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Neue jüdische Presse · 1910-12-02 · Heft 46 (2.12.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 46 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ikrartkfitrker 3frurlitifdir<j fnuilirililull. i Diese Zeitung erscheint wöchentlich AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei ber Post abonniert im In- und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4— —-—-- H-daKtton «nd Hefchäftsjr-rr-: Zrsnkfurl a. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Perefan 10507. Hepa«sgeVep: Sa lg I ' 1 1 - - - Jnsertionspreisr: Die viergefpaltme Petitzelle.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberrinkunft. - 8. Jahrgang. Freitag, den 1. Kislew 5671 (2. Dezember 1910). Nr. 46. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die jüdische Angst. — Brief aus Runiänien. — Be-liner Brief. — Brief aus Galizien — Brief aus Ungarn. — Der Zwist in der A. I. U — Das Interview nnt Präsident Wolssohn. —Aus aller Welt. — Feuilleton: aus der Zukunft. — Kunst und Literatur. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Die jüdische Angst. Ein psychologisches Essay. VonBen-Koheleth. (Schluß). III. Doch das Ghetto siel. Tie Mauern, die den Juden von seinen Wirtsvölkern abgeschlossen und fern gehalten hatten, ivurden geschleift. Tie Folge ivar, daß der Jude den „Goi" nicht mehr meiden konnte, er niußtc täglich und stündlich mit ihm in Berührung kommen. Doch das Angstgcftihl vor dem „Goi" war geblieben. Solche von vielen Generationen ererbte Gefiihle verschwinden nicht urplötzlich, sondern sterben in langsamem Erlöschen aus. So stand der Jude ininitten emer Uebermacht von „Goim", vor denen er zitterte und bebte. Was tun? Nun, da er sie eben nicht fliehen konnte, da er unter ihnen leben mußte, so suchte er sie für sich zu gewinnen, sie sich günstig zu stimmen, in ihren Augen Wohlgefallen zu finden, damit sie ihn nicht mißhandeln. Um sich aber ihre Gunst zu erlverben, glaubte er kein besseres Mittel zu finden, als indcni er ihnen s ch m c i ch c l t e, sie als höherstehend, als ihm geistig überlegen anerkannte, alles ihnen nachmachte und gleich einem der Ihrigen zu werden strebte. Taß sie das dachten, ist ganz natürlich. Sie konnten nicht auf den Gedanken kontmen, daß man auch die Hochachtung eines anderen dadurch erringen kann, indem man ihm stolz gegenübertritt; ihre instinktive Furcht Ivar zu groß, als daß sie dies einsehen konnten. Ties konnten einzelne große Männer wohl fühlen, Männer stolzer und selbstbewußter Natur, Männer wie Rießcr und S. D. Luzzatto, aber nicht jene Turchschnittsjuden. Dazu war ihre Furcht zu stark. Nicht einmal ein Mendelssohn erkannte dies. Auch er hielt Assimilation, Anpassung an die Wirtsvölkcr für das einzige Mittel, ihre Gunst zu gewinnen. Und da alle diese Juden unter dem Einflüsse ihrer Furcht standen, so suchten sie möglichst schnell sich zu assimilieren und gingen auch in der Verleugnung alles Jüdischen bis zur äußersten Spitze. Man sicht, welche völlig entgegengesetzte Wirkung das Angstgefühl des Inden nun nach dem Fall des Ghettos hatte; hatte es sich im Ghetto in der Fernhaltung alles Fremden geäußert, so dokumentierte cs sich nun in der Emanzipationsepoche' in der Sucht der Angleichung an alles Fremde, in der Such if , ltocfj völliger AssimNation. rv. Es ist eine mißliche Sache, Krankheiten aufzndecken, ohne Heilungsmethoden anzugebcn, llebel zu enthüllen, ohne Reformen zu verlangen; denn man kommt dann leicht in den Verdacht, nur aus Lust am Krankhaften dies getan zu haben. So bleibt mir noch übrig, kurz auf die Heilung dieser unserer psychischen Krankheit einzugehen. Jedes Furchtgefühl schließt zwei Vorstellungen in sich; die eine von der Uebermacht des, den man fürchtet, und die andere von der Ohnmacht des, der fürchtet. Aus dieser Zusammensetznng der Angst folgen auch die zwei Heilungsmethodcn. Ich werde von einer Furcht befreit, entiveder indem die Ueberniacht des Gefürchteten sich verringert, oder indem ich das Bewußtsein meiner völligen Ohnmacht verliere. Beides geht gewöhnlich Hand in Hand. Betrachten wir auf diese Frage hin die westeuropäische Judenheit, so werden wir feststellen können, daß das eine zum Teil vollzogen ist, das andere dagegen noch nicht. Tie Vorstellung von der Brutalität und Gransanikeit der Kulturvölker, in deren Mitte wir leben, ist zuni größten Teil geschwunden; wir haben auch den „Goi" als Menschen erkannt. Wir wissen wohl, daß er oft