Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 44 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Sache im Sande. Jetzt jedoch, nachdem man den wissenschaftlichen Wert der Ällianceexpedition bereits erkannt hat, muß wieder das Projekt aufgegriffen werden, undda die Alliance nicht mitmachen wlll, so muß es eben ohne sie geschehen. Tabei ist man auch sicher, daß die Schule nicht der Verbreitung Pariser Kultur unter den Falaschahs dienen wird. Die Jca vor allem hat die Pflicht, ihre Subvention von 10,000 Mark wieder zu erteilen, und bei einigem Bemühen und energischer Arbeit ist es eine Leichtigkeit, den Rest der Mittel au^ubringen. Es darf nicht vergessen' werden, daß wir unsere nationale Ehre drein setzen müssen, diesen versprengten und unterdrückten Volksgenossen zu helfen; und zumal, wo es sich um solche verhältnismäßig geringe Mittel handelt, wäre cs eine Schmach für die Judenheit Westeuropas, diese nicht aufzubringen. So hoffen wir denn, daß die großen jüdischen Organisationen sich der Falaschahangelegenheit annehmen werden und sie bald ihren! Ende und ihrer- Lösung entgegenftihrcn werden. Tie vielen Probleme des jüdischen Lübens der Gegenwart, die ihrer Lösung durch uns harren, sind zu brennend und zu wichtig, als daß wir mit dieser Frage allzuviel Zeit verlieren könnten. Unsere Ehre und unsere nationale Pflicht muß uns aber auch zu heilig sein, als daß wir sie einer solchen Angelegenheit halber übersehen und vernachlässigen dürsten. Die PariserAlliance-Leitung und die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft. Wir waren es, die den Stein ins Rollen gebracht haben in der Einsicht, daß Solomon Reinach es ist, der die Alliance Jsraslite Universelle in für das Judentum gefährliche Bahnen leitet; wir erachteten es für unsere hcllige journalistische Pflicht, chn vor der großen Oeffentlichkett als Typus des gefährlichen Assimilationsjuden zu charakterisieren. Und siehe, Herr Salomon Reinach sah sich daraufhin benötigt, seinen jüdischen (!) Standpunkt in unseren Blättern der Judenheit bekannt zu geben. Fast die gesamte jüdische Presse des In- und Auslandes nahm davon Notiz, und so boten wir der Oeffenüichkeit Gelegenheit, sich mit der „Jüdischkckt" dieses Herrn vertraut zu machen; alle Welt weiß nunmehr, daß der Leiter einer der grüßtest jüoischcn Organisationen, die über viele Millionen und ca. 40,000 Mitglieder verfügt und dabei rund 150 Schulen teils unterstützt und teils subventioniert, daß dieser Mann weder diejüdischeRelägionnoch diejüdischeSprachenoch das jüdische Volkstum anerkennt, sondern bewußt und planmäßig auf deren Zerstörung hinarbeitet. Ter Stein kam also ins Rollen, doch die Erörterung der Presse drehte sich weniger um die Person des Herrn Reinach, als um die viel zu vielen Alliance -Sünden, obwohl, wie die Dinge bei uns westeuropäischen- Juden messt liegen, wo die kleinen wie die großen gemeinnütziges: Institutionen, die der Gemeindesowie die des gesamten Volkes, bei völliger Ignorierung der Oessentlichkeit unter Ausschluß derselben arbeiten, — die zionistischen Organisationen, sowie der Hssfsverein bilden eine Ausnahme—, die Einzelperson stark in die Wagschale fällt; bisweilen kann ein einziger autokratisch veranlagter Vorsitzender oder gar ein simpler Sekretär alles auf den Kopf stellen und gegen jegliche Bestimmung und Statut „regieren". — Die Alliance Jsraälite Universelle, die von Reinach und Sekretär Bigart regiert wird, beweist diese unsere Behauptung . zur Genüge. - “ Doch inzwischen trat die Deutsche Konferenz- Gemeinschaft gegen alle Gepflogenheiten der Alliance in die Oeffenüichkeit (siehe das Interview, unseres Vertreters mit Geh. Justizrat Timendorser). Nunmehr folgten viele Artikel in der deutsch- Frankfurier Israelitisches Familiknblatt. jüdischen Presse, und fast ohne Ausnahme unterstützte diese die Forderungen des Präsidiums der Konferenz-Gemeinschaft. Dieselben 'gingen