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Neue jüdische Presse · 1910-11-18 · Heft 44 (18.11.1910) · page 13

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 44 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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MlW M ilt. 44 lies Frankfurter IfmeCitifi&eii FamlimklMes. - Offenes Schreibe» an Herrn Rabbiner Dr.RaphaeiBrener in Aschaffenbnrg von Rabbiner Dr. Siegmund Jampel- Schwedt a. O. (Schlußkapitel.) Auch betreffs der Beurteilung Mordechais ist Ihre Kampfesart nicht gerade eine lautere zu nennen. Wenn Sie es für nötig finden, mich bei Ihren Lesern als Ankläger Mordechais und den Lobredner Hamans zu denunzieren, weil ich die im MidraM erwähnte Meinung, wonach Haman -religiöse Embleme an seinen Gewändern getragen haben soll, nicht zugunsten Mordechais verwertet Habe, mit welchem Rechte Häven Sie dann die von mir genannten zahlreichen Momente, die mir die Akzeptierung jener Meinung ganz -unmöglich machten, geflissentlich verschwiegen? Meinen Hinweis darauf, daß Mordechai selbst in diesem Falle auch nicht ganz berechtigt war, der zweitobersten Behörde die chr amtlich gebührende -Reverenz zu verweigern, habe ich wörtlich von keinem Geringer» als vom Malbim zitiert; dann hätten Sie ja Ihre Gegenmeinung präzisieren und zu jener autoritativen Behauptung irgend welche Stellung nehmen müssen, nicht aber dieselbe stillschweigend übergehen, ivas doch in einer wissenschaftlichen Polemik höchst unstatthaft ist. Ebenso sind Sie meiner Bemerkung gegenüber, daß die von Mordechai verweigerte Handlung von' allen Patriarchen, von Möses und Aron, von Daniel, Esra, Nehcmia und von Mordechai selbst dem König gegenüber ausgesührt wurden, die Erklärung vollständig schuldig geblieben; denn Ihre Erwiderung, daß Mordechai doch auch die Patriarchengeschichte gekannt haben müsse, bietet doch gar keine Erklärung für die Handlungsweise jenes Patriarchen, und auf Ihre geistreiche Erwiderung, daß Mordechai nach Erkenntnis der verhängnisvollen Folgen seiner Unvorsichtigkeit doch hinterher sich vor Haman hätte hinwerfen sollen, gibt Ihnen ja der Text dutzendfache Antwort, daß Mordechai von diesem Verhängnis erst, nachdem das Dekret über das ganze Reich verbreitet war, erfahren habe und, daß ein königlicher Befehl selbst vom König nur noch auf Umwegen rückgängig gemacht werden konnte, weshalb doch, nachdem Mordechai vermfttelst' der Königin zum König selbst gerade den Weg cinschlug, jedes Appellieren an die Güte Hamans nur eine Lächerlichkeit gewesen wäre. Zu Ihrer Ansicht, daß Mordechai aus moralischen Motiven den Haman hätte nm Verzeihung bitten müssen, konnte er sich, nachdem jener ein ganzes Volk wegen der Vergehen eines einzelnen Mannes verderben wollte, nicht mehr erheben. Außerdem -habe ich es doch an zwei Stellen herborgehoben, daß meine Behauptung von Mordechais „aus Intentionen tiefster Frömmigkeit begangenen Unvorsichtigkeit", wegen welcher Aeußerung Sie den Bann über mich verhängen, -in Wahrheft nur eine Schwächung und Dämpfung.des vom Midrasch "über Mordechai ausgesprochenen Tadels ist und, daß ich es — gerade vom jüdischen Standpunkt vorgezogen habe, lieber Mordechai eine kleine „Unvorsichtigkeit" zur Last zu legen, als .auf unserer Religion den alten wissenschaftlichen Vorwurfs, als würde sie die Aufopferung eines ganzen Volkes wegen einer kleinen Formalität fordern, lasten zu lassen. Es war Ihnen ferner nicht minder -klar, als mir, daß ich in einer Kampfschrift-gegendie wissenschaftliche Kritik kein. Momentgeltend wachen durste, von -welchem -sich im Texte keine Spur findet; zumal der Midrasch diese Meinung als eine -unter vielen erwähnt. So findet sich z. Bdie -für Mordechai nicht grade schmeichelhafte.Erklärung, daß die Weigerung aus persönlichem Stolze'Haman gegenüber, der einst sein iKnecht gewesen -sein soll, geschah, ebenfalls im Midrasche Alle diese zahlreichen Momente, die in wei-i nem Buche so nachdrücklich hervorgehöben sind,- haben'Sie in einer Polemik, die rein wissenschaftlichen Charakters sein