Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 48 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. den Ansichten und der Leitung von Paris anbequemen. Diese Beschlüsse des Zentral-Kvmitees könnten mit unserer früheren Haltung während ■ der drei vergangenen Jahre in Widerspruch zu stehen scheinen, die wir als eine Versuchsfrist angesehen haben. Aber neuerliche Zwischenfälle und in Vorbereitung besindliche Projekte, die ihrer Natur nach angetan sind, den universellen Charakter der Alliance und die Stellung des Zentral-Kvmitees als einzige leitende Organisation aufzuheben, legen uns die sofortige Verpflichtung auf, im Interesse des Werks die zentralisierte Organisation wiederhcrzustellen, die seit einem halben Jahrhundert seine gute Leitung. gesichert hat. Das Zentral-Komitee hat beschlossen, um diese Anschauung auf die Finanzgebahrung des Berliner Bureaus anzuwenden, hinsichtlich der Ausgaben dieses Berliner Bureaus von jetzt ab und für die nächste Zeit wesentliche Modifikationen einzuführen. Wie wir es in unserem Brief vom 18. März gesagt haben, verlangen wir die Unterdrückung des Amtes eines Geschäftsführers und außerdem eine sehr wesentliche'Verringerung der Bureaukostrn auf ein Maximum von 8000 JL Wir werden, natürlich die notwendigen Kredite aufrechtcrhalten, um unseren Kontakt mit Ost und West auszuführen. In derselben Gedankenrichtung halten wir unsere Mitwirkung für notwendig bei jeder Forderung zur Unterstützung der russischen Israeliten oder von deutschen Gemeinden und Orgmiisationen. Wenn eine Gemeinde oder eine Organisation ausnahmsweise unsere Unterstützung nötig hat, werden wir immer geneigt sein, eine Prüfung mit dem lebhaften Wunsch eintreten zu lassen, der Forderung zu genügen. Genehmigen Sie, geehrter Herr, die Versicherung unserer Ergebenheit. Der Präsident N. Leven." Hs nrüßte der Leitung der D. C. G. der Vorwurf gemacht werden, daß sie andauernd diese Beschlüsse unberücksichtigt gelassen habe, ivährend chas Zentral-Komitee erwarten mußte, daß die Zeitung der "2). C. G. cs als ihre erste Aufgabe betrachten würde, vom Jahre 1911 den Zustand herbeizuführen,, der in dem Brief vom 2. Mai verlangt worden sei. Deutscherseits wurde erwidert, daß der Inhalt der Forderungen in dem Brief vom 2. Mai 1910 nur als Wünsche für eine spätere Gestaltung aufgefaßt worden sei. . .*) Die deutschen Mitglieder des Zentral-Komitees hätten aber auch nie — wenigstens erinnert sich das Präsidium der D. C. G.. nicht — eine Einladung zu einer Sitzung des Zentral-Komitees erhalten, in welcher die Verhältnisse der D. C. G. auf der Tagesordnung gestanden hätten, sonst hätte wohl die T. C. G. schon vorher irgendwie Stellung genommen. Im übrigen käme cs ja auf diese Differenz nicht an, da das Zentral-Kvmitee durchaus in der Lage sei, Beschlüsse, welche in einer Sitzung gefaßt werden, in einer späteren Sitzung wieder aufzuheben mü> die Frage neu zu regeln. Hierüber entstand eine sehr lebhafte Diskussion, die natürlich im einzelnen hier nicht wiedergegeben werdenkann, an der sich außer den prominentesten Mitgliedern der Pariser (R ei nach. Machiels, See u. a. m.) sämtliche Deutsche aufs eingehendste beteiligten. Es war den Unterzeichneten von vornherein klar geworden, daß die Pariser auf ihrem intransigenten Standpunktbestehen bleiben würden, nachdem unser Entwurf - in einer durchaus ablehnenden Weise, Satz ftir Satz zerpflückt worden war. Ja, noch mehr, die Herren erklärten übereinstimmend ganz offen, daß ihnen die D. C. G. von vornherein e i n D o r n im Auge gewesen sei, und daß sie stets bereut hätten, der D. C., G. Sonderrechte eingeräumt zu haben. Vergebens appellierten wir Deutsche an die Konsequenzen, welche aus der Ablehnung unserer Vorschläge sich ergeben würden, und wir glauben alle die Nachteile hervorgehoben zu haben, welche