Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 42 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . 42 Von allen Veiten sielen Kolbenschläge auf sein Haupt, einer spaltete ihm den Schädel, ein anderer traf ihn in der Schläfe. Blutüberströmt brach er zusammen, doch noch immer hielt er seine Frau mit beiden Armen umklammert, fest an seine Brust gebrückt. . Ein wahnwitziger Jubel begrüßte seinen Sturz, alle umdrängten ihn, des Sackes mit Gold habhaft zu werden, den er angeblich mit sich fortschleppen wollte. Aber wo war denn der Sack mit Gold? — Es war sein Weib, vermutlich' sein krankes Weib, mit dem er dahingerannt war. Gellendes Gelächter der einen, wütendes Fluchen der andern begleitete die Entdeckung. Sie rissen die vollständig bewußtlose Frau ihm ans den Armen und schleuderten sie seitwärts; — mochte sie verenden, — wen kümmerte das? * * * Der Abend war schon Ziemlich weit vorgeschritten, Mondschein erhellte die Landstraße, auf der ein leichter Wagen mit nur zwei Insassen, einem Herrn und einer Dame, dahinrollte. Plötzlich blieb her Wagen stehen, der Kiltscher sprang vom Bock und machte sich an den Pferden zu schaffen. „Was ist geschehen?" fragte der Herr, sich alls dem Wagen beugend. „Nichts Arges, Herr," beruhigte der Kutscher, „bei dem einen Pferd hat sich das Hufeisen gelockert, ich denke, ich werde es selbst richten können." „Bersucht's, und wenn es nicht geht, werden wir bei der Schmiede in N. halten müssen, wir sind doch 'gleich bei deni Schranken." „Das wohl, aber wenn's nicht sein muß, halte ich heute lieber nicht in N., dort soll's heute Krawall geben, sie hauen die Juden tot, der Kaiser hat's befohlen." Ein Schreckenslaut entfuhr den Lippen der Dame, angstvoll umklammerte sie den Arm des Gatten, der sich jedoch anscheinend ruhig an den Kutscher wandte. „Wenn's in N. Krawall gibt, halten wir keinesfalls dort,' fahren auch nicht durch den Ort, die Pferde könnten scheuen, da machen wir lieber einen Umweg und fahren um die Stadt herum. — Wie ist's, wird das »Hufeisen halten?" „Ich denke schon, Herr, wir können weiter fahren." In diesem Moment vernahm man ein feines Stimmchen, es klang loie das Weinen eines neugeborenen Kindes. „Herrmann!" rief die Dame, „ich bitte Dich, sieh, Zvas liegt -dort auf dem Hausen?" „Auf welchem Haufen?" „Dort, auf dem, mir scheint, es ist ein Misthaufen. Sieh' nur, sieh', wie es sich bewegt und schreit. Es ist ein Kind, darauf möchte ich schwören." „Ein kleines Kind? wie sollte das hierher kommen?" ,Mas weiß ich, aber es ist ein Kind, ich bitte Dich —" Er war schon aus dem Wagen gesprungen und zu dem von seiner Frau bezeichneten Haufen geeilt und hatte ein kleines Bündel aufgehoben, aus denr es noch imnier schrie. „Du hast wirklich recht, es ist ein Kind. Wie mag das hierher kommen? und was fangen wir mit ihm an?" „Vielleicht gehört es dem Mautpächter, der vermutlich in dem Hause dort wohnt." „Die gnädige Frau wird schon recht haben," meinte der Kutscher, der durch die offen stehende Tür des Hauses getreten war und sich in demselben umgesehen hatte. „Der Härter wird schon dort gewohnt haben, aber er wird ein Jud gewesen sein, darum werden sie ihn totgeschlagen haben, wie es der Kaiser befohlen