Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 42 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692707--05757-2700702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eierte 3. Sk. 42. Menschenmaterial, das in Deutschland gewiß nicht als kulturell minderwertig bezeichnet werden kann, so ist die Annahme nicht von der Hand zu weisen, daß auch dort die häufigen Ausweisungen in dem jüdischen Glauben der Betroffenen ihre Ursache haben. — Es ließ sich auch in einem Einzelsall im Osten bei Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis feststellen, daß die Behörde von dem Bestreben geleitet war, die dauernde Niederlassung jüdischer Familien möglichst zu verhindern. Daß in diesen Dingen speziell in Preußen die Verhältnisse ein gut Teil schlechter sind als im übrigen Deutschland, beweisen die vorliegenden Zahlen. Wenn wir diejenigen uns gemeldeten Fälle non Ausweisungen überblicken, bei denen ein-anderer Grund als die Religion der Betroffenen ganz unauffindbar ist, so kommt auf 51 Fälle in Preußen nur ein einziger im Reich (Oldenburg)." Benthe«. Am Sonntag, den 23. Oktober fand hier eine Versammlung statt, die von einem provisorischen F al a s ch a k o mitee veranstaltet wurde. Aus allen Städten des Bezirkes waren Vertreter erschienen. Dr. Faitlowitsch war selbst anwesend, um über seine Expeditionen nach Abessynien zu referieren. Rabb. Dr. Kopfstein - Beuthen erösfnete die Sitzung und hielt eine begeisternde Ansprache, um das Interesse an dem versprengten jüdischen Volksstamme .wachzurufen. In einer lebhaften Debatte wurde allerseits zugestanden, daß man die Falaschas aus ihrer bedrängten Lage und Unwissenheit erretten müsse. Dr. Faitlowitsch führte dann aus, daß er auf eine neue Aera der Wiedergeburt der Falaschas hoffe; in Eryträa solle die erste Schule gegründet werden, die Kosten dürften sich auf 25 000 Frcs. belaufen. Nachdem Dr. Faitlowitsch sehr interessante Mitteilungen über das Leben und die Lage der Falaffchas gemacht hatte und auch das Interesse des Hilfsvereins der deutschen Juden für die Falasschas betont hatte, wurde ein Komitee unter Vorsitz Mabb. Dr. Kopfstein für Oberschlesien gebildet, Las in weitesten Kreisen die Propaganda für die Falaschas betreiben soll. Steinhorft (Prov. Hannover). Am 29. Oktober fand das Erntefest der Land- und Lehrguts- Gescllschaft statt, an dem neben den ungefähr vierzig Personen, die z. Zt. auf dem Gute beschäftigt sind, auch die bäuerliche Bevölkerung regen Anteil nahm. Nun, nachdem auch die letzten Erntefrüchte geborgen waren und berechtigte Zufriedenheit über die Erfolge eines arbeitsreichen Jahres herrschte, konnte man sich; allerseits rückhaltlos der Feststimmung hingeben. Der Saal war auf das Schönste mit Erniefrüchten und bunten Bändern . geschmückt. Einer unserer Lehrlinge leitete, den Abend mit einem Hübschen Prolog ein. Es folgte «ine Rede von Herrn S artvriusRheinhold- Hannover, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Gesellschaft, in der die Freude an dem Gedeihen unseres jungen Unternehmens zum Ausdruck kam. An diese Rede schloß sich eine flotte Aufführung des Körner'schen Stückes „Der Nachtwächter" seitens der Lehrlinge. Hierauf fand eine gemeinsame Kaffeetafel statt und dann —i während Verabreichung des Erntebieres >—, ein mehrstündiger Tanz, an dem sich, wie es die Sitte will, alle Anwesenden und ein guter Teil der