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Neue jüdische Presse · 1910-11-25 · Heft 45 (25.11.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 45 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Isrankfitrker Istiklitislhes forailirnhlatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank» furt a. M. M. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Ml. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Ml. 1,-50, sonstige Länder Mk. 2.— tzedaktion vild HefchLftsft-tte: Sranlcfurt 2. M.. viidelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraß« Petes-« 10507. Herausgeber: Katg Hssir. r- - - Jnsertionsprrife: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile ... . 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. -- 8. Jahrgang. Freitag, den 23. Cheschwan 5671 t25. November 1910). Nr. 45. Inhalt des Hauptblattes Artikel: Die jüdische Angst. — Präsident David Wolfsohn über die Lage im Zionismus. — Die Tagung des Großes Aktionskomitees. — Eine Erklärung Dr. Apfels, des ehrenamtlicken Gekchäktsführers der deutschen Konserenzgemeinschait. — Brief aus Paris. —Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunst. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten.. Die jüdische Angst. Ein psychologisches Essa tj. Bon B e n - Ko h el e t h. Tie in o d e r u e G c s ch i ch t s w i s s e n s ch a s t befindet sich in einer völligen Nmlvandlung. Sie beginnt von den alten, mehr spekulativen Methoden abzukommen und schlägt neue, bisher ungekannte Bahnen ein. Tie vornehmste Ursache ist neben dem Grundcharaktcr unserer gcsanitcn Zeit das mächtige Aufblühen jener Wissenschaft, die nach und nach zu einer beherrschenden wird: der P s tj cholog ic. Man erkennt immer mehr und mehr, daß die Helden der entronnenen Jahrhunderte auch nur Menschen waren, die von menschlichen Instinkten, Trieben, Gefühlen und Ideen bewegt Und beherrscht wurden. Taraus ergibt sich die Notwendigkeit, an diese treibenden Krästc der Geschichte mit Hilfe der Psychologie heranzutreten, ergibt sich die Einsicht, daß schließlich „alle Geschichtswissenschaft in Wirklichkeit nur eine psychologische Wissenschaft ist" (Cousin). Max Nordau sagt in seinem vor kurzem erschienenen Buche „Ter Sinn der Geschichte": „Nur aus der Erforschung der Natur des. Einzelnen, seiner Eigenschaften, Denkmethodcn, Reaktionen, seiner Bio- und Psychologie mit einem Worte, gewinnt man eine zutreffende Vorstellung vom inneren Gefüge der Formen, in denen das geschichtliche Leben der Gesamtheit abläust." (S. 255.) Tiefe Forderung psychologischer Geschichtsbetrachtung gilt auch für die jüdische G e s ch i ch t s f o r s ch u n g; ja, hier in vielleicht ganz besonderem Maße, weil der Jude mehr als ein anderer Mensch sich von ganz individuellen Eigenschaften leiten läßt. Erst, wenn man an die jüdische Geschichte mit der Psychologie hcrantreten wird, werden viele ihrer PHKiwmenc, die uns bis jetzt ganz unverständlich waren, erfaßbar werden. Ganz besonders ist die Anwendung der psychologischen Methode hei der Betrachtung und Erklärung der großen, bedeutungsvollen Perioden und Erscheinungen der jüdischen Geschichte notwendig. Tie folgende Betrachtung soll nun ein Versuch und zugleich auch ein Beispiel dieser Methode sein. I. . Wenn man die letzten 150 Jahre der jüdischen Geschichte Westeuropas unbefangen und eingehend betrachtet, Ivird inan auf ein schier unbegreijbares Rätsel stoßen; man wird sich fragen müssen, woher es wohl gekommen sein mag, daß die westeuropäischen Juden sich so schnell und verhältnismäßig. gründlich assimilieren konnte». Tie Erklärung dieses- Phänomens wird , doppelt schwierig, wenn man bedenkt, daß wir Juden ein Volk sind, das äußerst konservativ und in der Bewahrung des ihm Eigenen überaus eigensinnig ist. 2000 Jahre lang haben wir uns beschimpfen, mißhandeln, foltern, brennen lassen, ohne nur ein Jota unserer nationalen Kultur aufzugeben; und plötzlich, mit deni Aiomente, da wir ein wenig Gleichberechtigung erlangen, wenden wir nilserer eigenen Kultur den Rücken und suchen unser nationales Ich mit allen Mitteln zu verleugnen. Mit rein soziologischen Gründen ist da nicht geholfen, lind auch das Motiv des freiwilligen Nachgebens im Augenblicke, da man die Freiheit erhält, kann da nicht angeführt werden; dieses Motiv mag ich bei einem so anornialen und dekadenten Individuum Ivie Ibsens „Frau am Meere" hinnehmen, werde es aber als Erklärung sirr das Verhalten ganzer sozialer Organismen zurückweisen. Hier ist eben ein Fall, wo wir fast unwillkürlich zur psychologischen Erklärungsweise greifen müssen; und in der Tat war es in erster Reihe — neben vielen anderen soziologischen und ideellen