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Neue jüdische Presse · 1910-11-18 · Heft 44 (18.11.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 44 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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< —-—:--- - " > Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frer ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein- . - schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,80, sonstige Länder M. 2.— ■___" ' Frankfurt a. m.. vildelerftraße 4/6. Ecke Lleichstra-e Per-fo» 10507. Herattsgever: Kalg chei§. JnserttonSpreise: Die viergespallene Petitzeile. SSM. Die Reüamezeile.. . . io« .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. 8< Jahrgang. Freitag, den 16. Cheschwan 5671 (18 Nobember 1910). Rr. 44. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ans der Welt der Gedanken. — Die Pariser Alliance-Leitung und die Deutsche Konferenz- Gemeinschaft. — Die neueste Wendung in der Alliance — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunft — Wochen-Kalend er. — Familiennachrichten. Aus der Wett der Gedanken. (Betrachtungen und Besprechungen.) V. Tie Falafchahs. Ein Volk wird nach einer jahrhundertelangen Kulturentwicklung plötzlich aus. seinem Lande vertrieben, in alle vier Winde zerstreut, der Zusammenhangzwischen. manchen Teilen geht verloren, und . nach einer Wanderung von 2000 Jahren findet man einen Teil des Volkes m einem Erdteil wieder, in dem ihn niemand vermutet, in einem Lande, in dem ihn niemand gesucht hätte. Das Volk weiß nichts von seinem Teile, der versprengte Teil weiß nichts von der Existenz seines Volkes; kann solches einem anderen Volke als dem unseren widerfahren? Ein solches Schicksal ist spezifisch jüdisch, ist eben ein Judenschicksal . . . . : Tas Volk erfährt von seinen nie gekannten Brüdern, die dort fern im dunklen Erdteil jammervoll dahinlebrn, unterdrückt und geknechtet, qrm und elend, und das Volk schweigt; hier und da schreibt man einen Artikel, da und dort interessieren sich einige Juden für ihre verlassenen Brüder, der und jener geht wohl hin, einen Vortrag über ihr Schicksal zu hören, wie man solche über Eskimos und Hottentotten hört; .— im ganzen aber bleibt es ruhig. Das bischen Geld, das man zur Errichtung, einer Schule braucht, nnrd nicht aufgebracht, und als man sich an die Organisation; die in sich die Vereinigung aller Juden darstellen will, um Hilfe wendet, erhält man die Antwort: „Ikons. uvons assez de juifs ei n’avons pas besoin d-autres“. (Wir haben genug Juden und brauchen keine neuen.) Ist solches bei einem anderen Volke als . dem unseren nüiglich, überhaupt denkbar? Auch dies ist v spezifisch jüdisch, auch dies ist Judenschicksal. .. - - * - . . -. - Die Falaschahängelegenheit zichisich nun schon seit vier Jahren dahin, ohne daß irgend ein. Fortschritt darin erziell toorden sei. Dr. Fnitlowitsch hat zwar in der Zeit eine neue Forschungsreise nach Abessynien unternommen, hat auch darüber ein. neues Buch mit schönen Bichern geschrieben,^) aber dadurch ist die Sache auch nicht um einen Schritt gefördert - r. *) Quer durch Abessynien. Meine zweite Reise zu den Falafchahs von Dr. I. Faitlowitsch. Berlin. Verlag von M. Poppelauer. 588 S. mit 60 Illustrationen. Preis brosch. 5 Jk, geb. 6 JL 1 . worden. Die Schuld daran trifft nicht etwa Dr. Faitlowitsch, sondern diejüdische Oeffent lichkeit und vor allem die Alliance. Das Verhalten der Alliance in der Falaschahangelegenheit ist das Bedeutungsvollste an der gesamten vierjährigen Entwicklung derselben. Tie Alliance als die jüdische Organisation, die den Zweck hat, alle jüdischen Unternehmungen zu fördern, die Alliance als die sein wollende Repräentantin der gesamten Jndenheit hätte ganz natürlich vor allen übrigen Organisationen die Angelegenheit in ihre Hand nehmen müssen. Also glaubt jeder gesund denkende Jude. Doch der Jude denkt, nrrd Reinach lenkt. Mit Entrüstung weist hie Alliance jede Unterstützung der Falafchahs zurück, und Herr Reinach gibt die klassische Antwort, die ich vorhin bereits angeführt habe. Wer die Psyche dieses Mannes kennt, der wird darüber nicht staunen. Salomon Reinach mußte die ganze Sache natürlich höchst fatal und unerwünscht sein. Quält man sich da ein ganzes Leben daran ab; die Inden zu assimilieren, sie unter ihren Nachbarvölkern verschwinden zu lassen) — und plötzlich kommt ein Forscher und berichtet von ganz neuen Juden, von deren Existenz man gar nichts geahnt hat. Ist