gegen uns Juden auch heute noch Abneigung besitzt, aber Ivir sind sicher, daß er — soweit es sich um Westeuropa handelt — incht zur Folter und Mißhandlung greisen wird. Tiefe eine Vorstellung, die unsere Angst entstehen ließ, ist also, wenn auch nicht ganz geschwunden, so doch sehr verblaßt; daß es so ist, müssen wir auf Konto der Anderen setzen. Tie andere Vorstellung jedoch von unserer eigenen Ohnmacht, die zu ertöten unsere Aufgabe wäre, lebt noch; auch sie ist ein. wenig geschwächt, aber sie lebt noch und besitzt noch genügend Stärke, um uns unsere Angst zu erhalten. Taß diese Vorstellung noch lebt, ist unsere Schuld. Wenn wir also nach der Heilung von unserer Angst fragen, so müssen wir in erster Reihe auf uns selbst verweisen. Wir brauchen nur unsere jüdischen Ideale wieder hochzuhaltcn, wieder auf unser Judentum stolz zu werden, und die Angst, die uns beseelt, ist etwas Gewesenes! Tabci sind cs hauptsächlich zwei Mittel, die wir nur erwähnen wollen, da eine nähere Behandlung derselben einen besonderen Aussatz erfordern würde; das eine Mittel ist das allgemein-soziale der Organisation, das andere das individuellkulturelle des Studiums des Judentums. Wenn sich die Juden organisieren, vereinigen, dann erleidet das M a ch t g e f ü h l des einzelnen Mitgliedes der Organisation eine gewisse Stärkung; dieser einzelne weiß, daß er mit den anderen vereint schon eine geioisse Mach: bedeutet; drum ist jede Organisierung der westeuropäischen Juden freudigst zu begrüßen. Tas andere Mittet, das Studiuni des Judentums, stärkt hauptsächlich den Stolz des einzelnen Juden. Wenn er vom Judentum nichts lveiß, kann er nicht darauf stolz sein, wenn er aber seine Größe kennen lernt, gewinnt er unwillkürlich Selbstbewußtsein und Stolz. Man sieht, es liegt ganz in ver Hand der westeuropäischen Juden, von ihrer Angst befreit zu werden; und so ist das Vorhandensein des Angstgefühls in der heutigen Judenheit Westeuropas etwas durchaus Unbegründetes und darum Häßliches. Tamit fällt aber auch die innere psychologische Ursache der Assimilation fort und diese verliert auch jeden Anschein von Berechtigung. D i e A n g st des G h e t l o j n d e n w a r historisch begründet und notwendig; so war auch die Assim il a tio n z nr Z eit Mendelssohns etwas noch Verständliches; die Angst des m oder neu Juden jedoch ist unberechtigt, häßlich und für seine innere W i l l e n s k r a f t ä u ß e r st beschämend, und die A s s i m i l a t i o n d e r - modernen Juden ist vollends etwas Willkürliches und darum im höchsten Grade Unmoralisches. Brief aus Rumänien. Tie alljährlich zu Beginn der Herbstsaison von Seiten der Regierung einsctzende rege Beschäftigung mit den Juden und die daraus sich ergebenden Einschränkungen und Verfolgungen haben immer, wie jedes Schlinnne, auch ein Kein wenig Gutes mit sich gebracht, und zwar das, die Juden Rumäniens aus ihrem Schlafe aufzurütteln. Tie letzte Neuheit der rumänischen „Judengesetze" ist bekanntlich die schlau unternommene und endgültig eingeführte P r o z e n t n o r m der jüdischen Schüler in den Mittelschulen der größeren Zentren des Landes; tatsächlich existierte dieses Verfahren auch vorher, aber die konsequente Turchführnng erfolgte erst zu Beginn dieses Schuljahres und hatte zur Folge, daß Hunderte von jüdischen bildungsdurstigen Schülern der Möglichkeit beraubt wurden, ihr Bedürfnis nach Wissen zn erfüllen. Infolge eines solchen Vorgehens haben die jüdischen Gemeinden in aller Eile und meist aus eigenen Mitteln eine Anzahl von Gymnasien ins Leben gerufen, um dort die jüdischen Mittelschulen nnterzubringcn. Natürlich darf man diese Nachricht nur cum grano salis nehmen und nicht etwa glauben, daß mit einem Schlage zehn fertige Mittelschulen entstanden seien; aber wer die Apathie und den Mangel an Unternehmungsgeist der jüdischen Bevölkerung Rumäniens kennt, wird in diesen Anfängen einen Schritt begrüßen, der in den letzten Jahrzehnten flir geradezu unmöglich galt. Was aber jeden richtigdenkenden Juden mit Verdruß und Kunrmer erfüllen muß, ist, daß diese gegründeten Gymnasien das Recht auf den Nanien „jüdische" nicht mehr wie die anderen nichtjüdischen Anstalten haben, mit dem einzigen Unterschiede, daß erstere von jüdischen Geldern erhalten werden. Ein erfreuliches Lebenszeichen äußert sich augenblicklich in der ganz ernst gewordenen Bewegung gegen die bei uns wie überall eingedrungenen, das Judentum bedrohenden Mis-

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