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Neue jüdische Presse · 1910-12-09 · Heft 47 (9.12.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 47 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Isrartkfrtrker Isnelitislhrs fnniilirnlilitt. r1 — — i Diese Zeitung erscheint wöchentlich AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (ein- schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,-50. sonstige Länder Mk. 2.— ---- H-daLtio« imd HesHLftsst-lke: Sranlckurt L. M., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-r-f-« 10507. Herausgeber: Salg chei-s. , —- Jnsertionspreisr: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Bervindlichkett. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. ' > .— ■ — ..... 8. Jahrgang. Freitag, den 8. Kislew 5671 (9. Dezember 1910). Nr. 47. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Auswanderung. — S. P. Rabbinowitz. — Der Kampf gegen das Hebräische in Saloniki. — Aus all er Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Jüdische Auswanderung. in. Interessant ist bas Bild, das sich dem Beschauer in der A n s >v a n d e r e r h a l l e zeigt, Ivenn auch -nicht immer erfreulich. Hier sieht er eine dumpfe, in ihr trauriges Schicksal ergebene Masse, dort blühende Jugend, die trotzig den ihr ausgedrungenen Kampf mit den ividrigen Geschickesmächten aufnimmt. Hier sind es kräftige Arbeitertypen, die nur Ort und Gelegenheit suchen, wo sie ihre Geschicklichkeit und Fertigkeit zeigen können; dort sind es mittellose Vertriebene und Vertvaifte, die heimatlos ein Fleckchen Erde suchen, das sie anfnimmt. Ter eine führt den gesamten Hausrat mit, in Korben und Tüchern wohl verpackt; der andere hat von „daheim" nichts retten können als sich und die Seinen. Die Kleidung ist bunt zusammengewürfelt; zumeist fällt noch der Kaftan bei den Männern auf, der zerrissen und zerschlitzt auch noch die große Fahrt über das iveite Meer nushaltrn soll. Tie Frauen tragen bunte Kopftücher und farbige Blusen und Röcke, zeigen aber im Durchschnitt mehr Geduld und Ausdauer in der Ertragung ihres Loses, als die Männer. Ta lagern sic alle, in Gruppen verteilt, in der weiten, geräuinigcn Halle bei ihrem Gepäck, zumeist mit resigniertem Gcsichtsansdruck. Man trifft aber auch frohe, hoffnungsfreudige Mienen, die uns voll Mut und Tatkraft erzählen. Tic Wächter in der Halle gehen nicht immer zart mit den Austvanderern um, sofern, sie sich unbeobachtet wissen, aber manches Mal finden sie auch trotzigen Widerstand. Das Sprachengetvirr, das an unser Ohr tönt, setzt sich meistens zusammen aus Russisch, Polnisch, Jiddisch (Jargon); das letztere ist natürlich vorherrschend und' wird von allen polnischen und russischen Emigranten gesprochen. Wenn in der Halle, die mit Steinfließen gepflastert ist, auch für Ventilation gesorgt ist, so weht einem d och beim Eintritt eine dicke, dumpfe Luft entgegen, die mit allerlei Düften angcfüllt ist. Tic angeordneten Bäder oder Brausen verfehlen gewiß nicht ihren Ztvcck, aber die Leute schlafen seit Wochen in ihren Kleidern und Wäschestücken, und es ist daher nicht Vcrivnnderlich, daß cs mit der Sauberkeit noch mangelhaft bestellt ist. Mancherlei Szenen spielen sich in diesen Hallen ab, die in ihrer schlichten Einfachheit und Natürlichkeit ergreifend wirken. Es war Freitag Abend, und viele Auswanderer hatten die Sabbattichter entzündet, die ihren Lichtschimmer uin die flüchtigen Heimatlosen gebreitet hatten und ihnen mit diesem Schimmer die letzte Erinnerung an die verlassene Vaterstadt und das undankbare „Vaterland" auslenchten ließen. Ta lagern die abgezehrten Gestalten in tiefem Schlummer auf den Bänken und Gepäckstücken, und etwas wie Sabbatruhe schien auch hier in diesen Räumen eingekehrt zu sein, und Träume von einer besseren Zukunft mochten die Schlafenden wohl umgaukeln. Ein anderes Bild! Ein Kinderlehrer aus Odessa hatte zum Wanderstab gegriffen, er hatte eine Schule von Pogromlvaiscn geleitet und zog nun mit seiner Frau und seinen Kindern hinaus in die weite Welt. Seine ältere Tochter von 20 Jahren hatte sich als Schwester ausbildcn lassen und zeigte sofort ihre Kunst in der Halle, da sie dem Arzt bei der Untersuchung der Emigranten, die nach Hunderten zählten, behilflich ivar. Ihre jüngere Schwester, ein Kind von 10 Jahren mit treuen Augen und frohem, offenem Gesicht, stand mitten in der Halle und sang mit einer kleinen Freundin Jargonlieder. Es klang so traurig und wehmütig, als das Kind mit einer glockenreinen Stimme sang von dem „Rebbe von Poltawa", den „Rädern, die sich drehen", von dem „Feierte, das brennt" und anderem mehr. Bald hatten sich alle Freunde des