Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 45 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familirnblatt. zu gestalten. Dies tat er nicht nur in seinem persönlichen und sozialen Verhältnis zu ihnen» sondern auch in seinem kulturellen. Er hielt seine überlieferte Kultur von jeder Berührung mit der europäischen fern, wollte diese gar nicht kennen, war sie ihm doch gleichbedeutend mit Barbarei und Unkultur. Daher die Feindschaft des Ghettojuden gegen alle fremde Kultur, daher sein Kampf gegen jeden Hauch europäischer Kultur, der durch seine morschen Ghettomauern zu ihm hineindrang. Um also all das Gesagte zusammenzufassen: Solange der Jude im Ghetto war, dokumentierte sich sein Angstgefühl in der Meldung und Fernhaltung alles Fremden, alles von seinen Wirtsvölkern Stammenden^ (Schluß folgt.) Präftdeut David Wolfsohn «der die Lage im Zionismus. (Bon unserem Berliner Korrespondenten.) Als Vertreter des „Frankfurter Israelitischen Famllienblattes" ersuchte ich den Präsidenten, Herrn David Wolffsohn, der jetzt hier aus Anlaß der Tagung des Großen Aktionskomitees wellt, sich mir gegenüber über die aktuellen Fragen im Zionismus äußern zu wollen. Herr Präsident Wolffsohn erfüllte meine Bitte bereitwilligst. Zunächst - erkundigte ich mich nach seinem Befinden, worauf er mir erwiderte: „Nachdem ich mir längere Zell Schonung auferlegt habe, hat sich mein gesundheülicher Zustand etwas gebessert. Es >vird mll jedoch leider künftighin lvohl nicht m ehr möglich sein, mich in dem bisherigen Maße den-zionistischen Arbeiten zu widmen, da meine Gesundheit andauernd der Schonung bedarf." Frage: Welche sind die wichtigsten Aufgaben der jetzigen Tagung des Großen Aktionskomitees? Antwort: Wir haben jetzt vor allem über praktische Fragen, namenllich über positive Unternehmungen in Palästina — wozu auch das Oppenheimer'sche Siedlungsprojekt gehört — zu verhandeln. Zu diesem Zwecke haben wir Herrn Dr. Jakobsohn aus Konstantinopel extra hierher berufen. Einen wichtigen Punkt unserer Beratungen in organisatorischer Hinsicht wird mein Vorschlag auf Besteuerung der zionistischen Institutionen blldcn. Und damit komme ich auf Ihre weitere Frage, wie sich die innerzionistische Lage seit der letzten Jahreskonferenz entwickelt habe. Wenn auch nach der Beilegung der früheren Differenzen eilte erfreuliche Besserung zukonstatieren ist, so bin ich doch vom Lauf der Dinge ivährend der letzten Zeit nicht ganz befriedigt. Und zwar wegen des höchst unzureichenden Einlaufs der S ch e k c l b e i t r ä g c. Ich bin jetzt Spezialist für die Herzfuiiktionen geworden und iveiß nun, daß ohne genügende Speisung und Kräftigung des Herzens der gesamte Organismus lahnigelegt wlld. Woran das liegt? Jede Pflichtsteuer wird nicht gerne entrichtet. Mag auch sein, daß die Schekelinstitution für manche Kreise „zu oft" ist. Wir Juden lieben eben immer das Neue. Wer zuni großen Teil liegt die Sache aiich an einem Mangel an den dazu nötigen Arbeitskräfte». Manche unserer Gesinnungsgenossen haben große Ideen und weitreichendc Theorien — und sind „zu gut" für solche rein praftische Ausgaben. Jedenfalls reichen die cinlaufendc» Schekelbeiträge ftir unsere vielfachen OrganisationsaufgaLrn n i ch t aus. Ich werde deshalb in der Sitzung des Großen Aktionskomllees den bereits früher erörterten Vorschlag stellen, sämtliche zionistischen Institutionen zu besteuern, um aus diese Weise die finanziellen Mittel für unsere Arbeiten zu sichern." Meine weitere Frage bezog sich auf die Verlegung des Zionistischen Zcntralbureaus nach Berlin, worauf die Erwiderung erfolgte: „Als ich für Kol» eintrat, waren viele fürdie Verlegung nach Berlin. Jetzt, da ich. selbst den letzteren Modus vorschlage, sind jene nun gegen Berlin. Aehnliches hat sich auch bei der jetzigen Tagung gezeigt. Diese sollte ursprünglich in Köln stattfindcn. Ta erklärten einige Herren, Köln sei zu >veit, und sie würden nicht hinkommen können. Nun sind gerade diese Herren auch nach Berlin nicht gekommen. Ich werde jetzt Vorschlägen, die Leitung nach Berlin zu verlegen. Obgleich ich die Befürchtung hege, daß unsere S a ch e d