Motiven — ein psychologischer Faktor, der die Assimilation verständlich, säst notwendig machte: das Angstgefühl des G h e t t o j u d e n. II. Angst ist ein ungenaues, verschiedene Gerichte umfassendes Wort. Im wesentlichen lassen sich zwei Arten der Angst unterscheiden. Tie eine, die mehr Scham denn Angst ist, entspringt einer gewissen Keuschheit der Seele, einer gewissen Furcht, sich bloßzuftellen, einer naiven, unfchuldigcn Zurückhaltung. Tiefes Angstgefühl empfindet das keusche Weib vor dem Manne, der unschuldige Poet vor der Oefsentlichkeit. Es ist ein edles, im Lause der Kulturcntwicklung erivorbenes Gefühl, das wie das Schamgefühl des Weibes von großer Bedeutung fiir den Fortschritt der Menschheit ist; cs ist oft für das Leben und den Erfolg hinderlich, nichtsdestoweniger aber heilig und edel. Tas andere Angstgefühl ist ganz anderer Art, ist mehr feige F u r ch t denn Angst. Es entspringt einem Gefühle innerer Schwäche und Unterlegenheit, einem Bewußtsein völliger Ohnmacht. Es ist das Angstgefühl, das der Hund vor seinem brutalen .Herrn empfindet, das der Sklave seinem Peiniger entgegenbringt. Auch dieses Gefühl ist oft von großer, günstiger Bedeutung für die Höherbildung der Menschheit, oft ist es aber auch hemmend, nachteilig und schädlich. Aus jeden Fall ist es häßlich, abstoßend und widerwärtig. Welches von diesen Angstgefühlen war cs nun, das den Ghettojuden beseelte und ihn zur Assimilation trieb? Um dies zu wissen, ist es vorerst notwendig, sich darüber klar zu sein, ob der Jude von Natur aus ä n g st l i ch, furchtsam ist. Es genügt nicht allzuticse Kenntnis der jüdischen Seele, um diese Frage mit einem strikten Nein beantworten zu können. Ter Jude ist von Natur a u s k e i n e s w e g s,f u r ch t s a m. Im Gegenteil. Sein unverwüstlicher Optimismus und Gottvertrauen auf der einen Seite, sein Tatendrang und seine gewaltige Lebcnsenergie auf der anderen machen den Juden zu alles anderem als zu einem Feigling. Tas Wort von der jüdischen „Chuzpeh" ist kein aus der Luft gegriffenes Schimpfwort antisemitischer Demagogen, sondern trifft zum guten Teil einen Zug unseres Bolkscharakters. Wenn also oas Angstgefühl kein von Anfang an gegebener Zug der jüdischen Seele ist, vielmehr ini Laufe der Geschichte erworben wurde, so ist damit zugleich sein Charakter bestimmt; es wird notwendigerweise in die zweite Kategorie einzureihen sein, es wird als eine feige Furcht erscheinen. Tenn das keusche Schamgefühl ist stets etwas von vornherein Existierendes, niemals etwas nachträglich Hinzugekommenes. Toch wie hat der Jude sein Furchtgemhl erworben? Nun, man braucht kein feinsinniger Psychologe zu sein, um seine Entstehung zu begreifen. Wenn ein Volk durch Jahrhunderte hindurch von seinen Wirtsvölkern gekränkt, mißhandelt und mit Füßen getreten wird, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten der Reaktion aus diese Verfolgungen: entweder es stürzt sich in einen verzweifelten Verteidigungskampf, oder aber — wenn es so schwach und ohnmächtig ist, wie das jüdische es war — es beginnt seine Berwlger zu fiirchten, vor ihnen zu zittern und zu beben. Tiefes Gesiähl entwickelte sich nun bei dem Juden des Ghetto, mußte sich bei chm entwickeln. Ter „Goi", der Nichtjude, wurde fiir ihn der Stärkere, der Uebermächtige, der Herrscher und Tyrann. Tamit zugleich entstand in ihm noch ein anderes Gefühl: das der Verachtung und des Hasses für den „Goi". Tenn der Jude des Ghetto mußte recht wohl, daß der „Goi", der ihn schlägt und foltert, nicht besser ist denn er, daß ec es nur tut» weil Irr der Mächtigere ist, und so wurde der Name .Goi" gleichbedeutend für ihn mit Brutalität, Bestialität, Unwissenheit und Umnenschlichkcit. Und je mehr der „Goi" siel, umso höher stieg der Jude bei sich selbst. Seine Kultur war hoch, die seiner Feinde niedrig, sein Symbol war Geist, das des Verfolgers niederste Bestialität, seine Devise war Menschlichkeit, die des „Goi" Brutalität. Und man braucht nur heute in die Ghettos der östlichen Juden zu gehen, um dieses Toppelgefühl der Furcht und der Verachtung in seiner ganzen Stärke vorzufinden. Tiefe Gefühle des Ghettojuden seinen Wirtsvölkern gegenüber bestimmten naturgemäß auch sein Verhalten zu ihnen. Er suchte nämlich dem „Goi" aus dem Wege zu gehen, ihn, wo er nur konnte, zu meiden. Ganz natürlich. Wenn ich jemand fürchte und auch noch verachte, so suche ich ihn von mir fernznhaltcn aus Furcht, Schläge zu bekommen und ans Besorgnis, von ihm ungünstig beeinflußt zu werden. So war der Ghettojude stets bestrebt, sich immer mehr von seinen Wirtsvölkern abzuschließen, sein Ghetto immer enger und fester

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