hat. Schauen's, gnädiger Herr, dort liegt ein Weibsbild, ein erschlagenes und dort drüben liegt ein erschlagener Mann. Das werden der Vater und die Mutter sein von dem Kind." Der Herr und die Dame sahen einander an, die Augen der letzter» hatten sich mit Tränen gefüllt. Armes Kind!" sagte sie, indem sie es an sich nahm und leise schaukelte. ,/herta, ich bitte Dich, Dü weißt, wir müssen heute unbedingt weiter reisen. Unser Zug geht um Mitternacht, es ist die höchste-Zeit, daß wir weiterfahren." „Ja, mein Gott, warum fahren wir denn nicht weiter?" „Wenn Du das Kind, hast —" „Ja, Du lieber Himmel, wir können es doch nicht auf der Landstraße liegen lassen." Er rieb sich die Stirn. .„Freilich nicht — aber mitziehme» können wir's doch auch nicht." ,^Lenn Du um zwölf Uhr weiterfahren willst, so weiß ich nicht, wo wir es inzwischen unterbringen könnten." 7 „Das weiß ich auch nicht." >,Nun .also —" „Was nun also?— Du meinst, wir sollten es mitnehmen?". „Ich meine, wir müssen es' mitnehmen, das kann doch keine Frage sein." KaflkfuÄer JsrÄeWDM FamklrenblaK. ,Mir beide allein sollen mit einem kleinen Kind« reisen? Das würde eine schöne Geschichte werden." ~ . „Es wird schon gehen, steige nur ein, wir müssen doch weiterfahren." „Dasist wahr," versetzte er, indem er hastig in den Wagen stieg. Seine Frau war inzwischen mit dem Kinde beschäftigt, es war wieder eingeschlafen. Sie hatte die äußere Decke, in die es gewickelt war, aufgcbunden und aus dem Wägen geworfen und hüllte es nun sorgfältig in 'ihr weiches Battisttaschentuch und in ihren Plaid. „Sieh nur, Herrmänn, wie süß es schläft und wie schön es ist." „Davon verstehe ich nichts," sagte er ärgerlich, „ich verstehe nur, daß Du Dir eine große Last aufgebürdet hast. Was wirst Du nur mit ihm machen, wenn es hungrig wird? Es kann doch nichts essen." „Sei ohne Sorgen, das Kind wird nicht verhungern. Auf der Station lasse ich mir eine Flasche Milch mit Zuckerwasser geben, damit hat es bis morgen früh genug, und dann lasse ich die Flasche von Zeit zu Zeit füllen." „Und inzwischen wird es schreien, daß uns Hören und Sehen vergehen wird." „Das ist möglichober wenn es Dir zu arg wird, kannst Du Dich in ein anderes Wteil setzen. Sei doch vernünftig, Hermann, Du wirst doch zngeben, daß wir graöezu verpflichtet sind, es mitznnehmen." „Das werde ich keineswegs zugeben, ich wüßte nicht, was. mich verpflichten könnte, mir ein wildfremdes Kind aufznbürden." Sie blickte ihn kopfschüttelnd an. „Du bist verdrießlich, aber Du bist nicht so herzlos, wie Du Dich stellst. Denke nur, wenn wir das Kind dort hätten liegen lassen und weitergefahren wären und es wäre uns dann eingefallen, daß vielleicht kein anderer das Kind dort fortgenommen hätte und daß es verhungert wäre — oder daß vielleicht ein Tier oder ein Mensch mit oder ohne Msicht darauf getreten >oäre, auf ein so zartes Wesen. — Ich glaube, ich hätte nie wieder ruhig werden können, wenn ich Derartiges hätte denken müssen." Er schlang den Arm uni sie und zog sie an sich. „Dü hast recht, ich sehe ein, daß wir verpflichtet sind, das Kind mitzunchmen, da es uns an Zeit fehlt, es sonst irgendwo nnterzubringen. Ihr Frauen seid doch in gewisser Beziehung viel gescheidter als