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Neue jüdische Presse · 1910-10-28 · Heft 41 (28.10.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 41 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Seite 3. Der Antrag der Ortsgruppe Frankfurt, die Statistik der bestehenden Stellenvermittelungen betreffend, wird für die Delegiertenversammlung vertagt. Die beiden Anträge O ltendorff-Breslau: ») Gründung einer " oberschlesischen Ortsgruppe wird dahin beantwortet, daß der Bund keine Ortsgruppen auf provinzieller Grundlage wünscht, sondern vorläufig nur Ortsgruppen in Städten gründen will, b) Organisation der jüdischen Heimarbeiterinnen wird für den Delegiertentag zurückgestellt. Nach Beratung über die P l a ka te d e s Ba hn - h o f s s ch n tz e s auf den Hessischen Staatsbahnen und Ausbreitung dieser so dankenswerten Arbeit der Frankfurter Ortsgruppe, nach Beratung über die Stellungnahme zur Vorstandswahl des Bundes deutscher Frauenvereine in Heidelberg — bei der Frl. Pappen heim als Delegierte des Jüdischen Frauenbundes anwesend sein wird — wird als Notwendigkeit empfunden, dass sich sämtliche Ortsgruppen des I. F. B. d e m B u u d deutsche r Frauen vereine an sch liehe «. Das Anerbieten von Frau M c y e r - Stargardt, eine G e s ch ä f t s o r d n u n g auszuarbeiten, wird angenommen. Zu Punkt 4 der Tagesordnung: Gründung eines Internationalen jüdischen Frauenbundes wird die Notwendigkeit eines solchen Zusammenschlusses anerkannt und 100 Jl für diese Zwecke zur Verfügung gestellt, zumal Frl. Pappenheim vermutlich mit der Schriftführuug des I. I. F. B. betraut werden wird. Berli«. Bekanntlich hat die Deutsche Zentralstelle für jüdische Wand er armen für sorge in ihrer außerordentlichen Tagung voin 18. September d. Jrs. den früheren Beschluß bestätigt, daß die Organisation bereits anr 1. Oktober ihre Tätigkeit beginnen.solle. Die praktische Erfahrung zeigt, wie richtig dieses war, denn gleichzeitig mit dem Beginn des Funktionieren» macht auch der Ausbau Fortschritte. Zwei der wichtigsten vorhandenen Kassen: Der Zentralvercin zur Unterstützung durchreisender Israeliten Fürth-Nürnberg und der Israelitische Hilfsvercin Frankfurt a. M. haben ihren Beitritt vollzogen; das Gleiche ist selbstverständlich seitens der neu gegründeten Westpreußischen Provinzialkasse mit dem Sitz in Thorn geschehen. Auch mit verschiedeneu wichtigen bayerischen Gemeinden werden aussichtsreiche Verhandlungen wegen Anschluß an die Deutsche Zentralstelle und wegen Schaffung neuer Grenzbüros gepflogen. In Elsaß-Lothringen übernimmt der bisher durch Krankheit verhinderte Sekretär des Unterclsässischen Kuratoriuins, Herr H. Hagenauer^Stratzburg, ein anerkannter Fachmann, seine Bemühungen ivieder auf, die schon vielfach in den Reichslanden vorhandenen Ansätze zur Schaffung einer gemeinsameil Landeskasse unter Anschluß an die Deutsche Zentralstelle zur Entwicklung zu bringen. Die Vorbereitungen zur Schaffung einer Ostpreußischen Provinzialkasse mit dem Sitz in Königsberg machen Fortschritte; diejenigen einer Kasse für die Provinz Hessen und angrenzenden Bezirke mit dem Sitz in Cassel gehen ihrem Abschlüsse.entgegen. So ist Hoffnung vorhanden, daß in absehbarer Zeit kein größerer Bezirk mehr der Deutschen Zentralstelle fernstehen wird. Hannover. Die Simon'sche Stiftung hat auch in letzter Zeit weitere Bewilligungen für Palästina erteilt, So hat sie dem „Hilfsvereiu der deutschen Juden" für drei Jahre je' 5000 Jk überwiesen, mit denen