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Neue jüdische Presse · 1910-12-09 · Heft 47 (9.12.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 47 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. zu lernen, -die ihn mit der angenehmsten, zuvorkommendsten Axt in ihr Wachtzimmer einlud uud ihn als „Politisch Verdächtigen" einer näheren Untersuchung, .mnd Durchsuchung seiner Kleider imd Brieftasche würdigte. Dieses' Finale einer gemeinsamen Sitzung wird hoffentlich vereinzelt bleiben. Die Interessen der Emigranten werten durch diese Besprechung wesentlich gefördert, und es erhöht die Freude, daß hüben wie drüben sich Männer finden, die trotz chres oft zeitraubenden und anstrengenden Berufes immer Zeit genug finden, um für das Wohl der Auswanderer tätig zu sein. ' Die beiden Grenzkomitees haben einen Grenz- - beamten zur Verfügung, der den Auswanderern in legaler Weise behilflich ist, für die Beschaffung des Gepäckes sorgt und eventuelle Reklamationen und Recherchen durchführt. Wie häufig kommt cs vor, daß der Grenzbeamte den Schwindelagenten nachspüren muß, daß er die nnterlvegs „verloren^, gegangenen Gepäckstücke wieder auffinden soll.'' Gleichzeitig soll er ein wachsames Auge darauf haben, daß die Schmuggler ihre Opfer nicht allzusehr ausplündern und ihre betrügerischen Manipulationen dem Komitee mitteilcn. Das Komitee soll eine Jdealverbindüng darstellen zwischen Wohltätigkeitsinstitut und Derektitihütoj es ist nicht immer leicht, allen Anforderungen gerecht zu werden, die, im Interesse der Auswanderer unbedingt gestellt werden müssen, aber nur auf gesetzmäßigem Wege erfüllt werden dürfen. Tr. W. S. P. Rabbinowitz. Eine furchtbare Nachricht erreicht uns: S. P. Rabbinowitz ist gestorben. Noch vor wenigen Wochen sahen wir ihn unter uns, unermüdlich schaffend und sorgend, und nun ist er nicht mehr; soeben noch bewunderten und erstaunten wir ob der Kraft, die diesen gebeugten Körper beseelte, ob der Energie, die ihn durchzuckte, und nun ist diese Kraft erschöpft, die Energie ist gebrochen, und S. P. Rabbinowitz ist uns für immer entschwunden. — Das Leben S. P. Rabbinowitz' hat nichts Außergewöhnliches und Eigenartiges, nichts Heroisches und Gewaltiges aufzuweisen. Nichts Außergewöhnliches, weil S. P. Nabbinowitz kein Mann war, der sich hin und wieder zu großen Taten ermannte, kein Mann, dessen große' Energie sich in hier und da aussprühenden Funken.kündgab, .sondern stets derselbe blieb, niemals an Stärke verlor, gleich einem .ewig brennenden Feuer. Nichts Heroisches, well sein ganzes Leben, an sich fast heroisch war, weil sein ganzes Leben nur ein ununterbrochener heldenhafter Kampf war. Im Jahre 1845 geboren, entstammte er einer Rabbiner-Familie in Schnippischok bei WUna, wurde erzogen wie alle jüdischen Knaben Rußlands seiner Zeit erzogen wurden, lernte Bibel und Talmud,- bis in ihm der doppelte Drang zum Wissen und Schaffen erwachte; er eignete sich profane Blldung an und begab sich nach Warschau, wo er ein Betätigungsfeld für die in ihm wogende Kraft fand. Dies sind die-äußeren Daten seiner Jugend; über die inneren Entwickelungen, die der Jüngling durchmachte, über die Gefühle und Strömungen, die ihn beherrschten, wissen wir nichts, denn Tagebücher und lyrische Bekenntnisse hat uns S. P. Rabbinowitz nicht hinterlassen. Doppelt'— sagten wir — war der neuerwachte Drang im Jüngling; ein Drang nach. Wissen, und ein solcher nach Betätigung. Im Grunde genommen sind diese beiden Triebe nür die Aeüßerungen einer einzigen Kraft, seiner starken Lebensenergie. Denn auch. Wissensdrang setzt gewisse Energie voraus, nur däß sich