Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 45 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692710--05807-2700750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 2× ep/1002670
OCR text
fieitftt(e M llr. i » des famiElenfitattes. Offenes Schreiben an Herrn Rabbiner Dr. Raphaer Breuer in Aschaffenburg von Rabbiner Dr. Siegmund I a m p c l - Schwedt a. O. lSchluß). Tie von Jbn-Esra ausgesprochene Vermutung — daß die Notiz von der Auswanderung aus Jerusalem sich nicht auf Mordechai, sondern auf seinen Urgroßvater beziehe —, die aber seit Jahrhunderten nirgends Anklang gesunden hat, ist durch meine sechsfache Beweisführung zur Gewißheit erhoben worden. Nun suhlten Sie sich bemüßigt, an Stelle meiner Aufsassung, die Sie als dem Midrasch widersprechend bezeichneten, eine bessere zir liefern, und zwar in der geistreichen Erklärung, daß die biblischen Worte, welche lauten: „der verbannt wurde von Jerusalem niit den Vertriebenen, welche vertrieben wurden mit Jechonjah, dem König von Juda, welche verbannt hat Nebudkadnezar, König von Babel'', trotz der vierfachen Verstärkung des Momentes vom Vertreiben, doch nicht von einem ivirklichen, sondern nur von einem ideell vorgcstcllten Vertreiben reden, d. h. M o r d e ch a i habe sich so gefühlt, als wäre er aus I e r u s a l c m verbannt u s w. — Daß auch diese schöne Erklärung dem Midrasch widerspricht, haben Sie Ihren Lesern mitznteilcn vergessen. Freilich würden Sie so eine historische Unmöglichkeit beseitigt haben; schade nur, daß Sie nicht auch 1000 andere chronologische Probleme in der Weise gelöst und sich so die ganze Welt zu Tank verpflichtet haben. Ebenso ivird Ihnen das Judcntuin stets Dank wissen jür die tiefe Erfassung seines Familiensinnes, die Sie in Ihrer Erktärun.g, wonach L E st h c r' a n s der „Regung j ü dischcn F a- H niilien sinn es" die Söhne Hamans zu i h r c m B a t e r ans Kreuz s ch l a g c n l i e ß, so wunderbar zum Ausdrucf brachten. Ein außerordentlich ehrendes Kompliment bereiten Sic aber der jüdischen Wissenschaft dadurch, daß Sie Ihre exemplifizierte Exegese unter der Parole: „Als Juden wollen wir sic lesen" scilbieten, als wenn das gesamte cchtjüdische Bibclstudium lediglich in drolligen Lcgendenspietcreien sich erschöpfte, während jede wissenschaftliche, historische, philologische und vernunftgemäße Exegese überhaupt als ctivas Unjüdisches anzusehen wäre. Taß dann sämtliche Bibelkommentare des Mittelalters und der Neuzeit — besonders Raschi, der, so oft er einen Midrasch zitiert, sogleich gegen jegliche Identifizierung der Homilic mit der wahren Exegese mit den Worten „Das ist nur ein Midrasch, aber der Vers darf von seiner einfachen exegetischen Bedeutung nicht abwcichen" strenge Verwahrung einlegt, und der überdies späterhin auch selbst diese sekundäre Beachtung der Homilie lebhaft bedauert und die strengkritische Pentateuch-Erklärung des Raschüam als Muster seines künftigen Kommentars bezeichnet hat — die Bibel nicht „als Juden" gelesen haben, wäre die einfachste Konsequenz Ihrer Worte. Ist es doch nach Ihrer Tarlegung (Einleitung VIII) auch nicht denkbar, daß einer uni scrcr Großen der vergangenen Zeiten den Schlüssel zum Verständnis der Bibel gefunden haben sollte; da vom äußersten Beginne der talmudischen Periode bis zum 18. Jahrhundert auch nicht ein einziger jüdischer Gelehrter bekannt ist, bei welchem das rhetorische Moment selbst nur als das nebensächlichste Attribut bei seinem geistigen Schaffen irgendwie in Betracht käme, geschweige denn, daß ihm „der Wohllaut einer klingenden Phrase" unentbehrlich gewesen wäre, weil ihm „das schmucklose, dürre Menschenwort zuni Ausschöpfen der erhabenen Heiligkeit des Bibelwortes, leer und ärmlich" erschien. Bis zu Ihrer epochemachenden . Entdeckung erblickte die ganze Welt das Hauptmerkmal der