au den Schulen des Hilssvereins in Palästina Handfertigkeits-Unterricht eiugeführt und erteilt lverden soll. Hierdurch soll gutes Handwerk in Palästina gefördert und auch geeignetes Rckruticrungsmaterial für das Technikum in Hais« herangebildet werden. Dem „Bezalel" hat die Simon'sche Stiftung bereits 6000 Jk an Beihilfen überwiesen, mit deren Hilfe die A t e l i e r s für damaszenische Holz- und Metallarbeit im Bezalel eingerichtet worden sind. Neuerdings wieder hat die Simon'sche Stiftung dein Bezalel einen Kredit in der Höhe von 5000 Frcs. zur Verfügung gestellt. Eine weitere Bewilligung der Simon'schen Stiftung soll der Förderung der Landwirtschaft im heiligen Lande dienen. Wie hier schon mitgeteilt wurde, ist von dem Agronomen Sin Horn ein ausgezeichnetes hebräisch geschriebenes Lehrbuch der Landwirtschaft erschienen. Dieses Werk wurde von der Simon'schen Stiftung in hundert Exemplaren angekauft und soll in Palästina teilweise an landwirtschaftliche Kolonien, . teilweise au die Leiter guter Elementarschulen verteilt werden. Endlich werden auf dem von der Stiftung mitverwalteten Lehrgute Steiichorst junge Leute landwirtschaftlich ausgebildet, die sich später in Palästina als Kolonisten iniederlassen -vollen. Oesterreich-Ungar«. Wien. Hofrat Bernatzik sprach in seiner Antrittsrede als Rektor der Universität^ über nationale Matriten. Frankfurter MackrtisM familienblatt. Unter anderem sagte er jn dieser Rede: „Die gegenwärtig bestehenden Ansätze einer nationalen Autonomie machen die Einführung nationaler Matriken unvermeidlich. Die Einführung der Matriken muß der Gesetzgebung Vorbehalten bleiben. Aufgabe der Gesetze wäre es, die Nationalität im objektiven und subjektiven Sinne festzustellen. Eine gesetzliche Begriffsbestimmung der Nationalität im objektiven Sinne ist nicht gut möglich, mau muß also die Rationalitäten im Gesetze nennen und anszählen. Zu einer Nationalität gehört ein gewisses Maß von Kultur und Literatur und daher vor allem eine ausgcbildctc Sprache. Die Zigeuner sind in diesem Sinne ein Bolksstamm, aber keine Nationalität. Das Gesetz wird auszusprechen haben, ob das Ruthenische als eine besondere Sprache oder als ein Dialekt des Russischen -zu. betrachten sei: ob die Ladiner wirklich mit den Italienern identisch sind; ob die Juden eine besondere Nationalität bilden, ivenigstens jene I n d e n, w e l ch e s i ch a l s Nationalität bekennen wolle n." Budapest. Während des Gottesdienstes am Jomkippur kam es in der orth. Synagoge, der sogenannten „Orezyschen Schul," zu einer erschütternden S z e n e. Ter nun schon seit Monaten gerichtlich verfolgte Groß - Kaufmann Heinrich Zucker, der ans Grund einer Kaution von 100000 Kronen aus der Untersuchungshaft befreit tvurde, verbrachte den Tag, in tiefe Andacht versunken, in der obgenannten Synagoge, zu dessen hervorragenden Leitern er zählt. Die ganze Gemeinde ist von der Schuldlosigkeit des Maunes an der ihni zur Last gelegten Brandstiftung, die ihm 180 000 Krone» Schaden verursachte, heilig überzeugt. Er wurde zur Thora gerufen. Bevor er die Brochoh sprach, hob er das Sefer znm Himmel und schrie mit erhobener Stimme: „Himinlicher Vater! Du kennst meine Unschuld! Erhelle meine Richter, daß sie meine Reinheit erkennen, wie Du meine Seele an diesem heiligen Tage kennst. Heute am Jom Hakodausch schwöre ich hier mit der heiligen Thora in der Hand". . . . Dann brach er bewußtlos zusammen. Nach langer Bemühung gelang es, ihn zum Bewußtsein zu bringen, worauf