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Neue jüdische Presse · 1910-11-18 · Heft 44 (18.11.1910) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 44 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 10 (sequence 14)
Language
German
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Seite 10. ist aber eine völlige Verkennung der wirklichen, moralischen und rechtlichen Sachlage. Die beständige Zurücksetzung der Juden im preußischen Heere, ihre' Ausschließung vom rlktiven und Reserveoffiziersstande seit einem Vierteljahrhundert, bedeutet eine grundsätzliche Verunglimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft. Deshalb muß der „Verband der Deutschen Juden", die geordnete Vertretung der deutschen Juden zur Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen und bürgerlichen Rechte, sich dieser Sache annehmen. Diese Verletzung der Gleichberechtigung widerspricht auch den Üeberlieferungen des preußischen Heeres —. von 1813 bis 1884 hat es zahlreiche Reserveosfiziere und sogar einen aktiven jüdischen Major gegeben —, sowie der in den Heeren aller anßerdeutschen zivilisierten Großstaatcn und sogar der bis 1866 in den süddeutschen Heeren geübten Praxis, Juden im stehenden Heere zu Offizieren — selbst bis zu den höchsten Graden — zu befördern. Noch heute werden in Bayern jüdische Einjahrig-Freiwillige wenigstens Reserveoffiziere, während sie in Preußen a n - geblich — allerdings erst seit 1885! — die dazu erforderlichen Eigenschaften nicht besitzen. Nur wenn sich ein jüdischer Einjähriger taufen läßt, wird er befördert; es ist also keine Rassenfrage, sondern eine Glaubensfrage. Der frühere Kriegsminister von Einem hatte im Reichstage mehrfach die Berechtigung der diesbezüglichen Beschwerden der Juden, unter Anerkennung ihrer soldatischen Tüchtigkeit, zugegeben. .Aber seitdem der Bülowblock dem schwarzblauen Block gewichen, ist wieder eine Wendung zum Schlimmeren eingetrcten, und der jetzige Kriegsminister v. H e e r i n g e n hat im Reichstage den Juden die für einen Offizier nötige Autorität vor der Front abgesprochcn. Die Glaubensgenossen müssen sich um den Verband der Deutschen Juden scharen, um vor dem Baterlande und der Welt gegen derartige Ueberbleibsel der Barbarei Einspruch zu erheben. Die mit lebhafter Beredsamkeit und hinreißender Wärme vorgetragenen Ausführungen PhiliPPson's wurden häufig von Beisallsbezcugungen unterbrochen und erweckten am Schluß laute Zustimmungsbekundungen. Landtagsabg. Cassel begann darauf mit der Bemerkung, die Zurücksetzung der Juden im Heere bilde nicht das einzige, den Juden zugefügte Unrecht; auf allen Gebieten der Staatsstellungen ist dieselbe beschämende Erscheinung zu konstatieren Die Zurücksetzung der Juden im Heere ist aber besonders drastisch und schmerzlich. Dieselbe, betrifft nicht allein die jüdischen Einjährigen-Freiwilligen, sondern die jüdischen Soldaten überhaupt, die vielerlei Kränkungen zu erdulden habend Nur werden nicht all diese Fälle weiter bekannt, da. .die Soldaten mit Rücksicht auf eventuelle böse Folgen den Beschwerdeweg nicht gerne einschlagen. Wir besitzen daher in dieser Hinsicht nicht ein solches Tatsachenmaterial wie inbezug aus die Nichtzulassung von jüdischen Einjährigen-Freiwilligen zum Offiziersrang. Wo istdie Quelle dieser Widerstände? Bei Allerhöchster Stelle nicht! wie aus der Erklärung vom Jahre 1905 und der Kabinettsordre von 1908 hervorgcht, wonach die Konfession keinerlei Einfluß bei den Offiziersernennungen ausüben dürfe. Damit steht auch im Einklang die Erklärmig des früheren Kriegsministers