Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 44 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44; Frankfurter Israelitisches FaurilieMaü. Seite 3. s e r , stättgefurcken,' in denenbeschlossen wurde, die Höhe der für den Etat der Deutschen Konferenz- Aemeinschast zurückzubehaltcnden Beträge' vom Zentralkomitee der „Lllliancc" bewilligen, zu lassen und — falls keine' Uebereinstimmnng zwischen Berlin und Paris über die Höhe des Betrages erzielt werden sollte — zu diesem Zwecke eine spezielle Sitzung des Zentralkomitees einzuberufen. Darin ist ein Entgegenkommen an die Frankfurter Mitglieder der Deutschen Konfereuz- Gemeinschaft zu erblicken, die für eine Milderung der an Paris zu stellenden Forderungen eingetreten sind. Nach diesem Entgegenkommen dürfte der Statutenentwurf für die Deutsche Konferenz- Gemeinschaft die einmütige Zustintmung aller ihrer Mitglieder finden. Infolge dieser neuesten Wendung wurde auf Wunsch der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft die Frage des Verhältnisses zwischen Berlin und Paris von der Tagesordnung der Sitzung des Zentralkomitees, die am 16.- November in Paris stattsindet, abgesetzt und auf einen späteren Zeitpunkt zurückgestellt. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin, 15. November. Drei Kandivatenlisten werden zur R e p,r äscntanten w a h l ausgestellt: vom „Liberalen Berein für die Interessen der indischen Gemeinde", vom „Centralvcrcin für die Interessen der jüdischen Gemeinde" sder Mittelpartei) und von der konservativ-nationalen „Wahlvereinigung". Die Mittelpartei, welche die Parole „Gleiches Recht für alle!" ausgibt, stellt je sechs Kandidaten von jeder Richtung ans; der Liberale Verein stellt durchweg eine eigene Kandidatenliste auf; die Wahlvereinigung — 10 eigene Kandidaten, 2 Liberale und 6 Kandidaten vom Centralverein. Gestern fand. in den „Germaniasälen" eine sehr stark besuchte Versammlung der „Wahlvereinigung" statt, in der Dr. Klee und Fabrikinspektor L i ch t e n st e i n die Hauptreferenten waren In der Debatte sprachen u. a. Dr. Wittkowski) und für die Liberalen Professor Türk und Syndikus Minden. Auch die kleinen Genieinden an der Berliner Peripherie nehmenam Wahlkampfe Anteil. Vor kurzem sprach Gustav Spiewkowski vom „Centralverein" in einer Wählerversaminlnng in Lichtcnberg und beleuchtete den Standpunkt der von ihm vertretenen Mittelpartci. Auch unter den ausländischen Mitgliedern der hiesigen Geineinde, sowie unter den Handwerkern wird namentlich von der „Wahlvereinigung" eine lebhafte Agitation entfaltet. Im allgenicinen ivird der Kampf von allen drei Parteien mit größtem Eifer geführt. — Am letzten Samstagabend fand eine sehr zahlreich besuchte Versammlung der hiesigen Ortsgruppe der „H i st a d r n t h I b r i t h" statt. Zunächst gedachte Herr Lin des jüngst verschiedenen hebräischen Schriftstellers Lewinsky; sodann hielt Herr H e r »i o n i einen eindrucksvollen Vortrag über Eliescr Ben - Jehuda aus Anlaß seines dreißigjährigen Schriftstellerjubiläums. Berlin. Der eindrucksvollen Kundgebung gegen die Zurücksetzung der Iuden in der . . preußischen Armee, ' zu der sich die vom Verband der Deutschen Juben und den, .Centralverein deutscher Staatsbürger.jüdischen Glaubens in die Berliner Philharmonie am letzten Sonntag einberufene öffentliche Versammlunggestaltete, wird am Donnerstag, de» 24. November. abends Uhr, im Großen Saal der Gesellschaft der