das nicht in . der Tat ärgerlich, und nimmt es da wunder, wenn Herr Reinach erklärt: „Wir haben genug (leider schon allzuviel) Juden und brauchen keine-neuen!" Also, daß die Mliance eine Förderung der Sache ablehnte, war vorauszusehen; dies ist nicht das Erstaunliche. Wer daß. die jüdische Oeffentlichkeit das ruhig mttansah, daß die Mitglieder der Alliance sich dies ruhig bieten ließen, dies ist schier unbegreiflich. Doch ich vergesse: der jüdischen Qesfentlichkeit wurde ja Genüge getan, sandte man doch eine Sonderexpedition zur Untersuchung der Lage der Falaschahs, und die Expedition untersuchte gewissenhaft und gründlich und kam zu dem Resultate, „daß es nicht wünschenswert scheine, daß überhaupt etwas getan Ivird". Daß die Expedition zu dieser Ansicht kommen würde, wußten die Herren der Alliance zu Paris schon vorher, noch bevor sie Paris verlassen hatte; stand doch an der Spitze der kluge Professor Ha im Nah um, und Haim Nahum versteht Politik zu machen, selbst wo es sich um ernste Wissenschaft handelt. Also, auch das kann nicht verwundern, daß die Expedition ein solches Votum abgab. A b e r d a ß die jüdische Oeffentlichkeit dieses frivole Spiel ruhig hinnahm und diese zynisch e Maskerade ruh kg ans ah, dias ist unfaßbar und wirst ein Helles Licht auf den erschreckenden Jndifferentismus der westeuropäischen Jndenheit. . All diese Vorgänge haben: gezeigt, daß man von der Alliance nichts erwarten darf. Es entsteht also die Fraget: Was nun? Die Angelegenheit'so weiter hintanschleppen bedeutet nicht nur eine Schmach für das jüdische Gefühl der westeuropäischen Jndenheit, sondern würde auch die Falaschahs noch mißtrauischer machen, als sie es jetzt zum Teil schon sind. Es muß also jetzt unbedingt etwas geschehen, zumal da es sich nicht um Millionen handett und eine verhältnismäßig geringe Summe genügen würde. Zwei Schritte sind es, die jetzt getan werden müssen Vor allem muß eine Expedition nach Abessynien gesandt werden, die in Gemeinschaft mit Dr. Faitlowitsch die Sache untersuchen soll. Was wir nämlich über die Falaschahs wissen, ist ungemein wenig, fast nichts. Wir wissen wohl, daß sie Juden sind, wissen aber nicht, ob. sie jüdischen Hersprunges sind oder nur etwa ein Negerstamm, der das Judentum angenommen hat. Nach den Typen zu schließen, die Tr. Faitlowitsch auf den Bildern vorführt, wäre das letztere sehr wohl möglich, sogar wahrscheinlich. Wir wissen ferner, daß sie jüdische Sitten und Einrichtungen besitzen, wissen aber nichts näheres über ihre Kultur, ihr soziales und geistiges Leben, wissen nichts über ihre Eigenart und ihre Denk- und Fühlweise; kurz und gut, die bisherigen Forschungen haben uns noch nichts gegeben, wovon wir uns irgend ein Urteil, irgend eine Vorstellung über die Falaschahs hätten bilden können. Auch in seinem letzten Buche hat uns Dr. Faitlowitsch nichts, näheres über die Kultur der Falaschahs berichtet und stellt hierfür ein besonderes Buch in Aussicht. Ich würde sehr wünschen, daß dieses sehr bald erscheine, denn nachdem man vier Jahre lang von den Falaschahs hört und spricht, nachdem so viele Arttkel geschrieben, so viele Lokalkomitees gegründet, so viele Vorträge mit Lichtbildern gehalten worden sind, hat die Oeffentlichkeit wvhl das Recht, etwas Genaueres und Näheres über ihr Kulturleben zu erfahren. Mit rein äußerlichen Angaben ist da nicht geholfen; es kommt nicht darauf an, wo sie leben, sondern wie sie leben, nicht darauf mr, wieviel Familien an jedem Platze sind, sondern Wie diese Familien sind. Dies alles scstzustellen müßte — wie gesagt — eine Expedition zu den Falaschahs gesandt wettien, die ein genaues Studium über ihre Kultur und soziales Leben anstellen müßte. Der zweite Schritt, der in dieser Angelegenheit unternommen werden muß — und zwar ebenso bald wie der erste — ist die Errichtung einer Schul es ür sie inErythräa. Wenn man bedenkt, wieviel Geld unsere Philanthropen jährlich für die verschiedensten Zwecke ausgeben, wieviel Geld von unseren großen Organisationen verbraucht — oft vergeudet — wird, so muß man staunen, daß es bisher nicht gelungen ist, die Mittel für eine Schule für die Falaschahs aufzubringen, Mittel, die nicht allzu hoch sind. Allerdings ' war schon vor zwei Jahren die Errichtung dieser Schule der Verwirllichung nahe, die Jca hatte bereits 10,000 Mark zur Verfügung gesteckt, aber dank dem Resultate der von der Alliance gesandten Expeditton verlief dann die

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