Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 42 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. ArmSstucker JftacWMs Familirnblatt. Nr. 42 war er noch als Mensch. Und das will nicht wenig sagen. Güte, Feinheit und Vornehmheit waren die Grundzüge seiner Natur, waren auch die Eigenarten seines Schreibens und' seines Schaffens. Dies ist eben das Große an ihm. Kein Widerspruch wart nseinem Wesen, kein Gegensatz in seiner Natur. Er dachte, wie er fühlte, er schrieb, , wie er dachte und arbeitete, wie er schrieb. Und dieses Geschlossene seines Wesens unterschied ihn von seinen Volksgenossen des Goluth, hob ihn heraus aus dem Ghetto und ließ ihn als einen Juden der alten Zeit erscheinen, als einen freien Adelsjuden. Er kannte nicht diese Zerrissenheit, die den Goluthjuden auszeichnet, diesen Selbstzerstörungshang, diese ewige Unzufriedenheit mit allem Eigenen. Er bespöttelte nicht unsere Vergangenheit, er bekrittelte nicht unsere Großen in alter Zeit, er erstrebte keine „Umwertung der Werte", keine Revolution im Judentum; er ehrte die jüdische Tradition, wie er das jüdische Volk liebte, und er liebte die jüdischen Geistcsheroen, wie er den jüdischen Geniusbewunderte. Innerlich ein Welsjude, war er cs auch äußerlich. Stolz schritt er vahin, erhobenen Hauptes, eine achtungsgebietendc Gestalt. Alles an ihm war eben urjüdisch, unbefleckt durch den Schmutz und das Elend des Goluth, unversehrt hervorgegangen aus der Folterkammer des Ghetto. So steht sein Bild abgeschlossen, einheitlich, harmonisch vor uns; und darum wird es lange in unserem Gedächtnis und in der- Geschichte bleiben. Tenn je geschlossener und abgerundeter eine Persönlichkeit ist, desto stärker ihre Wirkung auf ihre Mitwelt und ihr Fortleben bei der Nachwelt. Ter Verlust Lewinskys ist unersetzlich. Nun ist keiner mehr da, der . uns in Stunden des Kampfes beruhigen und in Zeiten' der Not trösten wird. 'Um so notwendiger ist es, die Lehren, die uns Lewinsky zu seinen Lebzeiten gegeben, auch - nach feinem Tode zu befolgen. Große .Männer wirken nicht nur als aktive Schöpfer in ihrem Leben, sondern auch als passive Symbole nach ihrem Tode. Auch Lewinsky wird uns ein Symbol sein, ein Symbol der Ruhe Und Abgeklärtheit, des Optimismus uni) ber Lebensencrgie, eine Verkörperung der schönsten Judentugeyden. Und darum wird 'Elchanan Löb Lewinsky uns unvergessen bleiben als bezaubernder Lächler, als begütigender Versöhner, als anspornender, ermunternder Mahner. Brief aus Galizien. Tie politische und wirtschaftliche Lage der galizischen Juden unterscheidet sich von der der russischen nur unwesentlich. Auch für die galizischen Juden sind Parlament und Gesetze nur dort wirksam, wo es gilt, sie gegen die Juden zu gebrauchen. Die von der Regierung versprochene Enquötc über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung war imr eitel Spiegelfechterei; man mußte der Welt weißmachen, daß Galizien noch nicht ganz in Rußland liegt. Nun hat man die Enquete ad calendas graecas verschoben, arbeitet inzwischen aber ruhig weiter an der Aushungerung der Juden. Daß die Schankkonzessionen trotz aller Anstrengungen -der zionistischen Reichsratsabgeordneten bei der Regierung häusig dem jüdischen Schenker nicht verliehen worden sind, ist selbstverständlich. Nach der amtlichen „Gazeta Swowska" sind von den bisher erteilten 9687 Schankkonzessionen nur 6157 solchen Leuten zugefallen, die früher dieses Gewerbe ausübten, und 1445 Gemeinden haben überhaupt keine Schankkonzession erhalten. Diesen Zahlen halte man die Tatsache gegenüber, daß sich in, Galizien bisher 12,000 jüdische Familien von dem jämmerlichen Schankgewerbe ernährten. - . .1 Nach den jüdischen Schenkern geht's jetzt an die jüdischen Viehhändler. Dieser Tage hat die Lembergcr Statthalterei einen Erlaß