von Einem im Parlament am 9. März 1909, die sicherlich mit Allerhöchster Zustimmung erfolgt ist. Darin wurde auch zugegeben, daß die Juden mitunter Wegen ihres Judentums. im Heere nicht avanzieren. Redner führt einen bestimmten Fall von Z^urücksetz ung ei nes jüd ischen Einjahrig-Freiwilligen an, der zur -Kenntnis des Kaisers gelangte und von ihm bedauert wurde. Der Referent betont, daß sein Gewährsmann dabei! eine hervorragende nichtjüdische Persönlichkeit ist. Auch nicht alle Offiziere sind mit dem Verhalten den Juden gegenüber einverstanden. Es gibt aber im Heere eine Fronde, welche die Zulassung . von Juden zu den höheren Militärstellungen mit allen Mitteln zu verhindern sucht und weiß. Auf , ihrer Seite steht auch der jetzige Kricgsminister v. Heeringen, der im Parlament erklärt hat. .ein jüdischer Offizier würde nicht de» Untergebenen gegenüber die nötige Autorität besitzen: Die Hohlheit dieses Vvrwands zeigt sich aber dadurch, daß ein Jude nach der Taufe die Offiziersbahn offen findet. Wird denn durch die Taufe das jüdische Aussehen geändert, seine „Autorität gehoben? Laut und nachdrücklich müssen wir protestieren gegen diese Verunglimpfung, die ein Hohn auf unsere verfassungsmäßigen Rechte ist und eine Beleidigung der für das Vaterland gefallenen jüdischen Kämpfer. Nachdem sich der langmchaltende Beifall gelegt hatte,. verlas der-Vorsitzende, Justizrat H'orowitz, folgende vorgeschlagene Resolution: „Seit länger als einem Vierteljahrhundert ist innerhalb des preußischen Kontingents kein einziger Soldat jüdischen Glaubens zum aktiven oder Reserveoffizier befördert worden, während wiederholt christliche Söhne jüdischer Eltern zu Offi- . zieren befördert wurden. Dieser grundsätzliche Ausschluß von Personen jüdischen Bekenntnisses von frankfurter Israelitisches Familienblatt. den Offiziersstellen ist verfassnngs- und reichsgesetzwidrig, und widerspricht nicht nur den Einrichtungen aller anderen zivilisierten Großstaaten, sondern auch. der Ueberlieserüng des preußischen Heeres, der allgemeinen Verfügung des Kriegsministers vom 10. Juni 1908 und Armeebefehlen, des Kaisers. Die heutige Versammlung erhebt Widerspruch gegen die Fortdauer dieses Zustandes. Der Vorsitzende wird beauftragt, vorstehenden Beschluß zur Kenntnis des Reichskanzlers, des Militärkabinetts, des Preußischen Kriegsministeriums und der Mitglieder des deutschen Reichstages zu bringen." Die Resolution sand unter lebhaften Kundgebungen einstimmige Annahme, womit die eindrucksvoll verlaufene Versammlung ihren Abschluß fand. Es waren mutige, stolze, von Selbstbewußtsein getragene Worte, die hier zum Ausdruck kamen und die sicherlich ein santes Echo in der gesamten deutschen Judenheit finden werden! Aus aller Welt. Türket. Konstautinopel. Die Affäre zwischen dem jüdisch-nationalen Turnverein. „Maccabi" und der bekannten assimilatorischen Zeitschrift „El Tiempo", deren Herausgeber.D a v i d.F r e s c o, der Freund des Großrabbiners Nah um ist, erregt in der hiesigen Judenheit . lebhaftes Aufsehen. „El Tienipo" hatte den „Maccabi", der Sport und hebräische Sprache treibt, als antipatriotisch e ii politischen Verein bezeichnet, und der „Maccabi" reichte darauf die Klage wegen Verleumdung ein. Im ersten Termine zog sich Fresco feige zurück, indem er angaü, daß er nicht der verantwortliche Redakteur der Zeitung sei. Das tat derselbe Mann, dessen Zeitung die Denunziation nur geniacht hatte, uni die zionistischen Bestrebungen zu diskreditieren. Großrabbiner Nahum, der dem „Maccabi" die Vermittlung antrug und sie dann verzögerte, ist