er sein Gebet fortsetzen konnte. . . . Lemberg. Der Vorstand der Israelit. Kultusgemeinde erhielt dieser Tage das folgende bezeichnende Schriftstück: Landeskrankenanstalt in Lemberg. Zl. 1303, Lemberg, 3/X. 1910. Au den isr. Gemeindevorstand in Lemberg, Bernsteingasse 12. Ter Vorstand wird hiemit aufgefordert (!), den namenlosen Sohn der im Spitale verstorbenen Wöchnerin Gisa Weiß sofort bis 11 Uhr vormittags abholen zu lassen, widrigenfalls das Kind nach Älblanf dieses Terinines getauft und an das Asyl „Kind Jesu" abgegeben würde. Für die Spitalsverwaltung: Zielinsky m. p. Kommentar überflüssig! Sabogard. Beim Neila-Gebet kam es zu einer Panik in der o rth. S Y n ag o ge. Der Hut einer Dame geriet in Feuer, was von der Mäunerabteilung bemerkt und den Frauen initgeteilt wurde. Man drängte zu den Ausgängen, wo die Menge stallte. Nur der Geistesgegenwart eines jungen Spenglers ist cs zu danken, daß es zu keiner Katastrophe kam. Zioni. Rußland. Petersburg. Der folgende Fall ist ein treffliches Beispiel für die Leiden der russische» Jude» infolge der Wohnungsrechtswirtschaft. In Pawlowsk, einem kleinen Orte bei Petersburg, lebte seit 30 Jahren ein jüdischer Uhrmacher naniens Kalner, und niemand war es je eingefallen, ihm irgendwelche Schikanen zu bereiten, als er jetzt plötzlich von allen Seiten anonyme Briefe erhielt, in welchen die unbekannten Schreiber ihm den Rat' erteilten, Pawlolosk rechtzeitig zu verlassen. Denn obwohl er als Uhrmacher in Pawlowsk das Wohnrecht habe, könne er, da er noch . andere Geschäfte treibe, ausgewiesen werden. Kalner achtete nicht aus die Briefe. Doch plötzlich erhielt er tatsächlich den Befehl, Pawlowsk zu verlassen. Als die Benrühungen um Zurücknahme der Ausweisung alle erfolglos blieben, wurde Kalner nervenkrank, nahm Gift und — starb. Inzwischen hatten die Bemühungen der Familie Kalirers wider alles Erwarten Erfolg gehabt. Die städtische Administration nahm nämlich ihre unmenschliche Verordnung doch zurück, und Kalner wurde die Erlaubnis des Aufenthaltsrechts in Paivlowsk erteilt.. Aber die Zurücknahme des administrativen Befehls erfolgte, — als Kalner schon im Grabe lag. Ein wenig verspätet! L. K. Petersburg. Immer wieder bekommt man e? in den antisemitischen Hetzorganen zu .lesen, daß die Juden sich der Militärpflicht entzögen. Jn Wahrheit allerdings hat schon längst die unerbittliche Statistik das Gegenteil erwiesen: es steht' heutzutage fest, daß die russischen Juden infolge eigenartiger Gesetzeskniffe und imzureichender Listenführung .im Verhältnis zu ihrer Zahl alljährlich um 30—40»,’o mehr Soldaten als die andere Bevölkerung stellen. Insbesondere ist die mangelhafte Verzeichnung der im jugendlichen Alter sterbenden Juden eine Hauptursache dieses abnormen Zustandes. Die toteu « c e l e n werden in unzähligen Fällen den j ü d i s ch e n G e in e i n d e u als lebende, militärpflichtige an gerechnet, wodurch dann die unerhörtesten Aushebungslistcn konstruiert werden. Dazu kommt noch, daß die Verwandten eines jeden Jude», der sich nicht rechtzeitig zum Militärdienst stellt, also auch einer jeden nichtregistrierten toten Seele, an den Fiskus eine Strafe von je 300 Rübel zu entrichten haben. Es .mag noch so unglaublich klingen, cs ist aber wahr, * daß eine Menge jüdischer Familien ihr letztes Hab nndGutverkaufen müssen, um für Tote, die dem Militär dien st sich entzögen, zu zahlen. Gegen diesen Modus haben nun die Zeitung „Besserabskaja Schisn" und der Rabbiner Z i r e l s o