Dorfbewohner beteiligten. ' In voller Harmonie ging das schöne ländlich« Fest zu Ende. vesterreich-Uugar«. Budapest. Verschiedenes. Der hiesige S t a d t r a t hat die an den Tabacktempel grenzenden Baugründe, die über eine Million wert sind, der jsr. Multussgemeinde zur Ver- .größerung der Synagoge, der Mädchenschule, zum Bau von Beanrtenwohnungen und zur Anlage eines Parkes überlassen. i Der Jsr. FraueNverein veranstaltete wie alljährlich auch diesmal knapp vor dem christlichen Gedenktag Allerheiligen, seine Totenerinnerung s feie r. Das Mädchenwaisenhaus, eine Institution des Vereins, war schwarz dekoriert, und .160 Waisenkinder stimmten bei Orgelbegleitung einen Trauerchoral cm. —> Der Verein „M enschenfreun d", der hinter seinem Humanismus das Judentum versteckt, hielt auch (am Allerheiligen seine Jahresgeneralversammliuig. Er hat im letzten Jahr 2889 Pack Kohle verschenkt und 196 arme Kinder ohne Unterschied der Konfession vollständig bekleidet. Zioni. Budapest. In der Synagoge der onhod. Gemeinde Homonna kam es? .letzten Samstag zu einer skandalösenSzene. Der Synagogenvorsteher hatte verschiedentlich eine Bekanntmachung des Gemeindevorstehers betreffs Einberufung der Generalversammlung abreißen lassen) und der Gemeindevorsteher. ließ deshalb zwei -Gendarmen herbeiholen, die auf dem Almemor die mündliche Vorlesung der Bekanntmachung erzwangen,. indem sie dem Synagogenvorsteher wählend der Verkündung Handfesseln anlegten. Budapest» In das nächstjährige Budget ist der Staatszuschuß, der der israelit. Konfession gewährt wird, mit 150000 Kronen — bisher 120000 Kronen — gesetzt worden, eine lächerlich geringe Summe im Vergleich zu dem Zuschuß, den die anderen Konfessionen erhalten. Lemberg. Es hat fich beransgestellt, daß der Beamte der Landeskrankenanstalt, der den Vorstand der Israel. Kultusgemeinde schriftlich aufgefordert hat, das Kind einer im Spitale verstorbenen jüdischen Wöchnerin sofort abholen zu lassen, > widrigenfalls es getauft würde, eigenmächtig gehandelt hat. Er wird im Disziplinarwege zur Verantwortung gezogen werden. Prag. Das von der Israelit, Kuitusgemeinde bereits vor zwei Jahrzehnten beschlossene und durch die 100000 Kronen-Spende des kaiserl. Rates Moritz Hahn ermöglichte Siechenhaus ist nunmehr im Bau fertig. Es ist für 42 Personen bestimmt und wird nach allen Anforderungen der Nerizeit eingerichtet. Pretzburg. Wie die hiesige „Ungarländ Jüd. Ztg." mrtteilt, wird dieser Tage in Budapest eine Konferenz stattfinden, in der die Aenderung der Statuten der ungarischem Chaluka in dem Sinne geschehen soll, daß den Chalukanehmern gestattet wird, ihre Kinder ein Handwerk lernen zu' lassen, falls sie sich dem ThorastuLium nicht widmen wollten oder könnten. Hingegen soll der Schulbesuch auch fernerhin verboten bleiben. Schweiz. 8e«f. Die hiesige „Sociöte Cheiruth" Adresse: Societs „Cheiruth", Universität, erläßt folgendes Communiquö: Ueber die Bereinigung der nationaljüdischen Studenten West-Europas. Bedingungen, die nicht von uns abhängen, führen dahin, daß die jüdische Jugend, die russische Gymnasien absolviert, nach Westeuropa emigrieren muß, wenn sie eine akademische Bildung erhalten will. Hunderte, sogar Tausende von russisch-jüdischen Studenten sind zerstreut über alle Universitäten Oesterreichs, Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Belgiens und der Schweiz. Ihre Lage