Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ajr ♦ ♦ ♦ I!'“ -- I Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— ftei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich - Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— - » Hl-daKLis« «nd chefchäftsft-N-: Srankfun s. m.. vilbelerstraße 4/6, Scke Lleichstraße |([ef»n 10507. AeraitsgsSer: Saks ^si^. - JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzefte. 25 Pfg. Die Reklamezeile .. 100 Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - Freitag, den 22. Kislew 5671 (23. Dezember 1910). Nr. 49. 8. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Elieser Ben-Jehuda. — Die Tagung der D. C.-G. der Alliance. — Wie Epigonen das Jubelfest der universellen Alliance begehen. — Brief aus Konstantinopel. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — F amilienn achrichten. Elieser Ben-Jehuda. (Zu seinem 3 0 j ä hr ig en S ch rif t st e ll c r- I u b i l ä u m.) Bon Ben - Kvheleth. Unsere Zeit ist eine Zeit der M i t t e l - Mäßigkeit. Tie Demokratisierung auf allen Gebieten des Lebens inr allgemeinen, die Modernisierung und teilweise Entjudaisierung des jüdischen Lebens im besonderen haben zum großen Teil die überragenden Persönlichkeiten, wie > wir sie früher hatten, schwinden lassen, und an ihre Stelle sind größtenteils Männer mittelmäßiger Begabung und Willensstärke getreten. Sv sehnen wir uns heute mehr denn je nach ausgeprägten jüdischen Persönlichkeiten, die uns unwillkürlich Ehrfurcht einflößen könnten. Elie- -ser Ben-Jehudah zählt zu 'den stärksten Persönlichkeiten, die unser Volk gegenwärtig ihr eigen nennt. Darum bewundern wir ihn und beglückwünschen ihn zu seinen! 30jährigen Jubiläum. Unsere Zeit ist aber auch eine Zeit schwer- ' fler innerer Kämpfe. Tie großen Umwälzungen und Fortschritte im allgemeinen Leben, , die Emanzipation und völlige Unigestaltung unseres jüdischen Lebens haben unserer Zeit das Ruhige, das ungestört und sorglos Hinfließende, das sie früher besaß, genommen, und statt dessen toben die heftigsten Känipfe, sowohl innen wie außen. In einer solchen Zeit ist die Mäßigung und Einhaltung der mittleren Linie notwendiger denn je, will man noch in diesen Kämpfen die Einheit und Geschlossenheit des Volkes überhaupt bewahren. Elieser Ben-Jehudah gehört zu den extremsten und rücksichtslosesten Kämpfern der jüd. Gegenwart. Ties beklagen wir aufs tiefste und können nicht umhin, ihn selbst an seinem Festestage dofiir anzuklagen. * * * Ter Entwicklungsgang, den Elieser Ben-Jehudah' durchgemacht hat, ist - kein außergewöhnlicher; er ist der so vieler hebräischer Schriftsteller des Ostens; in der Kindheit und früheren Jugend überaus fronmi, werfen sie dann, von der Aufklärung ergriffen, rasch alle Religiosität von sich, werden von den: Tamnel sozialistischer Weltverbesserungstheorien ergriffen, erstreben eine Menschenverbrüderung, bis sie, durch die Not der Zeit und die eigene Vernunft eines 7' Besseren belehrt, das nationale Ideal auf ihre > Fahne hebe» und von nun ab als begeisterte Inden ihrem Volk und seiner Kultur ihr Leben widmen. Diese drei Etappen, machte auch Ben-Jehudah durch, nur. mit einem Unterschiede. Während die meisten dieser Schriftsteller und Volksftihrcr mit der Rückkehr zum nationalen Ideal auch eine Annäherung an die Tradition des Volkes verbinden, hat Ben-Jehudah in seiner Entwicklung mit der Religion ein für alle mal gebrochen; sein Ideal blieb einzig und allein das Nationale, frei von jeder religiösen Färbung. Worauf dies znrückznsühren sei, ist nicht leicht zu sagen; zum größten Teil wird man es jedoch auf Konto seines mehrjährigen Aufenthalts in Paris, dem Zciitriim einer religionsfeindlichen Philosophie, zu setzen haben. In diesen drei Entwicklungsetappen zeigte sich Ben-Jehudah als die gleich starke Persönlichkeit. Er war ein ebenso frommer Bachur auf der Jeschibah, wie er jetzt ein fanatischer Feind aller Religion ist; war ein ebenso überzeugter Kosmopolit in seiner zweiten Etappe, wie er jetzt ein leidenschaftlicher Nationalist ist. Seine Tätigkeit entfaltete Ben-Jehudah nun ganz und gar in der dritten Etapppe seines Lebens, die schon früh, mit etwa 25 Jahren, bei ihm cinsetzte, und seine Bedeutung erlangte er auch erst durch diese nationale Tätigkeit. Von dem Jahre 1887 an, da Ben-Jehudah seine drei ersten berühmten "Artikel im „Haschachar" veröffentlicht hat, die das Programm all seines späteren Lebens enthalten, und in denen die Rückkehr der Juden nach Palästina als einzige Lösung der Judenfrage proklaniiert wird, bis zum heutigen Tage, da er bereits auf große Erfolge zurückblicken kann, hat er nur das eine Ziel verfolgt: die kulturelle und politische Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinenr Lande, und hat es niit einer Konsequenz und Ausdauer, Tatkraft und Begeisterung verfolgt, die ihn zu der überragenden Persönlichkeit machen, vor. der wir uns heute bewundernd beugen. Seine ganze Arbeit von nun ab, das Resümee seines Lebens läßt sich in einem Satze zusammenfassen: K a m p f für den jüdischen N a t i o n a l i s m u s u n d gegen die jüdische Religion. Dieser zweifachen Kampfstellung geniäß haben wir auch unsere Beurteilung Ben-Jehudahs zu teilen, in der Bewunderung und Anerkennung seines Kampfes für den Nationalismus, in der Ablehnung und Verurteilung seines Kampfes gegen die Religion. Was Ben-Jehndah fiir die nationale und kulturelle Wiedergeburt unseres Volkes geleistet hat, läßt sich heute, wird sich überhaupt nie ganz ermessen lassen. Nur die mittelniäßigen Leistungen lassen sich in ihren Wirkungen übersehen und verfolgen; die wahrhaft großen wirken .-immer lveiter und weiter, gewinnen mit dem Laufe der Zeit geometrisch an Bedeutung und Einfluß, und je weiter wir uns von ihnen entfernen, desto getvaltiger erscheinen ihre Wirkungen, bis ins Unendliche. Ben-Jehndahs Taten lassen an sich erkennen, daß sie ein Mann getan hat, der als Mensch uno Charakter ungleich größer ist denn als Tenker. Diese Taten, sie sind eigentlich nur die Fortsetzungen einer einzigen Tat, der Wiederbelebung der h ebräisch en Sprach e zu einer lebenden Gebrauchssprache. In dem Momente, da der junge Elieser mit seiner jungen Frau Ehemdah den Boden Jerusalems betrat und den ersten besten jüdischen Krämer, bei deni er etwas kaufen wollte, hebräisch anredete, verbrachte er seine größte, unsterbliche Tat: Hebräisch >v a r A l l t a g s s P r a ch e g e w o rde n. Eigentlich scheint an dieser Tat nichts Großes zu sein. Ter Gedanke, das Hebräische zu einer lebenden Sprache wiederzuerwecken, war von Hunderten vor Ben-Jehudah ausgesprochen worden. Und doch kann Ben-Jehudah für sich den Tftel des eigentlichen Wiedererweckers der hebräischen Sprache in "Anspruch nehmen, weck er derjenige war, der den oft gehegten Gedanken zum ersten "Male in Tat umsetzte, der die Idee Wirklichkeit werden ließ.. Bei solchen, für die Allgemeinheft bedeutungsvollen Gedanken ist der Mann, der sie zum ersten Male aussichrt, größer und bedeutender denn der, der sie zum' ersten Male ausspricht. "Als Reformator Europas gilt Lifther. obwohl Huß und viele andere vor ihm den Gedanken der Reformation ausgesprochen haben, viel schöner und klarer ausgesprochen haben als er. Als Begründer des Zionismus gilt Herzl, trotzdem Heß, Pinsker, Lilienblum und tausend andere vor ihni den zionistischen Gedanken verfochten haben. Ter Wiedererwecker der hebräischen Sprache ist und bleibt Ben-Jehudah, wenn auch bereits seit 50 Jahren vor ihm das Ideal der Wiedererweckung der hebräischen Sprache allbekannt war. Und drum hat Ben-Jehudah in der Geschichte der Renaissance unseres Volkes nicht minder Recht aus Verehrung und Unsterblichkeit denn Luther innerhalb der Geschichte des Christentunis und Herzl in der des jüdischen Nationalisnius. Was Ben-Jehudah nun noch an Werken schuf, von der Gründung seiner „Hazwi" bis zu seinen! gigantischen Wörterbuch, waren nur notwendige Folgen dieser seiner ersten Tat, die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Als er sah, daß sein Beffpiel allein nicht genüge, nur seine Ideen dnrchzusetzen, gründete er das erste hebräische Tageblatt Palästinas, den „Hazwi", der heute noch im „Haor" weiterlebt; als sich im alltäglichen Sprachgebrauch der Mangel an Ausdrücken gerade für die gewöhnlichsten Gegenstände bemerkbar machte, unternahm er es, eine Anzahl neuer Worte zu schaffen, mit Anlehnung an die alte hebräische Literatur, und um diesen neugeschasfenen Worten Fortdauer zu sichern, zugleich um sie allen bekannt zu machen, begann er sein großes Wörterbuch, das für den Gelehrten Ben-Jehndah die Höhe seines Schaffens bedeutet. Parallel mit dieser nicht genug anzuerknnenden Arbeit lief die Gegenseite seines Schaffens,