Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 48 afö türkische oder chinesische bezeichnet. Gegenwärtig gibt es aber in der finstersten Barbarei kein Beispiel mehr für einen ähnlichen Zustand von fortgesetzten Verletzungen der 'Gebote des Rechtes, des Gesetzes und der wichtigsten Gebote der Religion, wie sie hier vor der großen Oeffentlichkeit zur ungestörte» Aufführung gebracht werden, ohne daß sich dagegen eine Stimme zu erheben wagt. Wohin aber sollen diese Zustände führen? In keiner zweiten Gemeinde werden noch solche verhältnismäßig große Opfer für das Judentum gebracht. Einer Gemeinde, welche 800 wahlberechtigte Mitglieder zählt, stehen jährlich 400 000 Kronen für jüdische Zwecke zur Verfügung! Ich glaube nicht, daß noch irgend eine Gemeinde jährlich 500 Kronen per Kopf für die kulturellen Zwecke des Bürgers verausgaben kann! Und mit welchem Resultate! Die Jugend unserer Gemeinde versumpft religiös, sittlich und moralisch. Ist noch je von offizieller Seite auch nur der leiseste Versuch gemacht worden, die Jugend - für das Judentum zu erhalten? Welche Initiative, welche Maßregel zur Stärkung des Judentnmes ist von dieser Körperschaft^ hervorgcgangen? Darf der Zustand fortdauern, daß eine Gemeinde mit solcher großen Vergangenheit, mit solch reichen Einkünften, init einer solch außerordentlich opferfähigen und mit starker jüdischen Empfindung begabten Bürgerschaft der Gegenstand des Spottes und der Mißachtung bleiben soll?" Türkei. Saloniki. Oberrabbiner Jakob Meir und Dr. Ras im Bej, der Sekretär des Komitees „Union et Progres" haben sich gegenseitig Besuche abgestattet, und bei dieser Gelegenheit kam es zwischen ihnen über die ' hebräische Sprache zu einem Meinungsaustausch. Dr. Nasim Bej erklärte, daß man mit größter Bereitwilligkeit den Unterricht der he b r ä i s che n S p r a che an den Staats schulen einführen würde, vorausgesetzt nur, daß die Gemeinden bereit wären, die Kosten der Honorare für die Lehrer aufzubringen. Einem andern jüdischen Besucher gegenüber äußerte Dr. Nasim Bej sein großes Befremden, daß die türkischen Juden noch i m m e r das S p a u i o l i s ch e reden, die Sprache des Landes, das sie vertrieben habe. Er erkenne zwar an, daß diese Mundart in Abnahme begriffen sei; leider aber nehme das Französische den f r e i g e w o r d e n e u Raum ein. Er würde es vielmehr begrüßesti, das Hebräische, das ihre nationale Sprache sei, unter den Juden sich verbreiten zu sehen, als das Französische. G feuiMon. 0 Aus der Zukunft. Von Friedrich Rott. lFortsehung.) „Sie sind ein unvernünftiger Trotzkopf. Sie wissen doch noch nicht, ob Sie verzichten müssen; wenn Sie es aber müssen, so wäre es ein doppeltes Bedürfnis für Sie, Ihre doch mehr mechanische Tätigkeit, bei der sich so schön träumen und grübeln läßt, mit einer geistigen zu vertauschen, die träumeln und grübeln ansschließt. Sehen Sie denn das nicht ein?" „^Allerdings, aber —" „Das sehen Sie ein, können sich aber doch nicht entschließen, Ihr Tun Ihrer bessern Einsicht unterzuordnen. Junger Mann, junger Mann, heute gefallen Sie mir nicht." In dieser Weise währte hie Unterhaltung noch einige Zeit, bis Jakobson sich endlich empfahl. Gleich darauf ging die Tür wieder auf, Irma trat in das Zimmer. „Du