Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 45 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 45 „Tie Fastenrolle ist zur Zeit der Talmudweisen verfaßt worden, obgleich, die Halachoth nicht nicdergeschricben werden sollten, und deshalb wird sie in der Mischnah zitiert, als wenn sie ei« biblisches Buch wäre, und sie wurde auch wie die Bibel hermcneutisch gedeutet", ergänzend hinzngesügt: „Ebenso verhält cs sich mit dein Esthcrbuche, welches ebenfalls nach dem Gesetze der Thora nicht niedergeschrieben werden sollte und welches auch zu der dreiklassigcn Bibel nicht gehört, da es den biblischen Büchern nicht zleichzustellen und nur wie die Apokryphe» und die Fastenrollc ist; und wenn auch der Talmud der Bibel neue Schriften hinzuzuftigen verbietet, so ist dies nur gemeint, daß dieselben nicht ganz wie biblische angesehen werden sollen; da das Estherbuch aber keine Tumoh bewirkt und nicht den andern durch Ruach-Hakodesch entstandenen Schriften gleicht, so sindct das Verbot, der Bibel keine neuen Schriften hinzuzufügen, daraus keine Anwendung." Nun, verehrter Herr Doktor, Sie können cs doch nicht leugnen, daß man an allen diesen gefährlichen Klippen, die sich aus den Auffassungen des Tosafoth, des Raschi und der andern genannten Kommentatoren erheben, ruhig und sauft vorbeifährt, wenn inan annimmt, daß die Rabbinen ivcder .bei der Abfassung des Cflherbuches sich über ein göttliches Verbot leicht hinweggesetzt haben, noch daß sie die Atcgillah als ein Apokryph haben gelten lassen wollen, sondern, daß sie jenes Verbot, welches sie, entsprechend der Weigerung der alten Gcsetzeslehrer, mit dem drückenden Bewußtsein des Selbstverschuldens motiviert haben, dadurch einfach unangetastet ließen, daß sie das göttliche und religiöse Moment aus dem Buche ausschalteten und somit die ganze Ursache jenes Verbotes in Wegfall brachten. Ich frage Sie nun zum Schlüsse: haben Sie mich wirklich mit ruhigem Gewissen vor aller'Welt „eines in wahrhaft jüdischen Kreisen b i s j e tz t unerhörten Wagemutes" bezichtigt, und haben Sie lediglich im Kampfe für die Wahrheit meine Profanationsbestrebunzen dutzendfach verdonnert und gelästert? Habe ich den Profanierungsgedanken erst geschaffen, odcr habc ich ihn vielmehr abzu sch wachen, zu idealisieren, zu einem Heiligungsprinzip zu erheben gesucht? Ist es nicht ein Hohn auf jegliches religiös-ethische Empfinden, w c n n S i c m i ch a u f G r u u d e i u c s B u ch c s, in welchem ich die Wahrheit und Echtheit der Megillah gegen eine welterschütternde Negationskritik in einer Weise verteidigt habe, daß die berühmtesten Vertreter unserer Orthodoxie as als Kidusch-Haschem bezeichnet haben, .vor Tausenden uneingeweihten Lesern als einen ausgesprochenen Bibclschänder, der sein literarisches Geschütz lediglich zum Zerstören und Verheeren b e n ü tz t, h i nzustellen suchen? Habe ich bisher im Kampfe für unsere Heiligtümer meine Kraft weniger cingesetzt als Sie, daß Sic sich mit einem Male über mich zu richten berufen fühlen? Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Am 19. d. M. ist ein würdiger Bürger unserer Stadt, ein hochverdientes Mitglied der israelitischen Gemeinde, ein „Altsrankfnrter", Herr Salti Löwe nick unter ungemein starker Beteiligung zur letzten - Ruhestätte geleitet worden. Rabbiner Dr. Seligmann hielt die Grabrede und sprach ini Namen der israelitischen Gemeinde, aber auch in seinem eigenen, da er mit Stolz den Entschlafenen seinen lieben Freund nannte. Er schilderte den Heimgegangenen als zärtlichen Gatten, als treubesorgten Vater, als allezeit hilfsbereiten Verwandten und Menschen, voll Güte und Bescheidenheit; der Redner fand Worte voll Wärme und Begeisterung, als er von den Verdiensten sprach, die sich Herr Löwenick in so reichem Maße irm die jüd. Gemeinde erworben. War er Hoch 22 Jahre Vorstand in der Hauptjynagoge und Frankfurter Israelitisches Familienblati. verwaltete sein Amt in würdigster Weise: begleitete er doch eine lange Reihe von Jahren das Amt eines zweiten Vorsitzenden vom Israelitischen Kindergarten, wo er im wahren Sinne des Wortes ein Vater der armen Kinder war. Er wirkte des "ferneren segensreich in der Verwaltung des israclit. Krankenhauses und war den dortigen Krankenschwestern ein Freund und Berater,' wie er auch in anderen israelitischen Wohlsahrtscinrichtungen ein stets arbeitswilliger Mitarbeiter war. Für diese verschiedenen Vereine sprachen an der Bahre die Herren Scherer, San.-Rat Dr. Giinzburg, Dr. M e h l e r und I g e r s h e i m c r tief empfundene Worte der Anerkennung und des Dankes. So lebte und wirkte er bis zu seiner letzten Lebensstnnde, unvermittelt und schmerzlos nahte sich ihm der Tod und endete ein reich gesegnetes Leben, beweint und betrauert vorr 'Allen, die ihn kannten und ehrten. Berlin. Max C och n, Präsident der jüd. Gemeinde in K ö p e ir i ck, erhielt den Kronenordcn 4. Klasse und Jacob Marx, Inhaber der Firma Gebr. Atarx u. Co. in Hamburg, den Roten Adlerorden 4. Klasse. Aianuheim. Im 72. Lebensjahre verschied Kaufmann Wilhelm Fulda, stellvertretender Obmann des Stadtverordnetenvorstandcs und Vorsitzender des Vereins der Fortschrittl. Volkspartei. Tübingen. Stud. jur. W. Tennenvaum, Sohn des bekannten Stuttgarter Kantors, erhielt bei der jüngsten Preisverteilung in der jur. Fakultät den ersten Preis mit goldener Medaille zuerkannt. Straßburg. In Fegershcim verschied — 74 Jahre alt — Isaak Wnrmser. Wurmscr war zuerst Lehrer und dann Eichmeister; in den 70er-Jahren gab er die Wochenschrift „Das israclit. Elsaß- Lothringen" heraus. Stettin. Das Louis Löwenthal'sche Ehepaar feierte sein 65 j ä h r i g e s E h e j u b i l ä u », (eiserne Hochzeit). Dortmund. Hier wurde Sanitätsrat Dr. Herrn ann Selig zum Stadtverordneten gewählt. Danzig. Bei der Einweihung des neuen hiesigen Justizgebäudes ist Herr Landgerichtsrat P e i s e r mit dem Rotcn Adlero rden 4. Klasse ausgezeichnet worden. — Zwei seiner Brüder, Dr. Peiser in Newyork am deutschen Hospital rurd Professor Dr. Peiser in Posen, sind bereits im Besitze der gleichen Auszeichnung. London. Im 86. Lebensjahre verschied Generalmajor a. D. Daniel Mocatta, ein Sohir Elias Mocatta's. Petersburg. Das Vorstandsmitglied der jüd. Gemeinde, M. A. G i n sb erg, hat das Gemeindcpräsidinm verständigt, daß er zu Zwecken einer noch zu bestimmenden jüdischen Wohlfahrtsanstalt die Summe von 300 000 Rubel spende. Dieselbe große Summe soll zur Errichtung einer jüdischen Alterversorgungsanstalt verwendet >verden. Konftanttnopel. Zeki H ayon ist zum Generalinspektor im Finanzministerium ernannt worden. Aus de« Vereinen. Frankfurt a. M. In einer stark besuchten Versammlung des Zentralvereins Israel. Genie i n d e m i t g l i e d c