ist eine schlechte in allen Hinsichten. Diese schlechte Lage verbessern kann man nur durch die Vereinigung aller zerstreuten Elemente in eine stramme Organisation. An dieser Organisation aber müssen nicht nur die russisch-jüdischen, sondern alle national-jüdischen Strwenten Westeuropas teilnehmen, weil sio in vielen Hinsichten gemeinsame Aufgaben haben. Die Ziele dieser Organisation müssen folgende sein: 1. Die ökonomische Verbesserung kann erreicht werden durch die Schaffung einer gemeinsamen Kasse der -Selbsthilfe, an der alle jüdischen Studenten tcilnehmen. Eine solche unter strenge Kontrolle gestellte Kasse hätte auch das moralische Recht, sich an die maßgebenden Kreise der Juöenschaft Rußlands und Westeuropas zu wenden, um bon ihnen Unterstützung zu verlangen. Außerdem müßten Arbeitsnachweisbüros geschaffen werden, um den bedürftigen Studenten.Arbeit zu verschaffen während der Studienzeit und während der Ferien. 2. Die Verteidigung der Rechte der Studierenden, an den Universitäten selbst wird die zweite Aufgabe der Organisation sein, hauptsächlich um Reibereien unter der Studentenschaft zu vermeiden und um jedwede Beschränkung zu bekämpfen. 3. Die Vertiefung des. nationalen Selbstbewußtseins und die kulturjüdische Entwicklung wird die dritte Ausgabe der Organisation sein. Sie wendet sich nicht an diese oder jene Partei, sondern an alle jüdische Studenten, die die Assimilation als Bolkszweck verneinen und die die Existenz einer jüdischen Nation in Vergangenheit, Gegenwart, und Zukunft anerkennen,, ohne darauf einzugehen, wie man fick» diese Zukunft vorstellt. Ausgehend von diesem Grundprinzip wird die jüdische Studentenschaft sich bemühen, einerseits die Anerkennung der jüdischen Nationalität an allen Universitäten, wo es nur möglich ist, durchzusühren, und andererseits wird die Organisation die Entwicklung und Berbreitung der jüdischen Kultur in allen. ihren Manifestationen fördern, ohne sich in den Streit um die national-jüdische Sprache einzumischen. Die Organisation schließt somit aus ihrer Mitte a priori nur diejenigen jüdischen Studenten, die die Lösung der Judenfrage in der Selbstvernichtung unserer Nation sehen. Die konkreten Formen der kulturellem Arbeit werden vom Leben geschaffen werden, entsprechend der inneren Kraft und den Mitteln der Organisation. Behufs Schaffung einer solchen Organisation wendet sich die in - Genf existierende parteilose national-jüdische Korporation „Cheiruth" an alle national-jüdischen Studenten Westeuropas mit der Bitte um energisches Mitarbeiten. Bor allem bitten wir^ uns die genauen Adressen der schon existierenden nattonal - jüdischen Vereine und Korporattonen mitzuteilen, damit wir mit ihnen in Verkehr tteten können um zusammen eine Delegiertenkonferenz zu veranstalten behufs Ausarbeittmg eines gemeinsamen Programms und Attionsplans. Wir wenden uns auch an Einzelpersonen mit der Bitte, überall nattonal - jüdische Vereine und Korporationen zu begründen. Wir bitten auch alle Vereine, Korporattonen und Einzelpersonen, ihre konkreten Vorschläge bezüglich der Organisation der nationaljüdischen Studentenschaft uns cinznsenden. Wir hoffen, daß unser Appell ein tiefes Interesse bei allen denen Hervorrufen wird, denen die Verbesserung der Lage der jüdischen Studentenschaft und die Entwicklung der jüdischen Kultur teuer ist. Rußland. Petersburg. Den geltenden Gesetzen zufolge wird für die akademische Jugend die Erfüllung der Wehrpflicht bis zur Absolvierung der betteffenden Lehranstalt und spätestens bis zum 27. Jahre suspendiert. Nun kommt eine verblüffende Nachricht aus Kiew: der Minister des Innern habe verfügt, den jüdischen Studenten des dortigen Kommerzinstitutes (einer staatlichen Hochschule) diesesPrivilegnichtmehrzugewähren. 