Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 45 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Frankfurter Israelitisches Fcrmilienblaü. Seite 3. liance gefordert worden. Wo soll ich also diesem Gedanken selbst oder durch Mittelspersonen Ausdruck gegeben haben? Wo ist ein Beschluß unserer Siebe n er ko m in i ssi o n, der praktisch die Absplitterung zur Folge gehabt hätte? Weiter erhebt die „I. R." den. Borwurf gegen mich, daß ich als Beamter der Alliance einen Kampf gegen die Alliance geführt habe (vergl. Nr. 45 und Nr. 46). Soweit die „I. R." diesen Borwurf auf die Tatsache des Erscheinens jener 'Notiz in der „Nationalzeitung" stützt '(deren Inhalt ich nicht andeuten will, ilm ihr keine Verbreitung zu sichern), habe ich folgende Frage: Will die „Jüdische Rundschau" m i r etlva in die Schuhe schieben, diesen Artikel geschrieben oder inspiriert zu haben oder überhaupt nur eine blasse Ahnung davon zu besitzen, aus wessen Feder oder Hirn er stammt, dann bitte ich die „Jüdische Rund« schau", diesem Gedanken deutlich Ausdruck geben zu wollen, dainit ich die Klage wegen verleumderischer Beleidigung zu meiner Rechtfertigung anstrengen kann. Weiter aber stützt die „I. R." den Borivuri der Felonie auf den erwähnten Artikel in Nr. 43 des Jsr. Familicnblattes (Hamburg), der die Aufschrift trug „Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle." Dieser Artikel gibt ein im Großen und Ganzen richtiges Bild von den damaligen Vorgängen in der D. K.-G. (ist aber, wie ich bemerken möchte,, inzwischen durch die Ereignisse überholt worden), enthält jedoch zum wesentlichen Teil unrichtige M i t t e i l n n g e n, insbesondere über die Stellung der Pariser Zentralleituug zur Bureau-, Beitrags¬ und Wanderarmenfürsorge-Frage, indem näinlich das Zentralkomitee erst am 30. Noveniber, bei Gelegenheit der Beratung des Deutschen Etats, über die erwähnten Punkte Beschlüsse fassen kann. Da die „I. R." an den Albdruck dieses 'Artikels folgenden Satz knüpft: „Dieser Artikel, der mit seinen detaillierten Mitteilungen aus einer streng vertraulichen Sitzung der genannten Siebcnerkonimissivn nur durch eine grobe Indiskretion in das Hamburger Blatt gelangt sein konnte, mußte stutzig »rachen" und lveiter behauptet (in Nr. 45 mit Sperr-, in Nr. 46 mit Fettdruck), diese „Indiskretion" könne nur von mir begangen sein, so sehe ich mich veranlaßt, die beiden Sätze des betreffenden Artikels, die über die Sitzung der Siebencrkommission berichten, wiederzngeben: 1. S atz. „In einer kürzlich abgehaltenen Sitzung der seiner Zeit von der Konferenzgemcinschaft eingesetzten Siebenerkommission wurde u. a. der Beschluß gefaßt, an die deutschen Mitglieder des Zentralkomitees vermittelst Rundschreibens das dringende Ersuchen zu richten, an dieser Pariser Tagung vollzählig teilznnehmen." 2. S a tz. „Wenigstens hat ihre Vertraueuskoinmissiou, die „Siebencrkommission" vor allem die Forderung ausgestellt, daß ihr von de» Geldern, die in und ans Deutschland der „Alliance" znfließen, die Hälfte zur Erfüllung ihrer Spczialanfgaben in Deutschland, ferner zur Bestreitung der Verwaltungs- und Propagandakosten zur freien Verfügung gestellt werden solle." Um zunächst die Sache in den Vordergrund zu stellen, teile ich mit, daß in der entscheidenden Pariser Sitzung, die endgültig a m 30. d. M t s. st a t t f i n d e t, e i n v o n den um eine Verständigung außerordentlich verdienten Frankfurter Führern (Blau, L. Picard n. a.) h e r r ü h - r e n d c r K o m p r o m i ß c n t w n r f den Beratungen zu Grunde liegen wird, der die Chancen ei n e s wür d e v oll e n Ausgleiches erfreulicher Weise in bedeutendem M a ß e . g c