Freunde in Breslau eine weitere folgen. — Auch dort wird Prof. Dr. Philippi o n, dessen historisch und kulturell interessante Darlcgunaeu in Berlin reges Interesse .und starken Beifall fanden, als Redner des Verbandes . und als Redner des Centralvereins der Vorsitzende der Breslauer Ortsqrupve -Sanitätsrat Dr. Reich sprechen. Als Diskussionsredner haben sich bereits wohlbekannte Breslauer Persönlichkeiten, wie Geh. JustUrat Feige- Justizrat Olleudorf und Professor Dr; W o h l a u e r angemelbet. Den Vorsitz in der Versammlung wird der bewährte Führer der Fortschrittlichen Volksparte, in Schlesien, Justizrat Heils erg, führen. Beuthen. Die „Brest. Ztg." frischt folgende - Kriegserin«erung auf: Am 30. Okt. waren es vierzig Jahre her, seitdem ciir tapferer Schlesier, dessen nachahmenswerte Taten man sogar in historischen Berichten und Liedern der Nachwelt erhalten hat, im großen Kriege geven die Franzosen.seinen Heldentod erlitt. Siegfried Karfunkelsiein, dessen Eltern i» Beuthen lebten, hatte den Krieg von Anfang an bei dem Elisabeth-Garde-Regiinent mitgekämpft: -Als Gefreiter wurde, er für seine hervorragenden Dienste auf freiem Feld vor Metz mit dem Eisernen Kreuz dekoriert. Seine größte Heldentat aber vollbrachte er bei Le Bourget, wo er dem vom Feindesblei tödlich getroffenen Träger todesmutig die Fahne aus der Hand nahm und sie, zu neuem. Eifer anfachend, siegesgewiß in die Höhe schwang: Kein Geringerer als der greise General vonBudrttzki hat sie dem heldenmütigen Jüngling abgenommen,. als eine feindliche Kugel seine Brust durchbohrte und der kühne Kämpfer kraftlos zu Boden sank. Die Kriegsberichte aller Zeitungen haben den unerschrockenen Mut dieses Grenadiers gepriesen. Welch begeisternden Eindruck diese Heldentat aber auch bei den Ueberlebenden hinterlassen hat, möge die Tatsache illustrieren, daß sogar in. Schullesebüchern ein - Gedicht Aufnahme gefunden hat, tn dem Graf v. D Y h e r r n dem vorbildlichen Grenadier ein dauerndes Denkmal gesetzt hat. Erwähnen wollen wir noch, daß das Eiserne Kreuz des Helden, vom feindlichen Blei verbogen, in der hiesigen Synagoge aufbewahrt wird. (L) Posen. Sehr oft ist es mit Schwierigkeiten verknüpft, für die jüdischen Soldaten die Erlaubnis zur rituellen Beköstigung zu erlangen. Daher ist es von Nutzen, folgende Notiz zur Veröffentlichung zu bringen. Nach dem kriegsministerjcllen Erlaß vom 12. Juli 1832 ist es den jüdischen Mannschaften freizustellen, für ihre Beköstigung selbst zu sorgen oder an der gemeinschaftlichen Speileanstalt teilzunehmen. In Lagern und im Kriege soll diese Rücksicht nicht stattsinden. — Diese ministerielle Bestimmung ist bis zum heutigen Tage noch in Kraft. Unter Vorzeigung dieses Erlasses ist cs mir leicht geworden, beim hiesigen Grenadier-Regiment Nr. 6 für die jüdischen Mannschaften die rituelle Beköstigung zu erwirken. Burghaun. Der 14. November ist und bleibt für unsere Gemeinde ein denkwürdiger Tag. Dem langempfundenen Bedürfnisse nach einem würdigen Gotteshausc ist dank der Opserwilligkeit unserer Gemeinde und dem Vermächtnisse eines zu früh der Welt entrückten Jünglings, des vor Jahresfrist verstorbenen Selig Rußbaum in Frankfurt, dessen Wiege in unserem Orte stand, Genüge geschehen. Eine herrliche Synagoge, eine monumentale Zierde unseres Ortes, mit allem Komfort der Neuzeit, elektrischer Beleuchtung ausgestattet, ist erbaut und gestern in feierlichem Weiheakte ihrer