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Neue jüdische Presse · 1910-11-11 · Heft 43 (11.11.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 43 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Durch die bedrängte wirtschaftliche Lage der jüdischen Massen in Rußland wird das Elend und die Hoffnungslosigkeit unserer Brüder im Zarenreiche immer größer, und als letzter Versuch, eine Aenderung der entsetzlichen Lage. gewaltsam zu erzwingen, bleibt nicht anders mehr übrig, als auszuwandern. Wohin? wissen die Gequälten nicht immer, nur das eine halten sie im Bewußtsein fest — hinaus aus diesem Sklavenleben, und etwas wie Sehnsucht nach dem unbekannten Land der Freiheit treibt sie hinaus. Da kommen sie bis an die Grenze des weiten russischen Reiches, und alle Mittel sind aufgezchrt; aber wie sollen sie über diese ungastliche ' Grenze kommen, um endlich sich freizumachen von -russischer. Knechtung? Sic haben keinen Paß, um diese_ Grenze zu überschreiten, und nach Rußland kann man weder hinein noch heraus ohne dieses Entreebillet zur europäischen Kultur oder halbasiatischen Unkulturi Ter Paßschwindel oder das Schwärzen (Schmuggeln) setzt da ein, wo die armen Auswanderer auf legale. Weise nicht über die Grenze gehen können. Hier, beim Zusammenstoß zweier Welten findet sich der Abschaum von verkommenen Existenzen, die solche „paßlosen" Auswanderer bis auf den letzten Rest ihrer kümmerlichen Ersparnisse aasplündern und sie für 10 bis 50 Rbl. über die Grenze bringen. Wie oft kommt es-vordaß die Grenzkosaken dazwischenknallen, und manch einer bezahlt seine Vertrauensseligkeit mit dem Leben. Denn sobald diese Grenzschmuggler Gefahr wittern, lassen sie ihre Opfer auf der Grenze stehen, die nunmehr den Kosaken in die Hände fallen oder beim Versuch zu entfliehen erschossen werden. Es sind nicht wenige Auswanderer, die auf illegalem Wege den deutschen Boden betreten und nunmehr rat- und mittellos in den .Grenzorten sich aufhalten. Die traurigste Begleiterscheinung der jüdischen Auswanderung sind die russischen S ch windelagen t en, die sich verpflichten, die Auswanderer über die Grenze zu befördern bis nach Amerika, sie dann aber Wochen- und monatelang ohne Mittel und Nachricht lassen. Seit der Tätigkeit der „Jca" in Mußland ist es ja etwas besser geworden; aber leider ist es bisher noch nicht gelungen, diesen Schwindelagenten die „Tätigkeit" zu unterbinden. Ein berüchtigter Schwindelagent namens Maftic in Verkitschen.' wird schon seit Monaten der größten Schwindeleien bezichtigt, die er bisher mit den Äuswanderern begangen hat; es ist aber trotz' dem noch nicht möglich gewesen, diesem Räuber das Handwerk zu legen, ebensowenig seinen Gesinnungsgenossen Kahan und Pescanzky in Kiew. Durch die Machenschaften dieser Agenten und ihrer Helfershelfer kommen die paßlosen Auswanderer bis an die Grenze und — wenn sie Glück haben — auch nach Deutschland und Oesterreich; dann aber überlassen jene ihre Opfer ihrem Geschick und senden weder das eingezahlte Geld noch lassen sie irgend etwas von sich vernehmen. An der deutschen Grenze erwartet die Armen auch nicht das rosigste Schicksal; — doch davon im zweiten Kapitell H. An der deutschen Grenze empfängt die Auswanderer sofort der Vertreter der Staatsgewalt, der Gendarm, der sie unter seine schützenden Fittige nimmt und sie den Kontrollstationen in den Grenzorten zuführt. Für diesen polizeilichen Schutz, der den meisten ganz unerbeten kommt und überflüssig erscheint, müssen die Auswanderer natürlich zahlen. So betragen die Kosten für den Bahnweg, der mit Billet 20 Pfg. kostet, 6 Mk., die von mehreren oder auch, oft nur von einem zu tragen sind. Es ist klar, daß diese finanzielle Belastung des Auswanderers letzten Endes die Hilfsorganisationen trifft, die immer einspringen müssen, wo dir Mittel fehlen. In den Grenzorten haben die deutschen Schiffahrtsgesellschaften große Hallen errichtet, in die sämtliche Auswanderer „eingetiefert" werden. Sobald sich nämlich die Eingangspforte hinter diesen müden Wanderern geschlossen hat, sind sie von der Welt abgeschlossen. Sie müssen in diesen Hallen bleiben und dürfen nicht in die Grenzstadt hinein. ..Hier sind sie alle