st e i g e r t hat. Run zurück zu der obigen Beröfsentlichnng, die nach Ansicht der „I. R." nur durch einen „von Dr. Apfel verübten unerhörten, gröblichen Bcrtrmiensbruch" möglich war! 1. Ich soll nach der kenntnisreichen „F. R." als einziges Nichtmitgtied der Sitzung der Siebenerkommission beigeivohut haben. Dies ist eine Unwahrheit, indem noch niehrere andere Personen daran teilgcnomnien haben. Das hätte die „I. R." übrigens 'mich wissen dürfen, denn ihr Inspirator weiß es! 2. Wochenlang ist über das Ergebnis dieser Sitzung durch alle Teile unseres Vaterlandes korrespondiert worden. Das Resultat der Sitzung ist in einem Statutenentwurf niedergelegt worden, der mit dem Protokoll an sämtliche Mitglieder der Deutschen Konferenzgemeinschäst - zur Begutachtung eingesandt wurde. Ich persönlich habe, obschon ich mein Amt erst einige Zeit' später übernahm (als nämlich die Pariser Bestätigung eintcas). und obschon kein Teilnehmer der Sitzung ihre )jvertk«ÜM«it: •' verlangte, die Ergebnisse der Sitzung als streng vertrauliche betrachtet. In der ganzen Sitzung der Siebenerkommission ist übrigens kein Wort gesprochen worden, das nicht jeder ehrliche Jude und jeder ehrliche Christ hätte hören dürfen. Es gibt überhaupt in der Alliance nichts, was das Licht der Oesfentlichkeit zu scheuen hätte, und Ihre Leser können versichert sein, daß ich, wie das stets meine Art war, mein Amt in vollster Oeffentlichkeit und insbesondere in durchaus notwendiger Zusammenarbeit mit der gesamten jüdischen Presse jedweder Parteirichtung führen werde. Daß mir allerdings z. Zt. nichts an der Sympathie der „Jüdischen Rundschau" liegen kann, werden Sie aus folgendem ersehen: 3. In der letzten Nummer stellte die „Jüdische Rundschau" (mit Recht) fest: Herr Dr. 'Apfel hat uns nicht dementiert. „Wir können vielmehr heute einfach fcststellen, daß Herr Dr. Apfel nicht dementieren komrte!" Ich hätte cs Auch heute noch fiir überflüssig gehalten, ein Blatt, dessen Leiter durch eine einfache telephonische 'Anfrage von mir die Wahrheit oder die Unwahrheit des ihm Zugetragenen erfahren haben könnte, einer Antwort zu würdigen, wenn die Angelegenheit nicht inzwischen dadurch beachtenswert geworden wäre, daß ein sehr verbreitetes jüdisches Blatt es für nötig erachtete, der „I. R." zu antworten, und weil diejenigen, die ans Gründen, die ans der Hand liegen, gegen mich einen „Vernichtnngsfeldzng" führen wollen, wohl infolge des exklusiven zionistischen Leserkreises der „I. R." zu dem Mittel gegriffen haben, bei allen maßgebenden französischen und deutsche» Instanzen der Mliance für die Verbreitung der Artikel der „I. R." Sorge zu tragen. Noch charakteristischer erscheint mir, daß, trotzdem ich fast eine Woche vor Erscheinen des letzten 'Artikels der „I. R." einem der leitenden Männer der deutschen Zionisten, der in einer Sitzung unseres Berliner Lokalkomitecs die Angriffe der „I. R." ausgenommen hatte, in der energischsten Weise gegcnübcrgctreteu bin und auf das allerbcstimmteste jede (auch nur 'indirekte) Gemeinschaft mit den Artikeln der Nationalzeitung und des Israelitischen Familienblattes abgelehnt hatte, diese Persönlichkeit die weiteren Angriffe auf meine persönliche Ehre nicht verhindert hat, trotzdem sie nach meinen Informationen dem Redaktionskomitee der „F. R." angehört und positiv sicher bestimmenden Einfluß auf die „I. R." hat! Es ist meinen Nachforschungen gelungen, festzustelle», auf welcher saubereu Hintertreppe meine Angreifer zur „I. R." geklettert sind. Als ich 'nach dem Erscheinen des ersten Artikels mit einem befreundeten Ziouistenführcr über das eigenartige Vorgehen der „I. R." sprach, machte mich dieser