Bestimmung übergeben worden. Nachmittags 2 Uhr hatte sich die Gemeinde in der alten Synagoge versammelt, um tiefbewegt von der heiligen Stätte 'Abschied zu nehmen. In manchem Auge sah man der Erinnerung geweihte Tränen glänzen. Um y»4 Uhr fand der .Weiheakt der neuen Synagoge statt. Ein Regierungsvertrcter überreichte unter sinnigen Worten den Schlüssel, und die Pforten öffneten sich. Mächtig erbrauste ein vierstimmiges „Mah tanwn", gesungen von dem neubegründeten, von Lehrer S o n n-Rhina geleiteten Synagogenchore, in dem heiligen Raume. Provinzialrabbiner Dr. C a h n - Fulda entzündete das „Neirtomid" und hielt dann die Weihereöe, nachdem vorher mit den Thorarollen, die in reichem Silberschmuck erstrahlten, die üblichen Umzüge gemacht wurden. Was der Feier besonderen Reiz verlieh, waren die künstlerisch vollendeten gesanglichen Leistungen des Lehrers Sonns, der durch seine wundervolle Stimme .alle Zuhörer begeisterte.- Oesterreich-Ungar«. Wien. Der Berein der jüd. Handels¬ und Privatangestellten „A ch w a h" hat eine Monatsschrift ..Der Jüdische.Handelsangestellte gegründet; auch ist er Hamit beschäftigt, einen Jüd. Handln.ngsgehilfen-Berband für O e st e r r c i ch ins ^Leben zu rufen. Ueber sein Verhältnis zum Zentralverein kaufmännischer Angestellter Oesterreichs schreibt^. er: „Seine Mitgliedschaft rekrutiert sich bekanntlich fast ausschließlich ans Juden, welche wohl auf - dem Standpunkte stehen, daß die Judenfrage ein noli me tangere ist. Wir haben in unserer ersten Nummer ausgeführt, daß in der letzten Zeit ein förmlicher Boykott gegen die jüdischen Angestellten immer weiter um sich greift. Wir haben gezeigt, daß der jüdische Angestellte unter allen Ausgebeuteten der ansgebentetste, unter allen wirtschaftlich Schwachen der weitaus schwächste ist. Wir haben konkrete Fälle angeführt, ' aus -welchen unzweideutig hervorgeht, baß der Zentralverein, der sich sonst immer als der rechtmäßige Anwalt der gesamten Gehilfenschaft Oesterreichs 'geberdet, in dem Momente versagte, wo es sich darum handelte, gegen diejenigen jüdischen und nichtjüdischen Unternehmer vorzugehen. welche bei Besetzung 'offener Stellen jüdische Bewerber grundsätzlich ausschließen. Diese Dinge wurden einfach ignoriert- und als wir in einer Versammlung/ ans diesen skandalösen Zustand hinwiesen, wurde uns von den Herrn Mitgliedern des Zentralvereines entgegnet, er,' der Zentralverein, könne sich mit spezifisch jüdischen Angelegenheiten überhaupt nicht befassen, denn er seieine „internationale Gewerkschaft." Wehe, dem, der sich getraut, dieser ebenso faulen als lächerlichen Ausrede entgegenznhalten, wie es de facto mit dem Internationalismus des Zentralvereines bestellt ist, der 99°/» jüdische Mitglieder zählt. Da der Zentralverein absolut nicht weiß, wie er sich in dieser Sache benehmen soll, kommt er in große Verlegenheit. Und da es keine Argumente gibt, um diese Tatsachen zu entkräftigen, verlegen sich die Herren auf die absichtliche Störung und Sprengung unserer Versammlungen." Gien. Zn dem Berichte über die Konferenz betreffs einer Hilfsaktion für die galizischen Inden ist noch hinzuzufügen, daß an den Beratungen der verschiedenen Wischen Korporationen, die vom 31. Oktober his zum 2. November dauerten, auch die Vertreter des Wiener Hilfsvereins (vertreten durch Abgeordneten Dr. Mahler) und der B. B.