Gesanges um daS Kind geschart, und alle Müden und Matten lauschten auf die ihnen wohlbekannten Töne, und jubelnder Beifall erscholl, wie er in den Theatern auch nicht dankbarer gezollt lverden kann. Ein Bild jagt das andere in diesen Austvandererhallen, da der Strom der Emigration unaufhörlich fließt und nicht zum Stillstand kommt; wer wüßte auch wann? Ein Gedanke ist hier immer lebendig, der heißt: »vcitcr. Wenn die Ausnahme und Registrierung erfolgt, das Bad „überstanden" und die Untersuchung glücklich verlaufen ist, dann kann die A b r c i s e erfolgen. Ter Eisenbahnzug fährt vor, die verschlossenen Pforten der Halle öffnen sich und cs ergießt sich eine sich schiebende, hastige Menge, ihre Gepäckstücke vor sich hinschlepvend, auf den Bahnsteig, und ein Waggon nach dem anderen — alle tragen sie die Aufschrift „Nur für Ansivanderer nach Bremen oder nach Hamburg" — wird schnell mit dem kostbaren Menschenmatcrial besetzt, das den Schiffahrtsgesellschaften und ihren Agenten, tvic auch der Eisenbahn die Kassen füllt. Ter Zug wird revidiert, und frisches Trinkwasser tvird noch schnell in die Kannen eingefüllt, ein schriller Pfiff, und langsam rollt der Zug aus der Halle, um die Hofsnungsvollen und die Verzagten, die Jungen und die Alten nach den Hafenstädten zu bringen. Dort werden sie tvieder in die noch geräumigeren Hallen ausgenommen; dort die gleiche Untersuchung, aber bessere Beköstigung, und dann geht'- zu Schiff, um jetzt als Zwischendeck-Passagiere die Fahrt nach Amerika anzutreten. IV. Wenn man über jüdische Auswanderung schreibt, muß man unbedingt der Förderung und Tätigkeit gedenken, die der Hilssverein der T e u t s ch e n Juden diesem Problem zuwendet. Früher war alles reget- und systemlos; erst seit der Gründung des Hilssvereins verspüren wir überall den großen und einheitlich ordnenden Zug, der in die Behandlung der Ansivanderer hineingckommen ist. Längs der deutsch-russischen Grenze entfalten die Grenzkomitees eine schwierige und rege Tätigkeit, um, soweit es in ihren Kräften steht, zu helfen und zu fördern. Es ist nur äußerst bedauerlich, baß diese Komitees nicht an die Ansivanderer Schiffskarten abgeben können und die Auswanderung leiten; dieses Recht haben jetzt die Schiffahrtsgesellschaften und werden wohl nie wieder daraus verzichten. Vor der Gründung des Hilssvereins hatten die damaligen Komitees zu Breslau und Königlsberg dieses Recht, haben es aber leider aufgegeben, und als der Hilfsverein aus dem Plan erschien, war es bereits vergeben. Es ist natürlich, daß die Schiffsahrtsgesellschaften und ihre Agenten sich mehr vom geschäftlichen Gesichtspunkt leiten lassen, während die Grenzkomitees des Hilssvereins nur das Interesse der Auswanderer vertreten. Doch ist im allgemeinen die gemeinsame Arbeit harmonisch, und die Gesellschaften tvissen, daß die gute Behandlung der Auswanderer rückwirkende Kraft auf die noch in Rußland Zurückgebliebenen ausübt und daß die Förderung der Emigranten ihnen selbst zu statten kommt. Während der .Hilfsverein an der deutschen Grenze die Kouritees eingerichtet hat, ist es auf der russischen die „I c a", die sich mit der Auswanderung befassen soll, in Wirklichkeit aber zu wünschen übrig läßt. Von allen Seiten hört man die eigenen Vertreter der „Jca" sagen, daß sie zu wenig Mittel erhalten, um der wachsenden Not begegnen zu können. Was erschwerend hierbei ins Gewicht fällt, ist der Mangel an jüd. Fühlen und Denken, der in fast allen Maßnahmen der „Jca" zu Tage tritt. Es ist eine offenkundige Tatsache, daß viele Vertrauensmänner der Jca oft das Beste wollen, gut jüdisch empfinden und Herz und Verständnis für die Leiden der Emigranten haben, daß aber in der Zentrale in Petersburg das jüdische Gesiihl miD Bewußtsein auf dem Gefrierpunkt steht. Solange die heutigen Männer an der Spitze der Verwaltung stehen, ist wenig auf Besserung der Verhältnisse zu hoffen. Mir haben selbst Vertrauensmänner der Jca gesagt, daß sie erst jetzt, nach der B e r b i n d u n g des H i l f s v e r - eins mit der Jca, alles erhoffen, mehr jüdischen Sinn und mehr systematische Arbeit. Mit dieser Alliierung der beiden Organisationen ist der praktische Anfang gemacht, da seit IVe Jahren die Grenzkomitees beider Vereinigungen öfter gemeinsame Sitzungen abhalten mld alle Fragen, die eine gemeinsame Behandlung erfordern, besprechen. Diese Sitzungen finden abivechselnd in der deutschen oder russischen Grenzstadt statt. Bei einem solchen Stelldichein ist es einem Vertrauensmann des Hilfsvereins auch schon ermöglicht worden, die liebenswürdige Gastfreundschaft der russischen Gendarmerie kennen

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