Wahrheit gerade in ihrer Nacktheit, und die. Behauptung, daß irgend eine Wahrheit des „Wohllautes der Phrase" bedarf, schien genau so absurd, als lvenn jemand sagte, daß sehr schöne Frauengcsichter nur unter einer dicken Schicht von Schminke wahrhafte Bewunderung erregen. Wenn solche und viele ähnliche Drollcreien nicht lediglich für den Affekt der großen Massen berechnet sind, dann weiß ich nicht, was sie sonst sein könnten. Worin besteht nun eigentlich der „zerstörende und zersetzende Charakter" meines Werkes, welches Sie gar nicht energisch genug verdammen zu können glauben? Ich habe zu dem seit Jahrtausenden behandelten Problem von deni absoluten Fehlen jedes religiösen Momentes in der Esthcrcrzählung auch noch zwei andere nicht minder sonderbar^ Erscheinungen hinzugezogen, daß nämlich schon in. der ersten Zeit der Einsetzung des Purim sämtliche a tjüdischen Gesetzeslchrer gegen die Einführung dieser Feier, wie gegen die Kanonisicrung der Mcgitlah energisch protestiert haben, sowie daß auch noch später in der talmudischen Zeit von manchen Gelehrten gegen den biblischen Charakter dieses Buches, wie gegen die Bcrössentlichuug desselben überhaupt Einspruch erhoben wurde, wie ja auch schon das auffällige Eintreten von fünf Talinudweisen für den ,,Nuach-hakodcsch"-Charakter dieses Buches auf ähnliche Oppositionen schließen läßt. Ties« drei frappierenden Momente suchte ich auf eine gemeinsame Quelle zurückzuführen, nämlich auf oas Bewußtsein des Selb st verschulde ns dieses furchtbaren Verhängnisses, weshalb nian diese ganze Episode, welche das Judentum in den Augen der Mitwelt zu indignieren geeignet ist, der großen Oeffentlichkeit gerne vorenthalten hätte. Ta aber dieser Plan sich nicht als durchführbar erwies, so bemühte man sich, dem Feste, wie dem Buche die religiöse Weihe sernzuhalten, um nicht den Schein zu erwecken, als wäre es dem Willen unseres Gottes und dem Geiste unserer Religion entsprechend, wenn Mordcchai wegen einer kleinen Ehrenbezeugung die Gesamtjudenheit in Lebensgefahr gebracht hatte. In dieser Ucberzeugung stärkte mich erstens die Ueberlieferung, wonach die Weigerung der altjüdischcn Gcsetzeslehrcr gegen die Einführung des Purim und der Megillah mit besonderer Rücksicht auf die nichtjüdische Welt geschehen sei, während man später — bei der Einsetzung von Siegesfeiern gegen Griechen, Syrer und Römer — solche Rücksichten nicht kannte; und zweitens, daß auch später noch der Protest gegen die Veröffentlichung der Esthercrzählung gerade von solchen Talmudweisen aufrecht gehalten wurde, die durch ihren steten Verkehr in nichtjüdischen Hof- und Gelehrtenkreisen, wie durch ihre religionswissenschaftlichen Disputationen dortselbst sich besonders auszeichnen. Drittens zeigte mir der Vergleich der beiden Al-hanissim-Liturgien, daß. während die Makkabäer-Benediktion die liebevolle Rettung, die Gott seinem Volke angedeihen ließ, in den Vordergrund stellt, das göttliche Eingreifen als einen freudigen Liebesdienst für Israel ansieht, die Glorifizierung des Gottesnamens in den Mittelpunkt stellt, die Einsetzung der Feier als ein Mittel zur Verherrlichung Gottes betrachtet usw., alle diese gewichtigsten Momente in der Purimliturgie vollständig fehlen. Tie Errettung Israels ist nur indirekt, durch die Verscheuchung der Gefahr, deren in kurzen, kalten Worten Erwähnung geschieht, angedentet, der Eingriff Gottes erscheint nur als ein Akt väterlicher Pflicht, nicht aber der Liebe, von einem Gott gebührenden Tank, wie von der Einsetzung der Feier findet sich keine Spur, sodaß die drückende Stimmung des Sclbstverschuldens aus jedem Worte herauszuhören ist. Aus diesem Bewußtsein erklärt sich mir vier- Itens die profane Behandlung der Purimfeier, für welche das Estherbuch selbst nichts mehr als die Abhaltung von Freudenfestlichkeiten und