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Neue jüdische Presse · 1910-11-25 · Heft 45 (25.11.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 45 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 45. gelungen ist, die deutschen Mitglieder der D. K.-G. in ihrer übergroßen MehrheitaufeinerRichtliniezuvereinigen, und wo sich allemAnscheinnachderjüdifchen Welt zum ersten Mal das Schauspielbieten wird, daß die Deutsche Gruppe iu Paris einheitlich und darum ersolgverheißend auftreten wird, erscheinen die von keiner Sachkenntnis getrübten Auslassungen der „Jüdischen Rundschau" in recht eigenartigem Lichte. Es ist wohl überflüssig zu betonen, daß vorstehende Ausführungen auszufassen sind als nicht offizielle, sondern streng persönliche Meinungsäußerungen Ihres hochachtungsvoll ergebenen Rechtsanwalt Dr. .Alfred Apfel, Geschäftsführer im Ehrenamt der Deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance Jsraßlite Universelle". Brief aus Paris. (Antisemitismus im jüdischen Viertel!. Als im Jahre 1908 die Stadtverordnetenwahlen im 4. Arrondissement (jüdisches Viertel) stattfanden, wurden 3 Kandidaten aufgestellt: 1 So'ialdemokrat, 1 Liberaler (Antisemit) und von den Radikalen ein Jude Namens Dennery, Beamter im Stadtamt (ein Abkömmling des berühmten Oberrabbiners Dennery, welcher einer der ersten Oberrabbiner in Frankreich war). Die Radikalen sollten aber ihren Fehler, einen „Juden" zum Träger ihrer Fahne zu ernennen, büßen, denn in Frankreich, dem freien Lande, kam es vor, daß ihre eigenen Sinnes- und Lagergenossen es vorzogen, ihre Stimmen ihren Gegnern zu erteilen, nur um ihr Gewissen nicht damit zu beschweren, einem „Juden" ihre Stimmen gegeben zu haben. Bis 1908 war cs das Prinzip eines jeden Republikaners, „links" keinen Feind zu sehen. In diesem Jahre aber begann der große Streit zwischen Radikalen und Sozialisten; die erstcren beschlossen, nicht mehr wie früher ihre Stimmen zu Gunsten der Anhänger des Hervöismus -abzutretcn, sondern selbst auf dem Kampfplatze' auszuharrcn. Leider wurde dieser Beschluß angenommen; Dennery hielt stand, und dadurch gelang cs den Liberalen (Antisemiten), eine relative Stimmenmehrheit zu erhalten. Damit war dem Fuchse der Hühnersteig, geöffnet. Hierzu kam noch, daß das 4. Arrondissement, welches früher 2 Deputierte hatte, infolge der Verminderung der Einwohnerzahl nur 1 wählen durfte, und da der radikale Abgeordnete sich garnicht vorstelltc, verblieb der Liberale als alleiniger Vertreter. Damit war das Los der Juden besiegelt, und auch gar bald wehte ein neuer Wind im jüdischen Viertel. Anfangs getrauten sich die Antisemiten noch nicht recht heraus, und um bas Terrain zu sondieren, sandten sie versteckte Pfeile aus und erwarteten deren Wirkung. Diese ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Niemand rüstete sich zur Verteidigung, zur Abwehr der drohenden Gefahr, und anstatt diese an der Wurzel zu packen, hielt man sich Augen und Ohren zu und sah und hörte nichts. Dabei müssen wir es anerkennen, daß in Frankreich der Antisemitismus absolut keine Macht ist, und wenn derselbe bei Beginn richtig abgewehrt und bekämpft wird, kann er leicht vernichtet werden. — So aber wurde der Weg dem Feinde geöffnet, und dieser war schlau genug, alle Blößen gut auszunützen. Und nun ist der antisemitische Haß im jüdischen Viertel offen ausgebrochen, und zwar richtet er sich gegen die jüdischen Emigranten; diesen wirft man vor, daß sie augenkrank seien und durch