herausgegeben, der den Händlern auf Grund des Hausiergesetzes verbietet, in den Dörfern hernmzugehcn. und Vieh einzukaufen. Wenn unter solchen Umstänoen die galizischen Juden der ständig zunehmenden Seelenfängerei nicht die nötige Aufmerksamkeit widmen können, so braucht man sich nicht darüber zu wundern. Der jüngste Ausweis des Krakauer Rabbinats verzeichnet 40 Taufen jüdischer Mädchen in. einem einzigen Monat. Aber nicht bloß an Zahl nehmen diese Verführungen zu, sondern auch an Brutalität. Hier zwei besonders krasse Fälle der letzten Tage: Ein jüdisches Mädchen verschwand plötzlich aus dem Elternhause. Ter Vater machte sich auf die Suche nach Kattowißj Berlin und Charlottcnburg, kam jedoch überallhin zu spät, da seine Tochter indessen anderswohin gebracht wurde. In Deutschland fiel er vor Aufregung aus einem Eisenbahnkupee. nnd erlitt einen solchen Unfall, daß ihm beide Füße amputiert werden mußten. Seine Frau setzte nun das Suchen fort und erfuhr endlich, daß ihr Kind auf Umwegen zu den Felicianerinneu nach Krakau gebracht wurde. Sie begab sich hin und bat um Einlaß, aber vergebens. Sie rief alsdann die Polizei um Beistand an, erhielt jedoch die unglaubliche Antwort, daß sämtliche Polizeibcamte mehrere Tage hindurch in Anspruch genommen seien und daher erst nach einigen Tagen zur Verfügung stehen können. Daß die Zwischenzeit zur Wcgführung des betreffenden Mädchens dient, ist selbstverständlich. Der zweite Fall: Der Vater eines entführten minderjährigen Mädchens aus Narol verlangt durch seinen Vertreter Tr. R. Landau auf Grund einer Entscheidung des Bezirksgerichts in Cieszanöw, wonach das entführte Mädchen vom Kloster der Felicianerinnen herausgegeben werden muß, vom Krakauer Gericht die Durchführung des Urteils des Cieszanower Bezirksgerichts. Das Krakauer Gericht weigerte sich aber, das Urteil zu vollziehen und sandte die Akten Nach Eicszanow zurück. Inzwischen erhielten die Felicianerinnen Kenntnis davon und transportierten das Mädchen in ein anderes Kloster. , Solange die österreichische Regierung fick) auf die Polen stützen muß, wird sich die Lage der Juden nicht ändern. Und sie hat erst dann die Möglichkeit, auf die Polen zu verzichten, wenn der beabsichtigte Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen' perfekt geworden ist ürrd sich als haltbar erweist. Soust^hättcn nur die galizischen Juden selbst die Macht, das polnische Joch von sich zu schütteln, denn ihre Stimme ist bei den Wahlen ausschlaggebend. Aber wie in anderen Ländern sind es auch hier die .materiell und sozial gut Gestellten, die chr Judentum schmählich verraten, und diese sind, wse die Tinge nun einmal in der Welt liegen, ausschlaggebend. Brief aus Ungar«. Ständen die Führer der ungarischen Judenheit auf der Höhe ihrer politischen Aufgabe, dann müßten wir nicht ständig die ' komischjämmerliche Tummer-August-Rolle spielen. Denn ist cs nicht ein Possenspiel, daß sich die Myriaden unserer, bei der letzten Wahlkampagne ausschlaggebenden Judenstimmen, durch die das koalierte Regime der Krautjunker, Strohgentry und Rinder-Schutzzollpatrioten weggefegt worden ist, mit der Beförderung einiger Auch-, Noch- und Nebbichjuden ins Magnatenhaus begnügen muß! Diesmal sind es Baron Joseph Ritter v. Deutch-Hatvan und Mister Adolf Ullmann de Baranga, die in Wonnen einheimsen, was das ganze Volk mit Tränen gesät hat. „Ein Abglanz von dem Glorienschein, der durch die höchste königliche Gunst" — so Psalmoniert ein krummbuckliger Goluskrüppel in der Presse — „ihr Haupt umstrahlt, fällt auf die Konfession zurück, der sie entsprüngen." Tie Ra k o w s z k y' s dürfen nun unter dem Schutze der Immunität gegen uns ruhig weiter hetzen; die Apostel der gesprengten Volkspartei ihre Aufwiegelung neu fortsetzen und die von den verendeten