Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 42 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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/ Hedaktisn «nd chefchäftsst-tt-: Srsnkfurr s. m.. vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße ferefott 10507. Aerausgeber: Aals 8. Jahrgang. Freitag, de« 2. Cheschwan 5671 (4. November 1910). Nr. 42. i r -:— - Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk.. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— --- ■ ■■ — j - Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 35 Pfg. Die Rellamezeile ... . 100 Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: A. L. Lewinskys — Brief aus Galizien. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — K u n st und Literat u r. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. A L. Lewinsky. (Ein Gedenkblatt.) Von Ben-Kvheleth. Elchanan Löb Lewinsky ist tot. Als ich diese furchtbare Nachricht vernahm, wollte, konnte ich nicht daran glauben. Meine Sinne konnten sich nicht Lewinsky als einen Toten vorstellen. Dieser heitere Spötter, dieser ewige Lächler, dieser unverbesserliche' Optimist und Lebenskünstler ins kalte, nasse, traurige, stumme Grab gesenkt; welch ein Bild! Selten hat es einen Menschen gegeben, der den Tod mehr gehaßt hat wie Löb Lewinsky, der inniger am Leben gehangen war wie er. Und doch, es ist wahr. „Wenn man meldet, daß jemand gestorben sei, so glaube es", sagt der Talmud. Und ich muß es glauben. Löb Lewinsky ist gestorben, ist tot, und schweren Herzens gehe ich daran, den Lesern dieses Blattes zu sagen, wer und was er gewesen. Lewinsky ist der westeuropäischen Judenheit ein Ungekannter; ungekannter als Vieleseiner Berufsgenossen, ungekannter als Smolensky und Lilienblum, als Perez und Berdytschewsky, als Klausner und Sokolow. Dies ist ganz natürlich, denn es gibt keinen Menschen, der ein größerer Feind der großen Phrase, der aufdringlichen Reklame, des lauten Schreiens gewesen wäre, als Lewinsky. Ruhe, Stille, Vornehmheit waren ein Grundzug seines Wesens. Als Schriftsteller stand Lewinsky in der hebräischen Literatur einzigartig da. Er war fast der einzige Vertreter einer Gattung, die auch in anderen Literaturen nicht viele Vertreter besitzt, jener Gattung, die man zuweilen als das volkstümliche Plauder-Feuilleton zu bezeichnen pflegt. Seine Eigenart besteht darin, daß es über die schwierigsten Probleme mit leichtem Fuß dahinschreitet, daß es die verwickeltsten Fragen im Plauderton behandelt, allen verständlich und jedem erfaßbar ist. Dieses Leichte an diesem Feuilleton darf doch nicht unterschätzt werden; es ist nicht leicht, schwierige, ernste Dinge ihres Ernstes und ihrer Schwere zu entkleiden und sie im Plaudertone zu behandeln. Wie schwer dies ist, davon zeugt die kleine Anzahl solcher Feuilletonisten in allen Literaturen. Mehr als überall gilt in der Kunst eben das Gesetz, daß das Leichteste und Einfachste das Schönste und Höchste ist. In diesem Feuilletongenre war Lewinsky ein Meister; ein Meister nicht nur für die hebräische Literatur, er wäre es auch in jeder europäischen gewesen. Wenn man die Feuilletons des „Rabbi Korauw" (also lautete sein Pseudonym) liest, dann glaubt man wirklich einen „Korauw", einen nahen, lieben, guten Freund vor sich stehen zu sehen, der viel gereist ist und die Welt wohl kennt, der von allem gehört und gesehen hat, der über alles Auskunft geben kann und sich nun mit uns mit der liebevollen Miene eines treuen Freundes über das Leben und seine Ereignisse unterhält, bald die Frage berührend und bald jene, dazwischen allgemeine Lebensregeln einflechtend und ein „bischen Philosophie" vortragend, immer aber in der Absicht, uns zu fördern und zu belehren; zu belehren, aber nicht zu schulmeistern; denn dies ist eben die Eigenart seiner Persönlichkeit wie seiner Schreibweise, daß er — der doch an alle Erscheinungen des Lebens das Maß der Kritik anlegte — nicht von oben herab seine Ermahnungen erteilte, nicht das Bestreben hatte, alles „Lud specie aeternitatis" zu betrachten, niemals, durch Autoritäten und streng wissenschaftlichen Anstrich seine Behauptungen zu erhärten suchte, vielmehr den Leser wie einen Bruder, wie einen Kameraden behandelte; „chawiwi" (mein Liebling), also pflegte Lewinsky den Leser anzureden. Und um diese Vertraulichkeit zwischen sich und seinen Lesern