wir, weil Ihr mit dem Herzen denkt, das meist rasch und sicher urteilt, während wir die Frage erst langsani im Kopfe hcrumwälzen." Seit dem Beginn unserer Erzählung sind zwanzig Jahrs verstrichen. Es war in den spätern Wendstunden, der Vollmond erhellte durch sein mildes Licht die schneebedeckte Erde, während zahllose Sterne hoch oben am Himmelszelt erglänzten. Der Lärm des Tages war verstummt, auch in sonst lebhaften Straßen herrschte bereits nächtliche Stille, als die Tür eines Hauses sich öffnete und eine größere Anzahl Herren hinaüstrat. Sie blieben nicht lange stehen, den» es war bitterkalt, die meisten eilten ihren Wohnungen zu. Zwei junge Leute schienen es jedoch nicht eilig zu haben, das jugendliche Blut.schien der Einwirkung der Kälte zu trotzen. Arm in Arm schritten sie dahin, in eifrige Unterhaltung vertieft. „Wie die Leute rennen," sagte der eine, „als könnten sie es nicht erwarten, aus dieser schönen frischen Luft in die dumpfen Häuser zu kommen, ich fühle mich hier, trotz .der Wlte, weit behaglicher als droben, in dem überfüllten Saal. Wenn es Dir recht ist, Egon, so machen wir einen kleinen Umweg über den Königsplatz." „Mir ist's recht," erwiderte der andere, „ich habe den Hausschlüssel bei mir, da kommt es mir auf eine halbe Stunde früher oder später nicht an. Es ist in der Tat ein prachtvoller Abend, sieh nur, wie die Sterne funkeln und wie die Milchstraße sich dahinzieht über das ganze Firmament." „Die Milchstraße — der Volksmund nennt sie Väter Jakobs Mlchpsad. — Möchte eigentlich wissen warum? — Was hat unser Vater Jakob mit der Milchstraße zu tun?" ,/Oas scheint mir nicht so sernliegend, bezieht sich vielleicht auf die unserm Erzvater Abrahamgewordene Verheißung, daß seine Nachkommen sein werden wie die Sterne am Himmel." „Das ist aber doch nicht dem Jakob verheißen worden." „Aber-seinem Aeltervater, das ist. gleichviel." „Nun, meinethalben wifl ich das gelten lassen. Aber die Verheißung an und für sich — wir Juden, wenn wir mich das von Gott auserwählte Volk sind, so können wir uns doch keineswegs als ein großes Volk betrachten, warum soflten wir nicht gezählt werden können, so gut wie die andern Völker?" ,/Oas dürste doch schwer sein, alle andern Völker wohnen in ihrem Lande, nur wir Juden sind zerstreut über den ganzen Erdenrund, so wie die -Sterne zerstreut sind über das ganze Firmament. Und überdies, wir Juden sind doch nur ein Teil der Nachkommen Abrahams, unsere Brüder, die zehn Stämme^ wo sind sie? wie könnten wir sie zählen?" - Seite 5. „Nun freilich, so lange wir nicht wissen, wo sic sind, könnten wir sie nicht zähle». — Wie hat Dir denn heute der Doktor Morgenrot gefallen?" „Sehr gut, er hat sehr schön gesprochen." „Mehr als schön, wunderbar hat er gesprochen. Er hat ganz recht, bisher waren die Inden weit eher dem Sand am Meere zu vergleichen als den Sternen am Himmel. Mag man den Sand am Meere noch so viel treten, er wird nicht schlechter dadurch. Und wie hat man uns Juden Jahrtausend« hindurch getreten, — wir sind dadurch auch nicht schlechter geworden. Wie hat Doktor Morgenrot doch so schön gesagt: Wohl sind wir Juden das anserwählte Volk auf Erden, das grade in seiner tiefsten Erniedrigung, mit der Bürde