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Neue jüdische Presse · 1910-11-11 · Heft 43 (11.11.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 43 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 43. ■ , ■ Parts. Nach Drahtberichten, die bei dem Central- Komitee ' der Alliance Jfraälite Universelle cingegangen sind, ist das 'jüdische Stadtviertel i n S ch i r a s (Persien) völlig verwüstet worden. 5000 Personen stehen mittellos da. Mehrer? Jüden würden getötet, viele schwer verwundet. Gleich nach Eingang dieser Meldung hat daS Zentral-Komitee telegraphisch 5000 Francs nach Schiras überwiesen und das Auswärtige Amt in Paris um eine Intervention bei der persischen Regierung gebeten. Rußland. Petersburg. Verschiedenes. Der hiesige Stadthauptmann erließ den Befehl zur Ausweisnng von 64 jüdischen Handwerkern, die sichnicht mit ihrem Handwerk beschästigt hätten. Das Oberkriegsgericht lehnte die Bitte der Witwe des unschuldig Hingerichteten Juden Glusker um Revision des Urteils ab. Diese schmachvolle Ablehnung, die die russische Gerechtigkeit im hellsten Lichte zeigt, hat trotzdem keine große Bedeutung, da die Unschuld Gluskers auch ohne das Kriegsgericht bewiesen ist und von niemand bezweifelt wird. Die K o n f e re n z der p o l n i s ch e n N a t i oualdemokraten ^nn d Realisten, die vor kurzem in, Warschau stattfand, beschloß bei der Verhandlung der Reichsduma über die Einführung der S e l b st v e r w a l t u n g in den polnischen Städten für die E in s ch r änkun g der Inden im Wahlrecht zu stimmen. Als Motiv wurde angegeben, daß andernfalls in den meisten Städte» Polens die jüdischen Wähler in der Mehrzahl sein werden. Bemerkenswert ist, daß die Nationaldemokraten und Realisten „liberale" Parteien sind. Was hat aber das zu sagen? Der Liberalismus hört eben auf, 'wenn wir Juden auf der Tagesordnung stehen! L. K. -Petersburg. Der Wechsel im russischen Aufklärungsministcrium. — Die jüdische Engend Rußlands fühlt sich von einer schweren ast befreit: Schtvarz, der berüchtigte Ausklärnngsminister, hat seinen Posten verlassen. Rußland hat wohl bisher keinen zweiten Aufklärungsminister gehabt, der es so glänzend verstand, Zirkulare gegen die jüdische Jugend zu erlassen, um dieser hie Bildung zu erschweren oder sogar unmöglich zu machen. Unzählig viele Erlasse erschienen einer nach dem.andern, immer schrecklicher wurde die Lage der jüdischen Jugend, immer schwerer wurde ihr der Eintritt in Schule und Universität. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß noch vor einem oder vor zwei Jahren der Eintritt in ein Gymnasium oder eine Universität im Vergleich zu heute ein leichtes Spiel war. - ' Eine Folge dieser verzweifelten Lage der jüdischen Jugend ist die fortwährend wachsende Zahl der russisch-jüdischen Studenten an den deutschen Universitäten, die schon beginnen, ihre Türen den Ausländern $u verschließen, und, was die Tragik her Lage noch viel besser charakterisiert, die wachsende Anzahl der Taufen unter der jüdischen Jugend Rußlands. So hat denn Schwarz seine Pflicht als Mnister glänzend erfüllt und für die Aufklärung des russischen Volkes, die in erster Linie in der Unterdrülkung der Juden besteht, sehr viel getan Und nach Erfüllung seiner Pflicht verschwindet er von der Bühne der russischen Staatskunst, nachdem er in derselben tiefe Spuren hinterlassen hat, noch viel tiefere aber in den wunden Herzen der jüdischen Bevölkerung Rußlands. Die