r referierte am Samstag Abeich Herr D r. Heine in a n n über die Neuordnung der Frankfurter Gemeinde- Verhältnisse vor 39 I a h r e it. Nachdem er einleitend betont, daß er, weit entfernt zu dem Kampf der Parteien Stellung nehmen zu wollen, nur berichten werde, was von den danraligen Ereignissen zuni Verständnisse der gegenwärtigen Genieindeverfassung erforderlich sei, führte er unter Zugrundelegung der Auszeichmmgcii seines fei. Vaters, eines ' Führers der Austrittsgegner, folgendes aus: Die Gemeinde besaß i. I. 1876 in der Hauptsache Institutionen auf der Grundlage des Reformjudentums (Synagoge, Schule); doch wurde auch von ihren konservativen Gemeindemitgliedern, die fast sämtlich in der Religionsgesellschaft organisiert waren, der Friedhof und das Spital mitbenutzt. Nach Inkrafttreten des sog. Austrittsgesetzes suchte nun Rabb. Hirsch die Mtglieder der Religionsgesellschast zu veranlassen, aus der Gemeinde auszuschechen unter gleichzeitiger Mitteilung an den Gcmeindevorstand, das; sie nach wie vor zu Beitragsleistungen zu den humanitären Einrichtungen der Gemeinde bereit seien. Zahlreiche Mtglieder gaben seiner Anregung Folge; andere bezweifelten, daß der Gemeindevorstand Nichtmitgliedern einen Einfluß aus seine Einrichtungen cinränmen werde, und weigerten sich, auszutreten, nin Spital, Friedhof und Stiftungen nicht der Willkür Rer Reformer zu überlassen. Sie traten vielmehr in Unterhandlungen mit. dem Gemeindevorstaiw, die zu folgendem Abkommen führten: den Mitglieder der Relig.- Gesellschaft, die erklären, aus religiösen Gründen zu Kultus und Schule der Gemeinde nicht beitragen zu können, wird der Beitrag zu diesen Einrichtungen erlassen: sic hören damit ans, ordentliche Gemeindemitgliedcr zu sein und treten -in den „weiteren Gemeindeverband" ein. Sie verlieren das Wahlrecht zur Gemeindeverwaltung; dagegen ernenne» sie .je ein Mitglied des Pflegamts des Hospitals und der Friedhofskommission, welches darüber zu wachen hat, daß keinem Mitglied« der Gemeinde die Benutzung dieser Einrichtungen unmöglich gemacht lvird. — Ans den Vorschlag des Gemeinde Vorstandes,. die Schechita neu zu organisieren und ein Ritnalbad zu erbauen, gingen die Austrittsgegner damals nicht ein, da sie die Berufung eines gesetzestreuen Gemeinde-Rabbiners zur Zeit vermeiden wollten. — Da drängten zwei Ereignisse . weiter. Das erste war der Austritt des Metzgers Sondhetmer ans der Gemeinde. Diese hatte seither das Lleisch für Pas Spital aus der Schechita der Religionsgesellschaft bezogen; nachdem nunmehr sämtliche Metzger dieser Gesellschast ausgetreten waren, mußte der Wunsch der Gemeinde, eine eigene, zuverlässige Schechita zu begründen, um nicht auf Nichtmitglieder angewiese» zu sein, ' berechtigt erscheinen. Kurz darauf erregte ' die Stellungnahme des Würzburger Rabbiners Bamberger großes Aufsehen. Freunde des Austrittes hatten diesen bestimmt, nach Frankfurt zu .reisen, um den hoch angesehenen Rabbi Moses Mainz, der sich, gegen den Austritt erklärt hatte, nnizuftimmen. In einer Unterredung wußte letzterer aber die Betveisgründe, die Rabbiner Hirsch für die angebliche Verpflichtung zum Austritt angeführt hatte, so völlig zu widerlegen, daß Rabbiner Bamberger seine Meinung änderte und das Verbleiben in der Gemeinde für durchaus gestattet erklärte. Nach diesem für die Austrittsgegner bedeutungsvollem Vorgang