a r u n t e r leiden würde, da ich in Berlin nicht die hinreichenden autoritativcnPers ö n l i ch k c i t c n sehe, die sich der großen und vcrantivortungsvollen Aufgabe widmen könnten. Jedenfalls ivcrde ich vom Großen Aktionskomitee verlangen, rechtzeitig die nötigen Vorbereitungen zu treffen, damit die Sache nicht nachher in übereilter Weise geregelt werden müßte. Jedenfalls aber ivird diese wichtige Frage ihre definitive Lösung auf dem nächsten zionistischen Kongreß finden. Bis dahin wird wohl zunächst keine Acnderung in dieser Hinsicht vorgenommen werden. Die Tagung' des Großen Aktionskomitees. (Von unserem Berliner Korrespondenten.) Seit dem gestrigen Sonntag finden andauernd verschiedene Vorkonferenzen und einleitende Beratungen statt. Doch sind noch bisher nicht alle Teilnehmer an der Tagung eingetroffen. Unter den Angekommenen befinden sich auch Tr. Tschlenvw - Moskau, Boris G o l d b e rg - Wilna, N. Sokolow, Tr. Jakobsohn -Konstantinopel, K a n n - Haag, Keßler aus Englano, Schein aus Rumänien, Tr. B o d c n h e i m e r- Köln. N o r d a u wird jedenfalls nicht kommen. Ob Tr. Alexander Marmorek aus Paris her konimt, ist iwch nicht bestimmt. Tie Stimmung unter den bereits Erschienenen ist eine ftiedliche. Prinzipielle Fragen stehen diesmal weniger zur Erörterung. Es sind mebr praktische Spczialftagen, über die verhandelt werden soll, und die voraussichtlich keinen Anlaß zu großen, tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten geben werden. Präsident Wolffsohn sieht im allgemeinen nach seiner jüngsten Erkrankung verhält nismäßig wohl aus, doch tvird er durch die fortwährenden Beratungen sichtlich angestrengt. Tie Sitzungen selbst finden unter A u s s ch l u ß der Oeffentlichkeit und der Presse statt. Außer den Mitgliedern des Attionskomitees werden nur wenige bestimmte Personen ans besonderen Gründen zugelassen. Morgen, Dienstag, fängt die erste Plenarsitzung an. Tie Tag ung ist für zwei Tage berechnet. Ucbcr.die Resultate der Verhairdlungcn werde ich Ihnen noch berichten. Von der jetzigen Tagung ivird keine „neue Parole", kein „erlösendes Wort", aber eine ersprießliche Arbeit ftir die fernere Entwicklung der zionistischen Tätigkeit erwartet. Namentlich gilt es, für manche Anfänge zu praktischen zionistischen Unternehmungen die weitere Richtung sestzusetzen und die Vorarbeiten für die künftige Gestaltung der Leitung einzuleiten und zu bestimmen. Eine Erklarunq Dr. Apfels, des ehrenamtlichen Geschäftsführers der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft.*) Sehr geehrter Herr Redakteur! Seit vier Wochen bekleide ich als Nachfolger des verstorbenen Klausner das Amt eines ehrenamtlichen Geschäftsführers der deutschen Abteilung der Alliance israslite universelle. Seit drei Wochen 'werde ich von der „Jüdischen Rundschau", dem offiziellen Organ der deutschen' zionistischen Partei, zur Zielscheibe der heftigsten persönlichen Angriffe gemacht. Wenn ich mir den Raum Ihres ge- *) Wir erachten es als Gebot der Loyalität gegenüber dein angegriffenen Präsidium der D. K- G. niid im Sinne der echt jüdischen Gerechtigkeit und mithin im Sinne des zionistischen Gedankens, wie im Interesse der zionistischen Partei, wenn wir die Erklärung des ehrenamtlichen Geschäftsleiters der D. K.-G. zur Veröffentlichung bringen. Die Redaktion. fh. 45 schätzten Blattes zur Entgegnung ausbitte, so tue ich daS in der Erwägung, daß es sich bei bei» Nachfolgenden weniger um eine persönliche Augelegenheit, als um die Aufdeckung eines KrebSschadens unseres jüdisch-politischen Lebens 'handelt. Gleichzeitig finde ich erwünschte Gelegenheit, manche falsche Nachricht über den deutschen Zweig der Alliance zu berichtigen. In dem Anfangs Oktober d. I. herausgegebenen Heft von „Oft und West", dem Organ der Deutschen-Konferenzgemeinschaft der A I. U., erschien ein von der Pariser Centralleitung dem deutschen Bureau zur Veröffentlichung übersandter Brief eines früheren -Allianceschnllehrers über das Leben vom Alliancezöglingen in Jquitos (Peru). Die „Jüdische Rundschau" druckte am 4. November in ihrer Nummer 44 diesen Artikel ab und knüpfte eine