Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 48 dem Nlhrrr .der Konservativen und dem Vorsitzenden deS liberalen Vereins vereinbart wurde, in politischen Blätter nichts zu bringen, erschien doch am Morgen des Wahltags in den „M. Neuest. Nachr." ein heftig provozierender Artikel seitens der Liberalen: dieser ArtWl.machte allen Liberalen solches Gruseln vor den Orthodoxen und ihren Verbündeten vor, daß eß nicht Wunder nahm, daß die sonst indifferentesten Liberalen — zur Wahl gingen. Es wurde zwar von Heu liberalen Wortführern bestritten, daß der SchmähartikA von ihnen ausging; ■— allein der Führer der Münchner Antisemiten Hot ihn sicher nicht geschrieben! Von ungefähr 2050 Wählern machten über 1200 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Die Liberalen trieben am Wahltage eine unglaubliche Agitation Kranke Kommerzienräte kamen mit ihren Krankenschwestern angefahren, ein mit seinen! Bruder tödlich verfeindeter Bruder söhnte sich aus, — nur, um ihn zur Wahl zu bringen. Was am meisten Ilnstoß erregte, war das von den Konservativen pnd ihren Verbündeten in Aussicht gestellte gerechte Steuersystem; da hieß es: „die Orthodoxen wollen' zu Gunsten der armen Galizianer die Steuern, erheblich vermehren." Diese Lüge brachte natürlich die Liberalen in Scharen zur Urne. Und was gar noch über die Zionisten verbreitet wurde! Doch genug dieses unerquicklichen Streites. Die liberalen Kandidaten wurden init 827 bis 784 Stimmen gewählt, während die andere Liste es auf 412 bis 368 Stimmen brachte. Für den Zionisten ist die auf ihn entfallende Zahl von 368 Stimmen ein guter Achtungserfolg in einer so ziouistenfeindlichen Stadt, wie München. Zioni. Dr. Hirsch Hildesheimer s. A. | Der Herbst hat seine Nachlese gehalten, — und unter den letzten Blättern war auch ein Mann, der mit seinem Optimismus in dieser für uns Juden so schweren Zeit Zuknnftshoffnung gab vielen, die da wankten. Weithin leuchtend durch seine Liche zum Mischen Gesetze, durch seine Liebe znin Mischen Volke und durch seine Liebe zu jeder Menschenseele, wqr er der Typus eines Jdealjndeu, denn jüdisches Gesetz, jüdisches Volk und Mensch- Heft im harmonischen Einklang verbunden bilden diesen.;! ' Und diese harmonische Vereinigung in einer Menschenseese ist leider bei uns assimilierten Inden des Westens so selten geworden, und wäre sie heute nicht so selten, es stünde besser um uns. Doch in dem, Mas während der letzten Jahrzehnte Gutes geschaffen wurde iu der deutschen Judenheit, an Älem Aufbauendcn und Aufgebauten in ihr, hat er mitgewirkt, mitgewirkt init einem Verständnis und einer Treue, wie sie nur die wahre Frömmigkeit, die zur Liebe und Toleranz führt, nur das feste Wurzeln im Geist und Körper des Judentums gewährt. Für jede jüdische Sache war er zu haben, und wenn es galt, einen neuen Gedanken zum besten dyr deutschen Judenheit zu verwirklichen, so wandte man sich zuerst an ihn. Ueberall war er Mitschöpfer und Mitarbeiter. Aber besonders in der Abwehr des schmachvollen Antisemitismus ist er mit Wort und Schrift eingctreten. Bekannt ist seine Gutachtensammlung über das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren. die dem antisemitischen Andrängen gegen unsere Schlachtmethode vorbeugte. Selbstverständlich war er auch mit dem Lande der Väter auss innigste verwachsen. Wenn er sich auch der zionistischen Bewegung nicht offiziell angeschlossen hatte, so stand er ihr doch sehr nahe. Er wußte sehr wohl, daß niit Hilfsaktionen