Presse schrieb schon lange von Schwarzs bevorstehendem Weggehen. Denn es'.hatte kein Mnister so viel'Gegner wie er. Seine Vorschriften zeugen nämlich oft von Verrücktheit; ich will nur die Vorschrift erwähnen, die den Gymnasiasten das Tragen von zu breiten Gürteln verbietet. Wie verhaßt Schwarz bei den russischen Juden war, davon zeugt der fast zum Sprichwort gewordene Ausspruch: „Schwarz, er soll schwarz werden!" Und wirklich war, keiner der Träger des russischen Antisemitismus bei den russischen Juden so verhaßt wie er, ausgenommen höchstens Markow der Zweite und Purischkewitsch, von dem jüngst sogar eine antisemitische Zeitung schrieb, sein Name sei zu einem Schimpfwort geworden und erfreue sich bei Len Droschkenkutschern häufiger Anwendung. Der Nachfolger Schwarzs, der Moskauer Universitätspvofessor .Kafso, hat sich bisher politisch nicht betätigt, und man weiß nichts' von seinen politischen Anschauungen, die sich sicherlich von denen seines Vorgängers nicht viel unterscheiden werden. Doch . da sie nicht schlimmer, sondern nur besser wie die seines Vorgänger sein können, — so hoffen wir Juden vorläufig. L K. Kiew. Bon Donnerstag den 3. bis Sonntag den 6. November fand hier eine aus allen Teilen Rußlands .besuchte, Konferenz der . russischen Landesorganisation für hehr. Sprache und Kultur statt, die sich mit der Festsetzung der Richtlinien für die Tätigkeit der Organisation in Rußland Frankfurter NraeKtisHes FamMeMaÜ. beschäftigte. Es nahmen u. a. teil: Ch. B i a l i k, A. Ben-AwiLdor, N. So ko low, 1. Uschiskin, H. Slatopolski, Rabbiner Tsch ern o witsch und andere bedeutende Persönlichkeiten. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Das Deutsche Bureau der Alliance Jsraslite Universelle teilt mit, daß das Zentral-Komitee der Alliance in Paris für die jüdische Bevölkerung in Tripolis, die von? der Cholera besonders heimgesucht wird, 1000 Francs überwiesen hat. Berlin. Revräsentanter-Boistehcr Louis Sachs erhielt den Rot en A d l e r o r d e n 4. Klasse. Eugen Panofsky, Mitchef der Firma Jaquier u. Secarius, die Rote Kreuzmedaille 3. Kl. AlbertKirsch stein wurde zum Handelsrichter und die Aerzte Dr. Dir. Isidor Ostrodzki, Paul David, Ludwig Gronau, Karl Cohn, Wilhelm Goldman» und Oskar Lewin zu Sauitätsräten.ernannt. Barmen. Anläßlich des 70. Geburtstages unseres hochgeschätzten ersten Vorstehers, des Kommerzienrats Hermann Wahl, fand in der Synagoge einen Fe st g o tt e s d i en st statt. Cassel. Kommerzienrat G u st a v Plaut wurde in den Provinziallandtag gewählt. Cronbera i. Taunus. Der kürzlich hier ververstarbene Ehrenbürger der Stadt Cronberg Wilhelm B. Bonn, hat testamentarisch außer verschiedenen anderen Spenden dem Cronberger Versorgungsfonds 75000 Mark vermacht. Mannheim. Anläßlich ihrer am 5. November stattfindenden goldenen Hochzeit stiftete das Heinrich Z i m m e r n' s ch e Ehepaar 25 000 JL für eine Stiftung, die unverschuldet in Not geratenen Einwohnern Unterstützungen gewährt. —' In Kippe »heim wurde S a m u c l L. W e r theimer in den Gemeinderat gewählt. Hagenau. Der jüngst in Paris im 85. Lebensjahr verstorbene Daniel Theodor Weil! testierte dem hiesigen israel. K n a b e n w a i s c n - h a u s e 10 000 F r c s. Stratzburg. Zum Vorsitzenden dkr beginnenden Schwitrgerichtsverhandlungen wurde Landgerichtsdirektor Geh. Justizrat L e v y ernannt. (L) Posen. Justizrat Placzek wurde zum Notar und Dr. Eduard Krayn zum Sanit ä t s r a