dahin, daß von den einlaufenden Geldern die Hälfte der Deutschen - Konkerenzgemeinschaft zu eigener Verwendung verbleiben sollten. Diese Forderungen bedeuteten nichts Neues, denn in Wirklichkeit hatte die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft stets Gelder nach eigenem Ermessen verwandt, und so war es nur eine Bestätigung des' status^ gao, was sie verlangte. Die Pariser Zentrale hatte auch niemals gegen diese Verwendung der Gelder seitens der Deusschen Konferenz-Gemeinschaft irgendwelchen^ Einspruch erhoben. Mit einem Male jedoch besann sich Paris aus die Statuten, denen zufolge die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft alle Gelder nach Paris abzüsühren. hat und so zu einer einfachen Sammelstelle herabsinkt. -Es ist nun merkwürdig, daß diese brüske Besinnung der Pariser Herren auf die Statuten der Alliance erst erfolgte, als Goldberger — der in seinen assimilatorischen und zionistenfeindlichen Tendenzen mit Salomon Reinach sich in voller Ucbercinstimmung befindende Goldberger — gegangen und' Justizrat Timendorfer — der durch sein jüdisches Gefühl und seine Stellung als Vizepräsident des Hilfsvereins Herrn Reinach höchst unangenehme Timendorfer — an seine Stelle trat. Wir wollen nicht mit Sicherheit behaupten, daß dies der einzige Grund der plötzlichen Meiuungsänderung der Pariser Zentrale — d. h. des Herrn. Reinach — ist, aber wenn man keinen anderen vernünftigen Grund sinden kann — und wir finden keinen anderen —, dann kann man wohl mit Leichtigkeit auf diesen Zusammenhang kommen, uno es Ivürde in diesen Gebankengang recht gut hineinpassen, wenn man hört,' daß die Pariser Zentrale das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft in einer Wesse behandelt, die alles weniger als entgegenkommend, und in einem Tone, der alles mehr. als. höflich ist. Welches auch der Grund sei, wenn wir die Differenzen objektiv beurteilen, sind wir der Ansicht, daß für sie das Streitobjekt in seiner jetzigen Form von keiner Bedeutung ist, denn es . ist wirklich nicht von weittragender Bedeutung, ob die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft 50,000 Mk. — von denen ja iwch. ein -großer. Teil für Verwaltungsspesen und Propaganda abgeht — zur eigenen Verwendung behält oder nicht. Etwas Großes läßt sich damit auf keinen Fall beginnen. Für uns hat der Streit nur Bedeutung, weil er symptomatisch ist, und auf dieses Symptomatische ist der Nachdruck zu legen. Wir glauben nämlich in ihm den Ausdruck einer gewissen, innerhalb der' leitenden Kreise der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft bestehenden Mißstimmung über die Tätigkeit der Pariser Zentrale zu sehen. Tenn: Entweder — Oder. Entweder sind die Leiter der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft mit der Tätigkeit der Pariser Zentrale einverstanden, wozu dann das hartnäckige Bestehen auf Beibehaltung der 50,000 Mk.; haben sic zu der Zentrale wirkliches Zutrauen, dann können sie ja ihr die richtige Verteilung und Verwendung der Gelder übertragen. Oder aber die Leiter der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft sind mit der Pariser Zentrale -unzufrieden,—dann, ja dann dürfen sie sich nicht darauf beschränken, diese 50,000 Mk. ftir sich behalten zu dürfen, um sie besser verwenden zu können; vielmehr müssen sie unbedingt darauf bestehen, daß die Zentrale andere Bahnen einschlage und eine radikale Umwandlung vornehme. Ties aber läßt sich am besten erreichen, wenn die Leitung der Alliance von Paris nach einer anderen Hauptstadt —1 am geeignetsten wäre Berlin — verlegt werde. Sollte dies jedoch nicht angehen —. aus Gründen, die wir wohl zu würdigen ivissen —, dann muß das Mindestmaß der deutschen Forderungen das sein, daß Salomon Reinach von der Leitung der Alliance, die er nur entgegen allen Statuten inne hat, zurücktritt und einem anderen, besseren Juden überlasse; und was Herrn Bigart betrifft, so glnnben