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Neue jüdische Presse · 1910-12-23 · Heft 49 (23.12.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 49 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter JfraEisches Familirnblati. Rr. 49 der Kampf gegen die Relig ion. Auch hier kämpfte Ben-Jehudah mit derselben extremsten Konsequenz und Tatkraft, mit dersellen Ausdauer und .Begeisterung. Alles was irgendwie religiös hieß, suchte er zu vernichten, alle Sitten, Gewohnheften — von den positiven Gesetzen gar nicht zu reden —, die ihm als voll der Religion stammend erschienen, wurden verfehmt. Die jüdische Religion wurde ihm geradezu zu einer Gefahr für das jüdische Volk, er suchte sie überall herabzusetzen und zu beschmutzen, durch demonstrative Verletzung und Verhöhnung ihrer Vorschriften gegen sie zu wirken. Er suchte, lvo er nur konnte, die religiösen Gefühle seiner Volksgenossen zu^verletzen, und was er an Herabsetzung der großen Religionslehrer unseres Volkes geleistet, hat, ist uns hier fast unbegreiflich. Und auch hier hatte Ben-Jehudah einen Erfolg, wenn auch nicht den gleichen! wie in seinem Kampfe für. die nationale Idee. Der Erfolg konnte nicht der gleiche sein, kämpfte er dort für eine gute Sache, so stritt er hier für eine verkehrte. Aber die uncrnmdliche Konsequenz, mit der er stritt, die Macht seiner Persönlichkeit mußte ihm auch hier gewissen Erfolg bringen, wenn auch nur in seinem Milieu. So haben wir heute in Palästina eine beträchtliche Gruppe von Juden, die, begeisterte Nationalisten, unversöhnliche, fanatische Religionsfeinoe sind. So sehr nun der eine Teil von Ben-Jehudahs Tätigkeit Bewunderung verdient, so sehr erfordert der andere schärfste Verurteilung und Gegnerschaft. Es braucht nicht hier auseinandergesetzt zu werden, wie gefährlich und sinnlos dieser religioirsfeindliche Radikalismus ist. Und dennoch muß man sich vor Uebertreibung und Maßlosigkeit, in der Verurteilung Ben-Jehudahs hüten. Es ist natürlich, daß sein rücksichtsloser Kampf gegen alles Religiöse ihm ebenso extreme Feinde von Seiten der Orthodoxie zuzog, Feinde, die gegen ihn mü Verleumdung und Ungerechtigkeit kämpfen. Bei aller Verurteilung seiner religionsfeindlichen Stellung — und sie kann nicht scharf genug verurteilt werde» — darf man nicht ungerecht, werden. Wenn man sagt, Ben-Jehudah handle aus unlauteren Motiven, so ist das Verleumdung. Im Gegenteil. Es ist nur natürlich, daß Ben-Jehudah mü derselben Konsequenz gegen die Religion stritt, wie er für den Nationalismus kämpfte. Es wäre widersinnig, würde dieser rücksichtslose Kämpfer in seiner Gegnerschaft zur Religion versöhnlich und maßvoll sein. Ein Ben- Jehudah kann nur entweder sanattsch religiöser Jude oder-sanattsch irreligiöser Jude sein. Religiöser Jude Knute er seiner ganzen geistigen Veranlagung, seinem ganzen Entwicklungsgänge nach unmöglich sein. Und so wage sch das Paradoxon: Ben-Jehudah wäre nicht die große Persönlichkeit, die wir in ihm verehren, wäre er nicht der leidenschafttiche Religionshasser, der er ist. So kann man nicht über den ganzen Ben- Jehudah den Stab brechen, weil man den Religionsfeind in ihm verurteilt. Große Persönlichkeiten muß man nehmen, wie sie sind, mit ihren Vorzügen- und Fehlern. Und zudem ist es höchst unjüdisch, wollte nmn Ben-Jehudah ganz ablehnen, well er religionsseindlich ist. „Kabel es hoemes, mimi-scheomroh" lehren unsere Weisen als große und tolerante Menschenkenner. Ben-Jehudah ist uns nicht minder groß, well wir nicht mit allem' in ihm einverstanden sind. So sehr wir den Bekämpfer und Zerstörer der Religion Ben- Jehudah bellagen und verurteilen, so sehr anerkennen und danken wir dem Wiedererwecker der hebräischen Sprache, so sehr bewundern und beugen wir uns vor allem vor seiner hoch überragenden, unvergleichlichen Persönlichkeit. Die Tagung der D. K.