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Neue jüdische Presse · 1910-12-16 · Heft 48 (16.12.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 48 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 48) ' Voraussagen zu können, daß die Liberalen auchdiesmal siegreich hervortreten werden. Freilich! wird - es ihnen nicht leicht sein, die großen Reformen durchzusetzen, für die ihre Leiter begeistert sind, zumal da die Opposition noch immer sowohl numerisch als sozial unerschütterlich dasteht; aber man darf mit Sicherheit erwarten, daß sic doch viel Gutes und Ersprießliches zu leisten imstande sein werden, wovon ein großer Teil auch uns Juden zugute kommen wird. Tie Zeitungen haben schon berichtet, daß der Brief des Lord Rothschild an die jüdischen Wähler Manchester's zugunsten des konservativen Kandidaten mit gemischten Gefühlen ausgenommen wurde. Es wäre richtiger, zu sagen, daß der Brief eine allseitige Entrüstung hervorgerufen hat. Denn auch die jüd. konservativen Kreise mißbilligten die Handlungsweise Lord Rothschilds, obwohl sie, sowohl aus parteipolitischen Erwägungen wie aus Respekt vor dem großen Finanzmann und jüdischen Führer, ihreni Widerwillen nicht öffentlich Ausdruck oerliehen. Lord Rothschild handelte sehr inkonsequent. Wie durfte er die Juden auffordern, in corpore sür diese oder jene Partei zu stimmen, wenn er bei jeder Gelegenheit emphatisch betont, daß die Juden nur eine religiöse Körperschaft repräsentieren und keine speziell jüdische Interessen haben? Sind die Juden bloß eine konfessionelle Gruppe der britischen Bürgerschaft, so ist der Chief Rabbi ihr offizielles und anerkanntes Oberhaupt, von dem allein ein derartiger Aufruf erlassen werden konnte, wenn er überhaupt zulässig gewesen iväre. Wie durfte Lord Rothschild die Rolle des Chief Rabbi übernehmen? Die liberalen Kreise sind natürlich öffentlich in der Presse gegen Lord Rothschild aufgetreten und erinnerten his Lordship, daß es die Liberalen waren, die ihn in den Adelstand erhoben und die Judenenianzipation durchgeführt haben, während die Konservativen sie mehrere Male "verwarfen und die Fremdengesetze cinführten^ Die unangenehme Situation wurde durch den zweiten jüdischen Peer, den wir haben, Lord Swaythling, gerettet, der bald darauf einen Brief in der liberalen Presse veröffentlichte, in dem er gegen Lord Rothschild protestiert, ohne jedoch seinen Namen zu erwähnen, und die englische Judenschaft aufforderte, als vollblütige englische Bürger diejenigen Kandidaten zu wählen, die ihre Interessen nnd politischen Anschauungen am besten vertreten. Wie es scheint, wird auch das neue Parlament die gleiche Zahl von jüdischen Mitgliedern besitzen, wie das alte, und zwar 8 oder 9 aus Seiten der Regierungspartei und 7 oder 8 auf Seiten der Opposition. Auch die Zahl der Kandidaten lvar ungefähr gleich wie in den letzten Wahlen. Auch die Arbeiterpartei hat jetzt ein jüdisches Parlamentsmitglied. Unter den Durchgefallenen befinden sich B) Strauß, der ein Zionist ist und vom getauften Juden nnd Eigentümer des „Daily Telegraph" A. L.awson mit der geringen Stimmenmehrheit von 2 besiegt wurde, Laurie Magnus, ein Sohn . des früheren Reformrabbiners und jetzigen bekannten Gelehrten Sir Philip Magnus, konservatives Parlamentsmitglied für die Londoner Universität, L. .Franklin, ein Schwiegersohn des Lord Swaythling und ein orthodoxer Führer in der hiesigen Gemeinde, und W. Jacobs, einer der zwei Kandidaten, die die Gleichberechtigung der Frauen, aus ihre Fahne geschrieben und die zusammen kaum 50 Stimmen erhalten^ haben. Es äst eine merkwürdige Erscheinung — eine Erscheinung, die, wie ich glaube, in Deutschland ihr Analogon findet —, daß diejenigen, die in rebus juHaicis konservativ, d. h. orthodox sind, gewöhnlich liberal und sogar radikal in ihren politischen' und sozialen Anschauungen. sind, während die „Liberalen", d. h. Reformer und Freireligiöse, im Lager der konservativen Partei zu sindssn sind. Hier Lord Rothschild und sein Sohn, Sir Phil ich Ma g uns, Sir E dw a.r d Sassoon, Kapitän H. M. Jcsscl, Oberst Ln- MiMuttev MräeMWsAannlieWätt. - c a s usw., dort Lord S wacht h l i n g, der greise Führerder englischen- Orthodoxie, sein Neffe Stuart Samuel und sein Sohn E) Montag u und andere. Das aufgelöste M i n i st e r i u »i zählte drei Juden zu seinen Mitgliedern, darunter