nicht die Iübenfrage gelöst wird. Hirsch Hildesheimer wurde 1855 in Eisenstadt (Ungarn) geboren, kam 1869 mit seinem großen Vater nach Berlin, besuchte dort bas Gymnasium, studierte dann klassische Philologie und oblag zu gleicher Zeit ejfrig talmudischen Studien. Mit einer Dissertation über Aurelius Victor promovierte er. Im ersten Jahrzehnt seines Bestehens hatte das Berliner Rabbinerseminar auch Gymnasialklassen; in diesen lag der Unterricht in den klassischen Sprachen yud im Deutschen in den Händen des jungen tüchtigen Philologen. Ws Dozent an die Oberabteilung des Rabbinerseminars berufen, las er dort über Geographie Palästinas und über die jüdische Geschichte bis zum Aufstand des Bar Kochba; zugleich leitete er Uebungen in der Lektüre des Josephus und Philo. Mit unglaublichem Fleiß trieb er dann Studien über Josephus und palästinensische Geographie, eine Programmarbeit über die Grenzen des heiligen Landes fand viel Anerkennung. Seine Schüler gedenken dankbar seines außer, ordentlich, angenehmen und fesselnden Unterrichtes- — So erfolgreich seine Dozententätigkeit war, der unermüdliche Philanthrop und her warmherzige und erfolggekrönte Vorkämpfer für die Ehre des jüdischen Glavbens und Stammes ließ oft vergessen, daß Hirsch Äildeshßimer von Beruf Gelehrter und Lehrer war. Seit 1883 leitete er hie „Jüd. Presse", so sein jour. nalistisches Talent in den Dienst der Allgemeinheit stellend. Die außerhalb Berlins Wohnenden kannten ihn als Meister der Feder; diejenigen, denen es vergönnt war, persönlich mit ihm zu verkehren, konnten nicht genug den hinreißenden, sprachgcwaltigen Redner bewundern. Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hat der Name Hirsch Hildcshcinier Gefühle der Liebe und Hochachtung ansgelöst, wie sie nur selten einer der jüd. Persönlichkeiten Westeuropas cntgegengcbracht worden sind; seine Würdigung in der osteuropäischen jüdischen Presse, legt beredtes Zeugnis dafür ab, und sein Heimgang hat auch in den ineisten jüdischen Kreisen Osteuropas tiefste Trauer hervorgerufen. In der Geschichte der Juden Deutschlands aber wird das Bild Hirsch Hildesheimer's nie verlöschen. Das Trauergefolge, das dem, was au Dr. Hirsch Hildesheimer irdisch war, das letzte Geleite gab, charakterisierte die Bedeutung. des Mannes. Tausende hatten sich auf dem Friedhofe eingefnnden und standen dort in beängstigender Enge, und unter diesen Tausenden Hunderte, denen er mit Rat und Tat geholfen hatte. Es sprachen an der Bahre: Rabb. Tr. Munk, Rektor Dr. Hof'fmann, H e r m ä n n G u m p e r tz - Hamburg, Dr. Carleb a ch , B o n b i (für die Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. und. für die Freie Vereinigung), Geh. Justizrat T i m e n d o r f e r (für den Hilfsvcreiu der deutschen Juden) und David Nellin-Jcrusalem: Außerdem wurden Hespcdim in der Wohnung gehalten (wir nennen die Redner Dr. Meyer Hildesheimer und Rabb- Dr. H o r o v i tz - Frankfurt a. M.). Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Anläßlich des hier stattfindenden Verbandstages der jüdischen Lehrcrvereine im deutschen Reiche sinket eine Kundgebung zu Gunsten .der Jugend- Vereinsbewegung statt, bei welcher Herr Felix Meyer, Vorstandsmitglied des „Montefiore"-Vereins, im Namen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine ein Referat halten wird. Die Versanimlung findet am Dienstag, den 27. bs. Mts., abends 9 Uhr, in der Loge zum Adler (Seilerstraße 22) statt. Berlin. Hier ist soeben die