auf dem Rücken, mit dem Wanderstab in der Hand, seine göttliche Erwählung dokumentiert hat. — Und es ist ja wahr, was hätte aus dem jüdischen Volk werden müssen, wenn es sticht das auserwählte Volk Gottes wäre und stets gewesen -wäre." „Es ist seltsam," sagte Egon, indem er empor zum Himmel schäute, an dem sich eine Wolkenwand langsam vorschob und den Vollmond allmählich den Blicken entzog, „es ist seltsam, so oft ich sehe, daß der Vollmond von Wolken verdunkelt wird, so oft muß ich der Fieberfantasien in meiner Kindheit gedenken." „Das war damals in Rußland, während Deiner Krankheit, kurz vor unserer Uebersiedelung nach Deutschland?" „Ganz richtig, das war damals, ich war am Typhus erkrankt." „Mer was hatte der Mond mit Deiner Krankheit zu tun?" „Nichts, gar n.ichts, aber so oft ich mich jener grauenvollen Gebilde meiner Fantasie erinnere, so oft ist es mir immer, als sähe ich den Vollmond am Himmel, der durch eine Wolke verdunkelt würde." „Das ist seltsam." (Fortsetzung folgt.) FRANKFURTER KOMÖDIENHAUS Direktor Karlheinz Martin Nene ZeU 80 — Telephon 1801 spielt von Freitag, den 4. November ab: täglich MMmM von Roda-Koda und CarlKössler. _Anfang 814 Ubr, Sonntag 8 Uhr._ Frankfurter Komitfienhuus Sonntag, den 6. November 1910 —' Mittags 12 Uh«* Wiederholung der HX. literarischen Matinee „Jüdische Mystik66. Knust und Literatur. „I ü d i s ch e M ysti k" im Frankfurter Komödienhans. Die vierte Matinee galt dem Programm gemäß der jüdischen Mystik; — in Wirklichkeit aber bot das Programm keine jüdische Mystik. Der irreführende Name läßt sich wohl verstehen, einerseits, wenn man bedenkt, wie wenig eigentliche Mystik die jüdische LiteraUrr enthält, und wie noch viel weniger davon — fast gar nichts — ins Deutsche übertragen ist, andererseits wenn man ännimmt, daß die Direktion dieselbe Auffassung von der Mystik hat, wie der Co n ferencier (Herr O. S tarke), der' den einleitenden Vortrag über .Jüdische Mystik" sprach. Da war weder etwas Bestimmtes von der Mystik im allgemeinen, noch von der jüdischen im besonderen gesagt; es waren lauter eigenartig anmutende Sätze, die schöne Wendungen hatten und schließlich ganz in Stimmung verflossen, aber nichts Positives, Reales aussagten. Daß er nichts von der Eigenart der jüdischen Mystik zu sagen wußte, würde ich schon hinnehmen; es ist eben für einen Außenstehenden schier unmöglich, in das Wesen der jüdischen Mystik einzudringen; äber vom Wesen der Mystik überhaupt ließe sich schon mehr sagen, als Herr Starke es getan hat. Sieht man von diesen zwei Punkten ab, dann kann man der Veranstaltung nur Lob spenden. Sowohl der vorzüglich den Ton treffenden Vortrag des Buches Esther, als auch die verständnisvolle Wiedergabe eines Midrasch, einiger ausgewählter Worte des Rabbi Nachm an und des Kapitels „Bon der Demnt" aus Bnbers ,J-egenden des Baalschem" machten einen tiefen, erhebenden Eindruck auf die das ganze Theater füllenden' Zuhörer, der dann durch .die zuweilen .etwa, allzusehr begeisternde Rezitation eines . — nicht allzu glücklich gewählten — .Fragmentes aus Heines wunderbarem Gedichte „Jehmdah b,en -Halevy" durch Herrn G r a e tz und die vortreffliche Wiedergabe einiger Stücke des „Ho henLiedes"dtlrch Frau