zusammen, Männer und Frauen, Alte und Junge, alle verbunden durch den Gedanken an eine neue Heimat, die sie herumirrend suchen. In diesen „Wartehallen" sind lange Bänke aufgestellt, — das einzige, was sie unentgeltlich bieten, außer heißem Wasser für Tee, — auf diese lassen' die Vertriebenen sich nieder, nachts legen sie sich auf diesen harten Holzprüschen zum Schlafe hin, uns ihr Gepäck bildet ihr Kopfkissen. Nicht einmal Matratzen sind vorhanden, sollen aber auf Betreiben der Hilfsorganisationen allmählich eingeführt werden, ein Wunsch und Verlangen, das bisher noch, nicht in Erfüllung gegangen ist. Eine Kantine sorgt für die Verpflegung, aber gegen Entgelt, und bis heute ist es immer noch nicht gelungen, in allen Grenzstationen rituelle Kantinen für die Mischen Emigranten einzurichten. Diese nähren /sich auf ihrer weiten Wanderung eben nur von Heringen, Brot und dem, was sie aus ihrer Heimat noch mit sich führen, wenn sie die Kantine nicht verlockt. Kritisch wird ihre Lage allerdings, wenn die russischen P^ivatagenten das eingezahlte Geld nicht schicken Dann heißt es warten bei dieser Gefangenenkost, und oftmals ist bei den Betrügereien dieser Agenten dieses dann auch vergebens, da das Geld niemals' kommt, und die Mittellosen wieder zurück nach Rußland wandern müssen. Die „Glücklichen" jedoch, die im Besitz von Geldmitteln sind, um sich eine Schiffskarte nach Amerika (Bereinigte Staaten, Kanada oder Argentinien) zu kaufen oder diese seitens ihrer Verwandten drüben zugeschickt erhalten, werden erst ärztlich auf Kopf und Augen untersucht, dann besteigen sie den Auswandererzug, der sie nach Hamburg oder Bremen, Rotterdam oder Antwerpen führt. Hier wartet ihrer die zweite ärztliche Untersuchung, bevor sie das Schiff besteigen, das sie in die unbekannte Ferne entführt. Tie großen Hilfsorganisationen haben sich der Mischen Auswanderer angenommen, und seit dieser Zeit ist ja viel erreicht worden, besonders, seitdem der Hilfsverein der Deutschen Juden an der russisch-deutschen Grenze Komitees gebildet hat, die mit Rat und Tat den Emigranten beistehen. Diese Komitees haben die Pflicht, die Notlage auf das Genaueste zu untersuchen und weder eine ungerechte Behandlung noch eine Uebervorteilung der Auswanderer zu dulden. Dem Vertrauensmann des Hilfsvereins steht das Recht zu, sich persönlich in den Kontrollstationen und Wartehallen, die sonst hermetisch gegen Nichteingeweihte abgeschlossen find, nach der Lage der Auswanderer umzusehen und alle Maßnahmen der Besserung und Fürsorge für sie zu treffen. Die wunderlichsten. Fälle treten oft an die Vertrauensmänner des Hilfsvereins heran. Da will ein junger Mann nach Paris oder London fahren und wendet sich selbstverständlich an das Komitee, um nach kurzer Zeit die Rückreise nach Rußland wieder anzutreten. Natürlich wird in solchem Fall jede Unterstützung verweigert. Eine Frau erscheint mit chren Kindern und will ihren Mann in Newyork suchen, der ihr versprochen hat, ihr eine Schiffskarte zu schicken,' dann aber dieses Versprechen scheinbar vergeffen hat. Diese Frau wendet sich natürlich an das Komitee, oder ein alter Mann, der nicht mehr arbeiten kann, aber dennoch zum Wanderstab greift, um seine letzten Lebensjahre bei seinen Kindern zu verleben, oder unmündige Kinder, die wegen Krankheit von der Ueberfahrt früher ausgeschloffen, nach der Heilung chren Eltern nach Amerika Nachfolgen. In den meisten Fällen fehlt diesen Unglücklichen das Geld zur Bahnfahrt nach dem Hafen oder Zehrgeld für die Reise oder selbst das Nötigste in Kleidung und Schuhzeug; alles soll das Komitee beschaffen. Wehe dem Auswanderer, der es wagt, auf eigene Faust durch das deutsche Land zu fahren Unbarmherzig wird er von jü>er Station, auf der er aufgegriffen wird, zur deutsch-ruffischen Grennze zurückgebracht und der Kontrollstaiion zugesührt. Vor kurzer Zeit wurde nahe der holländischen Grenze ein Auswanderer aus dem Zuge geholt, der mit Umgehung der Kontrrülstation durch Preußen fuhr; er mußte wieder zurück zur Grenzstadt mrd hatte nunmehr alle Geldmittel eingebüßt, um den schützenden Hafen erreichen zu können. Auch alleinreisende Mädchen

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