-G. der Alliance. (Bon unseren: Korrespondenten.) Berlin, 20. Dezember. Heute fand hier im Gemeindehaus die entscheidende Taginlg der Deutschen Kvnferenzgemeinschast der A.< I. U. statt. Anwesend waren etwa dreißig Herren, darunter Generalsekretär B i g a r t und Professor' L ä v y als Vertreter des Zentralkomitees. Geheimrat T i m e n d o r f c r, der bisherigc Präsident der D. K.-G., beteiligte sich nicht an der Tagung. Dagegen waren die ebenfalls zurückgetretenen Präsidialmitglieder G u m p e r tz - Hainburg uno Picard- Frankfurt, erschienen, un: über die gescheiterten Verhandlungen in Paris Bericht zu erstatten, ohne aber an der Abstimmung tellzunehmen. Tre Tagurig währte nrehrere Stunden und nahm einen zum Tell sehr lebhaften Verlauf. Im Namen des Pariser Komitees sprach insbesondere Professor L ö v y gegen den Fortbestand der D. K.-G., die eine Separation bedeute und mit dem universellen Prinzip der „Alliance" nicht in Einklang zu bringen sei. Von deutscher Seite wurden diese Gründe eingehend widerlegt, und es wurde ain Ende eine einstimmige Resolution gefaßt, in der die Deutsche K o n s e r c n z g c in e i n s ch a f t sich für fortbestehend erklärt und die deutschen Lokal ko mite es derA. I. U. aufgefordert werden, ihre Beitragsgelder nach Berlin abzusühreu. . Dieser Beschluß, den an: jüngsten Sonntag auch das Berliner Lokalkomitee gefaßt hatte, bedeutet eine Kriegserklärung an Paris. Ter Kampf dürfte jetzt in verschärfter Fora: von beiden Seiten weitergeführt werden. Zunächst wird das gesainte Zentralkomitee der Alliance in einer in Bälde (wahrscheinlich noch in diesem Monat) stattfindenden Sitzung dazu Stellung nehmen. Es ist aber fast nrit Sicherheit anzunehinen, daß die Pariser Herren nicht nachgeben werden. In diesem ivahrscheinlichen Falle wird der eigentliche Kampf erst jetzt :nit aller Kraft einsetzen. Tie beste Lösung der Krisis ivärc die baldige Anberaummrg von Wahlen für das Zentralkomitee, die schon vor einigen Jahren statutenmäßig hätten stattfinden niüssen. Die gegenwärtige Lage kann zu einer völligen Spaltung führen, die doch von keiner Seite gewünscht wird. Erwähnt sei noch, daß in der heutigen Tagung die Wahl eines neuen Präsidenten der D. K.-G. nicht erfolgte, da dieser Punft nicht auf der Tagesordnung stand. Wie Epigonen das Jubelfest der universellen Alliance begehe«. Ein Volksfest sollte es w erden, ein Volksfest durfte es sein! Man bedenke: eine fünfzigjährige Jubelfeier ciuer universellen Vereinigung, auf deren Fahne die Einigkeit und Brüderlichkeit Israels groß geschrieben ist und die zur Verteidigung der Ehre des jüdischen Volkes und seiner Rechte ins Leben getreten und daher auch groß und' reich an Mitteln geworden ist; — welcher noch irgendwie jüdisch ftihlender Jude sollte dieses Fest nicht aufrichtig nrüfeiern? So sollte, so durfte cs sein, ganz Israel~ in der ganzen Weltrunde sollte die Jubelfeier der A. I. U. freudig begehen und die große Schuld des tiefgehegten Dankes den Leitern der „Alliance" abtragen. Allein wie ist es in der Wirklichkeit? Nichts von alledem! Keine Spur von Freude, kein Laut der Dankbarkeit. Und weshalb? Ist die Judenheit der Gegenwart so tief gesunken, so zersplittert, daß ihr jegliches Empfinden für jüdische Ehre, jeglicher Sinn für jüdische Brüderlichkeit und Einigkeit abgeht? Nein, dem ist nicht so! Die Judenheit von heute besitzt mehr Solidäritätsgefühl als die Judenheit der sechziger Jahre, da die Alliance ins Leben ttat. Und der Grund des Ausbleibens der Freude und der Dankbarkeit? Die Epigonen der „Alliance" von heute sind cs, die an Stelle des universellen Alliancegc danke ns den engherzigen Gedanken eines französischen C h a n v in i s m