bist allein, Papa?" fragte sie, um sich blickend. „Wie Du siehst, liebes Kind." »Ist Herr Jakobson schon lange fort?" „Ungefähr fünf Minuten." „Ach, wie schade, daß er schon sortgegangen ist, ich hätte gern sein Gesicht gesehen, nachdenr Du ihm Deinen schönen Vorschlag gemacht hast." Doktor Blau zuckte die Achseln. „Ich weiß noch gar nicht,, ob das Gesicht, das er gemacht hat. Dir .gefallen hätte." Irma erblaßte. „Was? er hat Deinen Vorschlag nicht angenommen? Ich habe geglaubt, er würde überglücklich sein, Ivürde mit beiden Händen zngreifen." „Das hat er auch zuerst getan, dann aber sind ihm Zweifel gekommen, ob er mein Anerbieten annehmen dürfe, da er doch nicht mit voller Bestimmtheit wissen könne, ob er es mir werde zurückerstatten können.' Schließlich hat er sich erinnert, daß er für die erste Zeit meiner Hilfe nicht bedürfe, - da er sich schon ein nettes Sümmchen erspart habe; dann ist ihm wieder fraglich erschienen, ob man einen Posten anfgeben dürfe, auf dem man Wrankstttier MarWMes FaMienblaÜ. Seite 5. auf anständige Seife kein Arvt verdient, um auf's Ungewisse hin ein Studium zu beginnen usw. usw." Irma ward bald blaß, bald rot. „Das hätte ich nicht gedacht — das nicht." Der Vater streichelte ihr liebkosend die Wangen. „Darfst ihm sein Zögern nicht gar so sehr der- Übeln, wenn er Schwierigkeiten erblickt, die wir von unserm Standpunkt aus nicht finden können, wenn er Zögert, Verpflichtungen zu übernehnien, ohne die feste Gewißheit zu haben, denselben entsprechen zu können, so sollte das eigentlich unsere Achtung vor ihm noch erhöhen." Das junge Mädchen unterdrückte einen Seufzer, sie liebte den jungen Mann, dem ihr Vater sick so hoch verpflichtet fühlte, mit aller Glut der ersten Liebe ihres jungfäulichen Herzeris, und — mochte sich die Sache wenden, wie sie wollte — innige Liebe hätte alle die Schwierigkeiten, alle die hindernden Erwägungeit nicht auskommen lassen. „Wie bist Du schließlich init ihm verblieben?" Der Vater zuckte die Achseln. „Ich habe ihn tviederholt aufgefordert, gleich morgen dem Adam zu kündigen, der Mann müßte sich doch nach eiuenr andern Gehilfen umseheu." „Nun, wird er das tun?" „Das weiß ich um so weniger, als er selbst es noch nicht weiß. Er sagte, die Sache wäre ihm zu unerwartet gekommen, er tväre im Augenblick keines klaren Gedankens fähig." Jnzivischen befand sich Jakobson auf dem Wege zu seiner Wohnung, langsam schritt er dahin, schwere Seufzer hoben seine Brust. Bor kaum zwei Stunden hatte er denselben Weg zurückgelegt, erhobenen Hauptes, elastischen Schrittes mit freudig pochendem Herzen. Und nun, — wie hob sich seine Brust so schwer, wie erzitterte sein Herz in bangen Schlägen, und auch droben die Pracht am Himmel schien erloschen. Nächtlich schwarze Wolken schwebten unter dein Firmament einher, die hell funkelnden Sterne den klugen der Menschen verhüllend, nur an einzelnen Stellen sah mau noch einzelne erglänzen. Doch jetzt plötzlich löste sich hoch oben eiir strahlender Funke und glitt in weitem Bogen langsain unter dem von Wolken verhüllten Sternenzelt dahin, uni dann plötzlich zu erlöschen. „Das war mein Stern," flüsterte der nächtliche Wanderer in sich hinein, „mein Glück, — nur einen Moment schielt es ' hell zu