diese Energie passiv äußert inder Aufnahmefähigkeit, während der Tatendrang die aktive Manifestation der Energie.darstellt. In der Richtung dieser beiden von derselben Wurzel stammenden Kräfte entwickelte sich auch das öffentliche Wir k e n S. P. Rabbinowitz'; wir haben zwischen. seiner s ch r i f t st c l l e risch e n und agitatorischen Tätigtet t zu unterscheiden. Diese Eigenschaft, Gelehrter und Agitator zusammen' zu sein, ist für. uns Westeuropäer keine häufige Erscheinung; wir sind, schon' bei jenen: höheren Külturstande angelangt, . da sich überall eine Spezialisierung geltend macht, da zwischen den einzelnen Gebieten schärfe Grenzen gezogen - werde» Bei der russischen Jubenheit treffen wir jedoch oft auf diese Erscheinung.. . Dies weist einerseits - auf einen gewissen kulturellen Rückstand hin, .andererseits darf man nicht vergessen, daß geradebei uns heute oft die Forderung laut wird, daß-sich auch der Gelehrte am öffentlichen Leben der .Ration beteiligen soll und muß, ja gerade er, der ans dem Studium der Frankfurter JfraeNifthes Familirnblatt. Geschichte und Natur eine tiefere Einsicht iü die Entwicklung und den Ablauf alles menschlichen Geschehens besitzt. Wie dem auch sei, man wird von S. P. Rabbinowitz keinesfalls behaupten dürfen, daß diese Bereinigung wissenschaftlicher und öffentlicher Tätigkeit bei ihm unnatürlich gewesen seidenn bei ihm war es natürliche Notwendigkeit und logische Konsequenz. Es entsprang einerseits seiner ganzen Veranlagung, es entsprach aber auch vollständig seiner ganzen Auffassung vom Wesen der Wissenschaft. Ihm tpar nämlich die Schriftsteller ei sowie die Wissenschaft nicht Selbstzweck, vielmehr hatte er jene urjüdische Anschauung, daß auch die Wissenschaft wie alles andere nur Mittel sei, Mittel zum Zwecke, zum Wohle der Gesamtheit, des Bottes. Uud wenn man die Richtlinien seiner schriftstellerischen und wissenschaftlichen Arbeit überblickt, wird man diese seine Auffassung auch verwirklicht siichen. Er hat kein einziges Werk verfaßt, das ein Gebiet behandelt, das für das Volksleben von gar keiner Bedeutung ist, das nur für wissenschaftliche Grübelei und Kleinarbeit von Wert ist; vielmehr haben alle seine Werke einen bestimmten Zweck; sie sollen alle auf das Volk einen gewissen Einfluß ausüben. Dies ist der Grund für die überaus große Popularität S. P. Rabbinowitz', wie sie fast keinem anderen Gelehrten zu teil geworden ist. Diese seine Tendenz zeigt sich vor allem an seiner umfangreichen publizistischen Tätigkeit. S.P. Rabbinowitz hat sich fast an allen hebräischen und russisch-jüdischen Zeitungen mit zahlreichen Beiträgen beteiligt; so war er der Hauptmitarbeiter an der „Hazefirah" in den ersten Jahren ihres Bestehens. Er selbst hat einige Jahre lang ein wissenschaftliches Jahrbuch unter dem Namen „Knesses Israel" herausgegeben. Viel deutlicher und wirkungsvoller zeigt sich seine Absicht, auf sein Volk fördernd und erziehend einzuwirken, in seinen zahlreichen hervorragenden wissenschaftlichen Geschichtswerken. So vor allein in seiner wichtigsten wissenschaftlichen Leistung, in seiner Uebersetzung der Geschichte der Inden von Grätz. Jndeni S. P. Rabbinowitz dieses Meisterwerk übersetzte, gab er dem - Volke das beste vorhandene Mittel, die jüdische Geschichte kennen zu lernen, die auch unter den russischen Juden wenig gekannt war. Er hatte auch' darum nicht den Ehrgeiz, selbst eine neue Geschichte zu schreiben, er wußte, daß er Grätz nicht übertreffen würde; für das Volk kam cs aber darauf an, seine Kenntnis aus dem besten vorhandenen Geschichtswerke zu schöpfen, also verzichtete er a>fi ein