-Loge in Krakau (vertreten durch Rabbiner Dr. Osias Thon, Krakau) teilnahmen. Die Beratungen führten vorläufig, zu keinem bestimmten Ergebnis, da sich die Teilnehmer auf eine gemeinsame . Plattform praktischer Tätigkeit in Galizien' nicht—einigen konnten. Die Beratungen werdennoch Ende dieses Monats in Wien fortgesetzt werden. Sollt« es zu einer Verständigung kommen, so wird noch eine Konferenz . größern Stils in Lemberg stattfinden, wo ein genauer Arbeitsplan entworfen werden soll. —> . Es scheint immer noch Leute zu geben, die in ihrer kindlichen Unkenntnis nicht wissen, daß die ökonomische Lage der galizischen Juden eine verzweiflungsvolle ist, — und merkwürdigerweise sitzen gerade solche Leute in jenem) Gremium, das den galizischen Inden, Hilfe bringen soll. Denn anders ist die Uneinigkeit darüber, wie den galizischen Juden geholfen werden soll,: und die gemütliche Hinausschiebung der Mtion nicht verständlich. Budapest. Bor einige» Tagen erschien das Jahrbuch der Universität, aus dem zu entnehmen ist, daß im Schuljahre 1909/10 die Gesamtzahl der Hörer 6751 betrug. Hiervon waren 2359, d. i. 34.950/» Juden. . Demgegenüber zählt die Budapester alma mater unter 98 ordentlichen Professoren nur 3 Inden, alle an der philosophischen Fakullät. Im medizinischen Fach hat eä nodj kein Jude zur ordentlichen Professur gebracht, ob- < wohl die hervorragendsten Aerzte des Landes Juden sind. —! ■ Die letzte Nummer des Freimaurerblattes „A Biläg" enthält einige sehr interessante Enthüllungen über die Existenz eines über - das. ganze Land verzweigten klerikal-antisemitischen Geheimbnndes und veröffentlicht einzelne Paragraphen ans den Statuten dieser geheimen Bereinigung, die sich in Anlehnung an die Urgeschichte der; Ungarn „Hunnisch-Magyarischer Blutsvertrag" nennt. Die Mitglieder des Verbandes, dem nur ^christliche Ungarn kristallreinen Charakters" angehören dürfen, verpflichten sich, bei Bewerbung um eine Stelle oder bei Anstrebung eines Wrancements usw. einander unter allen Umständen zu unterstützen und als Vorgesetzte die Bundesbrüder unbedingt, „auch wenn dies allgenieine Entrüstung Hervorrufen sollte", andern Bewerbern vorznziehen. — Daß dieses eigentümliche Schutz- und Trutzbündnis in erster Linie gegen hie jüdischen Beamten gerichtet ist, denen jede Möglichkeit des Vorwärts ko m mens unmöglich gemacht werden soll, geht aus der ganzen Tendenz des. Bundes, wie sie in den Satzungen zum Ausdruck gelangt, deutlich hervor. Rußland. Kiew. Einen glänzenden Verlauf hat die hier stattgehabte Konferenz der russischen Landesorganisation für hebräische Sprache und Kultur genommen. Von den Referaten machte besonders die meisterhafte Rede Bialiks über den im nächsten Jahre tagenden hebräischen Weltkongreß einen tiefen Eindruck. Es wurde eine Hroße Anzahl wichtiger Beschlüsse gefaßt; so: in jeder Stadt eine Ortsgruppe der Histadrus' zu gründen und zu diesem Zwecke Agitationsredner durch das Land zu schicken, hebräische Kindergärten zu gründen, hebräische AbendÜrrse für Erwachsene und Schüler der allgemeinen Schulen zu veranstalten, Vorträge Und Unterhaltungsstunden am Samstag für Arbeiter abzuhalten n. a. Betreffs des Weltkongresses im nächsten Jahre wurde beschlossen, dem Zentralkomitee in Berlin vorzuschlagen, daß dieser im nächsten Winter in Deutschland stattsinde. Ueberaus großen Erfolg erzielte die Agitation für den Verlag „T ch ij ah", der nächstes Jahr mit einem Grundkapital von einer halben Million Mark gegründet werden soll. Es wurden insgesamt