über einen Umbau des Hauses den Kopf zu zerbrechen. Referendar K o l s - ki meinte, daß .die Reforin mit dem Werdegang der jüdischen Geschichte unvereinbar sei. Oesterreich-lluairr«. Budapest. Seit den glorreichen Tagen der Koalitionsregierung erläßt die Grenzpolizei in den nordöstlichen, an Galizien grenzenden Komitaten iminer häufiger Ausweisungsbefehle gegen völlig unbescholtene jüdische Familien. Wie wenig der Regierungswechsel an diesem judenfeindlichen Treiben geändert hat, beweisen die fortgesetzten Beschwerden und Wehklagen ansgewiesener Inden aus den Komitaten Märamaros, Ung, Zemplen usw., die in die Oeffentlichkeit dringen und selbst in nicht gerade judenfreundlichen Kreisen-Entrüstung gegen das unmenschliche Vorgehen der Grenzpolizei Hervorrufen. So wird aus dem Grenzstädtchen Sztropkö gemeldet, daß dort in den letzten Wochen zahlreiche angesehene jüdische Bürger, die den Nachweis ihrer ungarischen Staatsbürgerschaft nicht erbringen konnten, kurzerhand ausgewiesen worden sind. — Gegen den Gemeinderabbiner von Sztropkö, Halber stamm, wurde bereits vor 6 Monaten ein Ausweisungsbefehl erlassen; er zog cs vor, das ungarische Staatsgebiet zu verlassen, ehe ihm die Verfügung der Grenzpolizei zugestellt wurde. — Dem Thorarollenschreiber Melanie d, der seit 19 Jahren in Sztropkö wohnt und dort ein Haus im Werte von 6000 Kronen besitzt, wurde 'aufgetragen, mit seiner Familie das Land zu verlassen, sonst würde er nach Galizien abgeschoben. — Hermann Perlmann, der seit dem Jahre 1900 im Städtchen wohnt und dort im Jahre 1904 gegen Entrichtung her vorgeschriebenen Taxe die Heimatberechtigung erlangt hat, muß gemäß Verfügung der Grenzpolizei samt Familie das Land verlassen. — Ebenso ergeht es dem Mayer Czigler; der seit 38 Jahren im Städtchen wohnt, 150 Kronen Staats- und Ge'neindestenern jährlich bezahlt, ein Grundstück im Werte von 8—10 000 Kronen und eine große Leder- und Eierhandlnng — die größte int Bezirke Sztrovkä — besitzt. — Der 62jährige Rabbinatsassesor Hirsch Wein selb wohnt seit 42 Jahren in Sztrovkö und wurde im vergangenen Sommer zuerst durch den Besirksrichter ausgewiesen. Er rekurrierte an den Bizegespan, der im September d. I. zu seinen Gunsten entschied. Trotzdem erhielt er .dieser Tage wieder einen Ausweisungsbefehl seitens der Grenzpolizeihäuptmannschaft. Und all dies geschieht unter dem ausgesprochen ..liberalen" Regime des Ministeriums Khuen-Höder-väry! . . . Budapest. Der Kultusminister hat gestern eine Deputation der ung. Gemeinbedistriktspräsidenten empfangen, die die endliche Reaelung der Autonomie des Judentums negierten. In seiner Antwort ans die Ansprache des Redners. Moriz Mezei, meinte der Minister, seit Anerkennung der Rezeption könne kein Zweifel darüber herrschen, daß die 1848er Gesetze über die Gleichbereckitignna der Konfessionen sich auf die Inden bezögen. Die Ungar. Judenbeit möge nur jetzt mit sich selbst einig darüber sein, was sie wünsche, er werbe den Kongreß dann unverzüglich einbernfen. st. Lemberg. Nur wenige Tage noch trennen die galizische Jndenheit von einer gewaltigen wirtschaftlichen Katastro phe, am 1. Januar verlieren mehr als 20 000 jüd. Familien das Schankrecht und damit ihre jammervolle Existenz; sie, die von der Hand in den Ainiid lebten, werde» im» meist hungern. Seit Monaten sah man die Katastrophe bereits kommen; — doch die begüterten Juden der österreichischen Monarchie haben den Zusammenhang mit der jüd. Maske, wie mit allen iüdiichen Jnter-sk-ni bereits eingebüßt; höchstens ist 'man so gnädig sich in indische Ebrenämter wählen zu lassen. Ein-ig und allein die Zionisten haben ihre Stimme erhoben: Dr. Straucher hielt am 6. bs Mts. im Reichsrat eine flammende Rede. Leider sind alle Bemühungen der Zionisten ergebnislos geblieben, denn die herrschenden Parteien in Galirien und in der Bukowina haben in der Erteilung der Schankkonzession ein politisches Machtmittel, das sie kaltber-ig *ii benutzen verstehen. Mährisch Lttrau. Da sich im Ostrm,.Ka»winer Kohlenrevier in letzter Zeit die Angriffe auf die Sicherheit der Bewohner in auffallender Weise mehrten und in mehreren Fällen russische Flüchtlinge als Täter eruiert wurden, ist die Polizei nun mit massenhaften Ausweisungen der Ausländer vorgegangen. Natürlich trifft diese Maßregel meistens Inden und zwar auch solche jüd. Gewerbetreibende. die schon seit Jahren in dieser Gegend ansässig sind. Grotzbrttauuieu. London. Lin der jüngsten Sitzung der Königl. Kommission für Eherecht gab Cbief-Rabbi Dr. Adler einen historischen Ueberblick über das jüdische E h e r e ch t. In der daran anschließenden Debatte sprachen u. a. Dr. D. L. Alexander und H. S. Henrignes, Präsident und Vizepräsident des Jewish Board of Depu-