soll, absichtlich unerwähntgelassen, um so mein Verbrechen möglichst schwarz, malen zu können, — und das nennen Sie-nachher eine wissenschaftliche Widerlegung? Die Frage, ob -die von mir geltend gemachten Momente Ihnen zulänglich erschienen ooer nicht, kommt hierfür nicht in Betracht; Sie hätten sie widerlegen sollen. Aber Argumente des Gegners vor der öffentlichen Kritik absichtlich verheimlichen, ist keine lautere Kampfesweise. Nur ein Spekulieren auf den Beifall der großen kritiklosen Massen kann es einigermaßen erklärlich machen, daß Sw sich oft Stückchen leisten, bei denen einem der Verstand stille steht. So z. B., wenn Sie auf meine Bemerkung, daß Sie meine Behauptungen nur dogmatisch verdammen, ohne dieselben wissenschaftlich zu widerlegen, mir entgegnen, daß es meine Pflicht gewesen, wäre, zuerst nachzuweisen, „wieso eine Vermehrung besagter Ruinen nicht auch schon die größte Unwissenschastlichkeit der Welt 'bedeutet"; eine erschütternde Entdeckung, denn bis jetzt steckte die Menschheit immer noch in dem groben Irrtum, daß eine aus exakt-wissenschaftlichem Boden basierende Anschauung solange als echt gelten darf, als sie wissenschaftlich nicht widerlegt ist. Oder könnte ich selbst -beim besten Willen etwas anderes als ein bloßes Abzielen auf den Applaus der Denkunfähigeu darin erblicken, wenn Sie ineinen Nach weis, daß die auf die Megillah bezüglichen, kritisch sich anhörenden Äeußerungen der Weisen nicht in dem -von der Kritik verstandenen Sinne aufzufassen seien, zehnfach als ein „Verschießen von Kanonen auf Spatzen, wo ein Schrotkorn genügen könnte" verhöhnen, trotzdem Sie an seinem Inhalte nichts auszusetzen chatten und sehr genau wissen, daß jedem ernsten Leser, dem diese Frage am Herzen liegt, mit der kürzesten Nennung einer Quelle, in welcher ein solches Schrotkorn zu finden sei, tausendmal mehr gedient wäre, als mit Ihrem überlegenen Lächeln, das ihm nichts bietet. .Aber ganz die Krone aufgesetzt bekommt diese eigenartige Methode von Ihrer offenen Erklärung, daß Sie „gär nicht eine Kritik meines Buches liefern wollten, sondern nur als Folie, um das Bild, unter welchem Sie das Cstherbuch in die Phantasie Ihrer Leser hineinprojizieren möchten, desto Heller erscheinen zu lassen". Was soll ein einigermaßen denkfähiger Leser zu.dieser Behauptung sagen? Dieses merkwürdige Verfahren, daß man über -die Ware des anderen weidlich schimpft, um die eigene 'dadurch wertvoller erscheinen zu kassen, hätte ja .nur dann einigen Sinn, wenn unsere Schriften desselben Charakters wären; denn nur, wenn zwei Werke denselben. Zweck verfolgen, kann der relativ höhere Wert des einen dem anderen gegenüber hervorgehoben werden, -nicht aber, wenn.die Zwecke derselben weit auseinander liegen. Was haben aber Ihre Homilien mit nreinec rein wissenschaftlichen Untersuchung gemein?-Wieso sollen ihre midraschartigen Märchendeutungen meine durch und durch geschichtliche Betrachtung verdunkeln? Sind doch die Kreise, für welche meine Arbeit berechnet-ist, grundverschieden von denen, welchen Ihr Buch nützen könnte. .Wer im Dusel homiletischer Spielereien seine Befriedigung findet, wird nach einem Buche wie das »reinige niemals Bedürfnis empfinden. Sucht einer dagegen nach .logischen Lösungen -historischer Fragen, so wird er nie nach Ihrem Buche greifen. . Oder soll mein Buch deshalb Ihrem Bilde als Folie dienen, um eben dem. Leser den Mehrwert Ihrer -andachterregenden Homilien gegenüber meiner rkrittschen -Forschung besser veranschaulichen zu -können? Nun, damit -können Sie doch einem urteilsfähigen Leser doch sicherlich nicht imponieren; -ein -solcher weiß,, daß jeder normale Konfirmand, -wennwan ihn mit der homiletischen Methode einigermaßen vertraut macht, sämtliche historische und religionswissenschaftliche Rätsel der Welt im Handumdrehen lösen könnte. Ich wlll zum Beweis dieser Behauptung, — falls es noch eines Beweises bedarf — das Moment aus Ihrem Buche, welches Ihr Referent im „Israelit" als herrliches Muster herausgegriffen hat, hier als Beispiel nehmen. Der Bericht im Esther 2, 5—6, wonach