u s zu setzen bestrebt sind und bereits gesetzt, haben, diese, nur die Reinachs und Konsorten sind es, die unsere Freude vergällen und unsere Herzen init tiefen: Schnierz und Trauer ob des großen Gedankens der Universalität der Alliance, der von den kleinlichen, französierenden Korporalen wegen Ergatterung von Ehrenlegionszeichen zu Grabe getragen wird, erftillen. Die Reinachs sind es, die die Einheit zu zerstören suchen und Streit und Hader in der Judenheit säen, — und so kam es, daß die anderen Länder sich nach und nach voll der Pariser Zentrale loslösten. England und Oesterreich haben sich schon - längst getrennt,. die einzigen, die zu dem universellen Charakter der Alliance unter den schwierigsten Verhältnissen treu gehalten haben, waren die Juden Deutschlands; allein auch dieses Land scheint der Alliance den Rücken kehren zu wollen. Bon der Furcht der Belebung und Rückkehr zu den ursprünglichen nationalen Tendenzen der Alliance getragen, suchte Salonlon Reinach, der die Stelle des Präsidenten an sich reißen will, die Mitglieder der D. Ks. zu brüskieren, damit sie ihre Stellungen in der Zentrale aufgeben. Und :wch mehr! Tie Herren von der Pariser Zentrale dekretierten einfach die Deutsche Konferenzgemeinschaft, die auf Initiative, und unter Mithilfe der Pariser Herren vor 5 Jahren ins Leben getreten ist, fiir aufgehoben. Dabei darf nicht vergessen werden, daß die Pariser Machthaber selbstherrlich regieren, denn laut Statut müßte mancher von den Hauptdirigenten längst von seinen: Posten zurückgetreten sein. „Laut Statut!" Salonwn Reinach und mit ihm mancher von den sogenannten „Führern" Israels werden herzlich lachen ob einer solchen Naivität: „Statut! Lächerlich; gelten denn bei uns, in unseren jn dischen Institutionen Statuten; Statuten sind Dinge, auf die die „bösen" Nationaljuden etwas geben. „Statut!" — SalomonRein a ch i st das Statut, alles andere i st Luft!" Und also dekretiert Salomon Reinach. (die anderen Pariser Herren sagen bei ihrer eklatanten Unwissenheit :::tö ihrem Jndisferentismus in jüdischen Dingen Ja und Amen zu allem, was der selbstherrliche Herr da oben will) in der reinsten Konsequenz bureaukratisch-jüdischer Verwaltungspraxis: Tie Konferenzgemeinschast ist ausgelöst! So gehts eben, wenn man Fahre lang der Mißachtung der Oeffentlichkeit und des Rechts glcichgüttig zusah, ohne zu protestieren! Wir such weit davon entfernt, mit diesen unseren Worten irgend lvelche Schadenfreude zum Ausdruck zu bringen, im Gegentell: wir sind mit der gesamten deutschen Judenheft ob derben Männern der D. K.-G. seitens Paris angetanen Schmach empört. Allein, wir wollten nur gelegentlich sagen, daß die „bösen Nationaljuden" gar nicht so böse sind, wenn sie,Rechenschaft und Rücksichtnahme auf die Oeffentlichkeit und deren Ansichten verlangen. Doch was nun? Die Frage ist: wie soll Teuttchland der „Alliance" erhalten bleiben? Es wäre ein Verhängnis für das Judentum und die Alliance JsrasliteUniverselle, wenn eine Trennung eintrcten sollte. Den Pariser Herren wäre die Trennung vielleicht erwünscht; sie würden dann nach Belieben schalten und walten können zum Heile des Franzosentums) Aber der universelle jüd. Gedanke der Alliance wäre dann ganz verloren und die jüdische Alliance als solche vielleicht rettuiu>slos zugrunde gerichtet. Tie Männer der D. K.-G. und mit ihnen die deutschen Mitglieder der Alliance müssen ausharren und geschlossen die Einhaltung der Statuten fordern und — was no ch :nehr — sic müssen a ns die Erhaltung des ursprünglichen jüdischen Charakters der Alliance beziehen. Wird die Alliance jüdisch, dann treten die Reinachs von selbst zurück; des Judentums wegen sind die Reinachs zur Alliance nicht gekommen . . .

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