ans dem „Maccabi", dessen Ehrenmitglied er war, ausgetreten. Oersoualierr u. Kleine Mitteilungen Frankfurt a. M. In ihrer Würdigung der Jahresausstellung der Frankfurter Künstler schreibt die „Frkft. Ztg." (Morgenblatt vom 14. Novbr.) über Heinrich Gottselig: „Einen bedeutenden Platz darf auch die aufstrebende Kunst Heinrich Gottseligs beanspruchen, der von den Franzosen die Freiheit und Leichtigkeit des Strichs ge-, lernt hat. Sein „Blick auf den Dom" ist in Komposition und . Luststimmung sehr fein, - sein „weißes Schifft'bringt in dem Kontrast der weißleuchtenden Häuserfronten und Schisfswände mit dem dunklen Himmel die Gewitterstimmung gut zum Ausdruck." Berlin. Juwelier Felix Friedländererhielt das Kommandeurkreuz des bulgarischen National - Zivil - Verdienstordens.— Philippson' s „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" ist von Dr. I. Schermann-Odessa ins Russische übersetzt worden.- Berlin. Der hier verstorbene Kaufmann Emil Philippsborn vermachte der jüd. Gemeinde seiner Vaterstadt B e n t s ch e n 2000 M und der hier verstorbene Kommerzienrat Cohn der jüd. Gemeinde seiner Vaterstadt S ch in i e-g e l 1000 JL Die jüngst in F e st e n b u r g verstorbene Witwe Lina Peiser hinterlicst der jüd. Gemeinde O st r o w o 3000 Jh Dffenbach. Der Verkauistag der Großherzogw fand in den Räumen der Fabrik I. Mayer Sohn statt, bei deren Inhabern die. hohen Herrschaften auch speisten. Die Großherzogin überreichte dein Geh. Kommerzienrat Ludo Mayer und Herrn Robert Hirsch das Bildnis des Großherzogspaares; det Großherzog verlieh Herrn Mayer das Ehren kreuz des Philippsordens. Stratzburg. Wie jetzt gemeldet wird, liegt bezüglich des Kardinals Neto eine Verwechselung mit dem aus Bergheim gebürtigen Netter vor, der Kanonikus in Porto-Rico ivar. Kardinal Neto entstammt einer katholischen Familie Portugals. Pforzheim. Bankier Adolf Kahn überwies anläßlich seiner silbernen Hochzeit dem Stadtrat 10 000 JL zu einer Adolf nndPanline Kahn- Stiftung. — In Kippenheim wurde das Heinrich Wachenheim er'sch e Ehepaar anläßlich seiner goldenen Hochzeit vom Großherzogspaare ausgezeichnet. Herr Wachenheimer erhielt vom Großherzog eine silberne Medaille und Frau Wachenheimer als Vorstandsdame des Frauenvereins von der Großherzogin ein Bild. >1-> Pose». In Wronke wurde anläßlich der Einweihung des neuerbauten Rathauses der Beigeordnete Kaufmann Mottek znm Stadtältesten ernannt. — i Nr. 44. In Brvmberg verschied der Stadtverordnete Moritz Wolfs,.der auch in der jüd.. Gemeinde verschiedene Ehrenämter bekleidete. . Breslau. Im 94. Levensjahr verschied Frau Anna Klüger, Mutter des Rabbiners Dr. Hcrmann Klüger. Wien. Obervostverwalter Karl Kohn, Vorsteher der jüd. Gemeinde Roztok, erhielt den Titel eines käiserl. Rates. — ' Bei der Landtagswahl in D a r n r a r wurde der Rcgierungskandidat Dr. Ludwig Schwarz, Advokat in Agram, gewählt. Budapest. INI September wurden in Ungarn 53 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Budapest. Anläßlich d-s Ablebens des Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofes Dr. S i g i». Decsey, sei daran erinnert, daß, >vic man sich erzählt, Justizminister Dr. Pauker, der Minister des Tisza-Eßlarcr Prozesses, so oft eine Vakanz am Obersten Gerichtshof vorhanden war, von de» Senatspräsidenten einstimmig Decsey an erster Stelle vorgeschlagcn erhielt, ihn aber als Juden stets strich. Als dann Fab i n y i Justizministcr wurde, wurde Decsey wiederum einstimmig vorgcschlagen. F a b i n y i brachte den Vorschlag vor den Ministerrat. Zögernd und verlegen erhob sich der