erste Nummer eines neuen hebräischen Wochenblatts „H a i b r i" erschienen, das sich die Aufgabe stellt, im Geiste des nationale» und historisch-überlieferten Judentums ohne Parteiliche Einseitigkeit die Interessen der Gesamtjudenhcit zu vertreten und die jüdischen Kulturschätze ans Vergangenheit und Gegenwart den weitesten west- und ostjübischen Kreisen in volkstümlicher Weise näherzubringen. An der Begründung der neuen Zeitschrift haben sich eine Reihe namhafter Persönlichkeiten beteiligt, so u. a. Dozent Dr. E. B a n e t h, Baron David G ü n z - bürg (Petersburg), Dr. M. Hildesheimer. Professor S n l z b a ch (Frankfurt a. M.), H e r - m um Gumperz (Hamburg), Chachambaschi Jakob Meir (Saloniki), Prof. E. Mittwoch, Prof. M ar g o l i s, Prof. I. Fri e d l ä n d e r (Newyork) und Rabbiner Kuk (Jaffa). Hannover. Am 4. Dez. fand die diesjährig Kuratvriumssitzung der Erziehungsanstalt Ahle n unter dem Vorsitz des Jnstizrats Dr. B e r e n d. sowie unter Teilnahme einer größeren Anzahl hannoverscher und auswärtiger Kuratoren, der Vorstandsmitglieder, sowie einiger Gäste aus Göttingen und Hildesheim statt. Nachdem zunächst der seit der letzten Sitzung verstorbenen Mitglieder Dr. Hvrovitz,, Frankfurt ani Main, Martin Lebrecht sen., Nürnberg und Karl Beer, Darmstadt gedacht war, wurden neu in das Kuratorium gewählt Kommerzienrat Louis Fc i st- Frankfurt, Kommerzienrat W i l h e l m Langenb ach-Darmstadt, Kommerzienrat L. Metzger und Schuldirektor M. G o m b r i ch - Nürnberg und Paul Laskar, Dr. jnr. F. M. Marburg Rechtsanwalt Dr. L i p p m a n n - Hamburg, welche beiden letzteren Herren persönlich erschienen waren. Außerdem wurden die nach dem Turnus ansscheidcndcn Mitglieder wiedcrgcwählt. Sodann wurde eine ■ vom Vorstand borge» schlagcne Statute n-Aen de rung genehmigt, die cs erleichtern soll, eine Sitzung des Kuratoriums auch außerhalb Hannovers stattfinden zu lassen. Die Rechnung des Jahres 1909 wurde genehmigt, ebenso der vom Vorstand vorgelegte Voranschlag für das Jahr 1911. Derselbe schließt zwar mit einem Ueberschnß ab, der indessen nur dadurch hervorgerusen ist, daß ein Legat von 8000 JL des in Hannover kürzlich verstorbenen Dr. Rosenberg in den Etat eingestellt tverden konnte: im übrigen wurde sowohl aus den: Bericht des Vorstands als aus den Rechnungsziffern konstatiert, daß die Anstalt nur bei lebhafter allseitiger Unterstützung ihre Zwecke erfüllen kann, da ihr ziesentragendes Kapital nicht zur Verfügung steht. Die Gärtnerei befindet sich in guter Verfassung; ihre Erzeugnisse erfreuen sich in Abnehmerkreisen allgemeiner Beliebtheit. Als gewerblicher Betrieb ist Schneiderei neu eingeführt, während letztere bislang nur den Bedarf der Anstalt selbst deckte. München. Die vom 27. bis 29. Dezember hier, in der Müncheuloge (Kaufingerstr. 11) tagende :; D e l e g i e r t c n v e r s a m ml u n g des I ü d. F r a u c n b n n d e s wird von Frl. Bertha P a P P e n h e i m - Frankfurt und Frl. S i d v n i e Werner'- Haniburg geleitet werden. Als Referate sind vorgesehen: Das Arbeitssystem der Breslauer Ortsgruppe (Frau Justizrat Ollendorff -Breslau), Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege (Frau Rabb. Dr. Vögelst e i n - Stettin), Stellenvermittlung (Frau Helene Meyer -Stargardt und Frau Bertha 3! o s c n b l a t t - Frankfurt), Soziale Arbeit in der Münchener Kultusgeincinde (Frau Rabb. Dr. Werner- München), Zur Schwesternfrage (Frau Dr. Martha Frankl -Berlin), Weibliche Jugcndvereine (Frl. H e t t y N e u in ü l l e r - Frankfurt) und Vereinigung jüd. Frauen für Kulturarbeit in Palästina (Frau Dr. Straus- München). (ll) Posen. Am 10. d. Mts. war der Todestag des Freiherr» Friedrich Heinrich Ernst von Kottwih. Derselbe lebte auf Fachorze (Kr. Bombst) und hatte sein ganzes Dasein in den Dienst der wohltätigen Menschenliebe gestellt. Im Jahre 1835 bestiinmte er 5000 Taler als Fundation zur Errichtung der hiesigen Israelitischen Knaben-Waisen- Anstalt. Anläßlich des Todestages wurde eine Gedächtnistafel den Tafeln der andern Spendern, die an demselben Jahrestage gestorben sind, eingereiht. Inspektor Uhlfelder hielt eine längere Ansprache an die Zöglinge der Anstalt und schilderte den Lebensgang des großen Wohltäters. Unter andcreni teilte Redner auch mit, daß nach dem Absterben des Freiherrn von Kottwih der damals hier amtierende Gemcinderabbiner Salomon Egcr angeordnet hatte, die üblichen Gebete für das Seelenheil des Dähingeschiedenen 30 Tage hintereinander zu verrichten. Oesterreich-Ungaru. Wien. In seiner 1 % ständigen Rebe zur . Budgetdebatte wies Reichsratsabgeordnet. Dr. , | Strauch er auch auf das Elend breiter Schichten der j üd. Bevölkerung hin. In keinem Parlament der Welt werde so viel wie bei uns über 'Inden und das Judentum gesprochen, zumeist Unrichtiges, tatsächlich nicht Erwiesenes. Diese Judenfrage aber wird und muß einmal aufgerollt werden. Die Vertreter der jüdischen Wählcrmassen ans der Bukowina und Galizien sind wohl am besten in diese unsagbar traurigen Verhältnisse eingeweiht. Redner gibt sodann eine ausführliche Schilderung des unter den galizischcn und Bnkowinacr Juden herrschenden Elends, zu dessen Vermehrung die Entziehung der Schankkonzession beigetragen hat. Er . verlangt ferner, daß bei der nächsten Volkszählung nicht nach der Umgangssprache, sondern nach der Muttersprache oder Nationalität gezählt werde, damit die jüdische 3k a t i o n a l i t ä t bei der Volkszählung berücksichtigt werden könne. Budapest. Der letzte Ausweis des statistischen Landesbureaus bringt unsren Juden eine unangenehme Ernüchterung. Die Zahl der Mischehe n i st um ein Bedeutendes gestiegen. Um 60 mehr als im vorhergehenden Jahre. Und die aus dem Judentum Ausgetretenen haben diesmal um 17,2 wo ziigenommen. Unter allen rezipierten Konfessionen des Landes führen wir mit der enormen Ziffer von 1090 den Rekord der Verluste. Zioni. Pretzburg. Anläßlich der bevorsteheoden Gemeindewahl erläßt Samuel Bettel heim in seiner „Ungarländ. Jüd. Ztg." einen offenen Brief an Oberrabb.iner Schreiber, in dem er ihn auffordert, eine Konferenz aller bedeutenderen Männer der Gemeinde zusammenzubernfen und seinen dominierenden Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Zustände in der Gemeinde gesunden. Ueber diese Zustände schreibt Bettclheim u. a.: „An der Spitze der Metropole der orth. Organisation stehen — sit venia verbo — Männer, ohne Religion, ohne Bildung, ohne Ansehen, ohne die leiseste Regung des Gefühles des öffentlichen Rechtes. Eine Wiedergabe der Tätigkeit dieser Herren ist mehr für das Orpheum als für den Leserkreis eines Blattes, das von den erfreulichen Momenten des jüdischen Lebens : berichten soll, geeignet. Seitdem diese Heldengrnppe unsere Gemeinde krönt, jagt eine Skandalasfaire die andere. Wo »ins Htmmelwillen hört man noch in einer zweiten Gemeinschaft religiösen Charakters von solchen Skandalen! Vor einem Jahrzehnte -hat man derartige Berhälttiisse noch