einen Sohn und einen Neffen Lord Swaythling's, und nlan erlvartct, daß das neue Ministerium iniudestens noch einen Juden in seiner Mitte haben wird, eine Erscheinung, die bis jetzt in der Geschichte noch unbekannt ist. Der Tod hat zwei seltene Männer aus unserer Mitte gerissen. Ter eine stand in der Mitte seines Mannesalters, denr anderen lvar ein hohes Alter gegönnt. Ich meine Rev. S. A. Adler und Tr. M. F r i e d l ä n d e r. ' Dr. Friedländcr, der 40 Jahre' lang das Rabbinerseminar leitete, war ein Hervorragenoer Gelehrter aus der alten Schule. Er verfaßte mehrere Werke, darunter die großartige englische Ucbersetzung des Moreh Nebochim von Maimonides, und erzog Hunderte von Rabbinern, die jetzt in England und Amerika fungieren. Das orthodoxe Judentuin verlor in Friedländer eine seiner größten Leuchten und Stützen. Sein Schwiegersohn ist der lveltbekannte Gelehrte.und Zionist Dr. M. Gaster, der Haham der portugiesischen Gemeinden Englands ist. Schmerzlicher vielleicht als der Tod Tr. Fricdländer's wird der Verlust S. A. Adler s empfunden. Er war der einzige Sohn des Chief Rabbi Dr. Adler und erreichte kaum das fünfunddreißigste Lebensjahr. Er war das Ideal eines Rabbiners und die Personifikation der Güte und Milde, der Begeisterung und Seelenreiuheit, die für ihn in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Liebe und Freundschaft gclvonnen haben. Er war ein ausgezeichneter Kenner der Midraschliteratur und ein glänzender englischer Stilist, wie nur wenige zu finden sind. Große Hoffnungen wurden auf den jungen Manu gesetzt. Man glaubte, in ihm einen glänzenden Nachfolger sür das bedeutende Amt zu finden, das sein Großvater ausgefiillt hat nnd das sein Vater noch jetzt ausfüllt. Adler war ein begeisterter Zionist, der mit der ganzen Glut seiner jugendlichen, reinen Seele für die 'Regeneration unseres Volkes in Wort und Schrift austrat, zu einer Zeit, Ivo sein geliebter Vater das Ideal bekämpfte und, wie es hieß, den Rabbinern verboten haben soll, sich irgendwie zionistisch zu betätigen. Mit dem Tode Adlers ist das letzte Glied einer berühnrten jüdischen Familie, die während der letzten zwei Jahrhunderte für das Judentum viel geleistet hatte, zu Grabe gegangen. Mau kann über die Tätigkeit des Chief Rabbi denken wie man will. Sic hat gewiß ihre Schatten- und Lichtseiten, es weint aber das Herz, wenn nian denkt, daß eine so illustre Familie in Israel so plötzlich und so grausam durch die grausame Hand des Todes aus unserer Geschichte ausgewischt wird. Tr. I. Bk. S a l k i n d. Münchner jüd. Gemeindewahlen. Wer vor einem Jahre einem Münchner Glaubensgenossen gesagt hätte, daß je in München eine Wählerversammlung anläßlich einer Wahl zur Kultusverwaltung stattfände, den 'hätte man sicher ausgelacht. . Diese Wahlen wurden bisher in einem engen Kreise vorbereitet und die Kandidaten auf -denr Kompromißwege von einigen wenigen „Prominenten" nominiert und dann von 20' oder 25°/o der Wähler akzeptiert. Nur - selten war bisher ein Wahlkampf bemerkbar, und auch in diesem Falle wurde alles in größter Stille vorbereitet, Hamit ja um Gotteswillen nichts in die Oeffentljchkeik dringe; die nichtjüdische Welt durfte nicht erfahren, daß „deutsche Staätsbürger jüdischen Glaubens" sich auch nrit jüdischen Angelegenheiten beschäftigen. Den Glaubensgenossen müßte es genügen, daß sie wissen; es existiere eine Kultusverwaltung, welche für eine Erstarrung jüdischen Lebens sorgt! Kein öffentlicher Rechenschaftsbericht, zeigte je, was in der Verwaltung geschah (denn tvenn alljährlich das Rechnungswesen einige Tage 'in der Gemeinbekanzlei aufliegt, — so ist das doch kein wirklicher . öffentlicher Bericht); den Sitzungen, welche, der Qeffentlichkeit durch Anschlag 'an . der Hauptsynagoge bekannt , gegeben werden, konnte mmr nicht beiwohnen, da diese Art der Bekanntmachung ja kaum genügt; — kurz es geschah alles, das Interesse der. Gemeindemitglieder immer mehr in den Hintergrund treten zu lassen. Doch dies sollte mit einem Schlag anders werden. Verschiedene Forderungen resp, Anträge innerhalb der „Verwaltung, welche weder mit orthodox noch mit liberal zu tun haben, welche aber der Gerechtigkeit entspringen, wurden von der „liberalen" Verwaltung abgelehnt mrd brachten so den Stein in's Rollen. Wie bisher so dachten die „Liberalen" auch für die am 