wegen seiner materiellen Verhältnisse von der Klerisei abhängige damalige Kultusminister Treffort und machte das Geständnis, er habe dem Fürstprimas S imot das Wort gegeben, gegen die Ernennung eines Juden zum Richter an der Kurie zu stimmen. Jnstizminister Fabinyi erwiderte: „Dü kannst Dein Wort ruhig halten und dagegen stimmen, tvir anderen stimmen dasür." Der Ministerrat — Ministerpräsident war Koloinan T i s z a — beschloß, den Vorschlag Sr. Majestät zu unterbreiten, — und der Kaiser genehinigte ihn. Zürich. Zum «»denken an Frau Sophie Bloch geb. Elsas sel. hat Herr I n l i n s Bloch dem Vorstande der Genicindc den Betrag von 5000 Fr. überreicht mit der Bestimmung, daß derselbe de», bereits bestehenden Ignaz Bloch-Fonds. zugewendct tverde und dieser Fonds von nun ab die Bezeichnung trage: „Ignaz und Sophie Bloch-Elsas-Fonds zur Bekleidung armer:. Kinder." Paris. Wie verlautet, begibt sich Baron Edmund Rothschild nach Palästina, um die jüdischen Kolonien zu besichtigen und an der Stelle, wo die Königsgräber vermutet werden, archäologische Grabungen vornehmen zu lassen. 7 Paris. Der aus Rußland stammende und seit 1897 hierwohnhafte Tonkünstler A.Moschkowski ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Venedig. Auf. der „Internationalen Kunstausstellung" erzielte Jo s ep h I s r a e ls' Bild „Die Bauernsamilie" den Kaufpreis von 150 000 Lire. London. Am 1 November baden in England drei Inden das Bürgermeisteramt angetreten'. H. E. Davis in Gravesend, Jacob Moser'in Bradford und B a r n e t t M a r k e s in Hove (Brighton). — Hen r y L n c a s , der erst jüngst sein Amt als Vizepräsident der Vereinigten Synagogen Londons niederlegte, ist — 68 Jahre alt — verschieden. Mit ihn, . ist ein frommer Jude dahingegangen. Sein Hauptinteresse galt der religiösen Erziehung der Jugend, welches Interesse er besonders als Präsident des Jüd. Religionsschul-Komitees betätigte. Aus der zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Der Jungjüdische Abend der Z i o n i st i s ch e n I u g e n d g r u p p e brachte wiederum einen vollen Saal. In der Begrüßung stellte, der Vorsitzende L- Perlmutter das gesteigerte Interesse fest, das die Jugendgruppe finde, skizzierte das reiche Feld der 'Arbeit und forderte zur Mitarbeit auf. Für die Einsührung in die j u n g j ü d i s ch c Literatur hatte Dr. Gottlieb eine Reihe von ausgewählten Gedichten znsammengestellt, die in Fräulein E. Cassel und beu Herren S. Rosenh e i m e r und B. Lappe ihre glänzenden Interpreten sanden. Es gelatlgten zunächst die bekannten wunderbaren Dichtungen von Frng und Rosen - selb mit ihrer Welt der Wehmut zur Wiedergabe, denen sich ein tränenvolles Jargonlied anschlos; und zu welchem Herr Dr.. Gottlieb den verbindenden Text sprach. Es war die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Freiheit an Hand des Schicksals eines Emigranten geschildert, der aber anstatt des gelobten Landes in Amerika nur neues Golus findet, was die einzelnen Gedichte verband. Der. zweite Teil brachte nach einem Referate über „Jüdische M y st i k" die Vorlesung der abgeklärten Erzählung „Der Meister des 'Gebets" aus „Rabbi Nachm an von Brazlaw" von Martin Bub er, die die Zuhörer in geheimnisvollen Bann zwang, bis schließlich die kraftvolle Wiedergabe jungjüdischer Gedichte voller Lebenslust und Frische, wie „D a s L a ch e n", sowie des zukunftsfrohen „Junge Harfen" den schönen Abend stimmungsvoll beschloß.. Budapest. .Der Klub z t o n i st. A k aöemiker „Makkabea" tritt mit dem beginnen-

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