Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 46 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familitznblatt. Nr. 46 sionsscharen und deren Tätigkeit. In den größeren Ortschaften Rumäniens ist ftir ihre schädliche Propaganda ein wirkliches Arkadien vorhanden. Einige tausend jüdische Kinder werden von ihren naiven oder schlecht unterrichteten Eltern in die katholischen und evangelischen Missionsschulen geschickt, wo sie bald durch Reden und Beispiele, bald mit roher Gewalt halb oder ganz getauft, ihren Eltern geistig und, wie neulich vorgekonimen, auch tatsächlich entrissen werden; außerdem treiben die heiligen Prediger ihr Unwesen auch außerhalb der Schule, indem sie durch die bekannten ehrenhaften Mirtel auch in der großen Masse Abtrünnige aufzufischen suchen. Längst schon haben einige moderne Rabbiner gegen dieses Ucbel ihre Stimme erhoben und die Juderr ans die Gefahren aufmerksam gemacht, die für sie in den Missionsschulen usw. liegen; aber nie hat sich Vas Volk mit solcher Wut gegen die Seelcnräuber erhoben wie jetzt, nach einem vollzogenen Kinderraub von Seiten einer Missionsschule in Bukarest. Cs ist soweit gckonlincn, daß man inr Schulgebäude die Fenster eingcschlagcn, durch feurige Reden die unerhörte Handlungsweise der Biedermänner gebührend gebrandmarkt und sich verpflichtet hat, nach Kräften gegen die Verbreitung der Mission unter den Juden zu kämpfen. Nicht unerwähnt soll die Tatsache bleiben, daß mehrere Eltern ihre Kinder aus den Schulen zurückgezogen und in anderen Bildungsanstaltcn untergebracht haben, was bis - jetzt noch nie geschehen ist. Wenn erst d.ic jüdischen Schulen zweckmäßig eingerichtet und in genügender Zahl vorhanden sein werden, wieviel wäre dann noch von der uns verloren gehenden Jugend für das Judentum zu retten! Ein wichtiges Ereignis für die Juden Ruinäniens bildete der achtzigste Geburtstag des jüd. Kämpfers D r. K. L i p p c in I a s s h. An den Namen des Gefeierten knüpft sich die Geschichte der Juden Rumäniens in den letzten 60 Jahren, denn cs hat kaum eine Bewegung unter diesen Juden gegeben, der er nicht seine Mithilfe gewidmet hat. Auch iu den großen Bewegungen des Gesamtjudentums fehlt selten sein Name und seine Mitwirkung. Er war und ist einer der echten Juden, die das Judentum nicht hinter die allgemeine Kultur stellen. Llib. Berliner Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Die verflossene Woche brachte uns zwei wichtige Geschehnisse, die zeitlich zusammcnfielen: die Tagung des Zionistische» Großen Aktionskomitees und die Gemeinderepräscntanten-Wahle». Die Tagung des Großen Aktionskomitees brachte keinerlei „Uebcrraschungen". Die Verhandlungen verliefen ruhig und, friedlich. Bei der Verschiedenartigkeit in der Lage des Zionismus in den einzelnen Ländern war naturgemäß die Stimmung der Teilnehmer nicht durchweg gleichmäßig. Es machten sich im allgemeinen zwei Strömungen bemerkbar: eine pessimistischere und eine optimistischere. Das trat vornehmlich in der Erörterung über den nächsten Kongreß hervor. Während von einer Seite vorgeschlagen wurde, den X. Kongreß als einen Jnbiläumskongreß mit zum Teil ausschließlich demonstrativem Charakter in einem großen jüdischen und allgemeinen Zentrum zu veranstalten, wurde von anderer Seite betont, die interne zionistische Lage sei nicht derart, daß zu besonderen festlichen Veranstaltungen