Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 43 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 43 trifft man häufig unter den Auswanderern, um dort jenseits des großen Wassers ihr Brot zu suchen. Selbstverständlich genießen diese den sichersten -Schutz -seitens der Komitees, damit sie vor den Mädchenhändlern geschützt sind, die sich in unauffälliger Weise von den' Mädchen fern zu Haften wissen uttbj doch im geheimen Einverständnis mit ihren Opfern bleiben. Leider müssen wir es bekennen, daß unter diesen Verführern und Verführten viele unseres Stammes sind und ohne Gewissen ihrschändliches Gewerbe treiben. Doch diesen gegenüber muß die Aufklärung in Rußland vor allem einsetzen, das wäre die wirksamste Schutzmaßregel. Tr. W. Berliner Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Die Wogen des Wahlkampfes um die Rcpräsentantensitze gehen hoch. Auf beiden ©eiten werden die größten Anstrengungen gemacht: Je näher die Entscheidung herankommr, um so leidenschaftlicher und hitziger .wird die gegenseitige Befehdung, um so gereizter und erregter wird der Ton in den Flugblättern und namenttich in den Versammlungen, seien sie von den Liberalen oder der national-konservativen Koalition einberufen. Diese Versammlungen werden von beiden Setten in etwa gleicher Zahl veranstaltet: auf eine liberale folgt gewöhnlich eine antiliberale. So fanden vor kurzem drei große Versammlungen fast hintereinander statt, in denen es teilweffe sehr stürmisch zuging. In der einen, vom „Neuen Jüdischen Gemeindeverein" einberufenen Versammlung referierten ProfessorLcvin und Tr. Klee. Elfterer wandte sich besonders gegen die Bezeichnung der anilliberalen Kvalttion als „Schwarzblauer während Tr. Klee auf das Wesen der Forderungen des genannten Vereins einging. Er kämpfe gegen den Niedergang des Judentums, fordere mehr Pflege der hebräischen Sprache, die Begründung konfeffioneller Religionsschulen, selbständige Synagogeitbezirke unter zentraler Lettung mtt eigenem Seelsorger, sowie eine Vermehrung der Synagogenbauten. In der Diskussion verteivigte zunächst Dr. Abraham die Liberalen. Redner begann seine Ausführungen mtt dem Hinweis darauf, daß die Konservativen bis zu den vorletzten Wahlen die Majorttät in der Repräsentantenversammlung beseffen und doch, ihre eigenen jetzigen Forderungen nicht verwirklicht hätten. Alles Gute und Positive an Gemeindeeinrichtungen sei das Werk der Liberalen. Viele der gegnerischen Forderungen seien zum Tell bereits längst zur Ausführung gelangt, tells unrcalisierbar. So könne die Gemeinde nicht, wie verlangt wird, polüisch hervortreten, da das über den Rahmen ihres verfassungsmäßigen Charafters hinausgehen würde. Die Liberalen seien nicht prinzipiell gegen die Dezentralffation; nur wären dabei formelle Schwierigketten zu überwinden. Tie Forderungen auf Aufbesserung der Beamtengehälter und Einführung einer progressiven Einkommensteuer seien längst erfüllt. Ae Einrichtung konfessioneller Religionsschulen berge in sich die Gefahr eventueller Zwangseinschulung aller jüdischen Kinder in solche Schulen, selbst in höhere, wie^ Gymnasien und Universitäten. Im wetteren Verlauf. der Debatte traten Professor Lev in, Dr. Witkowski, Dr. Heinrich Löwe u. a. diesem Redner entgegen, indem sie die gegenwärtige Gcmeindeverfassung und namentlich das Erziehungsgebiet einer ausführlichen Krttik unterzogen und die darauf bezüglichen Bestrebungen und Forderungen des „Neuen Jüdischen Gemeindevereins" darlegten. Hatte auch diese Versammlung einen zum T?tt recht lebhaften Verlauf zenonimen, so gestattete sich die von den Liberalen ein paar Tage später cinberufene Versammlung bei weitem stürmischer. Das Hauptrefcrat des Prof. Türk und der wesentlichste Tell der Debatte betrafen die. Schul-, Unterrichts- und Lehrer- Armckfurier FfraiMWes Familisnblatt. frage. Dabei entwickelte sich, die Diskussion zu einem geradezu beispiellos scharfen. Kampfe gegen, den Zionismus. Um sich, einen Begriff von der Schärfe dieser Angriffe zu machen, genügt es, hervorzuheben, daß ein Redner meinte, mit