neues Geschichtswerk, übersetzte Grätz und beschränkte sich darauf, ihn mit wertvollen Bemerkungen und Ergänzungen zu versehen. Und er hatte auch den Erfolg, den er erwünschte. Die gesamte Generation der russischen Jubenheit seiner Zeit lernte aus seiner Grätzüber. setzung die jüdische Geschichte, und so wurde. S. P. Rabbinowitz zum eigentlichen Lehrmeister der rufst, schen Jubenheit auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte, ein Verdienst, das vielleicht all seine anderen überragt. Er verfaßte sodann die glänzenden Biographien von Znnz und I. Fränkel, den Begründern der Wissenschaft des Judentums, wodurch er die russischen Juden auf diese wichtige Wissenschaft hinwies und sie zu eigenem Schaffen auf diesem Gebiete ermahnte. Vr schrieb . ferner eine Geschichte der Epoche der Austreibung der Juden aus Spanien („Mauzoeh Gauloh"), wodurch er seinen Lesern an einem überaus drastischen und überzeugenden Beispiel all die Amiormalität, all das Ungesunde und iij der Luft Hängende unserer Existenz im Gvluth vor Augen führte und sie so zur Erkenntnis von der Richtigkeit der nationalen U»ee und der Notwendigkeit zur Kolonisation Palästinas heranzog. Und was' er so wissenschaftlich zu beweisen suchte, strebte er praktisch zu vollführen, und so 'bildet der Agitator Rabbinowitz nur die notwendige Ergänzung des Geschichtsschreibers. Was S. P. Rabbinowitz agitatorisch für >ie nationale Idee und für den Paläst i n i s m u s geleistet hat, ist allen älteren Zionisten und ehemaligen Cbowowe-Zion unvergessen. Er gehörte zu den Einberufern der berühmten „Kattowitzer Konferenz", mit der die Palästinaarbeit erst eigentlich einsetzt; er war längere Zell der Generalsekretär der „Chowowe-Zion"; er besuchte gemeinsam mit Rabbiner S. Mo hi lewer Baron Edmund Rothschild, um ihn für die Kolonisation in Palästina zu interessieren; er war einer der ersten und feurigsten Zionisten, säst keinen Kongreß hat er versäumt, bei keiner wichtigen Konferenz fehlte er, und noch vor einem Jahre, als in Berlin die sogenannte Kulturkonferenz tagte, die die Gründung der »Organisation für hebräische Sprache und Kultur" zur Folge hatte, versäumte er es nicht, persönlich an derselben iellzunehmen. So hat er bis zu seinem Lebensende unermüdlich und rastlos gewirkt und geschasst, gekämpft und gestritten.- Und der Estrig?. Für sich selbst hat er nichts erreicht; fern von seinem. Lände, nicht .immer im gebühtenden Matze geehrt Nr. 47^ und geschätzt)" ist er in einem ^Alter^das nicht ein greises genannt werden kann, -.dahingegangen, durch den anstrengenden doppelten -Kampf,'den schönen um seine Ueäle und den anderen unschönen und darum schwereren um seine Existenz, gebrochen und erschöpft. S. P. Rabbinowitz ist nun dahin- und die Nachricht von seinem Tod« wird überall, wo Juden leben, die Mitarbeiten an dem geistigen Fortschritt ihres Kolkes, und denen er darum kein Unbekannter war, tiefste Trauer Hervorrufen. Es ist darum auch nicht notwendig, an die weite jüdische Oeffentlichkeit einen Appell zu richten zur Hochachtung des Andenkens an diesen Mann. Me jedoch wird unsere eigene Stadt, der die Ehre zu Teil wurde, ihn in den letzten Jahren seiness Lebens in ihren Mauern zu beherbergen, den dahingegangenen großen Gelehrten ehren? In seinen Lebzeiten— wir müssen es mit 'tiefstem Schmerze feststellen — ist. S. P. Rabbinowitz in unserer Stadt nicht immer die Belehrung zuteil geworden, die er verdiente, und gar viele unter uns wußten nicht, welchen Mann sie in S. P. Rabbinowitz vor sich sahen. - " : So ist es nur eine doppelt heilige.