leuchten, um dann zu erlöschen — für immer —. Hastig eilte er weiter. Der Himmel ivar jetzt vollständig von dichten Wolken umzogen, die sick bereits in einzelnen Regentropfen zu entleeren begannen; er mußte eilen, um nicht im Freien von dem drohenden Regen überrascht zu werden. Zur rechten Zeit erreichte er sein' Heim, und grade als er im Begriffe war, von rechts her die Stufen aufwärts zu schreiten, die zu seiner Wohnung führten, sah er von links her seinen Freund Egon herbeieilen. „Grüß' Dich Gott v Viktor!" rief Egoir ihm schon von weitem zu „das ist schön, daß ick Dich hier treffe; nun gehe ich mit Dir und warte bei Dir den Regen ab, der gewiß .sehr bald in Ströme» fließen wird." Jakobson hatte den Gruß des Freundes erwidert, tind beide begaben sich in das trauliche Zimmer, das er bewohnte. „Lege Dein Ueberrock ab," sagte er, indeni er die auf dem Tische stehende Lampe anzündete „Du wirst nicht so bald fort können bei diesem Wetter." „Schadet nichts, es ist noch nicht gar so spät, ich hatte nicht einmal geglaubt. Dich schon zu Hause zu .treffen, in den letzten Wochen warst Dü nie so frühe daheim." „Ich bin heute etwas früher fortgegangen," versetzte Jakobson gepreßt. Seine Stimme war verändert, unwillkürlich blickte Egon zu ihm hinüber und gewahrte erst jetzt das verstörte Aussehen des Freundes. „Du warst bei Doktor Blau oder vielmehr bei seiner Tochter?" ~ „Ja," war die einsilbige, von einem schlecht unterdrücktem Seufzer begleitete Antwort. „Run? — und? —" ,^d) verstehe die Frage nicht." „Ich ineine, was ist Dirdort passiert? — Dü siehst aus, als hättest Du einen regelrechten Korb erhalten. Habe ich's erraten?" „Nein, v nein, im Gegenteil —" ,Hm Gegenteil? — wie ist das zu verstehen? — daß Dein Antrag angenommen worden ist? — Mer dann macht man doch nicht so ein Gesicht. „Mein Mittag konnte nicht angenommen werden, denn .ich habe keinen Antrag gestellt. Der Doktor hat 'mir aus freien Stücken den Vorschlag gemacht, ich solle zum nächsten Semester nach Berlin gehen und dort Zahnheilkunde zu studieren, er wolle wir die Mittel dazu voxstrecke» und mir nach meinem beendeten Studium seine Praxis übergeben mit allem, ivas d'rum und d'ran hängt." „Masseltow! masseltow!" jubelte Egon, die Hand des andern herzhaft schüttelnd „aber Junge das ist ja ein kolossales Glück, das Dir da geboten wird. Blau hat unter den hiesigen Zahnärzten die größte Praxis. Macht der Mensch da ein Gesicht, daß ich wahrhaftig gefürchtet habe — ich weiß selbst nicht, was. Ich begreife Dich nicht. Viktor" —. „Du zweifelst an der Zuneigung des Mädchens?" „Auch das nichts aber —" Und nun teilte er seinem Freunde seine Unterredung mit dem. Doktor eingehend mit. Egon schüttelte wiederholt den Kopf. ,Duö ist allerdings unangenehm, Iveil der Abschluß Deiner Verlobung dadurch verzögert wird. Aber Trübsal zu blasen, wie Du tzs tust, dazu sehe ich keine Veranlassung. Wenn er morgen nach Bjelostok schreibt, hat er im Laufe der nächsten Woche Antwort, und dann feiern wir Deine Verlobung." „Wer weiß —" sagte Viktor, schwer aufatmend. „Ach Unsinn, warum sollte man das nicht wissen? Dort wird man längst erfahren haben, was aus dem damals vermissten Kinde geworden ist. Dein Schwiegervater in spe soll mir's nicht übel nehinen, aber.er .hätte sich längst darüber Klarheit verschasfeu müssen." .