Grund Vorlage. Diese Stickunungsabweichungen führten jedoch nicht zu schärferer Gegensätzlichkeit. Psychische Variationen lassen sich nicht durch Debatten und Mehrheitsbeschlüsse beseitigen oder ausglbichen. Prinzipielle Differenzen traten in den Verhandlungen nicht zu Tage. ZU solchen gab auch die Tagesordnung keine Veranlassung. Die Frage der Leitung ist seit der Jahreskonferenz theoretisch gelöst. Die definitive praktische Lösung derselben bleibt dem Kongreß Vorbehalten. Die Aktionskomiteesitzung hatte darin nur eine vorbereitende Ausgabe. Das Organisationsstatut rief wohl längere Auseinandersetzungen hervor, wobei auch mitunter allgemeine Gesichtspunkte berührt wurden, — aber auch hier traten keine unüberbrückbaren Gegensätze hervor Ebenso war es bei der Finanzftage. Die Einzelheiten der Verhandlungen und die Beschlüsse sind aus dem offiziellen Bulletin bekannt, und es erübrigt sich daher, hier auf dieselben speziell einzugehen. Die Tagung nahm im allgemeinen den in meinem vorigen Bericht voraussichtlicherweise bezeichneten Verlauf: sic brachte keine „neuen Entdeckungen" und leistete praktische Arbeit in ruhiger, friedlicher Weise. Weniger ruhig und friedlich ging es bei dem anderen gleichzeitigen Geschehnis zu. Die diesmaligen R c p r ä s c n t a n t e u w a h l e n übertrafcn an Schärfe des Kampfes und Aufregung des Geistes in unvergleichlichem Maße alle früheren Wahlen. Mit welcher Energie und Aufopferung diesmal gearbeitet worden ist, mag daraus hervorgehen, daß z. B. Dr. Klee am letzten Tage vor der Wahl in vier verschiedenen Versammlungen Reden hielt. Mit nicht geringeren: Eifer wurde auch aus liberaler Seite gewirkt. Dank dieser außerordentlichen Agitation war die Wahlbeteiligung eine verhältnismäßig große: etwa 45»/« der Wahlberechtigten machten von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Im Ganzen wurden rund 9000 Stimmen abgegeben. Davon erhielt der konservativ-nationale Block etwa 3500 S t i m m e n, während die liberalen Kandidaten durchschnittlich 5—6000 Stim m e n ans sich vereinigten. Die lebhafte Wahlbeteiligung ist als eine erfreuliche Erscheinung zu bezeichnen. Sie zeugt von einem Erstarken des Interesses in der hiesigen jüdischen Bevölkerung für die Gemeindeangelegen heiten und für jüdische Fragen im allgemeinen. — In der hiesige» Ortsgruppe der „H istadruth Jbrith" hielt diesen Montagabend der bekannte hebräische Schriftsteller I. F. H urwitz einen längeren Vortrag über „Das Wesen des Judentums in Achad Haam's Auffassung". Die Versammlung, in der ausschließlich hebräisch gesprochen wurde, war sehr zahlreich besucht. An das Referat schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der sich die Herren I u d c - lowitz, Jedidja, Lin, Rabinowitz, Rosenblatt, Dr. N i e m tz o w i t s ch und Dr. A s ch k e n a s y beteiligten. Brief aus Galizien. Die Lage der Juden in Galizien wird mit jedem Tage prekärer. Die schon längst zur Tat gewordene Autoemanzipation der Polen, die unter folgenschweren Kämpfen zur Tat heranreifende Selbstbestimmung und nationale Haltung der Nuthcncn treiben die galizischen Jichen in eine fatale Enge. Und dabei ist der Tag schon nahe, an dem die polnisch-galizische Judeuschaft nicht nur für politische Freiheiten, gesellschaftliche Gleichstellung, soziale Gleichberechtigung eintrcten, sondern in Verteidigung ihrer elementarsten