diese Krankheit Paris, ja ganz Frankreich zu Grunde richten werden. Das jüdischc Viertel ist der Aufenthaltsort aller Emigranten, wie Araber, Türken, Aegypter und Algerier. Dieselben sind nun in der Tat, wie es in den heißen Ländern vorkommt, augenkrank. Da nun leider auch einige Juden von dieser Krankheit heimgesucht sind, so nützten die Antisemiten dieses zu ihrem Vorteil aus und erklärten diese Augenkrankheit nur von den Juden stammend. Einige Geschäftsinhaber, die schon längst mit scheelen Augen ansahen, daß ihnen Juden Konkurrenz machen, hielten geschwind Versammlungen ab und schickten ihre Abgesandten zum Präfekten und Minister, mit der Bitte, daß diese Maßregeln ergreifen gegen die jüdische Emigration. Diesmal hat allerdings der Antisemitismus unbewußt und sicher ungewollt etwas Gutes geschaffen, denn es entstand eine Bewegung, welche vom Komitee der aus lauter Zionisten bestehenden II. 1?. J. (Universite Populaire Juive) geleitet wurde, welche bezweckt, alle an dieser Krankheit leidenden Emigranten zu heilen. Ein Fonds ist bereits sichergestcllt, und cs werden alle Mittel angewendet, .um diesem Uebel beizukommen. Paris, 21. 11. 10. Sabina Stonrdzö. Aus aller Mett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. In der Sitzung des ' Ausschusses der Israel. Gemeinde gedachte Dr. B a c r w a l d, der Vorsitzende, eingangs in ehrenvollen Worten des dieser Tage verstorbenen Sally Loewenick und teilte sodann mit, daß der Vorstand dem „Verband der isr. Lehrcrvereine im Deutschen Reiche" zu seinem nächsten Weihnachten iu Frankfurt stattfindenden Verbandstag 2000 JL bewilligte. Der Ausschuß genehmigt? die Bewilligung. Es wird nunmehr die Gemeindcrechnung pro 1909/10 vorgelcgt; sie schließt mit einem Defizit von 2500 JL ab, die dem Ausgleichsfonds entnommen »oerden. Für einen Operationstisch im Gemeindehospital werden 1500 JL genehmigt. Oesterreich-Ungar«. Wien. Am 28 November findet hier zwecks Hilfsaktion für die galizischen Juden eine zweite vertrauliche Ko n fc renz statt, und Zwar niit folgender Tagesordnung: 1. die im Interesse der kulturellen Hebung der Juden Galiziens zu unternehmenden Schritte; 2. die Mittel, die für die materielle Besserstellung der jüdischen Bevölkerung in Galizien angewendct werden sollen und 3. die Frage der jüdischen Auswanderung. Betreffs der ersten Konferenz vom 31. Oktober wird berichtet, daß dieselbe ihre Ansicht dahin geäußert habe, eine erfolgreiche Aktion könne nur bei einträchtigem Zusammenwirken sämtlicher jüdischer Wohlfahrtsorganisationen .hnrchgcführt werden. Die Konferenz sprach sich auch für die Einsetzung eines Landeskomitees in Galizien aus, das alle geeigneten Kräfte, ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung, zur gemeinsamen Arbeit auf diesem Gebiet vereinigen soll. Großbritannien. London. Die Mische Gemeinde Londons h"t den 160. Jahrestag der Gründung des Board of Deputies (Nepräsentanten-Kollegiunis), der im Jahre 1760 von der scphardischcn Gemeinde in London ins Leben gerufen wurde, gefeiert. Der Board besteht aus 119 Vertretern,.