Regierungsmännern begünstigten katholischen Konsumgenossenschaften das Netz immer enger spannen, um uns den Lebeusodem,- Licht und Brot zu rauben. Dabei stehen sich unsere Erzfeinde bis an die Zähne bewaffnet gegenüber und der 'arme Antisemit vom Lande ist -in tiefer, Verlegenheit, wem von, den geheiligten Hassern er sein Herz und seine Groschen schenke. Tic hohe Klerisei und der erbgewurzelte Feudaladel zermartern sich in brüderlicher Gegenseitigkeit das Hirn über das hochwichtige Problem, wem sic die Gunst ihrer Getreuen zuführen wollen. Graf Battanyi, Bischof in Neutra, wirbelt in seinem letzten Hirtenbrief die Trommel für den alleinseligmachenden katholischen Preßfond; bte Agrarier hinwieder, die ihr angeborenes Menschenrecht in mindestens tausend Acker schwarzen Weizengrund wurzeln haben, begeistern ihre Anhänger für die Reserven des Antiindustrieschatzes, der mit seinem Kapital das Judengold paralysiert. Irr ihren Organen _übergeifern sie sich im gewähltesten Pfützenjargon. Wären wir nicht so ganz und gar innerlich zerrissen und - äußerlich verkrüppelt, es gäbe keine größere Lust flir uns, als ihre gegenseitige Zerfleischung und Zersetzung mit- . zuerleben. Der „Ungarisch - „Israelitisch e" Kulturverein" läßt sich darum in seinem Programm nicht beirren. Als wohldressierter Pionier für. staatlich konzessionierten Magyarismus bildet er in seinen ungarischen, Sprachkursen und Vortragszyklen jüdische Puffer in unserem Nationalitätenstaat. Das von ihm geplante Lehrlingsheim und der Studententisch haben — nach Ansicht der Initiatoren — nur solange Lebensberechtigung, als damit der Förderung der ungarischen Kultur gedient werden kann. Die große Bewegung zugunsten der Organisation der Gesetzestreuen ist abgeflaüt. Die Begeisterung der Schabboshalter hat nur zur besseren Besoldung einiger ewig hungrigen Saüfrim geführt. Mesusaus und Zizis sind im Preise gesunken. Die jüdischen Stimmen sind jetzt — nach der Wahlschlacht — außer Kurs geraten. Und hat uns das entschwundene Kalenderjahr die Verkrüppelung unserer politischen Erzfeinde ge-" bracht, unsere eigene Schlaffheit läßt uns des Sieges nicht glücklich werden. Z i o n i. . Aus aller Welt. Deutsches Reich. . Frankfurt a. M. Die vereinigten bürgerlichen Parteien — Natioualliberale, Demokraten und Mittelständler — haben ein Kompromiß geschlossen, das . einen F a u st s ch l a g ins Gesicht der Frankfurten Juden bedeutet, denn im Ostend, dem Mertel, das am - dichtesten von Juden bewohnt ist, haben sie den bekannten Antisemiten Werner' a u f g e st e l l t. Man sieht wieder einmal, was man sich uns Juden gegenüber alles zu erlauben wagt. Und das seitens Parteien, zu deren führenden Persönlichkeiten Juden gehören. Hoffentlich weiß aber das große jüdische'Publikum des Ostcnös, was die jüdische Ehre von jedem anständig denkenden Juden verlangt, — denn der Jude, der einem Antisemiten seine Stimme gibt, ist selber, eiu Antisemit,- wenn auch ein jüdischer.. Berlin. Das soeben erschienene „Korrespondenz» Blatt des Verbandes der Deutschen Juden" enthält über die Ausweisungen von Juden folgende Mitteilungen: „Die Massenausweisungen, über die wir vor einigen'Jahren zu klagen hatten, hörten mit der Veränderung der Zustände in Rußland auf. Höhere Ziffern von Ausweisungen fremdländischer Juden werden nur aus den Grenzprovinzen Posen und Schlesien gemeldet (hier im Regierungsbezirk Oppeln in einer ganz erschreckenden Höhe/ und unter Anwendung außerordentlicher Härte in verschiedenen Einzelsällen, in denender jüdische Glaube den'Betroffenen als einziger Grund der Ausweisung ersichtlich ist). Im Westen der Monarchie nimmt die Provinz Westfalen die gleiche Unerfreuliche Sonderstellung eni. Da sich dort die Ausweisungen zum großen Teil auf holländische Juden beziehen, also auf ein.