-Pflicht, die Verehrung, die ihm in seinem Leben nicht immer gezollt wurde, ihm nach seinem Tode zuteil werden zu lassen. „Talmud chochom schemeis, Hakaul krauwow" lautet ein Ausspruch unserer Weisen. Hoffen wir, daß nun, da der große „Talmud chochom" S. P. Rabbinowitz seine Augen für immer geschlossen hat, sich alle' Juden unserer Stadt in der Verehrung und Lieb« für ihn einigen werden! Zu deni Ableben des unvergeßlichen Gelehrte» sei noch mitgetellt, daß die „Adaß»Israel" - Gemeinde . in Berlin, sowie Berliner Verehrer aus literarischen Kreisen die gesamten Kosten der Ueberführung der Leiche nach Berlin der Familie telegraphisch zur Verfügung pellten, um ihrem Friedhofe die sterblichen Ueberreste des hervorragenden Mannes zu sichern; allein die Familie hat von dem .ehrenden Anerbieten Abstand genommen, und somit wird die Ehre, S. P. Rabbinowitz Gebeine zu bergen, unserer Stadt zuteil. Die Mitglieder der Franks. . Zion. Vereinigung und deS Vereins Jwriah werden das Andenken des Verstorbenen durch Eintragung in das goldene Buch verewigen. Der Kampf gegen das Hebräische in Saloniki. Die jüdischen Gemeinden der Türkei bieten gegenwärtig ein Bild der Zerklüft u n g. Da ist die Rabbinerfragc, dort, das Programm der Schulen die Ursache der Spaltung der Bevölkerung in zwei mit Bitterkeit einander bekämpfende Lager. Saloniki, die größte jüdische Gemeinde der Türkei, die durch ihre mutige Teilnahme an der Befreiungsarmee sich die Achtung der gesamten Jubenheit erworben hatte, stand bisher wegen des einmütigen Zusammenarbeitens aller .Partei am Wohle und Wehe der Gemeinde als Muster da. In dieser Gemeinde brach nun vor kurzem ein Bruderstreit aus) der uns bewies, daß auch hier eine genügende Anzahl von Assimilanten am Lebensbauin der Gemeinde nagt. Ms der Großrabbiner Jakob Me kr seinen Posten ln Saloniki äntrat, stellte er sich u. a. gnch die Reform der Schulen in jüdischnationalem Sinne zur Aufgabe und be» gann bei der schülerreichen, jedoch am meisten vernachlässigten Talmud-Thora. Die Leitung derselben wurde nach dem Vorschlag des Großraboiners, dem hervorragenden Hebraisten Isaak Epstein anvertraut, dem es in kurzer- Zeit gelang, die Anstalt meisterhaft zu organisieren. Er verlieh der Talmud-Thora eine» ausgeprägten hebräischen Charakter und gewährte auch der türkischen und französischen Sprache und manchen Elementarfächern genügenden Raum im Lehrplan.. Auch außerhalb der Schule erstreckten sich seine Tätigkeit und sein Einfluß; durch, zielbewußte Vorträge suchte er das in den Saloniker Juden schlummernde jüd. Selbstbewußtsein zu wecken - und zu stärken. ' Diese Erfolge nun verdrossen,.die assimilatorisch' Angehauchten; lange trugen sie) den: Mäntel, der Zufriedenhell, bis sie endlich — wahrscheinlich auf Anregung vost höheren Regimen) etwa' vom Gebiete der Seine in einen offen?» Krieg gegen da.s Hebräische äUsbrachen. Im „Jmpartial". uich in. der ,,Epoka" begann, die heftige Kanchagne. „El Arenir", trat wohl diesen Blättern energisch entgegen, doch wirb Epstein allem Anscheine nach früher oder später seiner fruchtbaren Tätigkeit entzögen werden. Hat doch schon die Einschränkung des Hebräischen durch Reduzieren seiner Unterrichtsstunden an - der Talmud-Thora begonnen. V Um E p st ei it - tut es üns nichts.leid, . denn eilt Mann von solcher Fähigkeit' und erzieherischen Begabung findet "Mr seine Wirksamkeit. überqll frilchtbaren -Boden. Zu bedaueür ist-,-nÜr. die., Salöü.ikex Gemeind«,' bie.. .söfihe)i,'KrKW; >!üüht zu . schätzen weiß, und )noch.'..bedäuerifsweritzx wird (ie<) fein,""Wenn;;',toiC*x;rr<äftä,iauch her sefnemüP.osteu i

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