- von denen 43 die Synagogen- .in London und 72 die Gemeinden der Provinzstädte und der britischen Kolonien vertreten. Der Hauptzweck dieser Körperschaften besteht darin, die Interessen der Juden in England bei neuen Gesetzentwürfen zu wahren und für den Fall, das; diese verletzt Iverden, einzngreifen. Zusammen mit der Anglo-Jewish Association ist der Board of Deputies auch tätig in Fällen, wo es sich um Bedrückung der Juden im Osten handelt. Der jetzige Präsident des Boards ist. Rechtsanwalt D. L. Alexander, K. C., Vizepräsident ist Mr. Leopold Rothschild, ein Bruder von Lord Rothschild. Ein Dankgottesdienst fand am 20. November in der sephardischen Synagoge statt, wobei der Chacham Dr. Gaster die Festprcdigt hielt. Anläßlich dieser Feier hat der Board eine Geschichte seiner Tätigkeit herausgegeben, die aus der Feder seines Sekretärs Mr. Charles Enianuel stammt. N. I. K. Rußland. Petersburg. Die Kindernusweisnngen, die im Frühjahr ihre Blüte erreicht hatten, beginnen jetzt von neuem. So erließ der Moskauer Stadthauptmann den Befehl zur Ausweisung eines 4jährigen jüdischen Kindes, dessen Mutter, eine Geburtshelferin, von ihrem Manne getrennt lebt. Die Ausweisung muß in 8 'Tagen vollzogen werden. Ein viel interessanterer Fall ist aber folgender: Ein russischer Jude, 'namens Bolchowski, heiratete vor etwa 10 Jahreil in Paris eine Katholikin, worauf er n;it seiner Frau nach Rußland übersiedelte. Der Ehe entstammen zwei Kinder, die auf Wunsch des Vaters in der jüdischen Religion erzogen wurden. Jnzlvischen starb Bolchowski. Bor seinem Tode drückte er den Wunsch aus, daß die Kinder im jüdischen Glauben bis zu ihrer Volljährigkeit oder bis sie selbst zum Christentum überzugehen wünschen werden, lvciter erzogen werden sollten. BolchowSki's Witlvc heiratete darauf den Sohn eines Adligen griechisch-orthodoxer Konfession, woraus sie init ihrem Manne und ihren Kindern nach Moskau übersiedeltc. Die Kinder, von denen eines 7, das andere 8 Jahre alt ist, haben, wie die Moskauer Mininistration nunmehr erklärte, fein selbständiges Wohnungsrecht in der Stadt und müssen sie verlassen. — Hier ist eine schreckliche Mordtat begangen worden: Die Familie eines jüdischen Schneiders, ans 5 Personen bestehend, tvNrde nachts in ihrer Wohnung ermordet. Die vermeintlichen Mörder sind verhaftet worden. Die Tat soll ein Raubmord gewesen sein. — Das Ministerium des Verkehrs hat den Befehl erlassen, keine Juden, auch' keine getauften. zum Dienst anden südwestrussischen Eisenbahnen znzulassen. — Aus Teheran wird gemeldet, daß die persische " Regierung den Befehl erlassen hat, die Schuldige» am jüngst in Schiras stattgesundenen Pogron, gegen die Juden zu bestrafen. L. K. £ Lodr. H>er verbot die Polizei dem bekannten * Schriftsteller Schalom Asch, einen öfsentlichei, Vortrag zu veranstalten. Warschau. Man begeht einen In tum, wenn man Warschau nach dem berühmten sächsischen Garten, wo sich Paläste altpolnischer Adelsfamilie« erheben, und nach der Kirchen-Parade beurteilt. Man muß auch das Ghetto in Augenschein »ehmen. Es ist eine ganz eigentümliche Welt, dieses Ghetto in Warschau. Es ist wie ein großes, fremd- 1 artiges Mosaikwerk, in welchem Stücke Juden aus f aller Herren Ländern sich buntgewürfelt aneinanderi reihen. Warschau zählt jetzt über 200000 Juden, f und der Zuzug dauert stetig fort. Wenn man : so abends auf die >,Nalewken" spaziert, kann man I in ununterbrochenem Getöse fast 10 000 Juden sich > um Budeu und Kaufstände drängen sehen. Eutj lang ziehe» sich 'in gleichlaufenden Linien lange , Reihen von Marktbuden mit Hausgeräten und Eßwaren, Flitter aller Art; von lärmenden, wild j gestikulierenden Händlern feilgeboten und zu spott- - billigen Preisen losgeschlagen. Mit Röcken und Beinkleidern behängte Kaufstände erheben sich überall, und hunderte von Aermeln und Hosenbeinen flattern in alle Winde. Am Sonnabend aber ist dieses Gedränge