scharfe Kritik daran, was ihr unbestreitbares Recht war. Sie schließt diese Kritik mit folgenden Worten: „Einstweilen halten wir aber den Bigamistenbrief und die kühnen Anmerkmigen dazu für einen Schwabenstreich eines nach Klausners Tode eingesprnngenen Jntcrimsarbeiters, der anscheischeinenö von den Aufgaben einer jüdischen Organisation vom Range der Wliance noch eiwas seltsame Vorstellungen hat." Dieser Schlutzpassus ist allerseits als gegen mich gerichtet verstanden Ivorden und konnte auch gar nicht anders verstanden werden. Demgegenüber ist hervorzuheben, daß ich mein Amt erst einige Wochen nach dem Erscheinen des betreffenden Artikels angetreten habe und daher mit dem bösesten Willen nicht ftir ihn verantwortlich gemacht werden kann. Dies mußte die „I. R." unter allen Umständen wissen, da sie selbst meine Ernennung erst am 23. Oktober veröffentlichte. In der folgenden Nummer (45) der „I. R." folgte ein Leitartikel über die Alliance. In demselben wird ein Aufsatz des Hamburger „Israelit. Familienblattcs" über das gleiche Thema und eine Auslassung der Berliner „Nationalzeitung" über „geradezu unglaubliche Verhältnisse in der Alliance" abgedruckt. Dann fährt die „I. R." fort: (Unwesentliche Sätze lasse ich fort.) „Was mit diesen Veröffentlichungen bezweckt ivird, das ist nicht nur der Kampf gegen die französischen Tendenzen der Pariser Alliance-Leitung — in diesem Kampfe waren wir allemal auf der deutschen Seite, weil sie zugleich auch die jüdische war! — nein, das ist jetzt eine Kampagne gegen die Grundidee der Alliance Jsraßlite Universelle, und diesen Feldzug werden wir niemals mitmachen! Denn die Alliance hat — in jedem Falle — noch ganz andere Aufgaben zu erfüllen, als die jetzigen Kantönlipolitiker der Deutschen Konferenzgemcinschaft sich träumen lassen. Wer ist es also, der jetzt diesen mit z. T. wenig einwandfreien Mitteln geführten Kampf gegen die' Alliance inszeniert? Daß eines der Mitglieder der Siebenerkommission dein Hamburger Familienblatt das Protokoll jener Sitzung zngcschanzt haben sollte, muß nach unserer Kenntnis der Dinge als ausgeschlossen gelten. Außer ihnen nahm aber nur noch der in derselben Sitzung eben erst zum ehrenamtlichen Geschäftsführer der D. K.-G. ernannte Dr. Apfel an den Beratungen teil. Herr Dr. Apfel, der sicher doch nicht deshalb, weil er Beamter im Ehrenamte ist, meinen kann, weniger Beamter'zu sein als ein besoldeter Geschäftsführer, wird sich also von dem Verdacht reinige» müssen, auf etwas merkwürdige Art als Beamter der Alliance einen Kampf gegen die Alliance geführt zu haben. Die Kurzsichtigkeit einer solchen Kirchturmspolitik,. den deutschen Zweig der Alliance von ihr losznrcißen, statt durch ihn Einfluß aus die Alliance zu nehmen, braucht Leuten, die,.in jüdisch-politischen Dingen weniger unerfahren sind, gar nicht erst auseinandergesetzt zu werden."- In Nr. 46 behauptet dann die „I. N." „einige z. Zt. leitende Personen der D. K.-A. beabsichtigen die Absplitterung des deutschen Zweiges der Alliance von der Gcsamtorganisation." Soweit dieser Vorwurf die „Kantönlipolitiker" der deutschen Konferenzgemcinschaft oder die Mitglieder der Siebener-Kommission treffen soll, zeugt er von gänzlicher Unkenntnis der bei diesen Herren herrschenden Stimmung, da die Mitglieder per genannten Körperschaften samt und sonders, ohne eine einzige Ausnahme, wetteifern in dem Bekenntnis, zur -Universalität der Alliance und den bloßen Gedanken an eine L o s r e i ß n n g als frivol betrachten würden. Soweit der Borwurf meine Person betrifft, weise ich ihn als eine geradezu empörende Verdächtigung zurück. Sollte dem Redakteur der „I. R." irgend wer etwas derartiges von mir berichtet haben, so wäre für eine solche niederträchtige Handlungslveise das Wort „Lüge" eine milde Bezeichnung. Woher nimmt sich die „I. R." übrigens das Recht, einen solchen Vorwurf gegen mich zu erheben? Zum mindesten müßte sie doch eine tatsächliche Unterlage für die öffentliche Behauptung haben: Ich strebte eine Spaltung an. In keinem einzigen jüdische » Blatte Deutschlands (außer jetzt in der „I. R.") ist irgendwo eine Spaltung derAl-