h n eine» lokalen Kampf in die Wege zu leiten versucht. Der Rabbiner stellte nämlich ein Verzeichnis aller während der letzten 20 Jahre in K i s ch i n e w verstorbenen Juden auf. die trotzdem außerhalb Kischinews zum Militärdienst einberufen werden sollen. Das Verzeichnis, das dann in der Besserabskaja Schisn zur Veröffentlichung gelangte, umfaßte 240 Namen. Es sollte an sämtliche Gemeinden und Rabbiner versandt werden, damit diese in der Lage wären, die Aushcbuugsliste» rechtzeitig zu prüfen, die darin enthaltenen toten Seelen als solche aktenmäßig festzustellen und ihre ordnungsmäßige Streichung durchznsetzen. Dabei wurde beabsichtigt, diese Methode auch den anderen Gemeinden zu empfehlen, damit alljährlich ein gemeinsames Verzeichnis der toten Seelen für ganz Rußland angefertigt werden könnte. Weim dieser Plan zur Ausführung gelängen sollte, so würde damit die bei der Militäraushebung gegen die jüdischen Volksmassen geübte Ungerechtigkeit wesentlich vermindert werden: man würde sich dem Ziele nähern, wonach die Juden nur die auf ihren Teil fallende Rekrutenzahl zu stellen hätten, und jedenfalls würde sie nicht für Tote Strafen zu zahlen haben. Man sollte denken, daß ein solches Streben von niemand angefochten werden könnte. Allein die russische Bureaukratie empfand den Kischinewer Versuch als einen Faustschlag und machte kurzen Prozeß. Die Kischinewer behördlichen Ordnungsstiitzen konfiszierten die gefährliche Zeitungsnummer und stellten de» Redakteur, sowie d e n R a b b i n e r, der die Sache inspiriert haben soll, unter A n k l a g e. Dies geschah ungeachtet des Umstandes, daß der Kischinewer Rabbiner wegen seiner besonderen Loyalität noch vor wenigen Monaten vom Premier zum Vorsitzenden der Rabbinerkommission ausersehen worden war. Peterburg. Das Ministerium des Innern hat den G ouv e rn eur en das R echt genommen, Juden Aufenthaltserlaubnis außerhalb des Ansiedlungsrayons zu geben; es ist in jedem einzelnen Falle eine b esondere .Erlaubnis des Ministeriums des Innern erforderlich. Lbeffa. Demnächst erlcheinr das erste Heft der von der „Gesellschaft zur Verbreitung von Aufklärung unter den russischen Juden" herausgegebenen Zeitschrift für jüdisches Erziehungs- . il II d B i l d u n g s w e s e n. Die Zeitschrift erscheint in russischer Sprache, soll aber ab und zu Beilagen in hebräischer Sprache und im Jargon bringen. Türkei. Konstantinopel. Der frühere Große Israelit. Rat der vom I u st i z m i n i st e r aufgefordert worden war, sein Mandat wieder aufzunehmen und bis zur Wahl seines Nachfolgers auszuüben, hat endlich, dem gesetzlichen Zwang folgend, sich zum Wiede r a n t r i I t seiner Funktionen bereit erklärt. Die Jnterimskommission, der zur Führung der Gemeindcgeschäste die Auiorisierung vom Minister verweigert wurde, bleibt für die Vorbereitung der Wahlen in Funktion. Rumänie«. Galat;. Die zum zweiten Male von dem Verein „T i k w a t h I s r a e l" nach P a l ä st i n a entsandte Kommission hat ein Landstück im Ausmaß von 20 000 Dunam zur Kolonisation angekauft. Das Landstück liegt zwischen Petach Tikwah und Chederah. Alle zunächst notwendigen Arbeiten für diese neue Plantagen- und Ackerbaukolonie werden durch die Palästina-Landentwicklungsgesellschaft (P. L. D. C.) besorgt. Bukarest. Das Unterrichtsministerium hat ein neues Hochschul-Reglement ausgearbeitet, demzufolge jüdische Hörer nur mehr in beschränkter Anzahl zugclassen werden. Schon

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