und dieser Lärm gänzlich verschwunden und diese berühmte Kausstraße rst wie ausgestorben. Lehrer I. I. Braun. » Rodomisl. Hier herrscht jetzt bei den Juden ein reges Leben. Jeder, der nur 150 Rubel auftreiben kann, -eilt nach Amerika. Leider sind jedoch nur sehr lvenige in der Lage. 150 Rubel aufzubringen. Diese sterben dann täglich vor Hunger, und ihre Kinder sind nackt und den Launen der Witterung ausgesetzt. Und die Reichen haben leider gar kein Gefühl und kein Erbarmen für die Unglücklichen. Lehrer I. I. Brau». Palästina. Vor kurzer Zeit ging durch die Zeitungen eine Nachricht von einem Uebcrfall der jüd. Kolonie Kahr-Saba durch Araber, über den ivir in Nr. 32, svlvie in der vorigen Nummer berichtet haben. Der bekannte Schriftsteller und Palästinakenner Tur'ow,l i der seit kurzer Zeit im Interesse der „Esra" hicrM^ in Frankfurt weilt, hat uns nun folgende Darstellung des richtigen Sachverhalts der Angelegenheit, die er aus Palästina erhalten hat, zukommen lassen: „Eine Gruppe arabischer Diebe aus dem bei Kahr- Saba gelegenen Dorfe Kalkilie versuchten nachts Mandeln aus den Pflanzungen zu eutwenden. Ci» askeuasischer Wächter wollte diefelben verscheuche». Die Diebe leisteten Widerstand, und einer von ihnen wurde durch den Wächter niedergeschossen. Am folgenden Tage, der ein Sabbat war, kamen die Kalkilier, um ihre Rache auszuüben. Sie überfielen das kleine Gasthaus, beraubten es und nahmen den jüdischen Wächter und einen jüdischen Arbeiter als Geisel mit '.ins Dorf. Die Sache wyrde noch an demselben Morgen in Pe'tach-Tikwah bekannt, und obwohl - es Sabbat war, erteilte der Rabbiner die Erlaubnis, sich an Ort und Stelle zu begeben. Kolonisten und Arbeiter, zu Pferde, zu Wagen und zu Fuß eilten nach Kahr-Saba. Die Regierung tvurde von dem Vorfall in Kenntnisgesetzt, bie Geiseln wurden am folgenden Tage befreit, und wir leiteten sofort einen Prozeß ein. Geklagt wurde nur seitens der türkischen und russischen Staatsangehörigen, und von den Konsuln konnte nur der russische intervenieren». Er tat es auch recht energisch. Nach langwierigen Verhandlungen und nachdem die Kalkilier es versucht hatten, einen falschen Prozeß wegen Mord gegen uns einzuleiten, rieten uns sowohl die Lokalbehörde», als auch der russische Konsul, mit den Kalkilier« einen Ausgleich zu treffen. Als nun der durch seine Integrität bekannte Justizinspektor, der auf Veranlassung des Mali von Beyruth gekonnue« war, sich ebenfalls der Meinung des Konsuls und der Behörden anschloß, willigten auch wir ei». Wir erhielten durch den Ausgleich den größte« Teil der geraubten Gegenstände zurück und außerdem einen Betrag von 1500 Frcs. Die Friedensformalitäten wurden vor wenige« Tagen nach 'landesüblicher Sitte in-Kahr-Saba begangen, und ivir ivolle» hoffen, daß es die Kalkilier von nun ab nicht mehr nach Mandeln gelüsten wird." Man ersieht ans diesem Vorfall, ivic gut i>« allgemeinen das Verhältnis der Juden und Araber in Palästina ist. Man denke daran, ivelches Aussehen die vor kurzem erfolgte Ermordung des Deutschen Unger in Haifa durch Araber erregt hat, wobei ebenfalls der Tod eines arabischen Diebes die Ursache zu ihrem Racheakt lvar. Die' Ermordung Ungers hat Gericht und Behörden in Bewegung gesetzt und hat sogar eine Intervention seitens desdeutschen Botschafters in Konstantinopel zur Folge gehabt. Bei -hem ganz ähnlichen Vorfall in Kahr- Saba jedoch ist es friedlich abgegangen, ein dent-

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