128 jüdische Studenten, die mit Mühe und Qualen sich den Weg zur Hochschule geebnet haben, müssen nun ihre Studien aufgeben und.ihrer Militärpflicht genügen. Ties hat im Institut eine solche Störung hervorgerufen, daß der Direktor sich deshalb nach Petersburg begeben hat, um die unerhörte Verfügung rückgängig zu machen. Rumänien. Bukarest. Während in der Walachei, wo die Kaufleute zumeist eingewanderte Bulgaren und Griechen sind, die Sonntagsruhe überhaupt nicht beobachtet wird, werden die jüdischen Krämer in der Moldau auch wegen des geringfügigsten Vergehens gegen das Sonntagsruhe-Gesetz mit der härtesten Strafe belegt. —-Die jüdische Auswanderung nach Amerika hat wieder große Dimensionen angenommen. Palästina. Jaffa. Die Pächtergenoffenschaft, welche die Palestine Land Development Co. in Um el Djuni am Jordan neben ihrer Farm Kinereth im verflossenen Winter begründet hat, wird voraussichtlich mit einem mäßigen Gewinn an die Gesellschaft und die einzelnen Genossen, welche außerdem regelmäßige Arbeiterlöhne im Laufe des Jahres bezogen haben, abschließen. Im allgemeinen ist dieser rm kleinen Maßstabe unternommene, als Vorläufer der groß angelegten Siedlungsgenossenschaft nach dem Plane von Oppenheimer zu betrachtende Versuch, als geglückt zu bezeichnen. Tie Arbeit der Genossen war im Laufe des ganzen Jahres überaus fleißig, die Wirtschaftsführung sehr besonnen und sparsam, das Freundschaftsverhältnis zwischen den einzelnen Genossen, trvtzdem sie zwei verschiedenen Arbeiterorganisattonen angehörten, andauernd ungetrübt. Diesem Umstande auch ist hauptsächlich der günstige Ausgang des Jahres zu verdanken, da der Eifer und die Ausdauer der Genossen in erster Linie Schwierigkeiten, wie den späten Beginn der Arbeit, die erschwerte Beschaffung von Nahrungsmitteln infolge der Abgelegenheit des Ortes, schwere hygienische Bedingungen infolge provisorisch eingerichteter U uterkun ftsstätten, überwinden konnten. Der Versuch soll nun im nächsten Jahre in etwas vergrößertem Maßstabe fortgesetzt werden. Eine Arbeitergruppe, die schon seit längerer Zeit eine kommunistische Wirtschaft fühtt, hat sich zur Uebernahme dieses Bodens angemeldet. Auch für die Oppenheimersche Siedlungsgenvssenschaft hat sich bereits «ine größere Gruppe von Arbeitern organisiert. Ferner beabsichtigt in Ben-Schamen bei Ä>dda eine kleine Gruppe von Arbeitern, den Körnerbau als Genossenschaft in eigene Regie zu übernehmen. Amerika. Rew-Aork. Jacob Schiff hat für die Errichtung eines Erziehungsbüros bei der Newyorker jüd. Gemeinde 50000 Dollars und Professor Morris Lo.eb für den gleichen Zweck 25000 Dollars gespendet. Dr. S. Benderly ist zum Leiter des Büros bestimmt worden. Persien.; Teheran. Bei dem kürzlichen > Ueberfall des Kndenviertels in Schiras wurden elf Juden getötet und fünfzehn verwundet, sowie alle Häuser völlig ausgeplündert. Zur Linderung der Rot der etwa 5000 Personen zählenden jüdischen Bevölkerung haben die Ortsbehörden und der britische Konsul Sammlungen veranstaltet.