Recht schließe man Zionisten von einer Anstellung als jüdische Lehrer aus; und ein anderer Redner stellte die unsinnige Behauptung auf, der Zionismus führe zur Taufe, da er die Religion als „Privatsache" erlläre. Von den Ausführungen der Antiliberalen in dieser Versammlung machten besondere Wirkung diejenigen des. Dr. Witkowsky, der trotz der allgemeinen Erregung und der Schärfe der gegnerischen Angriffe in durchaus^sachlichcr und ruhiger Weise sprach. Zwei 'Tage später, am 2. November, fand in den Sophiensälen eine zahlreich besuchte Versammlung der „Jüdischen Wahlvereinigung" statt, in der Lewinski und Kirchstein als Hauptreserenten die Reformbcdürftigkeit der Gemeindcwirksayikett auf kulturellem und sozialem Gebiete darlcgten. Wohl habe sich die jetzige Verwaltung nicht zu unterschätzende Verdienste um die Förderung des Gemeindewohlcs und den Ausbau wichtiger Genieindeinstitutioncn erworben; doch sei noch sehr Vieles und Wesentliches zu leisten. Die Konzentrierung allzugroßer Macht in den Händen einer Partei führe zur Einseitigkeit und Beschränkung in der Auffassung vom Judentum. Es müsse allen Richtungen Einstich uno Bctättgungsmöglichkett gewährt werden. Tic Ausführungen der Referenten, die sich von jedem Extrem fernhielten, gaben auch den Ton an für die darauf folgenden Debatten. Die Versammlung nahm einen verhältnismäßig ruhigen Verlauf. Vertreter der verschiedenen Richtungen, selbst der Reform, - legten ungehindert ihren Standpunkt dar und wurden ruhig angchört. Im allgemeinen muß die jedenfalls erfreuliche Tatsache konstatiert werden, daß in weiten Kreisen der Berliner jüdischen Bevölkerung das Interesse für das Gemeindelebcn sichtlich gewachsen ist. Der früher in gewissen Schichten herrschende Jndifferentismus gegenüber den Gemeindeangelegenheiten weicht merklich zurück. Ein Beweis für das Erstarken des jüdischen Empfindens mrd Selbstbewusstseins in der Judenheit der Reichshauptstadt. Dies zeigt sich auch in dem wachsenden In teresse selbst nich tzionistisch cr Kreise für Palästina. Der hier vor kurzem ins Leben gerufenen „Gesellschaft für P alästina-Forschung", die sich die wissenschaftliche Ergründung des heiligen Landes zur Aufgabe gestellt hat, sind bereits zahlreiche Mitglieder beigetreten, darunter eine Reihe namhafter Persönlichkeiten. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die „Franks. Ztg," brachte in ihrem Abendblatte v. 1. Nov. zu den Stadtverordneten wählen folgende Notiz: „In der am 31. Oktober stark besuchten Hauptversammlung der Mittelstandsvereinignng für Frankfurt und Vororte wurde mit geringer Mehrheit einem Abkommen mit den polittschen Parteien für die Stadtverordneten-Wahl zugesttmmt. Als Kandidaten würden nominiert: im Ostend (VIII. Bezirk) Herr Stadtverordneter Werner." Diese Notiz rief in jüdischen Kreijen Aufregung hervor, weil der in dem am dichtesten von Juden bewohnten Ostend ausgestellte Herr Werner in der Frankfurter Judenheit den Ruf genießt, daß er seiner politischen Anschauung nach Antisemit sei, und wir gaben dieser Stimmung in unserer vorigen Nummer Ausdruck. Zu der Angelegenhett des inzwischen gescheiterten Kompromisses schreibt uns der Fortschrittliche Volksverein, gezeichnet Landtagsabgeordneter Funck: „Infolge eines Artikels in der letzten Nummer Ihres Blattes sehen wir uns zu der Erklärung veranlaßt, daß wir niemals) in keinem Stadium der Verhandlungen über die Stadtverordnetentoahlen die Absicht gehabt haben, einen Kandidaten antisemitischer Färbung aufzustellen, das ist so selbstverständlich, , daß es einer besonderen Erklärung gar nicht bedurft hätte." Herr Stadtverordneter Robert Werner ersucht uns nun um die Aufnahme folgender Zeilen: Sie brachten in Ihrem Blatt am '4. Nov. er eine Notiz, wonach ich als Antisemit erllärt werde. Auf Grund des § 11 des Reichspreß-Gesetzes fordere ich Sie hiermit auf, .'folgende Erklärung in der nächst erscheinenden Nummer -ansznnehmen: Diese Nkttz ist unwahr, wie bereits am 2g. September 1409 in Sachen Werner gegen Jung und Genössen von Herrn Amtsgerichtsrat Dr. Rückert beim