11. Dez. stattsindende Wahl, daß eine Liste des „Vereins sür das liberale Judentum" glatt durchgehe nnd stellten daher-' eine solche in einer geschlossenen Versammlung dieses Vereins ans, ohne sich um Wünsche oder Vorschläge von andrer Seite zu kümmern. Die Arbeit sollte ihnen. diesnial nicht so leicht werden. Eine 'Anzahl Wähler, „wirklich liberaler" und konservativer Richtung vereinigten sich zu einem Komitee und stellten — das er st e M a l in München — ein Wahlprogramm auf, dessen Grundprinzip. „Gerechtigkeit" lautete. Verhältniswahl zur Verwaltung» Revision .veDa l t e t e r S teuergesetze, Veröffentlichung Jährlicher Rechenschaftsberichte, Ausgestaltung der sozialen Tätigkeit in oer Gemeinde, Anerkennung des Rechts tiller.Genreindeglieder aus Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse durch die Gesamtgemeinde, Eintret e n für eine Revision des 100 Jahre .alten I u d e n e d i f t s,. —- ' das sind einige Punkte des Programms, das so allgemeinen Beifall fand, daß sich sonst sehr liberale, ja radikale, Herren mit konservativen gemeinsam an die Spitze der Bewegung stellten. Die hier aufgestellten 6 Kandidaten zählen zu den besten Mitgliedern der Gemeinde, nnd da man ihnen gar nichts nachsagcn konnte, erzählte nian von „sogenannter liberaler" Seite, sie hätten sich von den Orthodoxen als Gimpel einfangen lassen) Doch die Herren Liberalen" . hatten bei ihrer Kampfesweise die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In der Ueberzeugnng, daß die programmatischen Gesichtspunkte, die deai Wahlkampfe das Gepräge verleihen, eine offene Aussprache vertragen, lud das Wahlkomitee zu einer öffentlichen W ä h l e r v e r s a m m l u u g auf den 7. Dezember ein; hier sollten die Kandidaten, sowie auch Gegner zum Worte kommen. Der Erfolg dieser Einladung war ein in München noch nie dagewesencr. Hunderte von Wählern besetzten den geräumigen Saal bis auf den letzten Platz und lauschten den Ausführungen von dreien der Kandidaten — Dr. Blu in e n st ein, I n l. Basch und Dr. Elias Straus — mit der größten Aufmerksamkeit. In sachlicher, aber wuchtiger Weise wurde der bisherigen Verwaltung all das gesagt, was seit langem so viele auf dem Herzen hatten. Einige Verwaltungsmitglieder, die zur Stelle waren, griffen mit anderen sogenannte» Liberalen in die Diskussion ein, konnten aber mit ihren Ausführungen umsoweniger Erfolg' erzielen,, als sie sich auf persönliches Gebiet begaben und mit Unrichtigkeiten hervortraten, die ihnenvom Sigmund Fränkel, der in der Verwaltung das Wort für die Konservativen führt, sofort nachgewiesen wurde». Ganz besonders der Kandidat Dr. E. Straus, der Führer der hiesigen Zio-' nisten, hat.- es..ihnen angetan,- und ein sehr, sehr liberaler Herr echote seinem Genosse»' Prof. Dr. Geiger in Berlin nach, daß ein Zionist nicht in einer jüdischen Gemeinde Deutschlandsals Verwaltungsmitglied gewählt werden könne. Man könnte versucht sein diesen liberales-Führer — Justizrat Dr. Frankenburger — etwas eingehender zu antworten; — allein es ist besser, den Ausspruch ohne Kommentar niedriger zu hängen. Und was war die Antwort des „liberalen Vereins für das Judentum" auf diese Kundgebung? Keine öffentliche Versammlung, aber ein Flu gb la tt, das sich hauptsächlich mit der „schrecklichen" Orthodoxie befaßte, die „alles unter den Bann ihrer vom Geiste der Zeit überwundenen Meinungen zu zwingen .jucht." Und zum Schlüsse wurde noch die traurige Tatsache konstatiert, daß „man sogar die Wahl leitender Parteigänger des Zionismus in die Verwaltung zu erreichen sucht." Es ist ja grauenerregend! Ein Mann, der gut genug ist, als Referent im bayev. Landesverein' für Revision des Judenedikts zu wirken, ein Mann, der im öffentlichen Leben seine Lebensaufgabe darin erblickt, für - alle jüdischen Angelegenheiten — sowohl sozialer als charitativer Art — einzutreten, wird für unwürdig erklärt, der Münchner Kiiltusverwaltung anzugehören! Mag die Wahl . nun aussalleu wie sie will, mag diesmal der Zionist auch nicht gewählt werden, .— die Zeit wird koninien, wo ein Zionist in dir Gemeindestube eintritt und beweisen wird, wie, gelinde gesagt, blamabel die Herren sich zeigten.! Nachschrift.. So ist denn die Wahl vorüber; was an Verhetzung in den letzten. Tage»' geleistet wurde, war grandios. Obwohl zwischen

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