Existenzgrundlagen hart und aus Leben und Tod wird kämpfen müssen. Das Losungswort wird vom politischen Boden ans den ökonomischen ü b e r tr a g e n w e r d e n, die aufreibenden Streitigkeiten von Parteien und Strömungen werden als schwerer, sorgenvoller Kampf in den Krämerladen, die finstere Werkstätte, die Arbcitsstubc der armen Juden mit der ganzen Wucht einer überflutenden Elementargewalt vernichtend, verheerend, nmstürzend eindringen. — Das ohnedies an Juden übervölkerte Galizien wird von Tag zu Tag tausende von Existenzen eingehen sehen, und der letzte Atemzug des Propinationsrechtes, das mit Ende dieses Jahres zu Grabe getragen wird, ist ein eklatantes Bei- und trauriges Vorspiel der allernächsten Zukunftsmusik. Mehr als 9000 jüdische Familien werden berufslos, von denen nach.höchst authentischen Daten der Statthalter«.'! in Lemberg 3000 Familien ganz brot- und existcnzlos werden. Das Merkwürdigste, Eigenartigste, Fatalste ist die geschichtliche und soziale N o t w endig k e i t dieser m i t n n a u S w c i ch l i ch e r und eiserner Konsequenz sich vollziehender A b >v ä r t s e n t w i ck c l u n g. Sie ist die geradlinigste Endrechnung zweier großer Geschichts- Potenzen. Die eine hat sich an dem wachsenden nationalen Selbstbcwnßtsein der gesitteten Völker, das bei den Polen bis zum krankhaften Chauvinismus ausartet, groß und stark gesogen; die andere hat sich an all' den durch die Mißgunst Jahrhunderte langer geschichtlich höchst prekärer und launischer Lebensbcdingungen heraus geschaffenen negativen Werten langsam konkurrenzunfähig .gemacht. Und so sind wir heute überraschte Zeugen und „aus der Ruhe" aufgcschreckte Beobachter der Urteilsvollstreckung eines historischen Prozesses, bei dem der cmporschnellende, sicherfeste polnische Niese den verkümmernden Juden in den Boden stampft. Manche werden dabei schmunzelnd lachen und auf die ruthenische Freundschaft pochen! Doch mögen sie dessen eingedenk sein, daß dieses Trutz- und Schutzbündnis der biblischen Freundschaft zwischen David und Jonathan nicht ans einen Speerwurf nahe kommt. Wir werden wieder für die R u t h e n e n die K a st a n i e n ans dem Feuer holen und uns hier zweifellos die Finger arg verbrennen. Und dann! Ja! Dann geraten wir erst recht zwischen Hammer und Amboß. Die Polen werden nie die Teilung der Negierung mit den Ruthenen, bei der die Inden die Handlanger sind, verschmerzen können und werden es uns dann reichlich heinizahlen, wenn die Ruthenen satt und zufrieden uns werden „sehr rnthenisch" merken lassen: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen." Prof. Marek Margulics. Brief aus Ungarn. Die Wogen des wildtobendc» Wahlkampses habe» sich gelegt. Die koalierten Parteien wimmern mit zerschmetterten Gliedern ans den Tiefen. Die Partei der „nationalen Arbeit" segelt mit vollen Masten ins Parlament. Und das ungarische Judentum, dem man eingestandenermaßen den Kurswechsel zu danken hat, sitzt zwischen den konventionellen z w e i S t ü h - l e n aus der Erde. Am letzten Parlamcntstag haben sich alle Parteien die Hand gereicht, um unter dem Schlagwort des Schutzes der ungarischen Landwirtschaft im Kampfe gegen den unreellen Kaufmannsstand uns unsere Rechte zu verkürzen. Die Partei Kossuth. Justh und das Gros der ministeriellen Agrarier haben sich unter der Leitung des konservativen Grafen T i s z a znsammengcfnnden