t ernannt. —i In Gnesen wurden Kommerzienrat R o g o w ski, Kaufmann Salo Wreszynski und Justizrat Türk in den Kreistag gewählt. WörriShofen. Der hier verstorbene Josef T r i t s ch, ein geborener Prager, hat in seinem Testament ein Kapital von etwa 460 000 Kronen zur Begründung von drei Stiftungen für israelitische fölinüe, für Sieche .und Geisteskranke in Böchmen bestimmt. Außerdem hat er feine Einrichtung in Obermais bei Meran im Werte von 60 000 Kronen dem M e r a n e r i s r a e l i t. A s y l zediert. Worms. Dem Hauptmann d. L. a. D. I o s e f Gernsheim zu Worms, erster Vorsitzender der militärischen Vereine des Hassiabezirks und Präsident des Kriegervereins Worms, würde der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen. Budapest. Den Bemüdungen des Klubs zionistischer Akademiker „Makkabäa" ist es gelungen, die maßgebenden Kreise der hiesigen Judenschaft für die Errichtung einer jüdischen Mensa academica zu gewinnen. Das Zustandekommen dieser für die unbemittelte und minderbemittelte jüdische Studentenschaft so wichtmen Institution erscheint durch die große Zahl der Beitrittserklärungen gesichert. London. Anläßlich der Ernennung Sir Rufus I s a a c s zum General-Staatsanwalt von England, weist „Westminster Gazette" darauf hin, daß unter der Königin Viktoria ein Jude, Sir George Jessel, der bedeutendste Richter Englands war. Seine Marmorbüste ist im.hiesigen Justizpalais aufgestellt. London. Die,Jüdische Gemeinde wird Lord Rothschild's 70. Geburtstag durch die Ueberreichung eines Gratulationsalbums mit den Unterschriften der Präsidenten aller jüd. Institutionen England s feiern. Auch der Vorstand der Bereinigten Synagogen Londons, dessen Präsident Lord Rothschild ist, wird eine Adresse überreichen. — Zum ersten Male ist ein Jude für das Amt eines Coroners (Richter bei Leichenbeschauungen in. Fällen plötzlichen und gewaltsamen Todes) gewählt worden. Der Betreffende ist der Rechtsanwalt Dr. Georg Cohen, der vom Rate der Grafschaft Mddlesex als Coroner für den Zentralbezirk der Grafschaft ernannt wurde. Paris. Die Akademie der Wissenschaften hat'Dr. Nahum Sluschz zwecks Studiums und Sammlung der dortigen phönizischen Inschriften mit einer Misst onnachTunis betraut. ' Rom. Kommandeur Pri mo Levi, brr italienische Generalkonsul in Saloniki, ist 'zum Leiter d es H andelspartements im Auswärtigen Amte ernannt worden. Florenz. Moise Finzi, einer der wenigen der Tradition treuen und im Jüdischen bewanderten Juden Italiens, feierte seinen 80. Gebnrtst a g. Finzi ist Präsident des Rabbinerseminars und Vorstandsmitglied der Jüd. Gemeinde. In seinem Berufe als Advokat hat er am Samstag nie seine Kanzlei und das Gericht betreten. Seine Praxis übte er vereint mit Adriano Mari, der, während Florenz die Hauptstadt Italiens war, als Kammerpräsident nnd Justizminister fungierte. Dieser Verbindung verdankte er es, daß ihm von der Regierung viele Jahre hindurch die wissenschaftliche Ausbildung der künftigen Diplomaten übertragen war. Von seinen Veröffentlichungen sei hier nur aus die Gutachten im Prozeß um das Testament Keid Nissin Samama's,' die umfassende Studien auch des jüd. Nachlaßrechtes erforderlich machten, sowie aus seine Arbeiten über das Besitzrecht im Ghetto hingewiesen. Jassy «Rumänien). Der rühmlichst bekannte Arzt Dr. K. Lippe, Verfasser mehrerer apologetischer Schriften, Zionistenführer, Ehrenpräsident der Änei- Brith-Loge und.Ehrendirektor der