wir. Nr. 44 daß er auch , andere Weisen spielen kann, wenn der Dirigent ein anderer ist. Diese Forderung mag vielleicht manchem deutschen Alliancemitglied als revolutionär und unmöglich erscheinen, 'in Wirklichkeit ist sie nur das mindeste dessen, was verlangt werden muß, und muß schon aus einfacher Respektierung der Statuten erfüllt werden. Allerdings, wir wissen, daß diese Durchsetzung dieser Forderung schwere Kämpfe, kosten muß, aber wir glauben und hoffen, daß die Liebe zum Judentum bei den Leitern der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft noch so stark ist, daß sie vor diesen Kämpfen nicht zurückscheuen werden. Wie unsere Leser aus dem Berichte unseres Berliner Korrespondenten ersehen, ist die Beilegung der Differenz von der Tagesordnung der am 16. November zu Paris stattgefundenen Sitzung des Zentralhunttees abgesetzt und fiir eine speziell hierfür in Balde einzuberufcnde Konferenz Vorbehalten worden. Dieser Beschluß ist die Folge einer vor einigen. Tagen zu Frankfurt a. M. stattgefundenen Konferenz von einer Anzahl von Komiteemitgliedern der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, an der auch der Präsident, Justizrat Timendorfer, teilnahm. Wie unser Berliner Korrespondent aus authentischer Quelle erfährt, hat die Konferenz einen Beschluß gefaßt, der ein Nachgebcn gegenüber Paris bedeutet. Wir nehmen an, daß dieser Beschluß der Friedensliebe unddem Wttlen zur Festhaltung am universellen Charakter der Alliance seitens der Teilnehmer an dieser Konferenz entspringt. Wir sind gewiß die letzten, die den Frieden mutwillig stören wollen und den universellen Gedanken, den die Alliance verkörpert, bekämpfen. Aber der Friede und der universelle Gedanke hat nur dann Berechtigung, wenn er zum Heile unseres Volkes ist u n d n i ch t etwa auf Kosten des Judentums verwirklicht wird. So muß das wichtigste Motiv bei allem, was geschieht, das Wohl des Judentunrs bleiben, und dann hoffen wir, daß es in dieser Zeit bis zur nächsten Konferenz gelingen werde, alle noch irgendwie schwankenden Mitglieder des Zcnrralkomitees der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft an ihre Pflichten dem Judentum gegenüber zu erinnern und eine feste Einigkett zu erzielen.' Wenn die deutschen Konnteemttglieder geschlossen mit - ihren Forderungen in Paris auftreten werden, dann kann es ihnen nicht am nötigen Erfolg fehlen. Dazu aber müssen sie — wie gesagt — einig unter sich sein. . Es gibt Fälle in der Geschichte, in denen Augenblicke von größerer Bedeutung sind als große Zcitperioden. Es gibt auch Fälle in der Geschichte, in denen die Haltung von einigen Männern folgenschwerer ist als die von ganzen Massen. Beide Fälle treffen bei den Mitgliedern des Zentralkomitees der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft zusammen, und so wird ihre Verantwortung doppelt groß und schwer. Wir hoffen, zuversichtlich, daß die deutschen Mitglieder des Z entr al ko in it e cs d er Al li an ce Jsraslite Universelle den einzig richtigen Weg einschlagen, daß sie sich auf ihre Pflichten als Juden besinnen, daßsie so handeln werden, daß die Geschichte einst wird sagen ,können: Sie haben sowohl die Bedeutung des Momentes als auch ihre eigene Verantwortung erkannt und ihre Pflicht als Juden voll und ganz erfüllt. Die neueste Wendung in der Alliance. (Von unserem Berliner Korrespondenten.) Die Lage in der „Alliance" hat in den letzten Tagen eine neue Wendung genommen. Die Hauptdifferenz zwischen ' Paris . und Berlin,. die Frage der Zurückbehaltung eines wesentlichen Teiles von den Einnahmen in Deutschland ftir Zwecke der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, geht jetzt einer Lösung entgegen, Wie ich aus authentischer Quelle erfahre, haben vorige Woche in Frankfurt a. M. Verhandlungen von Mitgliedern der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft unter Teilnahme des Präsidenten, Geheimrat T i m e n d. o r-