und beschlossen, die Regierungsvorlage, die dem Merkantilismus, der bei uns mit Judentum identisch ist, geivisse Erleichterungen gctvährt, zu Falle zu bringen. Dadurch ist der einzig reinliberalc Justizminister Szckelh, der schon anläßlich des sensationellen Ritualmordprozesses von Tisza-Eszlar eine hervorragend freisinnige Rolle gespielt hat, gestürzt. Borbereitet wurde dieser Sieg durch den Aufmarsch der klerikalen Legion, die in beängstigender Masse die Straßen und Plätze der ungarischen Residenz am 13. November überflutete, um anläßlich des Katholikentags gegen „die I u d ä o - Freimaurer" zu demonstrieren. Zehntauseude marschierten in geschlossenen Reihen, geführt von ihren Seelenhirten, unter Kirchenfahnen und Musik durch die Stadt. Daß man zwischen ihnen die Abzeichen der Geheimbündler „des hunnisch-magyarischen Blutvertrags" iu großer Zahl bemerkte, ist nur ein trauriges Symptom einer bösen Zeit, der wir entgegen gehen. Denn diese Mannschaften predigen den heiligblntigen Kreuzzng gegen uns ganz unverblümt. Und in einer solch gefährlichen Periode erleben wir das traurige Spiel, daß der halboffiziöse Redakteur des ungarisch zerrissenen Judentums die.„bessere" jüdische Hälfte, die Orthodoxie, mit einer Flut von Verleumdungen überhäuft, weil diese aus die Pflege des ungarischen Nationalgcistcs zu wenig Geivicht legt. Patriotisch wie er, poch etwas delikater in den Mitteln ist das Konkurrcnzorgan „Die ungarischjüdische Gcmeindestnbe." Hier rechnet Dr. Weißburg, der Generalsekretär der Pester Großgemeinde, mit der Trennung wie mit einem historischen Faktum und will durch lieblichen Ton retten, was zu retten ist. Ihm zur Seite steht der agile Rabbiner Dr. H e v e s i, der mit organisatorischem Geschick die zersplitterten Kräfte in einRettungsr esc rv o ir z u s a m me n z u s a s se n v e r ste ht. Nach der Gründung des jüd. Patronagevereins, der die schutzlosen Judenkinder, 2300 an der Zahl, betreut, und des „U ngarländisch israelit. Ku l tu r v e r b a n dc s," dem das ungarische jüdische Museum zu danken ist, hat er die Hauptgemeinde bestimmt, der nationaljüdischen Studentenverbindung „Makkabäa" weitgehende Unterstützung angedeihen zu lassen. Fünfhundert jüdische Universitätshörcr werden schon i», nächsten Semester das gemeinsame jüdische Heim und die „Mensa" frequentieren. Daß es an der Budapester Hochschule noch 1873 jüdische Hörer gibt, die sich von diesem Unternehmen fern halten, ist ein Beweis dafür, daß in der Vergangenheit mehr gesündigt wurde, als die Gegenwart gut zu machen imstande ist. Zioni. Der Zwist in der A. I. U. DieAntwortDr. Apfels. Herr Dr. Apfel veröffentlicht in den letztwöchigen Nuinineru mehrerer jüdischen Blätter einen sieben Spalten langen Angriff gegen die »^Jüdische Rundschau", mit dem ivir uns nicht etwa wegen der uns gleichgiltigcn Persönlichkeit des Herrn Dr. Apfel, sondern wegen der gegen uns erhobenen Beschuldigungen beschäftigen müssen. Herr Dr. Apfel hat es mit seiner von ihni selbst gerühmte» Loyalität für vereinbar gehalten, sein Schreiben der „Jnbischcn Rundschau" nicht zuzustellen, offenbar um zu verhindern, das; ivir sofort antworteten, und daß unsere Antwort zur gleichen Zeit au die für Herrn Llpfcl maßgebenden Stellen gelängen konnte. Wir sind daher der Mühe überhoben, die langatmige Darstellung wiederzugeben und im einzelnen zu widerlegen.