Mordechai ein jerusalemitischer Exilant gewesen und somit als 120—30jähriger Mann noch ein strammer Reichskanzler war und Esther, seine Kousine, -also auch mindestens im 70. bis 80. Lebensjahre, noch Me jungen Mädchen an Schönheft und Reiz übertroffen haben soll, wurde schon im Altertum unangenehm empsundeu und dient der Kritik als Beweis für die Ungeschichtlichkeit dieser Erzählung. (Schluß folgt.) Die Juden im -deutsche» Heere. (Bon unserem Berliner Korrespondenten.) Als ich mich am heutigen Sonntag nach der Philharmonie zu der vom „Verband der deutschen Juden" und dem ,Lentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gemeinsam einberufenen Versammlung begab, bemerkte ich auf dem in der Näh« gelegenen Potsdamer Platz, dem verkehrreichsten Punkt der Metropole, nach deffem Ueberschreiten man eigentlich „Gcmmel benschen" sollte, viele Juden, die ebenfalls nach demselben Zielort hineilten. Und wir waren nicht die ersten. Wir fanden den großen Saal ber Philharmonie bereits zum -Teil gefüllt. Auch an der für die Presse reservierten langen Tifchreihe dicht an der Rednerestrade hatten bereits.Vertreter allgemeiner und jüdischer Zeitungen des'In- und Auslandes Platz genommen. Gegen UV» Uhr, die für den Bersammlungsbeginn angekündigte Zeit, wird -bekannt gegeben, daß die Eröffnung auf jwlizeüiche Anordnung erst um 12 Uhr, nach Schluß der Kirchzeit, erfolgen könne. „Obgleich ich überzeugt bin" — bemerkte zu mir ein Kollege — „daß von den Kirchen niemand hierher kommen wird." Im Saale, ber sich inzwischen immer mehr fültte, herrschte eine gewisse ernste Lebhaftigkeit und erwartungsvolle Stimmung. In der Lust lag so etwas wie ein „großer Tag." Und es war auch in der Tat eine bedeutsame Stunde. Zunächst bildete diese Versammlung daserste gemeinsame Auftreten des .Verbandes der Deutschen Juden" und des ,Lentralvereins." Das damit auch äußerlich dokumentierte Zusammenwirken der beiden größten Orgamisattonen der deutschen Judenheit ist von besonderer Wichtigkeit. Sodann bedeutet die Versammlung den Beginn einer neuen Bet-ätign-ngsart des „Verbandes der Deutschen Inden." -Hatte er bisher mehr im Stillen gewirkt, so betritt .er-jetzt das Feld der weithin sichtbaren öffentlichen Wirksamkeit. Der Gegenstand -der heuttgen Tagesordnung, die Zurücksetzung der Juden im deutschen Heer«, ist nicht zufällig gewählt. Die genannten Organisationen wollen ihn zu einem Hauptpunkt ihrer künsttgen Tätigkeit wachen und eine großzügige, systematische Agitation auf diesem-. Gebiete entfalten, die mit der heuttgen Versammlung Einsetzen sollte. Um 12 Uhr eröffnet« Justizrät Ho-roditz die Versammlung, indem er die Bedeutung des Zusammenwirkens beider -Organisationen hervorhebt. Der „Verband der Deutschen Juden" habe -bisher mehr geleistet, als nach außen hin bekannt geworden sei. Er wolle jedoch jetzt seine 7 bisher mehr interne Tätigkett erweitern, um 'die geschmälerten Rechte und die Interessen der Juden wirksam zu verteidigen. Die Zurücksetzung der Juden auf mannigfachen- Gebieten erfolgte auch Wittens maßgebender Stellen. - Es sei daher die Zusammenfassung aller -Kräfte zu einem erfolgreichen Kampfe dagegen notwendig. Einen der wichtigsten 'Gegenstände -bilde -dabei '-die -Stellung »der Jrwen im deutschen -Heere, der -diese Versammlung gewidmet ist. Dieses Thema behandelten dann eingehend und wirkungsvoll die Hauptreferenten Professor M c»r - tin Philippfon und Landtagscwgeordneter Cassel Ersterer mehr in allgemeinen großen Zügen, mit unnachsichtiger Offenheit; letzterer, ein Meister der Pointe, mit-parlamentarischer: Gewandtheit und mehr auf charakteristische: Einzelfälle und dokumentarisches Tatsachenmaterial eingehend. Beide jedoch mit stolzem, menschlichen und jüdischen Selbstbewußtfein und tiefer Entrüstung über.-das Unrecht, -das den Juden.zugefügt wird. Profeffor Philipps»» wandte sich zunächst gegen die' Einwendung, die Ausschließung der Juden von den höheren Militärstellen ginge nur einzelne, nicht äber "die Gesamtjndenheit an. Das

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