^Verzeihe, das war nicht notwendig. Wenn Irma z. B. einen Deutschen heiraten würde oder auch einen Nichtrussen, oder irgend Einen, dessen Familie bekannt ist, so wäre es für alle Beteiligte gleichgültig zu wissen, ob sic einen Bruder hat oder nicht." ,Das ist allerdings richtig." „Freilich ist das richtig. Und wenn ich nur Nachweisen könnte, daß ich einer andern Familie entstamme als sie, so brauchten wir uns um die Lösung jener Frage nicht zu kümmern. — Es ist nur, daß ich ein Pechvogel bin seit meiner frühesten Kindheit bis heute." „Das ist nicht wahr!" widersprach Egon lebhaft, „Du Haft mir doch wiederholt gesagt, daß Du Dich über Mangel an Freundlichkeit oder Teilnahme nie hättest beklagen können. Dich jetzt als Pechvogel zu betrachten, wäre Undank gegen diejenigen, die Dir Liebe und Freundlichkeit erwiesen haben." .Das ist wahr, aber ich hoffe. Du iveitzt, daß Undank nicht zu meinen Fehlern gehört. — ES ist nur — Du kannst Dir keinen Begriff davon niachen, — ich war gradezu trunken vor Freude über das hochherzige Anerbieten — und dann urplötzlich —" ,,Armer Junge! — das kann ich mir sehr wohl vorstellen, wie Dich das Letroffen hat. — Aber wenn ich Dich recht verstanden habe, so hält doch der Doktor in jedem Falle seinen Vorschlag aufrecht." „Allerdings. Aber tvenn ich auf Irma verzichten niuß, nehme ich den Vorschlag nicht an. Was hätte ich davon?" „9hntt ich dächte doch —" „Sit dächtest — aber ich — ich — ohne Irma hat das Leben keinen Wert für mich. — Brauchst kein solch erschrecktes Gesicht zu machen, an Selbstmord denke ich nicht. Mer ich sehe auch nicht ein, weshalb ich mir von irgend jemanden eine Wohltat erweisen lassen sollte, die für mich absolut keinen Wert hätte." „Aber das kannst Du doch gar nicht wissen; vielleicht herrscht über das Schicksal des Bruders Deiner Irma längst vollständige Klarheit." _(Fortsetzung folgt.)_ .,Zu Geschenken eignen fick meine Operngläser, Feldstecher.Lorgnons,Barometer. Thermometer. Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik Physikalische Lehnnittel" „I. W. Albert, Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun. Ecke Reue Mainzerstr. und Weißftauenstr. II. Tel. 7254, Amt I." Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahls Frankfnrt a. M., Stallbnrgstr. 9. Tel. 259 n. 72. J. EHR NIEL & SOHN Schillerstrasse 28. SpezIal-GesehIR für Hain. Zelehen-Utensillen. Holzbrand-, Kerbsebnitt-, Tarson. Batik-ArtlkeL Wocheu-Kalender. lZeitangaben nach dem I>nach.) Samstag, den 17 Dezember l—16. Kislew): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 15 Min., in Berlin 4 Uhr 42 Min. Wochenabschnitt: Wajischlach. Nachdem der Feind im Rücken — Laban — unter Gottes Beistand abgewendet war, galt es, dem entgegenkommenden sich zuzuwendeu. Esau zieht Jakob mit 400 Manu entgegen. In dreierlei 'Art trifft Jakob Vorbereitungen. Er sendet Boten mit Geschenken voraus, um Versöhnung zu erwirken; er bereitet sich kriegerisch vor, indem er sein Lager in zwei Hälften abteilt; endlich betet er. Als Esau mit Jakob zusammentrifst, wird er versöulich gestimmt, uinunt Geschenke au und wendet sich wieder heimwärts. Die Begleitung durch Esau schlägt Jakob