wählte der Gemeindevorstand eine in allen rituellen Fragen autonome Nitualkommission aus 5 orthodoxen Mitgliedern und schrieb die Stelle eines D a j a n aus, dem die Schechita und die übrige» 'Ritualeinrichtungen zu unterstellen wären. Dr. Horovitz ans Gnesen erklärt sich bereit, sie anzunehmen, falls. sic in eine R a b b i n e r ste l l e nmgewandelt und eine Synagoge erbaut werde. Die Folge hat gelehrt, daß der Same. des überlieferten Judentums in unserer ältehrwürdigen Gemeinde fruchtbaren Boden fand. An den Vortrag schloß sich eine kurze Aussprache. Frankfurt a. M. Wie wir aus Kreisen des „Montefröre"-Vereins erfahren, find bereits die Vorbereitungen für das diesjährigeC h a - nukau n d , S t r f t u n g s f e ft außerordentlich vorgeschritten. Das Fest wird am 17. Dezember in sämtlichen Räumen des Kaufmännischen Vereins stattfinden. Die geplanten Darbietungen versprechen einen genußreichen Abend. Das Programm wird in den nächsten Tagen zur Versendung gelangen. Der gewohnheitsmäßig starke Andrang zu allen Veranstaltungen und insbesondere zu dieser des Montefiore - Vereins gebietet rasche Anmeldung. Frankfurt a. M. Einen ebenso interessanten wie genußreichen Abend veranstaltet der „Verein für j n ö i s ch e G e s ch i ch t e n n d Literatur" durch seinen am. Montag, den 21. November stattgefundenen R e z i t a t i o n s a b e n d. In Schauspieler Fritz Richard vom Deutschen Theater i» Berlin hatte der Verein einen Künstler gewonnen, der höchste schauspielerische Darstellungssälsigkeit mit tiefem künstlerischen Verständnis verbindet. Sowohl die ernsten Stücke, wie das „Große Wecken" von I. Auerbach, die „Jüdische Legende" von L. Tolstoi, „Die Landstreicher" von M. Rosenfel.d und vor allem die erschütternde Szene des „Roten Jtzig" aus dem Drama „Der Graf von Charolais" von R i ch. B e c r - H o f m a n n als auch die heiteren Gedichte „Maazerbezahlen" von A. F i t - ger, die „Drei Konfessionen" von K. Ettling c r, „Die alte Frau Rußbaum" von I. K o h 11 und vor allem die prachtvolle Satire „Metarmophose" tjon Dr. Löhner (Beda) trug der Künstler in einer Weise vor, die sowohl was feine Nuancierung als auch' packende Gestaltungskraft betrifft, nicht besser gedacht werden kann. .Das zahlreiche Publikum, das den großen Saal der Frankfurt-Loge bis auf den letzten Platz füllte, lies; es denn auch am wohlverdienten Beijall nicht sehleu. Frankfurt a. M. Im Verein „Tiferes Bachuri m" brachte am vorletzten Sonntag cand. phil. W. Müller in interessanten Ausführungen seinen Vorträg über „Die französische Revolution und ihre Folgen ans die soziale Stellung dcrJuden" zu Ende. Am vergangenen Sonntag hatte der Tiferes Bachurim zu seiner ersten gemütlichen Zusammenkunft in den großen Saal der „Loge Adler" eingeladen. Daß man bemüht, war, der Veranstaltung einen recht gemütlichen Rahmen zu geben, davon überzeugte man sich schon, als man beim Betreten des Saales ein labend gedeckte Tische gewahrte, an denen man erwartungsvoll Platz nahm. Bald war kein Teegedcck niehr ohne Reflektanten, und als dann David Wallach den Reigen der Darbietungen mit zwei hebräischen Weisen stimmungsvoll eröffnet hatte, da setzten sich mehr als 200 Hände in Bewegung, um im vollen Einverständnis ihrer Besitzer dem . Sänger den gebührenden Beifall zu zollen. Emil Gottlieb schilderte dann in einem. formvollendeten' und in-