herzustellen, stand ihm ein anderes glückliches Mittel zur Verfügung, sein Humor. Humor besaß Lewinsky wie kein anderer, einen Humor, der allem, was er schrieb, den eigenen, originellen Zug verlieh und alle zu sich anlockte. Und der Witz Lewinskys war nicht der Witz des Goluthjuden, jener Witz, der beißt und stichelt, verletzt und beleidigt, war nicht der Witz Heinrich Heines, auch nicht der David Frischmanns. Das war ein Humor ganz anderer Art; er besänftigte und begütigte, liebkoste und streichelte, ein süßer Leckerbissen; er entsprang nicht bitterer Lebensverachtung, galligem Weltschmerze; er war der Sproß heiterer Gutmütigkeit, angeborener Engelsgüte, bezaubernder Menschenfreundlichkeit, ein Humor) den ich am liebsten einen „balebatischen" nennen möchte, allerdings in veredelter Form. Diese Leichtigkeft auf der einen Seite und der Humor auf der anderen ersetzten uns bei Lewinsky die tiefen Gedanken, die originellen Ideen, die bahnbrechenden Anschauungen. Lewinsch war keinhervorragenderDenker, kein tiefer Grübler, kein origineller Philosoph. Auch dies ist ein Grund, warum er außerhalb der hebräischen Literatur, in Westeuropa, ein fremder Name war. Von ihm gab es nichts zu erzählen und zu berichten.. Er hatte keine inneren Entwicklungen durchgemacht, keine Sturm- und Trangperiode durchschritten, keine „Jugendsünden" begangen und keinen „Weg der Buße" beschritten, er war immer derselbe gewesen, derselbe heitere Weltbetrachter und ruhige Weltbelächler. Er hat kein System geschaffen und keine neue Welterklärung gegeben, dafür aber hat er uns gelehrt, die Welt zu betrachten und zu erkennen, die Not und das Elend des Lebens mitanzusehen und dabei den Mut zu bewahren und zu lächeln. Ein Lebensphilosoph war Lewinsky, der seine Lebensphilosophie selbst im Leben befolgte und andere lehrte. Und darin war er unser unbestrittener Meister. Wenn alle in hitzigem Wortgefechte entbrannt waren, wenn die verschiedenen Anschauungen hart aufeinander gepralltwaren, wenn ringsherum der Streit tobte, dann kam Lewinsky, lächelnd und schmeichelnd, und gleich einer Mutter sprach er: „Kinder, warum streitet ihr! Haltet doch Frieden untereinander!" Uno wenn uns ein unersetzlicher Verlust getroffen hatte, wenn ein furchtbares Unglück uns zugeftoßen war, und alle verzweifelnd und klagend die Köpfe hängen ließen, kam Lewinsky, getröstet und beruhigt, und rief uns zu: „Verzweifelt nicht am Leben; heute ist es schlecht, morgen kann's besser werden!" Und wenn wir ihm auch nicht immer ganz folgten, besänftigend und tröstend hatten seine Werke stets auf uns gewirkt. Es war eben ein unvergleichlicher Lebensphilosoph, der aus allen Nöten neuen Mut schöpfte und aus allen Mißgeschicken neue Tatkraft saugte. Und man darf nicht meinen, Lewinsky habe die Not des Volkes, die Tragik unseres Lebens nicht in derselben Stärke gefühlt wie andere. Er fühlte es noch stärker und intensiver. Tenn sein Herz war ebenso tief, wie seine Schreibweise leicht war, und er lebte alle Leiden unseres Volkes bis in seine letzten Zuckungen mit. Aber er wußte, daß es nicht so bleiben wird, wie es ist, daß es besser werden kann und werden muß, wenn wir nur an einer Besserung arbeiten wollten. Arbeiten, schaffen für eine Besserung unserer Lage, für eine Umgestaltung unseres Schicksals war das letzte Wort all seiner Lebensphilosophie. Und er hat sich nicht auf das Ermuntern beschränkt, er hat selbst mitgearbeitet; Lewinsky war einer der Hauptarbeit er an der Zukunft unseres Volkes. Er arbeitete überall; war einer der tätigsten in der zionistischen Bewegung und bei der Chauwewe-Zion, war der Organisator und Leiter des Palästinensischen Weinhandels in Rußland, war der Leiter der früheren Organisation für hebräische Sprache „Jwriah", war einer der Leiter des Verlages „Maurioh", war der Begründer des Lehrhauses „Jawneh" in Odessa, und in noch vielen Institutionen hat er geschafft und geholfen, ohne daß man davon hörte, denn still und ruhig wie sein Schreiben war sein Schaffen. Es bleibt mir noch übrig, kurz den Menschen Lewinsky zu erwähnen. Ich pflege dies sonst bei literarischen Essays nicht zu tun; denn teils ist es eine undankbare Arbeit, teils eine überflüssige. Aber man kann nicht den Schriftsteller Lewinsky behandeln, ohne den Menschen zu erwähnen. So bedeutend er als Schriftsteller gewesen, so groß er als Arbeiter war, größer