Junimeo-Schule, feiert am 16. Nov. n. St. seinen 80. Geburtstag Warschau. Die jüdische Intelligenz Rußlands feierte in der vergangenen Woche das fünfzigjährige Dich terjnbilänm des populären Schriftstellers M. Lev in („Jehallel"). Levin hat viele Gedichte und Essays veröffentlicht nnd u. a. auch Disraelis „Tancred" ins Hebräische übersetzt. Einer seiner Schüler, L. Brodsky, wird eine komplette Ausgabe der Werke Levi ns veranstalten. Salonique «Türkei). Die Entführung-en junger Jüdinnen in der Absicht» sie zum Islam zu bekehren, mehren sich. Kürzlich wurde wieder, nnd zwar in Serres, ein junges Mädchen namens Sarah Levi aus seiner Wohiumg geraubt, um zu dem mohammedanischen Glauben bekehrt zu werden. Ein gleicher Fall wird ans einem Dorfe bei Smyrna berichtet. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M- Vakanzen. Rüdesheim, Lehrer, Kantor und Schächter per 1. Januar. Gehalt 800—900 Mk.; Zülpich, Lehrer nnd Kantor per 1. Llpril. Gehalt 1200 ML; Rodheim v. d. Höhe, Lehrer, Kantor und Schächter per sofort. Gehalt 900 Mk. Eaffel. Dieser Tage'kfand am israelit. Seminar die zweite Lehrerprüfung statt..- Die fünf Examinanden — Frohsinn, Lehrer in Peckelsheim, Goldschmidt, Lehrer in Nesselröden, Lands« berg, Lehrer in Weither, Mayer, Lehrer in Geldern nnd Neumark, Lehrer in Windecken — bestanden die Prüfung. Hamburg. Die Abschied'sfeier für unseren nach Frankfurt berufenen Rabb. Dr. Nobel fand unter außerordentlich großer Beteiligung statt. Vorstand und Delegiertenkvllegium des Synagogenverbandes waren fast vollzählig, Gemeindevorstand nnd Repräsentantenkolleginm zum größten "Teile vertteten. Der Chor der Bornplatz-Synagoge eröffnete unter Leitung Oberkantors Dreiblatt die Feier. Sodann gab Hermann Gnmpertz dem Bedauern um das Scheiden des um das jüdische Leben Hamburgs und um alle Institutionen der Hamburger jüd. Gemeinde so sehr verdienten Rabbiners Ausdruck, überreichte Sr. Ehrwürden als Ehrengabe eine Torarolle mit wertvollem Gerät nnd vornehm ausgeführter Lade und verlas eine Dankadresse mit den llnterschriften aller derjenigen, die zu der Ehrung beigetragen haben. Oberkantor Roscnblatt trug hierauf, abwechselnd mit dem Chor, den Psalm „Leoowid mismaur" vor. Nunmehr ergriff Rabbiner Dr. Nobel das Wort. Ans dieser Rede sei das freimüttge Bekenntnis herdorgehoben, daß es fein Lieblingswunsch gewesen sei, als Nachfolger des verewigten Herrn Oberrabbiners Hirsch in Hamburg fortwirken zu können. In geistvoller Weise warf der Redner einen Ausblick auf seinen zukünfttgen Wirkungskreis und schloß init dem Wunsche, daß der auserwählte Hamburger Oberrabbiner der ganzen Gemeinde zum Segen wirken möge. Mt dem Dorttage des „Uwnucho jomar" schloß die Feier. An dieselbe schloß sich ein Festbankett. Elbing. Als Nachfolger des nach Schwerin berufenen Tr. Silberstein ist Dr. Auerbach aus Dresden, gebürttg aus Rawitsch, zum Rabbiner unserer Synagogengemeinde gewählt worden. Freiburg. Dr. F. Straßburger wurde zum Rabbinatsverweser des hiesigen Bezirkes ernannt Halberftadt. Es wird geplant, im Frühjahr eiire Einrichtung hier ins Leben tteten zu lassen, von der wir hofsen, daß sie nicht nur unserer Gemeinde, sondern auch der weiteren Judenheit zu gute kommen wird. Seit über 100 Jahren besteht hier die asch arath Zwi"-Schule. Trotzdem imLehrplan dieser Schule die Thauro-Fächer «inen ganz bedeutenden Platz einnehmen, hat doch seit ihrem

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