für die Alliance und deren Ansehen entstehen würden, wenn die D. C. G., nachdem sie doch nun einmal äo facto seit Jahren bestehe, plötzlich von der Bildsläche verschwinden würde. *) Von der Redaktion gekürzt. Frankfurter Israelitisches Familirnblatt. Nichts machte Eindruck auf die Herren. Wir gewannen die Ueberzeugung, daß die Herren wie bisher ganz unter sich bleiben wollten, was schon daraus hervorging, daß sie es entschieden'ablehnten, Reisekosten zu vergüten. Von deutscher Sejte war es namentlich Herr Gumpertz, welcher die französischen Mitglieder in der eindringlichsten Weise vor der Konsequenz ihrer Beschlüsse warnte und sie dringend bat, diese Konsequenz zu berücksichtigen. Er erklärte, daß es doch nicht angängig sei, die T. C. G., deren Verdienst es unzweifelhaft sei, den Alliancegedanken in Deutschland zur vollstenBlüte gebracht zu haben, mit einem Federstrich aufzulösen. Er mußte sich eine Antwort gefallen lassen, die von den vielen verblüffenden Anschauungen des Abends wohl die verblüffendste war, dieAntwort nämlich, daß das Zentral-Komitee nichts zerstören könne, was es gar nicht aufgebaut habe. Tenn das Zentral-Komitee habe die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft nie anerkannt und ihre Statuten nie genehmigt. Wohl habe es in seiner „Schwäche" die D. C. G. jahrelang geduldet, nun sei cs aber ander Zeit, wieder Stärke zu zeigen. Bon deutscher Seite wurde hervorgehoben, daß cs den Eindruck mache, als wolle man geflissentlich die deutschen Mitglieder des Zentral- Komitees von den Sitzungen der Alliance fernhalten, nachdenr inan festgestellt, daß die Einnahmen zur Vergütung von Reisekosten der Mitglieder nicht verwendet werden dürften. Auf deutscher Seite werde aber Gewicht darauf gelegt, an den Arbeiten des Zentral-Komitees teilzunehmen, um auch, der Anschauung der deutschen Judenhcit bei der Verwaltung Geltung zu verschaffen. Es wurde erwidert, daß lediglich finanzielle Gesichtspunkte für die Anschauung des Zentral-Komitees, Reisekosten nicht zu vergüten, maßgebend seien. Aber man ließ doch nicht den geringsten Zweifel, daß auch diese Forderung der mutschen Mitglieder, an der Verwaltung durch Teilnahme wenigstens an einzelnen Sitzungen des Zentral-Komitees Mitarbeiten zu wollen, etwas Neues sei, und daß man zu der bisherigen Verwaltung soviel Vertrauen haben könnte, um alles beim Alten zu lassen. * Als die deutschen Mitglieder merkten, daß auch nicht die allergeringste Neigung vorhanden war, auf irgend einen Wunsch der D. C. G. einzugehen, da erhob sich wiederum Herr Gumpertz und fragte in der eindringlichsten Weise, ob nicht die französischen Mitglieder an die Möglichkeit gedacht hätten, daß durch ihre heutigen Beschlüsse Deutschland mit seinen Einnahmen der Alliance und dem Alliancegedanken verloren gehen könnte. Hierauf wurde erwidert, daß auch diese Möglichkeit in den Kreis der Erwägungen gezogen sei, und daß man sich bereits geeinigt habe, daß, so unerfreulich auch diese Folge sein würde, im Interesse der Alliance diese Folge noch immer vorzuziehen sei dem weiteren Bestehen der D. C. G. ' ' ' t:'V Nachdem nun alle Versuche, die Pariser Herren davon zu überzeugen, daß wir in der D. C. G. nur das Wohl der Alliance im Auge hätten, daß uns Sonderbestrebungen fern, lägen, daß der Alliance unberechenbarer Schaden zugefügt würde, wenn sie die. dargebotene Hand zur Einigung zurückweisen, nachdem, sagen wir,; alle diese Versuche an einem starren „non possurnis" gescheitert waren, blieb uns nichts anderes übrig, als, nachdem die (Ihnen inzwischen zugegangene) Resolution, gegen die wir naturgemäß gestimmt hatten, angenommen war, sofort zu erklären, daß hiermit unsere Mission beendet sei und wir folgerichtig aus dem Zentral- Komitee, und, als sich hieraus ergebenden weiteren Schritt, aus der D. C. G. aus tr