Gastmäh lern, nicht aber — wie beim Makkabäerfeste — Tankgottesdienst und Opferdarbringung verlangt und sür welche das Sichberauschen zur religiösen Pslicht erhoben wurde und an welcher ferner das sonst für jedes glückliche Ereignis bestimmte Rezitieren der Hallelpsalmen nicht ungeordnet wurde, obgleich dieselben der Purimfeier mehr noch als selbst dem Passahseste geziemten. Das alles wird am besten durch die Annahme verständlich, daß man dem Purim nur den Charakter eines Volksfestes verliehen habe, um so den Unterschied zwischen dieser Feier und den sonstigen rein religiösen Festtagen deutlich zu markieren und somit der falschen Meinung vorzubeugen, als sollte die Handlungsweise Mordechais, welche der Midrasch, wie ober erwähnt, direkt verurteilt, für uns irgendwie mustergültig sein. In dieser Neberzeugung finde ich die befriedigendste Lösung für die obgenannten drei sonderbaren Erscheinungen, welche die Kritik als Beweise für die Unechtheit der Esthcrcrzählung ausschlachtet. Nicht aus Verdächtigung der geschichtlichen Glaubwürdigkeit Esthers sinv die Oppositionen gegen die Kanonizität dieses Buches entstanden, wie die Kritik allgemein behauptet, sondern, wie bei den altjüdischen Gesctzeslehrern, welche sich gegen die Einführung dieser Feier und die biblische Aufnahme dieser Episode auflehnten, und wie bei den späteren Talmudweism, die die Popularisierung dieser Erzählung verhüten wollten, so hat auch bei der profanen Fassung dieser Tarstellung lediglich das deprimierende Bewußtsein des Selbstverschuldens mitgcwirkt, weshalb man Gott und die Religion aus dem Spiele ließ, um Mordechais unvorsichtigen Schritt mit seinen entsetzlichen Folgen auf sein eigenes Konto und nicht auf Rechnung der Religion zu setzen. Mordechai selbst — und nicht Gott — trägt die Verantwortung für diesen so sehr verhängnisvollen Irrtum. Das ganze Fundament dieser Deduktion aber wollen Sie mit zwei schweren Geschützen ganz zertrümmert haben. Tosafoth zur Stelle (Megillah 7a) und Raschi zu Joma 29a sollen mit Evidenz beweisen, daß meine ganze Prämisse von der Exkanonisierung der Megillah völlig aus der Luft gegriffen sei und daß der talmudischen Quelle eine solche ganz unbekannt sei. Nun, Rasch is Worte ibid haben Sie in einer unverzeihlichen Weise mißverstanden; denn diese wahrhaft „wunderbar präzisen" Worte: „Esther bewirkt keine Tumoh, weil es kein Sefer (Buch) ist", nehmen ganz deutlich auf die Mischnah in Jadajim Bezug, woselbst die biblischen Schriften ausnahmsweise kurzweg „Sefer" genannt werden, und sind daher zu übersetzen: „Esther bewirkt keine Tumoh, weil es kein biblisches Buch ist". Nicht besser erging es Ihnen mit der Notiz im Tosafoth, „mit deren Hilfe Sie meine Hypothese zu Boden geworfen" zu haben glauben; auch hier haben Sie Ihren Siegesjubel einem ganz lächerlichen Irrtum zu verdanken. Auf die Frage nämlich, wieso die Mischnah das Niederschreiben der Megillah zur Pflicht machen kann, da doch der Ruach-hakodesch dies direkt verboten habe, gibt Tosafoth die sehr beachtenswerte Antwort, daß die Niederschrift der Esthergeschichte eben nur auf die Anordnung der Rabbinen zurückgehe. Tiefe allzu knappe Erklärung des Tosafoth, wonach die Rabbinen ein direktes göttliches Verbot ganz einfach aus den Kopf gesteift hätten, erscheint sämtlichen Talmudkommentaren, die sich mit ihr befassen, als ergänzungsbedürstig; da Tosafoth den Rabbinen keinenfalls eine allen Regeln der Halacha zuwiderlausende Handlung zugetraut haben könne, daher soll Tosaforh nicht von einem direkten Aufheben des göttlichen Verbotes, sondern von einer Umgehung desselben reden, diese Umgehung aber wurde nur durch die Exkanonisierung Esthers ermöglicht. So erklärt dies auch Rabbi Zewi Chajes im Sinne des Pne Jeschua, indem er im Anschluß an Raschi, welcher zu Taanith 15a folgendes sagt: