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Neue jüdische Presse · 1910-11-04 · Heft 42 (4.11.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 42 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Öctte 4. Nr. 42. Frankfurter AsnttMsches FamWenblatk. PertzomrtteL « Slewe Mttteilttuge«. - Berlin. Albert Freudenberg u. Hermann Frendenberg, Mitinhaber der Firma Hermann Gerson, sind zu Hoflieferanten der Kaiserin ernannt worden. — Rechtsanwalt Dr. Apfel hat das Amt als Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Jsraslite Universelle donoiis causa übernommen. Augsburg. Im Alt r von 60 Jahren verschieb der bekannte Antiquitätenhäirdler Josef Oberdörfer, ein hervorragender Kunstkenner Oberdörfer erfreute sich auch infolge seiner Wohltätigkeit des größten Ansehens. Breslau. Dr Frreorich PerlS, Direktor der Schlef. Handelsbank, ist fast einstimmig zum unbesoldeten Stadtrat gewählt worden. Hamburg. Das von Camve angltau,le Heine» Denkmal, das die Kaiserin Elisabeth von Hasselries auf der Insel Korfu hatte errichten lassen, ist am 27. Oktober im Barkhvf in Hamburg aufgestellt worden. Das Denkmal steht in einer von Säulen getragenen Nische; den Hintergrund bildet dunkler Muschelkalk. Stratzdurg. Unter den aus Portugal ausgewiesenen katholischen Ordensbrüdern befindet sich auch ein Franziskaner, nämlich K a r di n a l N e t o. Er stammt aus dem Elsaß und war Jude. Sein Bruder, - der in Reims wohnt, wo er eine Branntweinbrennerei und eine Liqueurfabrik betreibt, ist heute noch der Präsident der israelitischen Gemeinde dieser Stadt. Neto hat auch noch Verwandte in Straßburg; gebürtig soll er aus Qnatzenheim sein, wo sein Vater Grundstücksmakler war. Der richtige Name ist Netter, den der spätere Kardinal dann in Neto abänderte. (L.| Posen. «-«läßlich seines 80. Geburtstages war Stadtverordnetenvorsteher Lesser Bärwald in Nakel der Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Die Stadt überreichte ihm sein Oelgemälde, das im Stadtverordnetensitzungssaale angebracht werden soll. Verschiedene jüd. Vereine überreichten 4000 JL zu einer Bärwaldstiftung. Auch wurde er mit dem Kronenorden 3. Klasse ausgezeichnet. — Charlotte Zadik geb. Schlesinger in Kempen erhielt die Röte Kreuzmedäillc 3. Klasse. Posen. Kommerzienrat Naphtali Hamburger erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Wien. Die Pläne für die beiden neuen Dreadnoughts sind von dem früheren Generalschiffsbauingenieur der Kriegsmarine Siegfried Popper, der gegenwärtig die Funktionen eines Chefkonstrukteurs des Stabilimento versieht, ausgearbeitet worden. —- In Budapest testierte Frau Regina Blau Mb. Fischer 400000 Kronen meist jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen. Nadworua (Galizien). Der Gemeinderat der Stadt NadWarna hat in seiner am 22. Oktober aogehaltenen Sitzung einstimmig beschlossen, eine der schönsten Straßen der Stadt „Dr. Theodor Herzl-Straße" zu nennen. Pretzbnrg «Ungarn). Im Alter von 76 Jahren verschied Hermann Ehrenwald, ehemaliger Präses der Chewra-Kadischa, und im Allier von 64 Jahren Leopold Eisler, ein Sohn Emanuel Eisler's-Gargocz, des bekannten Vorkämpfers der ungar. Orthodoxie. Aürtch. Prm. D». William Silberschmidt wwck>e zum ordentlichen Professor ernannt. Krakau. Der erste Preis des Wawelberg-Konkurses der Lemberger Universität ist dem noch sehr jungen Advokaturskandidaten Dr. Jgnacz Schipper aus Tornow für sein Merk „Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden im mittelalterlichen Polen" zugewiesen worden. Dr. Schipper ist auch der Autor des Merkes „Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus im Mittelalter und gehört der „Poale Zivn"-Partei an. Landau. Lord Nathaniel Rothschild feiert am 8. Novbr. seinen 70. Geburtstag. — Henry Lucas, der Schwager Claude Montefiores, will aus Gesundheitsrücksichten von seinem Amte als Vizepräsident der Bereinigten Synagogen, welches Amt er fast 25 Jahre inne hatte, zurücktreten. — Der jüngst im 61. Lebensjahre verschiedene Benjamin Levi hat der Vereinigten Synagoge für ihre Wohltätigkeitsanstalten 304)00 Pfund hinterlasse u. Bradford (Englands Am 9. Nov. d. I. findet hier die feierliche Einführung des vom Stadtkollegium zum L o r d M a y o r erwählten Herrn Jacob Moser in sein neues Amt statt. Diese hohe Ehre ist einem unserer würdigsten Glaubensgenossen zuteil geworden, einem Manne, . dem es Herzensbedürfnis ist, seine Person und die chm verliehenen Glücksgüter in den Dienst der Wohltätigkeit zu stellen und überall da einzutteten, wo mander Hilfe bedarf. Besonderes Interesse hat Herr Moser, der eines der tätigsten Mitglieder der zionistischen Organisation ist^ dem heiligen Lande zugewandt, so dem jüd. Krankenhause in Jerusalem, und in Jaffa hat er eine Schule 'gegründet, die bereits von über 200 Kindern besucht wird. Herr Moser entstainmt einer angesehenen religiösen Familie; seine Heimat ist das Städtchen Kappeln in der Provinz Schleswig. Hier verlebte er nur die ersten Jugendjahre, mtb erhielt dann in Hamburg seine weitere Ausbildung. Er widmete sich dem Kausniannsstande, ging später nach Frankreich und England und dehnte seine geschäftliche Tätigkeit von dort über aller Herren Länder aus. Nach einigen Jahren verband er sich in Bradford mit einem Herrn Edelstein, um unter der Firma Edelstein n. Moser ein Geschäft zu gründen, das sich bald über verschiedene Weltteile erstteckte. Bon seiner geschäftlichen Tätigkeit zog sich Herr Moser vor nunmehr 7 Jahren zurück, um seine Zeit und Kraft ganz den verschiedenen ihm zugefallenen Ehrenänitern widmen zu können. In seinen Wohlfahrtsbestrebungen wird er durch seine, ihm an Vorzügen des Geistes und des Herzens gleichstehende Gattin tatkräftig unterstützt. Weit über die Grenzen ihrer Heimat und ihres späteren Wohnortes hinaus ist der Edelsinn dieser hervorragenden Menschen bekannt. Die Stadt Kappeln verlieh Herrn Moser das Ehrenbürgerrecht, und im verflossenen Jahre überreichte ihm der dorttge Bürgermeister den ihm von Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser verliehenen Roten Adlerorden 4. Klasse. Diesen Auszeichnungen reiht sich nun die Ernennung zum Lord Mayor an. Hoffentlich wird Herr Moser in seinem neuen Amte weiter, wie bisher, zum Wähle der bedrängten Glaubensbrüder und zur Ehre des Judentums wirken können! Odessa. Am 27. Oktober verschied hier der namhafte hebräische Schriftsteller A. L. Lewinsky im 62. Lebensjahre. An dem Leichenbegängnis des ungemein populären Mannes nahmen über 20 000 Menschen teil. Au seinem Grabe wurden keine Reden gehalten, da General Tolmatschew, der Tyrann Odessas, dies verboten hatte. Salonique «Türkei). Hier verschied in der Blüte der Jahre der talentvolle Schriftsteller Salomon Salem. New-Aork. Bon den 8153 jüd. Emigranten, die im September hier ankonren, blieben 6003 hier. — 0 lenilFefon. 0 Aus -er Zukunft. Von Friedrich Rott. (Fottsetzung.) „Das denke ich auch," versetzte die Wöchnerin, sichtlich besttebt, ihre Aufregung zu unterdrücken. ,Masilow ist Dir großen Dank schuldig, und . er ist ein braver Mann." „Nun also, so brauchst Dü Dich doch nicht zu fürchten." „Ich fürchte auch nichts für uns, wir werben draußen sicher sein. Mer die anderen —" „St, st. Kindlieb! an die andern darfst Du nicht denken, für die mußt Du den Heiligen — gelobt sei Er! — sorgen lassen. Eine Wöchnerin darf nur für ihr Kind sorgen, sonst schädigt sie das und nützt keinem andern." „Das ist wahr; aber — könntest Du nicht Wasilow bttten,. daß er auch andere—" „Ist schon geschehen, Äinblieb, und er.hat mir.versprochen, er wird's noch einigen sagen, daß sie zu .ihm kommen können, und er wird überhaupt. wenn möglich, jeden bei sich aufnehmen, der sich zu ihm flüchten wird." >,Das ist schön, das mußt Dü allen sägen!" „Das darf ich nicht, denn er. fürchtet, wenn es bekannt wird, daß er Juden im Hause hat, so werden sie ihm den roten Hahn aus's Dach setzen." Die Wöchnerin atmete schwer auf, unablässig wechselte sie die Farbe, ihr Gatte ward ernstlich besorgt. „Denke doch an unser goldiges Töchterchen, was soll aus ihr werden, wenn Du Dich so maßlos ausregst und dadurch — Gott behüte! — krank wirst?" „Du hast wohl recht, aber —" , ' „Da gibt's kein aber. Las weißt Dü so gut wie ich, eine Wöchnerin darf sich nicht aufregen. Und überdies — Du kennst doch unsere braven Bauern, wenn sie aufgehetzt werden und Branntwein getrunken haben, werden sie schreien und lärmen und vielleicht in einigen Judenhäusern die Fenster einschlagen. Was liegt daran? Es ist doch Sommer. — Aber sage mir, Wasilow wird seinen Wagen schicken, doch er hält es nicht für gut, ihn hierher bis zu unserm Hanse fahren zu lassen, er meint, wir sollten bis zu den: Schranken gehen und gleich hinter dem Schranken könnte der Wagen auf uns warten. Was meinst Tu, glaubst Du so weit gehen zu können?" „O, getviß!" . „Nur, wenn Du sicher bist, daß Du so weit wirst gehen können, — sonst —" „Sei ohne Sorgen; es wird schon gehen." Der Tag schritt vor, allmählich ward es in dem sonst so sttllen Städtchen lauter und lauter. Zuerst vernahm man nur Singen, allerdings ein wenig harmonisches, bald jedoch war jede Spur von Harmonie geschwunden, es war nunmehr nur Kreische» und wildes Dnrcheinanderschreien. Inzwischen > war es Wend Mworden, und das Kreischen, der wilde Lärm schien näher zu komme». MorLche trat in das Zimmer seiner Gatttn. „Es wird Zeit, Kindlieb!" Sie neigte zustimmend das bleiche Haupt, in diesem Augenblick fühlte sie sich außerstande, 'auch nur ein Wort hervorznbringen, so rasch pochte ihr Herz. Während sie mit Hilfe der Dienerin sich mikleidete, hatte ihr Gatte die Haustüre geschlossen und. die schweren, eisenbeschlagenen Läden an sämtlichen Fenstern. Jetzt trat er zu ihr. „Es ist höchste Zeit, bist Du bereit?" Ein leises, kaum gehauchtes Ja war ihre Antwort. Sie bemühte sich, sich auf die Füße zu stellen, aber sie hatte ihre Kräfte überschätzt, cs ging schwer, überaus schwer, — und das Schreien und Johlen schien näher zu kommen. Mordche preßte die Lippen auseinander, — wie würde das gehen? „Geben Sie mir das Kind, Kati, und stützen Sie meine Frau auf der einen Seite, und Du, Kindlieb, stütze Dich ans der andern Seite aus meinen Arm. — Es wird schon gehen. Du wirst's sehen." Das kleine Bübchen blickte -ängstlich auf die Mutter. „Awrohmle, halt' Dich an meinem Rock," sagte der Vater, „es wird schon Mhen." Er ging allerdings, aber sehr, sehr langsam, — und sie hätten eilen müssen." Das wilde Geschrei und das Gejohle kam näher und näher. Sie hatten das Haus durch die Hintertür verlassen, jetzt vernahmen sie das wüste Toben in unmittelbarer Nähe, und au die Haustür und an die Fensterläden pochte es mit Kolben und mit Steinen. . „Sch'ma Jisroel!" stammelte das entsetzte Mädchen, „wir sind verloren!" „Rü>en Sie keine Narrheiten!" fuhr ihr Herr sie an, „hier, geschwind nehmen Sie das Kind und laufen Sie mit ihm zu dem Schranken, gleich dahinter steht ein Wagen, in den steigen Sie ein. — Und jetzt werde ich Dich tragen," sagte er, indem er sich »iederbeugte und seine Frau empor hob, als wäre sie ein Kind. Sie wollte sich sträuben, doch er achtete dessen nicht. „Halt' Dich an meinem Rock, Awrohmle, und laus', was Du kannst." „Ja, Vaterle, ja." So rannten sie dahin, der Mann mit der Frau und dem Kind, als säßen die Furien ihnen auf den Fersen. — Und es waren in der Tat Furien in Mannesgestalt, die die Fliehenden erblickt hatten. „Hei!" schrie ein betrunkener Bauer, „bas ist ja der Goldmordche, der schleppt sein Gold fort in einem Sack. — Haltet ihn! schlaget ihn tot!" Und die ganze Rotte war hinter ihm her, johlend und kreischend. Der Mann floh dahin, wie vom Sturmwind getragen. „Halt' Dich fest Awrohmle, lauf!" rief er keuchend. „Ja, Vaterle, ja!" . ~ Der Kleine tat sein möglichstes, Loch ein Stein lag vor seinen Füßen, er stolperte und fiel. Einen Moment mußte der Vater innehalten in seinem Lauf, dem.Kinde .aufzuhelfen, dieser Moment ivard sein Verderben. Die -Rotte -hatte ihn - ereilt. „Schlaget , ihn .tot! schlaget ihn tot!" : .

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