in lauterster Absicht, vielleicht ohne es zu wollen, ans die wahrscheinliche Quelle der „I. R." aufmerksam. Ich ging dieser Spur nach und. erfuhr, daß einige Zeit nach Erscheinen des Artikels im Jsr. Familienblatt auf unserem Bureau zwei Herren sich eingefunden hatten, denen aus irgend welchen Gründen die „neuen .Besen" nicht paßten. Diese Herren gaben in der Unterhaltung mit unserem Sekretär der durch nichts gerechtfertigten naiven Ansicht Ausdruck, daß der Artikel im Jsr. Familienblatt nur auf einer widerrechtlichen Ausnutzung des Protokolls der Siebener- Sitzung beruhen könne. Daraufhin gab ihnen der Sekretär die sicher zutreffende Antwort, daß unser Bureau das Protokoll keinen! Journalisten gegeben habe. 'Aus ttieiteres Befragen entschlüpfte dem Sekretär die Bemerkung, daß sich seines Wissens in den Händen des Dr. 'Apfel das unkorrigkerte Protokoll jener Sitzung befinde. Da ferner mit genialem Blick kombiniert wurde, die im Hamburger Blatte enthaltene Aeutzerung des Herrn Salomo» Reinach über die russischen Juden könne nur aus dem bei mir befindlichen Protokoll entuommcn sein (obschon diese Aeußerung von dem seligen Klausner wenige Zeit vor seinem Tode in geharnischter Weise öffentlich bekämpft worden ist und in orientierten weiten Berliner Kreisen Tagesgespräch war), — da glaubten meine 'Sherlock Holmse, den Dr. Apfel (und wohl auch den Präsidenten) endlich gepackt zu haben. Ich will einnial annehmen, ich hätte wirklich den Hamburger Artikel instruiert und hätte dem hochangesehenen, durch seine Zuverlässigkeit und Sachlichkeit ausgezeichneten Berliner Korrespondenten dieses Blattes das Originalprotokoll zur Unterlage seines Artikels gegeben, — selbst dann wäre der Angriff der „I. R." lächerlich. Ich habe unsere Präsidenten, zahlreichen Zionisten und sonstige verständige Menschen den Hamburger Artikel durchlesen lassen, und ein Jeder hat mir bestätigt, daß ihni unverständlich wäre, wie ans diesem Artikel von einem .ernst zn nehmenden Menschen ohne böse Absicht der 'Gedanke cm eine Spaltung oder an einen Kamps gegen die Allianceidee hcrausgelesen werden könne. Jeder, ohne Ausnahme, hat als Tendenz des Artikels die auch von der „I. R." als.besondere Weisheit proklamierte Selbstverständlichkeit hcrausgelesen, ,chaß durch den Deutschen Zweig Einfluß auf die Alliance zu nehmen sei." ES macht der jüdischen Publizistik alle Ehre, daß sie sich in den letzten Monaten in den wichtigen Allianceangelegenheiten ausgezeichnete unterrichtet gezeigt hat. Man macht unserem Präsidium hie und da den Vorwurf, es orientiere die Oeffentlichkeit nicht genügend. Kein Vorwurf ist' unberechtigter. Abgesehen davon, daß Geheimrnt Timendorser selbst und das Gesamtpräsidium wiederholt das Wort ergriffen haben, .hat der Präsident es mir geradezu zur Pflicht gemacht, den jüdischen Publizisten in bereitwilligster Weise Auskünfte zn geben. Fast sämtliche Blätter haben uns um Information angegangen; so hat z. Bdas Frankfurter Jsr. Familienblatt (ein zionistisches Organ) sich stets ausgezeichnet unterrichtet gezeigt, weil es sich immer an die zuständigen Quellen wandte. Die einzige Zeitung, die dies unterlassen hat, ist die jüdische Rundschau" gewesen. Zum Abschluß der persönlichen Seite der Angelegenheit noch Folgendes: Bei meinen Privat-Ulkten befindet sich weder ein korrigiertes noch ein nnkorrigiertes Protokoll der Sieben er sitzung. Ich habe eine förmliche Haussuchung veranstaltet, ob sich das ominöse Schriftstück, das nach Meinung unseres Bureaus mir übersandt worden sein soll, etwa verborgen hält; ich habe den Herrn, de» sowohl die „I. R." wie auch ich persönlich für den Verfasser des Hamburger Artikels halten, in der eindringlichsten Weise ans Ehre und Gewissen wiederholt befragt, ob er, — was ich anfänglich selbst befürchtete —, der neben anderen Journalisten von inir eingeladen worden ist, sich aus eigens zu diesem Zwecke angelegten „Jugendvereins"' und „Allicmceakten" sachdienliche Informationen zu schöpfen, etwa seine Kenntnis aus einem zufällig oder durch Bureauversehen in diese Akten hinerngelangten Protokoll geschöpft habe. Ich habe förmlich nach einer bejahenden Antwort, die mit der höchsten und ehrlichsten Entrüstung versagt wurde, gelechzt; denn dann wäre eben ein Verse h e n unterlaufen, das, wie gesagt, sachlich ganz belanglos gewesen wäre und nur fanatischer, politischer Haß und sich verborgen haltende Gegnerschaft ausnntzen durfte. Vor wenigen Tagen hatte ich den Vorzug, mit der prominentesten Persönlichkeit der zionistischen Weltorganisation über die Unbegreiflichkeit einer solchen Preßkampagne zn sprechen. Er antwortete mir mit der Gegenfrage: „Sind Sie nicht einmal auf Ihrem Svezialgebiet, im Jugendbund, mit den Berliner Zionisten aneinandergeraten?" Und hier erhebt sich die Sache zur prinzipiellen Bedeutung. Soll das vielgerühmte Erwachen des jüdischen Bewußtseins darin bestehen, daß mit Waffen, die aus dem Arsenal des Hintertreppenklatsches geholt worden sind, gekämpft wird? Darf man den heißen Wunsch, einen unbequemen Nichtzionisten mundtot zu machen, mit anderem als den idealen Waffen des Geistes zn erfüllen suchen? Es liegt niir fern, oie gekennzeichnete Entgleisung eines Parteiblattes der gesamten zionistischen Partei in die Schuhe zu schieben. Wie in meinem sonstigen öffentlichen Wirken erstrebte ich auch in diesem meinem neuen Amt in loyaler Weise das jür niich selbstverständliche Ziel, den zionistischen Teil unserer Glaubensgemeinschaft zur durchaus notwendigen Mitarbeit an dem großen Werke der 'Alliance zn veranlassen. Dies war auch der Zweck meines Besuches bei Präsident Wvlffsvhn, den ich dieser Tage machte; denn vorderhand muß ich der „Jüdischen Rundschau" das Recht absprcchen, mich inr Namen „von 14 080 Mitgliedern" der Deutschen Abteilung 'als des Vertrauens nicht mehr würdig und für „erledigt" zu erklären. Denn vor allem ist die Zahl der zionistischen Mitglieder der Deutschen Alliance-Abteilung nicht sehr groß, und sodann glaube ich auch, daß die letzteren in ihrer überwältigenden Mehrheit sich ernsthaft verbitten werden, daß die .^Jüdische Rundschau" sich zur Dolmetscherin ihrer Gefühle macht. Und wenn die „Jüdische Rundschau" die „moralische Qualifizierung" meiner Taten, wenn auch ans durchsichtigem Grunde, nur andeutungsweise anzuzweifeln wagt, und sich erdreistet, meinen guten Willen in Frage zn stellen, dann verbitte ich inir dasweniger wegen der Kühnheit des Unternehmens,, als aus dem Grunde, weil mir eine Zeitung des vornehmen Kennzeichens der Objektivität bar zn sein scheint, die den Dr. Apfel am 18. November 1910 ihre» Lesern „als gänzlich unerfahrenen" Menschen hinstellt, ani 4. November desselben Jahres aber demselben Dr. Apfel höchst überflüssiger Weise seine „Tatkraft und Begabung" bei der Organisierung und Leitung einer der bedeutsamsten Bereinigungen attestiert. Ich bedauere natürlich, die Oefsentlichkett im Interesse der Würde meines Älmtes und meiner Ehre mit derartigen Dingen behelligen zn müssen. Ich hätte letzten Endes dennoch geschwiegen, wenn man nicht auch noch gewagt hätte, unserem Präsidium Spaltungs gelüste anzudichten, was angesichts der feierlichen offiziellen gegenteiligen Erklärung der Leitung in „Oft und West" parlamentarisch kaum zn qualifizieren ist. Und gerade jetzt, wo es unserem Präsidium zum ersten Malz