Königl. Schöffengericht festgestellt wurde. Robert Werner, Stadtverordneter. Wir nehmen gerne von dieser Erklärung Notiz, nach: der die bisherige Auffassung jüdischer Kreise über das Verhältnis des Herrn Werner zu uns Juden eine irrige sein würde. Frankfurt a. M. Wie alljährlich fand auch dieses Jahr die Rekruten-Vereidigung in die Synagoge am Börneplatz statt, Rabbiner Dr. Nobel nahm in feierlicher Weise in Gegenwart einer überfüllten Synagoge die Vereidigung vor. In einer geistvollen Ansprache behandelte der ehrwürdige Redner die große Bedeutung des Eides im Judentum, dabei verweisend auf die internationale Bedeutung des Buches der Bücher. Die gesamte Veranstaltung des Aktes war äußerst wirkungsvoll und machte aus sämtliche Anwesende einen tiefen Eindruck. Berlin. Am Sonntag, den 23. Oktober d. I. fand hier die Begründung einer Gefellschaft für Palästinaforschung statt. Unter den Erschienenen bemerkte man die Professoren Marburg, Sobernyeim, Lewin, Mittwoch, Geheimrat Aron, Stadtrat Gimk i e w i c z, Generalkonsul Landau, Direktor Minden und viele andere Träger bekannter Namen. Nach einem Bericht über die bisher geleisteten Vorarbeiten erstattete Herr Professor Dr. Marburg ein Referat, in dem er hervorhob. welch große Ausgaben insbesondere in naturwissenschaftlicher Beziehung der Lösung harren. Für Studien auf dem.Gebiete der Anthropologie, Ethnologie, Zoologie, Meteorologie, Geologie und Höhlenkunde bietet sich ein weites Arbeitsfeld. Wer auch in bezug auf wirtschaftliche Fragen müß das Land erforscht werden, das heute aus 1000jährigem Schlafezu erwachen beginnt Endlich birgt der Boden, über den die Stürme der Römerkriege, der sarazenischen und türkischen Eroberung, der Kreuzzüge dahingebraust sind, zahllose Reste alter Kulturen, deren Hebung in historischer und archäologischer Beziehung gleich wichtig erscheint. Allen diesen Zweigen der Forschung will sich die neue Gesellschaft widmen, sobald ihr die nötigen Mittel zur Verfügung stehen. Es wurde demzufolge ein wissenschaftlicher Beirat erwählt, der sich vorläufig aus den Professoren Sobernheim, Mittwoch, Marburg, Lewin und Assessor Dr. F r i e d e m a n n. zusammensetzt. Den Vorstand bilden außer de» Genannten Dr. I. Ginsberg (Vorsitzender), Berthold Israel, Stabtrat Simkiewicz, Geh. Regicrungsrat Aron, Maler Struck, Justizrat Dzialvczynski. Der Beitrag beträgt für ordentliche Mitglieder (denen alle Drucklegungen der Gesellschaft zugeheisi 30 Mark, für außerordentliche Mitglieder 10 Mark jährlich. Zuschriften sind an Herrn Dr. Ginsberg/" Karlsbad 7, zu richten. ' Das Zustandekommen der Gründung ist zionistischer Arbeit, besonders den Bemühungen Dr. A. Friedemann's zu danken. - - Berlin, lieber die Zurücksetzung der Inden in der Armee und die Aufgaben des Verbandes der Deutschen Jude» werden in der von diesem gemeinschaftlich mit dem „Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glimbens" am Sonntag, den 13. Nov., vormittags llhe Uhr in der Philharmonie veranstalteten öffentlichen Versammlung der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes Prof. Dr. Martin .Philippson und der Landtagsabgeordnete Geh. Justizrat Eassel sprechen. Oppeln. Die Errichtung eines jüd. Altersheim für Oberschlcsien ist aufgegeben worden, da die Kosten nicht anfznbringen sind. Der Vorstand des jüd. Mtershrim in Beuthen hat sich bereit erllärt, für ein oberschles. Altersheim Räume zur Verfügung zu stellen. Oesterreich-Uugaru. - Wien. Am 30. Ottober hat hier eine Besprechung von Vertretern verschiedener jüdischer Korporattonen "stattgefunden, die sich mit dem Plan einer Hilfsaktion für die galizischen Inden beschäftigte. Es waren die Wiener Allianz, die Jca, der Hilfsvcrein der deutschen Juden, die Alliance Jsraölite Universelle und der Galiziiche Hilssverein durch Delegierte vertteten. Unter den Anwesenden befanden sich n. a. James Simon, Dr. Paul Nathau und Professor Philippson (Berlin), Justizrat Blau (Frankfurt), Großindustrieller Hatvany-Deutsch (Wien) und David R. v. Gutmann. Die Beratungen wurden noch nicht abgeschlossen.