eten. Die Pariser Herren machten natürlich noch den Versuch, uns zu überreden, Mitglieder des Nr. 48 C. C. zu bleiben, was wir ebenso auf das Bestimmteste zurückwiesen, d a w i r w e d e r auf u nsere Kosten zu den Sitzungennach Paris zu reisen, namentlich nicht die Rolle von Statisten zu spicleärgesonnen sei en. ' Wir sind noch verpflichtet, zu berichten, daß sich die Verhandlungen in den verbindlichsten Formen vollzogen und daß von keiner Seite das Suaviter in modo außer Acht gelassen wurde. Indem wir diesen Bericht schließen, haben wir nur noch das schmerzliche Bedauern auszudrüchen, daß nunmehr unsere Tätigkeit für die Alliance, an der wir mit Liebe hängen, und deren -zivilisatorisches Wirken wir vollauf würdigen und anerkennen, uns für die Folge .zur Unmöglichkeit gemacht worden ist. Wir versichern, daß wir stets der gemeinsamen Arbeit, die uns seither pereinigt hat, .In fteundlicher Erinnerung gedenken werden.*) Berlin, Frankfurt, Hamburg, im Dez. .1910. Timendorfer, Lücken Picard, Philipp Schiff, Theodor Schlesinger, Hermann Gumpertz. Brief aus England. Tie diesmaligen Parlamentswahlen bedeuten einen ausschlaggebenden Kampf auf Tod und Leben zwischen Demokratie und Aristokratie, ein Titanenringen, zwischen den großen Massen des Volkes, die zur Herrschaft gelangen wollen, und dem kleinen Kreise der Reichen und Privilegierten, die ihre geerbten Vorrechte nicht 'preisgeben wollen. Gelingt es A s q u i t h und Lloyd George, das Volk aus diesem Kampfe, siegreich zu führen, so ist das Zeichen dem Demos aller Länder gegeben, den Kampf mit seinen Unterdrückern aufzunehmen. Sollten jedoch die Konservativen den Sieg davontragen, so erhält die Demokratie Europas und Amerikas einen schweren Schlag. Kann man auch die englischen Konservativen nicht mit ihren antisemitischen oder antisemitelnden Namensgenossen auf dem Kontinent vergleichen, so bedeutet doch der Sieg der Liberalen zweifelsohne eine Verbesserung der jüdischen Lage sowohl hier wie im Auslande. Kein Wunder daher, daß die Inden ein so großes Interesse an dem Kampfe nehmen. Wissen sic doch, daß sie von den Konservativen nichts zu erwarten haben, während alle Freiheiten, deren sie sich hierzulande erfreuen, ihnen von den Liberaleil gegeben worden sind. Tie einzige Aufmerksamkeit, die ihnen von Seiten der Konservativen zuteil geworden ist, war das Ugaudaangebot. Man kann über das Ugandaprojett von einem zionistischen Standpunkt denken wie man will, so wird doch niemand so gewissenlos sein, nicht mit einem Gefühle der tiefsten Dankbarkeit an diesen Gnadenatt der englischen Regierung zu denken. Aber dieses großmütige Angebot -war die Tat eines Einzelnen, des Joe Chamberlai», und rief, bei aller Hochachtung für den Meister, einen läuten Protest in den Kreisen der Konservativen hervor. Tie Wahlen sind zwar noch nicht zu' Ende, aber es gehört keine Prophetengabe dazu, um *) Sälvmon Reinach hat gesiegt, die Franzosen triumphieren. Wir sagen: die Franzosen, denn der Sieg Reinachs und die Niederwerfung der D. K. G. ist kein jüdischer Sieg, sondern ein Sieg des Franzosentnms; ist doch die. einzige Aufgabe Reinachs in der Alliance die, dem Franzosentum . bei Bernichtungdes Juden tums zu dienen, Und Reinach kann nur zu seinem von ihm gestellten Ziel gelangen^ wenn jegliche Ein - flußnahme seitens d er In d enh eit anderer Länder inhibiert ist. Gewiß: der Franzose Reinach hat über die deutsche Judenheit den Sieg davongetragen — wenn auch mit. Maßnahmen der bürokratischen Verwaltüngspraxis des' französischen Verbündeten. Rußland — allein: wird die deutsche Judenheit diesen Gewaltakt des Jndentumfeindes Reinachs ruhig .hinnehmen? Am 20. findet die Tagung der D. K. G. statt; es ist eine jüdische. Ehrensache, daß die Mitglieder der Di. K. G.-sich wie ein Mann zur Tagung einfinden! - - Die Redakt. -